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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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MONATSHEFTE 
FÜR POLITIK UND 

WEHRMACHT 
[AUCH ORGAN DER 
GESELLSCHAFT... 




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Jahrbücher 

für die 

deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich geleitet 
von 

von IM" A"R>^IE3S 

Oberstlieutenant a. D. 



Achtundsechszigster Band. 

Juli big September 1888. 



BERLIN. 

RICHARD WILHELML 

1888. 



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Iuhalts-Verzeichnis. 



Seit« 

Kaiser Friedrich 1 

I. Die französische Armee im Jahre 1813. Ein Beitrag zur Ge- 
schichte der Befreiungskriege. (Fortsetzung) 2 

II. Der Feldzug von 1809 in Tirol, im salzburgischen und an der 
bayerischen SBdgrenze. Mit besonderer Bezugnahme auf den An - 
teil der bayerischen Trappen bearbeitet von J. v. Heil mann, 
Gcnerallientenant 20 

III. Drei Kavallerie -Divisions- Übungen 40 

IV. Gegen Thilo v. Trotha's » Antikritik" 57 

V. Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. Von Spiridion 

Gopcevic" 88 

YL Ans ausländischen Militär-Zeitschriften. , . , , . . . . 9_2 

VII. Verzeichnis der nen erschienenen Bücher nnd der grösseren, in 
den militärischen Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen 
Anfa&tie. (II. Quartal 1888.) (16. Mär» 1887 — 16. Jnni 1888) . 107 
VIII. Die französische Armee im Jahre 1813. Ein Beitrag znr Ge- 
schichte der Befreiungskriege. (Fortsetzung) 128 

IX. Der Feldzug von 1809 in Tirol, im salzburgischen und an der 
bayerischen Südgrenze. Mit besonderer Bezugnahme auf den 
Anteil der bayerischen Truppen bearbeitet von J. v. Heil mann, 
Generallieutenant. (Fortsetzung) 151 

X. Znr Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren . . . 169 

XI. Ziele der Festungs -Artillerie während der Bedrohung und Ein- 
»chliefsung einer Fortsfestung 189 

XII. Befestigungs Ideen. Eine Antwort von K. H. auf die Auslassungen 

des Herrn Major» J. Sch eiber t 206 

XIII. Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. Von Spiridion 

Cop« x evic. (Fortsetzung) 215 

Jmschao in der Militär -Litteratur 232 



MM 

XV. Die französische Armee im Jahre 1813. Ein Beitrag zur Ge - 



schichte der Befreiungskriege. (Fortsetzung) 240 

XVI. Die Feuerwirkung im Gelände 274 

XVII. Ziele der Festungs-Artillerie während der Bedrohung und Ein- 
8chlief8nng einer Fortafeatnng. (Schlnfs) 292 

XVIII. Beiträge zur Charakterschilderung des Reiter -Generals J. E. B. 

Stuart. Von J. Scheibert, Major z. D 310 

XIX. Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. Von Spiridion 

Gopcevic. (Schlufs) 317 

XX Umschau in der Militär-Litteratur . . , , . , . . , 230 

Beilagen. 



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Kaiser Friedrich f 



Wenige Tage mehr denn drei Monate sind dahin 
geschwunden, seit Kaiser Wilhelm einem hellstrahlenden 
Gestirne gleich seine ruhmerfullte irdische Laufbahn vollendete 
und einging zur Stätte ewigen Friedens! Wie ein helllench- 
tendes Meteor stand sein Heldensohn nun da, an der Spitze 
des Reiches und Heeres, allerdings bedroht von schwarzen, 
Unheil verkündenden Wolken! Mit bewundernswerter Stand- 
haftigkeit bekämpfte Kaiser Friedrich das schwere, ihn 
heimsuchende Geschick — da riss ihn unerwartet schnell der 
unerforschliche Rathschluss des Allmächtigen aus der kaum 
betretenen Schafifensbahn! Ein hartes Loos! Aber in der 
kurzen Zeit, die ihm vergönnt war, an der Spitze des Heeres 
zu stehen, hat Kaiser Friedrich Entscheidungen und Be- 
stimmungen von grösster Tragweite getroffen, die neben 
seinen weltbekannten kriegerischen Thaten die Spuren seines 
Wirkens bis in die fernsten Zeiten tragen werden! 

So hart und schwer der Verlust ist, den das Vaterland 
und das Heer erlitten — durch schwermütiges Trauern und 
Wehklagen ist er nicht zu mindern, sondern nur durch 
Schaffen und Wirken im Sinne des Heimgegangenen. Möge 
darum auch dieser schwere Verlust aller Welt zeigen, wie 
Volk und Heer den theuren Todten ehren, indem sie ihn 
durch ihr Handeln weiter leben lassen, indem sie in seinem 
Sinne, in seinem Geiste weiterschaffen! Der Hauptträger 
aber und Verkünder diesem Geistes, des Königlichen Willens 
und Wollens ist des Heimgegangenen erlauchter Sohn, 
Kaiser Wilhelm II.! Mit ihm, durch ihn und für ihn 
in treuester Pflichterfüllung weiterschaffen, heisst Kaiser 
Friedrich fortleben lassen im Herzen des Heeres! 



Berlin, Ende Juni 1888. 



6. T. Marpes. 



L 



Die französische Armee im Jahre 1813. 

Ein Beitrag rar Geschieht« der Befreiungskriege. 



(Fortsetzung.) 

5. 

Lützen und Bautzen. 

Das Gefecht bei Weifsenfeis am 29. April eröffnete den Reigen 
der Kämpfe, in welchen die jungen französischen Truppen die 
Feuertaufe erhielten. Die Meldung Ney's, dafs seine junge Mann- 
schaft Bich mit einer Unerschrockenheit geschlagen habe, welche 
alles von ihr erwarten lasse, mag Napoleon einer grofeen Sorge 
überhoben haben. Der Marschall zeigte sich jetzt von der Haltung 
seiner jungen Soldaten ebenso entzückt, als er vorher beunruhigt 
gewesen war, und sah den Erfolg des moralischen Eindrucks wegen 
als sehr bedeutend an. In der That hatte sich auch der junge 
Ersatz gut gehalten und war durch die Angriffe der russischen 
Reiterei nicht aufeer Fassung gebracht worden. 

Am 1. Mai wurden die Kämpfe bereits ernster. Das mangel- 
hafte Zusammenwirken der neugebildeten Truppen, in dem für die 
Führung eine aufserordentliche Schwierigkeit lag, trat an diesem 
Tage deutlich hervor. Übrigens wiederholte sich dasselbe Bild, 
welches der Kampf bei Weifsenfeis gezeigt; die Angriffe der zahl- 
reichen feindlichen Reiterei wurden von der durch ihre Artillerie 
unterstützten und nicht ohne Begeisterung oder richtiger vielleicht 
mit eiuer gewissen neugierigen Erregung kämpfenden Infanterie 
abgeschlagen, worauf dieselbe wegen der Schwäche der eigenen 
Kavallerie in dichten Carres vorging. Natürlich muüste ein der- 
artiges Vorgeben überaus beschwerlich sein und konnte auch nur 



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Die franiösische Armee im Jahre 1818. 



3 



äufeerst langsam ausgeführt werden. Unter den Opfern dieses Tages 
befand sich auch der Marschall Bessieres, einer der hervorragendsten 
Reiterführer der Armee, den sein Eifer in die vordersten Schützen- 
reihen geführt hatte. 

Napoleon war wie seine Generale voll des Lobes über seine 
jungen Trappen, für welche er eiue derartige Aufmunterung für 
durchaus erforderlich erachtete, dennoch war er weit entfernt, sich 
durch den Erfolg blenden zu lassen, er wufste sehr wohl, dafs die 
von den Truppen bewiesene augenblickliche Begeisterung nicht eins 
sei mit dem wahren Soldatenmut, der Kaltblütigkeit, Ausdauer und 
vor allem Disziplin erfordert, lauter Eigenschaften, welche nicht 
von einem Tage zum anderen gelernt werden können. Demgemäfs 
schrieb Napoleon an Eugen zwar, Ney's Truppen hätten sich mit 
Ruhm bedeckt, der Marschall selber aber mutete erfahren, dafs über 
zahlreiche von seinen Truppen begangene Unordnungen, in Folge 
deren mehrere Ortschaften von ihren Bewohnern verlassen wären, 
Klage geführt werde, und dafs es seine Sache sei, für Abhülfe zu 
sorgen, da hierin eine grofse Gefahr liege. 

War bisher nur das III. Armee-Corps im Gefecht gewesen, so 
sollte bereits am folgenden Tage bei Lützen die Masse der Armee 
ins Feuer kommen. Die Hauptlast der Schlacht ruhte freilich auch 
dieses Mal wieder auf dem Ney'scben Corps, welches zuerst allein 
zur Stelle war und mehr thun und leiden mufete als die gesamte 
übrige Armee. Die Anforderungen, welche der 2. Mai an die jungen 
Truppen Ney's stellte, waren dann doch anderer Art als diejenigen, 
denen dieselben bisher ausgesetzt gewesen waren, und sie drohten 
auch, ihnen zu erliegen. Als von den Dörfern, um welche der 
Kampf sich drehte, eins nach dem anderen den heldenmütigen An- 
griffen der preufsischen Infanterie überlassen werden mufete, da 
wankten die jungen Ausgehobenen; ganze Bataillone lösten sich auf, 
und die Unordnung, welche so grofs war, dafs Napoleon ihrer sogar 
in seinem Sieges-Bulletin Erwähnung thun zu müssen glaubte, drohte 
allgemein zu werden. Aber Napoleon war zur Stelle, er zögerte 
nicht, seine junge Garde einzusetzen, und so wurde die Krisis über- 
wunden. Die sämtlichen Kräfte, über welche Napoleon gegen Ende 
der Schlacht verfügte — die Garden, das III., VI. und XI. Armee- 
Corps, die Division Morand des IV. Armee-Corps und das 1. Kavallerie- 
Corps — mögen im Ganzen etwa 120,000 Mann betragen haben, 
wobei gegen 6000 Mann Kavallerie und fast 280 Geschütze. 

Gleichzeitig hatte auch das V. Armee-Corps bei Lindenau gegen 
den General Kleist im Gefecht gestanden, während gleichfalls die von 

1* 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



General Lauriston in Halle zurückgelassene Besatzung vom General 
Bülow angegriffen und mit Verlust von 3 Geschützen von dort 
vertrieben worden war. 

Die Verluste der Armee am 2. Mai waren ganz aufeerordentliche. 
Den Löwen-Anteil an dem Kampfe hatte das III. Corps gehabt. 
Am 20. April hatte dasselbe 48,605 Mann gezählt, darunter 37,459 
Mann französische Infanterie, jetzt hatte es 15,566 Mann — 1533 Tote, 

II, 512 Verwundete, 2521 Verraifste — verloren, davon allein die 
französische Infanterie 13,240 Mann. Nächstdem hatte die Elb- 
Armee am meisten gelitten, namentlich das XI. Corps; ihr Verlust 
bezifferte sich auf 4623 Mann. Da für die Garden und das VI. Corps, 
welche ebenfalls erheblich verloren hatten, so wie für das IV. Corps, 
dessen Verluste nur gering waren, nur mangelhafte Angaben vor- 
handen sind, so ist man hier auf Schätzung angewiesen; im Ganzen 
dürften diese 3 Corps wohl ebenfalls noch 4 bis 5000 Mann ein- 
gebüßt haben. Demnach wird man kaum fehlgehen, wenn man 
den französischen Gesaintverlust am 2. Mai auf etwa 25,000 Mann 
berechnet. Grofs war hierbei die Zahl der Offiziere, allein beim 

III. Armee-Corps trotz der Schwäche der vorhandenen Stämme 
4 Generale und 429 Offiziere, welche sich mehr als je der Gefahr 
hatten aussetzen müssen, um ihren jungen Soldaten ein durchaus 
erforderliches Beispiel zu geben. Ein Ersatz war hier nicht zu 
schaffen, und so fiel dieser Verlust um so mehr ins Gewicht. 

Im Allgemeinen hatte sich die junge französische Infanterie 
gut, teilweise sogar mit Begeisterung geschlagen; als Napoleon sich 
dem Schlachtfelde genähert hatte und den Verwundeten begegnet 
war, da hatten ihn die meisten derselben wie ehedem seine alten, 
in Russland zu Grunde gegangenen Soldaten mit einem begeisterten 
»vive l'emperenr!« empfangen. Die Macht seiner Persönlichkeit 
hatte das von Hause mitgebrachte Übelwollen der jungen Aus- 
gehobenen überwunden. Napoleon war in seinen Erwartungen 
übertroffen, und darum belohnte er seine jungen Soldaten durch 
jene überschwengliche Proklamation vom 3. Mai, in welcher es 
hiefs: >Soldats, je suis content de vous! vous avez rempli mon 
attente! Vous avez supplee* ä tout par votre bonne volonte" et par 

votre bravoure La bataille de Lützen sera mise au dessus 

des batailles d'Austerlitz, d'Jena, de Friedland et de la Moskowa.« 
Wenn ihr Kaiser so sprach, konnten natürlich die Marschälle und 
Generale nicht zurückbleiben, und so stimmten sie in dessen über- 
triebene Lobeserhebungen ein. 

Der Soldat verkannte die hierin liegende Absicht, sein Selbst- 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



5 



bewufsteein zu heben, nahm das volle Lob für bare Münze, hielt 
sich für unüberwindlich, und da er daher glaubte, sich über die 
überflüssigen und unbequemen Regeln der Disziplin hinwegsetzen 
zu können, so kam der hinkende Bote nach. Die Unordnung, 
welche schon bei dem Ney'schen Corps getadelt worden war, wachs 
in der Armee in einer Weise, dafe die Generale derselben nicht 
mehr zu steuern vermochten ; Napoleon selbst mufste sich ins Mittel 
legen und jene für den Zustand der Armee höchst bezeichnende 
Verfügung vom 6. Mai erlassen, welche gleichsam die Ergänzung 
zu der Proklamation vom 3. Mai bildet, in welcher es wörtlich hieb: 

»Beaucoup de soldats se repandent dans les carapagnes ä droite 
et ä gauche, d'autres suivent en traineurs. C'est la faute des 
officiers qui laissent sortir les hommes des rangs; c'est la faute de 
M. M. les gene'raux qui u'ont point d'arriere-garde pour rainasser 
les traineurs. Les soldats se permettent de decharger leurs armes 
en tirant le coup de fusil, au Heu de se servir de tire-bourre; 
d'autres s'e'cartent dans les campagnes et tirent des coups de fusil 
rar les bestiaux! C'est un crime, parce qu'un coup de fusil ä la 
guerre c'est un signal d'alerte; c'eu est un, parce qu'on risque de 
tuer ou de blosser les gens qu'on ne voit pas, et parce qu'enfin c'est 
un acte de maraude. 

Sa Majeste' ordonne que tout soldat qui tirerait un coup de 
fusil, en maraude ou pour decharger son arme, sera puni de prison 
et degrade. Si le coup de fusil a Wesse ou tue" quelqu'nn, le 
soldat sera puni de mort.« 

Diese Zügellosigkeit seiner jungen Soldaten, welche der Kaiser 
tadelte, ist der französischen Armee während des ganzen Jahres 
1813 eigen geblieben; es fehlte den höheren Offizieren entweder an 
der Macht oder an dem Willen, ihr zu steuern. Odeleben erzählt, 
die widerwärtigsten Scenen hätten sich unter Napoleons Fenstern 
abgespielt, ohne daüs die Offiziere des kaiserlichen Hauptquartiers 
etwas dagegen gethan hätten. Mit frechster Rücksichtslosigkeit, 
ohne irgend welchen eigenen Nutzen daran zu haben, wurde fremdes 
Gut zerstört, von den Plünderungs-Scenen ganz zu schweigen, die 
auch in den früheren Jahren schon den Marsch der napoleonischen 
Heere bezeichnet hatten. 

Ein böses Vorzeichen war es, dafs von Anfang an eine scham- 
lose Desertion in der Armee um sich griff; unter den als »Vermifstc 
aufgeführten Mannschaften befanden sich zahlreiche Deserteure. 
Wenn Thiers von 3000 Deserteuren spricht, welche die italienischen 
und die deutschen Hülfstruppen vor der Schlacht von Bautzen 



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Die französische Armee im Jahre 1818. 



aufgewiesen hätten, so mag dies ja vielleicht richtig sein, er hätte 
aber, nm die volle Wahrheit zu sagen, hinzufügen müssen, dafs zu 
dieser Zeit auch bereits Tausende von Franzosen die Fahnen ver- 
lassen hatten. Die Desertionen nahmen einen solchen Umfang an, 
dafs es sehr schwer ist, in der nächsten Zeit die Stärke der Armee 
genau zu bestimmen. Bereits unter dem 17. Mai berichtete Keller- 
mann an Berthier, dafs in ihm völlig unbegreiflicher Weise viele 
unbewaffnete, aber sonst vollständig ausgerüstete Leute ohne jeglichen 
Ausweis von der Armee zurückkehrten, und dafs er alle Leute 
anhalten lasse, deren Entfernung von der Armee sich als Desertion 
kennzeichne. Viele dieser Leute behaupteten auch, verwundet zu 
»ein, ohne dafs sie es thatsächlich gewesen wären; aber auch sie 
hatten in Mainz eine scharfe Untersuchung zu bestehen. 

Aufeer den Deserteuren verliefsen zahlreiche Leute die Armee, 
welche nur so leicht verwundet waren, dafs sie nicht hätten zurück- 
geschickt werden dürfen. Ihre Zurückschickung stand übrigens 
auch im völligen Widerspruch mit den Befehlen des Kaisers, der 
es ausdrücklich verboten hatte, dafs die Verwundeten nach Frank- 
reich zurückgeschickt würden, und der deshalb in Magdeburg, Erfurt, 
Hannover und anderen Orten grofse Lazarette für 20,000 Maun 
hatte anlegen, lassen. Wenn trotzdem bereits am 19. Mai, also 
noch vor der Schlacht bei Bautzen, abgesehen von den bereits nach 
Mainz gebrachten sich noch 8000 wirkliche oder angebliche Ver- 
wundete allein in dem Grofsherzogtum Frankfurt befanden, so 
giebt dies ein Bild von dem Abgang, welchen die Armee gehabt 
haben mufs. 

Indessen verlor die Armee nicht in gleichem Verhältnis an 
Wert, als sie an Zahl verlor, waren es doch gerade die schlechtesten 
Elemente, welche in dieser Weise abgestreift wurden, deren Beispiel 
sonst nur zu sehr die gutgesinnten Massen angesteckt haben würde, 
da junge Soldaten den entgegengesetztesten Eindrucken leicht zu- 
gänglich sind, sowohl der Begeisterung als der Entmutigung, nament- 
lich aber wirkt Indisziplin ansteckend. 

Die Schlacht bei Lützen kann so recht zum Beweise dienen für 
die Wahrheit des Satzes, dafs mit undisziplinierten und ungeübten 
Truppen errungene Siege ungleich blutiger sind als solche, welche 
man mit wohl disziplinierten und gut geschulten Soldaten erficht. 
Die Unordnung, die Ungeübtheit und demnächst die körperliche 
Schwäche der jungen Soldaten waren die Ursachen der grofsen 
Verluste, welche bei allen Gelegenheiten bedeutender waren als 
diejenigen der Verbündeten. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



7 



Hierzu kam nun noch der jammervolle Zustand des Sanitäts- 
dienstes innerhalb der Armee, oft mufsten die Verwundeten wegen 
des Mangels an Gespannen meilenweit auf Schiebeböcken fortgekarrt 
werden , wenn man sie nicht überhaupt auf dem Schlachtfelde 
liegen liefe, und im besten Falle harrte ihrer in den Lazaretten 
ein Loos, welches sich kaum beschreiben läfet. Dafe unter diesen 
Umstanden der Prozentsatz derer, welche ihren Wunden erlagen, ein 
außerordentlicher sein mufste, ist selbstverständlich. General Foy*) 
sagt hierüber: »Lea blesses furent souvent abandonnes fante de 
moyens de transport. Vainqueurs ou vaincus , nous avons perdu 
quatre fois plus de monde par le desordre inseparable de notre 
Systeme de guerre qne par le fer ou le feu de l'ennemi.« Waren 
die alteren Soldaten auch gegen Eindrücke wie die eben geschilderten 
abgestumpft, so lange sie nur selbst verschont blieben, so mufsten 
dieselben doch eine geradezu niederschmetternde Wirkung auf die 
jungen Soldaten ausüben, aus denen sich die Masse der Armee 
zusammensetzte. 

Das Schlimmste aber war, dafe es eben diesen jungen Soldaten 
an der physischen Kraft und an der Gewohnheit fehlte, Anstren- 
gungen zu ertragen wie die, welche jetzt an sie herantraten. Diese 
selben Soldaten, welche sich bei Lützen gut geschlagen und bewiesen 
hatten, dafe sie in der Aufregung des Kampfes zu grofeen Leistungen 
fähig seien, waren nicht im Stande, derartige Anstrengungen längere 
Zeit zu ertragen; sie schlugen sich gut, aber sie ermatteten sehr 
rasch, und sie würden die Lazarette überfüllt haben, wenn man 
hierauf keine Rücksicht genommen hätte. War sonst schon die 
Zusammensetzung der Armee für eine thatkräftige Kriegführung 
nicht angetban, so lag hier doch der entscheidende Punkt. Nicht 
dafe Napoleon, wie der Marschall St. Cyr sehr bezeichnend für den 
Eindruck, welchen die grofeen Verluste auf die Armee gemacht, 
berichtet, den Sieg bei Lützen deshalb nicht gehörig ausgenutzt 
habe, weil er selbst durch diese Verluste erschüttert gewesen sei, 
es war vielmehr der Zustand seiner Armee, welcher eine derartige 
Auanutzung des Erfolges, wie er sie die Welt gelehrt hatte, zur 
Unmöglichkeit machte. So gingen dem Kaiser viele Früchte seines 
Sieges verloren, die ihm voraussichtlich zugefallen sein würden, 
wenn er noch seine alten Soldaten gehabt hätte. 

Nach der Schlacht bei Lützen trat eine abermalige Teilung der 



*) In der Einleitung tu seiner Geschichte des spanischen Krieges, in der uns 
der General ein Bild von den Verhältnissen der damaligen französischen Armee giebt 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



französischen Armee ein; wahrend Napoleon mit der Masse seiner 
Streitkräfte den nach der Elbe zurückweichenden Verbündeten folgte, 
mufete das Ney 'sehe Corps nach Leipzig rücken. Von hieraus erhielt 
Ney die Richtung auf Berlin angewiesen, da Napoleon bei der 
grofsen Überlegenheit der feindlichen Reiterei sich in völliger 
Unkenntnis über die Bewegungen der Verbündeten befand und 
annahm, dafs die Preufsen sich von den Russen getrennt hätten 
und dorthin zurückgewichen wären. Für die Ausführung dieser 
Operation wurden dem Marschall aufser seinem eigenen Corps 
noch die jetzt aus dem Hannoverschen zurückgerufenen Truppen 
Sebastianis, die Division Puthod und das 2. Kavallerie -Corps, 
so wie die Corps von Victor und Reynier, dann sehr bald auch noch 
das von Lauriston unterstellt, welches letztere Napoleon ursprüng- 
lich bei der Hauptarmee behalten wollte. 

Was zunächst die so gebildete Armee-Abteilung des Marschall 
Ney anbetrifft, so zählte dessen eigenes Corps wohl nur noch wenig 
Über 30,000 Mann, während das V. Corps, dem jetzt dauernd die 
freilich nur sehr schwache 3. leichte Kavallerie- Division zugeteilt 
war, ohne die Division Puthod etwa 20,000 Mann stark war. Hierzu 
kam nun noch das jetzt ueugebildete VII. Armee-Corps unter dem 
General Reynier, welches zunächst zwar nur aus der reorganisierten 
Division Durutte — 2 Bataillone Würzburger und 8 Bataillone 
Franzosen mit zusammen 6000 Mann, 16 Geschützen — bestand, 
zu dem indessen schon in den nächsten Tagen die sächsischen 
Truppen stofsen sollten. Napoleon rechnete bereits jetzt zuverlässig 
darauf, dafs sein Sieg bei Lützen ihm die Sachsen wieder zuführen 
würde. Er täusehte sich hierin nicht; nachdem Reynier, welcher 
am 6. Mai von Merseburg, wo er die Division Durutte formiert 
hatte, aufgebrochen, bereits am folgenden Tage vor Torgau er- 
schienen war, öffnete diese Festung am 10. Mai ihre Thore den 
Franzosen, welche hierdurch aufser der Verstärkung ihrer Streit- 
kräfte einen wichtigen Stütz- und Übergangspunkt an der Elbe 
erhielten. Von den daselbst befindlichen sächsischen Truppen, welche 
bei einer Gesamtstärke von 11,700 Mann nur 8000 Mann in der 
Front zählten, wurden 6000 Mann — 8 l / 4 Bataillon, 3 Schwadronen, 
12 Geschütze — unter dem General v. Sahr dem VII. Armee-Corps 
zugeteilt, der Rest verblieb als Besatzung in Torgau. Durch den 
Hinzutritt der Sachsen erreichte die Ney'sche Armee-Abteilung eine 
Stärke von etwa 62,000 Mann, 184 Geschützen. 

Die übrigen dem Marschall unterstellten Truppen sind mit 
Ausnahrae der Division Puthod thatsächlich niemals unter seinem 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



9 



Befehl vereinigt worden. Die letztere Division, von der in der Folge 
2 Bataillone zunächst in Magdeburg zurückgelassen wurden, sowie 
das jetzt gegen 4000 Pferde zählende 2. Kavallerie-Corps waren 
zur Zeit noch im Anmarsch von der Nieder-Elbe her begriffen; jene 
rückte dem V. Corps nach, welches sie am Abende des 21. Mai 
erreichte, das Kavallerie-Corps wurde dagegen dem Marschall Victor 
überwiesen. Dieser Marschall verfügte jetzt über 22 Erfurter 
Bataillone, die fehlenden 6 Bataillone befanden sich in Magdeburg; 
nachdem er am 15. Mai die Elbe bei Wittenberg überschritten hatte 
und daselbst durch eine vom General Lebrun formierte Marsch- 
Division des 2. Kavallerie-Corps von angeblich 3000 Pferden verstärkt 
worden war, wandte er sich auf Glogau, dessen Entsatz er bewirkte. 
An den grofeen Kämpfen hat sich weder sein eigenes noch das 
Kavallerie-Corps beteiligt. 

Mit dem Gros seiner Streitkräfte — dem IV., VI. und XII. Corps, 
den Garden nnd der Reiterei Latour - Maubourg's, noch an 
105,000 Mann, 252 Geschütze — folgte Napoleon den Verbündeten. 
Der Zustand seiner Truppen, der Mangel an Kavallerie und der 
kräftige Widerstand der preufsischen und russischeu Nachhut in den 
Tagen vom 5. zum 8. Mai verzögerten dieses Vorgehen aber nicht 
unerheblich, und da überdies sämtliche Brücken von den Verbündeten 
zerstört worden waren, so konnten die Franzosen die Elbe erst am 
11. Mai überschreiten. Bereits am folgenden Tage hatte die Vorhut 
der Armee — das XI. Corps und die 1. leichte Kavallerie- Division 
— bei Bischofswerda ein heftiges Gefecht gegen die russische Nach- 
hut zu bestehen, bei dem sich die Infanterie sehr brav benahm. 
An demselben Tage wurde die seit Lützen nur noch dem Namen 
nach bestehende Elb-Armee aufgelöst, und mufste gleichzeitig der 
Vicekönig sich nach Italien begeben, um den Oberbefehl über die 
dort zu bildenden Streitkräfte zu übernehmen. 

Es trat jetzt eine kurze Pause in den Operationen ein, da 
Napoleon das Eintreffen der im Anmarsch befindlichen Verstärkungen 
an Garde und namentlich an Kavallerie abwarten wollte, ehe er den 
Verbündeten eine zweite Schlacht lieferte, zu deren Annahme die- 
selben sich entschlossen zeigteu. 

Den wichtigsten Bestandteil dieser Verstärkungen bildete bei 
der numerischen Schwäche der Kavallerie die von dem General 
Lebrnn für das 1. Kavallerie-Corps gebildete Marsch-Division , welche 
4000 Pferde stark sein sollte, thatsächlich aber nicht unerheb- 
lich schwächer gewesen zu sein scheint, indem viele Pferde in 
Folge der anstrengenden Märsche und der schlechten Wartung 



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Die französische Armee im Jahre 1818. 



hatte« zurückgelassen werden müssen. Die gegen 1000 Pferde 
starke Dragoner- Brigade Beaumont raufste überhaupt einstweilen 
ganz in Dresden verbleiben, von wo aus dieselbe dann später nach 
Grofeenhain entsandt wurde. 

Ebenfalls dem 1. Kavallerie-Corps wurde auch die früher er- 
wähnte, 2300 Pferde starke sächsische Kavallerie — 8 Schwadronen 
Kürassiere, 6 Schwadronen Husaren und Ulanen und eine reitende 
Batterie — sowie anscheinend jetzt auch das bisher bei dem 
IV. Armee-Corps eingeteilt gewesene 1. italienische Jäger-Regiment 
überwiesen. 

Mit der Marsch-Division des L Kavallerie-Corps, vielleicht aber 
auch erst später, scheint auch das aus Spanien kommende 7. Che- 
vauleger-Regiment bei der Armee angelangt zu sein, welches ebenso 
wie die beiden am 9. Mai eingetroffenen hessischen Schwadronen 
vorläufig dem VI. Armee-Corps überwiesen wurde. 

Nächst der Kavallerie war es vornehmlich die am 13. Mai in 
Dresden anlangende Division junger Garde unter dem General Barrois 
— 8000 Mann, 38 Geschütze, — durch deren Eintreffen die Armee 
eine erhebliche Verstärkung erhielt. 

Was die westfälische Division Hammerstein — 6 Bataillone, 
8 Schwadronen = 5000 Mann, 12 Geschütze — anlangt, welche 
bereits am 3. Mai von Heiligenstadt her zum VI. Armee-Corps ge- 
stofeen war, so wurde dieselbe bereits jetzt aufgelöst, da man den 
Truppen nicht trauen zu können glaubte; die Infanterie verblieb 
als Besatzung in Dresden, während die Kavallerie zum General 
Beaumont und mit diesem später zum XII. Armee-Corps stiefs. 

Durch das Eintreffen aller dieser Verstärkungen hätte die fran- 
zosische Haupt-Armee abgesehen von den in Dresden verbleibenden 
Truppen trotz der Verluste in den letzten Gefechten auf 116,000 Mann 
anwachsen müssen, indessen waren ihre Reihen seit der Schlacht 
von Lützen durch Desertionen und Krankheiten unter der jungen 
Mannschaft in einer Weise gelichtet, dais ihre Stärke kurz vor der 
Schlacht bei Bautzen kaum mehr als 108 bis 110,000 Mann betragen 
haben dürfte. Hierbei befanden sich gegen 13,000 Reiter sowie 
anscheinend 296 Gsschütze. 

Diese Zahl aber schien Napoleon für die bevorstehende Schlacht 
zu gering, nachdem er sich überzeugt, dais die Preuisen und Russen 
vereinigt seien. So wurde denn der Marschall Ney ans der Richtung 
auf Berlin abberufen und gegen die rechte Flanke der bei Bautzen 
stehenden Verbündeten geschickt. Die heranrückende Avantgarde 
des III. Armee-Corps traf am 19. Mai gerade noch rechtzeitig bei 



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Die franiösiBche Armee im Jahre 1813. 



11 



Königswartha ein, um die Trümmer der Division Peyri des IV. Armee- 
Corps, welche von den Russen tiberfallen worden war und 2900 Mann, 
10 Geschütze eingebüfst hatte, aufzunehmen. An demselben Tage 
hatte auch das V. Corps von der Ney'schen Armee-Abteilung bei 
Weifsig ein tiberaus heftiges Gefecht gegen das preufsische Corps 
York zu bestehen, welches dem General Lauriston 1700 Mann 
kostete. 

In der Schlacht bei Bautzen am 20. und 21. Mai verfügte 
Napoleon nach den Verlusten der vorangehenden Tage und nach 
seiner Vereinigung mit Ney über etwa 165,000 Mann, wobei gegen 
15,000 Reiter und 470 Geschütze. Diese Zahlen müssen indessen 
als höchste Angaben angesehen werden, und überdies schlössen sie 
die nur notdürftig geordneten Trümmer der Division Peyri ein. 
Dank dieser Uebermacht gelang es dem Schlachten-Kaiser auch hier 
wieder den Sieg an seine Fahnen zu fesseln, wenn auch das Er- 
gebnis nur wenig der auf eine Vernichtung der Gegner hinzielenden 
Anlage der Schlacht entsprach. Es war die Langsamkeit der Be- 
wegungen Ney's, welche Napoleon um den gröfsten Teil des ange- 
strebten Erfolges brachte; da sich indessen nirgends ein Tadel gegen 
den Marschall findet, so liegt die Vermutung nahe, dafs der Zustand 
der Ney'schen Truppen ein kräftiges Vorgehen verhindert und dafs 
der Kaiser dies auch eingesehen habe. 

Übri gens war der Sieg nicht so teuer erkauft als der von 
Lützen, vornehmlich wohl, wie C. Rousset sehr richtig sagt, weil 
keine solche Krisis vorgekommen war, wie das III. Corps sie am 
2. Mai durchgemacht hatte. Der Gesamtverlust an beiden Tagen 
soll sich auf 20,000 Mann belaufen haben, worunter sich aber auch 
dieses Mal wieder sehr viele Offiziere befanden; außerdem waren 
2 Geschütze verloren gegangen. 

Im Allgemeinen mnfs der französischen Infanterie das Lob zu- 
erkannt werden, dafs sie sich gut geschlagen hatte, und wenn sie 
dennoch von Napoleon in dem Sieges- Bulletin nicht in entsprechender 
Weise hervorgehoben wurde, so lag dies nur daran, dafs er sich mit 
dem Lob für sie bereits verausgabt, und dafs er Nichts mehr hin- 
zuzufügen hatte. So fiel denn dieses Mal alle Anerkennung der 
Kavallerie zu, und da diese in der Schlacht selbst keine Gelegenheit 
gehabt hatte, sich hervorzuthun, so mufste das Gefecht vou Reichen- 
bach am 22. Mai herhalten; die Kavallerie, so hiefs es, sei derjenigen 
des Feindes an Zahl gleich, an Güte aber überlegen. Dieses Lob 
war nicht nur übertrieben, es war geradezu unsinnig; wie nach 
Lützen, so verhinderte auch jetzt wieder die numerische Schwäche 



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12 



Die französische Armee im Jahre 1818. 



seiner Reiterei den Kaiser an einer kräftigen Ausnutzung seines 
Sieges, und dafs dieselbe den preufsischen und russischen Schwa- 
dronen auch an Güte nachstand, sollte sich sehr bald zeigen. 

Unter Zurücklassung des stark mitgenommenen XII. Armee- 
Corps folgte Napoleon mit der Masse seiner Streitkräfte, nach dem 
Eintreffen der Division Puthod noch etwa 135,000 Mann, den Ver- 
bündeten Dach Schlesien. Hier hatte der mit dem XI. Armee-Corps 
und dem 1. Kavallerie-Corps an der Spitze der Armee befindliche 
Marschall Macdouald am 27. Mai bei Goldberg ein heftiges Gefecht 
zu bestehen, bei welchem die eben noch so hoch gepriesene Reiterei 
ein glänzendes Fiasco machte; die 1. leichte Division machte bei 
drei aufeinander folgenden Angriffen kehrt, und nnr mit Mühe konnte 
sich der Marschall, der sich beim dritten Male persönlich an ihre 
Spitze gesetzt hatte, noch in ein Carre* retten. Alle Bemühungen 
der Generale und Offiziere, ihre Schwadronen wieder vorzubringen, 
scheiterten. Macdonald war aufser sich, und er verfehlte denn 
auch nicht, sich über die gänzlich unbrauchbare leichte Kavallerie 
zu beschweren; uur die Kürassiere, schrieb er, seien brauchbar. 

Drei Tage später meldete auch der General Latour-Maubourg 
an Berthier, dafs seine beiden Divisionen — die 1. leichte und die 
1. schwere*) — in Folge der grofsen Märsche der letzten Zeit und 
der Ungeschicklichkeit der Leute im Reiten und in der Pferde- 
wartung sehr gelitten hätten. Natürlich waren es nicht sowohl die 
alten, von Hannover gekommenen Reiter, welche den hauptsächlichsten 
Abgang aufwiesen, als vielmehr die dermalen die Mehrzahl bildenden 
jungen, von Frankreich nachgerückten Ersatzmannschaften, welche 
im Reiten nur kümmerlich ausgebildet und in der Pferdewartung 
gänzlich unerfahren waren. Es zeigte sich auch hier wieder, dafs 
der Franzose nur ein schwacher Reiter und ein schlechter Pferde- 
pfleger ist. Der Abgang war um so gröfser, als sich in den 
Schwadronen neben zahlreichen sehr alten fast noch mehr sehr 
junge und kaum angerittene Pferde vorfanden, welche letztere 
namentlich durch die starken Märsche sehr gelitten hatten und 
aufserdeni vielfach gedrückt waren; ein Augenzeuge berichtet, mau 
habe eine französische Schwadron in Folge der grofsen Drockschäden 
auf 100 Schritt riechen können. Der Mangel an tüchtigen Offizieren 



*) Die 8. leichte Division befand sich bei dem V. Armee-Corps, wahrend von 
der 8. schweren Division die Dragoner-Brigade Beanmont — später Beiset — in 
Dresden zurückgelassen war, die Kürassier- Brigade sich aber vermutüch bei der 
1. schweren Division befand. 



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Die französische Armee iro Jahre 1813. 



13 



und Unteroffizieren machte sich bei dieser Waffe im höchsten Grade 
fühlbar. 

Und auch die Infanterie befand sich in einem Zustande, welcher 
die ernstesten Besorgnisse erzeugen mulste. Es ist bereits früher 
gezeigt worden, in welcher Verfassung sich die franzosische Infanterie 
nach der Schlacht bei Lützen befanden hatte, seither war es noch 
ungleich schlimmer geworden. Vielfach waren die in vorläufige 
Verbände zusammengewürfelten Truppenteile ins Feld geruckt, ehe 
noch ihre Organisation abgeschlossen, namentlich hatten sich die 
Bataillone des II. und VII. Corps in einem so unfertigen Zustande 
befunden, data mit demselben von Anfang an ernstlich hatte gerechnet 
werden müssen. Bei den anderen Corps war es anfänglich zwar 
etwas besser gewesen, dafür waren aber deren Reihen seither in 
außerordentlicher Weise gelichtet worden, namentlich begannen die 
Offiziere und älteren Unteroffiziere, deren Zahl von vornherein nicht 
sehr grofs gewesen war, jetzt in bedenklicher Weise zu fehlen. Die 
Folge hiervon war, dafs die durch die Verluste und Anstrengungen 
gelichteten Verbände sich in einer kaum glaublichen Weise lockerten, 
und dafs aller Zusammenhang verloren zu gehen drohte. Das 
Fehlen fast jeder Ausbildung und der Mangel der Gewöhnung an 
Disziplin, worauf früher schon hingewiesen wurde, kamen hinzu. 
In wirren Massen wälzten sich, wie Odeleben berichtet, die Kolonnen 
fort, hier mit Abteilungen anderer Corps und anderer Waffen unter- 
mischt, dort mit ihnen sich kreuzend, und oft schien es unmöglich, 
dafs der Knäuel sich jemals entwirren würde. 

Zum grofsen Teil trug hieran auch die fehlerhafte Organisation 
de9 französischen Generalstabes die Schuld. Der Generalstab hat 
bis in die neueste Zeit hinein niemals in der französischen Armee 
hervorgeragt und auch niemals eine ähnliche Bedeutung gehabt wie 
bei uns. Es lag dies teils an seiner Vermischung mit der Adjutantur, 
teils auch daran, dafs er für junge Leute mit Empfehlungen ein 
bequemes Mittel bildete, vorwärts zu kommen und sich den Krieg 
möglichst angenehm zu gestalten. Napoleon hatte diese Nachteile 
sehr wohl erkannt, und um dieses militärische Schmarotzertum ein- 
zuschränken und die Verbindung des Generalstabes mit der Truppe 
herzustellen, hatte er mit Ausnahme des Obersten-Grades sämtliche 
Stabsoffizierstellen in demselben unterdrückt. Dies rächte sich jetzt 
sehr, denn sichtbar herrschte ein grofser Mangel an geschulten 
Generalstabs-Offizieren, in Folge dessen den Truppen manche un- 
nötige Anstrengungen auferlegt wurden. 



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14 



Die französische Armee im Jahre 1818. 



Fast noch schlimmer sah es mit der Organisation der Inten- 
dantur aus, deren Beamte, zumeist junge und unerfahrene Leute, 
mehr auf ihr eigenes Interesse als auf dasjenige der Truppen bedacht 
waren. Trotz der groben Unglückslehre des vorangegangenen 
Jahres war hier Alles beim Alten geblieben. »L'administration etait 
vicieuse,« schreibt der General Foy,*) . . . »nous ne nous servions 
ni de boulangeries portatives ni de fours mobiles . . . Celui-lä serait 
mort de faim qui aurait attendu pour manger, que l'administration 
de l'armee lui fit distribuer la ration de pain et de viande.« Da 
der Soldat somit für sich selber sorgen mufste, so konnte es nicht 
ausbleiben, dafs das Requisitions-System zum Raub-System wurde, 
und dafs Plünderung und Gewalttätigkeiten den Marsch der fran- 
zösischen Heere begleiteten, deren Disziplin dadurch immer tiefer 
sank. Es war dies um so mehr der Fall, als auch die wenigen 
vorhandenen Offiziere nicht einmal Einhalt thun konnten, sondern 
ebenfalls an die Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse denken 
muüsten. Natürlich litt der Dienstbetrieb hierunter in einem hohen 
Grade, und nur die persönliche Gegenwart des Kaisers konnte 
hierin noch eine vorübergehende Besserung erzeugen. Zu alledem 
kam nun noch, dafs die Verbündeten bereits zweimal das Land 
durchzogen hatten, dafs die Requisitionen sich daher weit zu beiden 
Seiten der Strafsen ausdehnen mufsten, und dafs selbst dann noch 
vielfach die Not nicht gestillt werden konnte. 

Wenn es unter derartigen Verhältnissen den Generalen an 
Vertrauen zu ihren Truppen und an Unternehmungsgeist gebrach, 
so war das nicht zu verwundern, und immer wieder muCste Napoleon 
hiergegen ankämpfen. Es war an alle Führer gerichtet, wenn er 
unter dem 6. Juni an Bertrand schrieb: »Dans les affaires n'hesitez 
pas ä avoir confiance en vos troupes.« Es war dies leichter gesagt 
als gethan, um all die Schwierigkeiten zu überwinden, dazu war 
eben die Macht einer Persönlichkeit nötig wie die seine, wie denn 
ja auch das Verhalten seiner Truppen bei allen Gelegenheiten für 
die Verbündeten das sicherste Anzeichen seiner Alles belebenden 
Gegenwart oder seiner Abwesenheit abgab. Überall, wo er nicht 
war, machte sich, wie Marmont berichtet, Ermattung und Laschheit 
in hohem Grade bemerkbar. 

Wie sehr die Truppen unter den Folgen der schlechten Orga- 
nisation der Intendantur zu leiden hatten, darüber giebt uns ein 
Bericht Lauriston's an Berthier Aufschlufs, in welchem es heifst: 

*) In seinem erwähnten Werk. 



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Die französische Armee im Jahre 1818. 



15 



»Je dois appeler l'attention de Votre Altesse sur la marche des 
troupes. La privation de destributions depuis plosieurs jours porte 
le soldat ä oser tout pour se procurer des vivres. II y a bien 
moins de trainards que de gens qoi vont en avant, du moment que 
Von aper^it quelque ville ou village. Les generaux fönt toas 
leurs efforts pour arreter ce desordre; le petit nombre des officiers 
paralyse les mesures, d'autant plus qae ces officiers eux-niemes 
chercbent des vivres.« 

Die Folgen blieben nicht ans. Vom 25. Mai rührte Lauriston's 
Bericht her; bereits am Nachmittage des folgenden Tages erlitt die 
zu seinem Corps geborende Division Maison bei Haynau eine em- 
pfindliche Schlappe durch die preufsische Kavallerie. Es war wieder 
die Vernachlässigung aller Sicherheitsmaisregeln im Verein mit der 
geschilderten Unordnung, welche diesen Unfall verursachte, durch 
den die genannte Division 1000 Mann Infanterie, ihre Sappeur- 
Compagnie und 11 Geschütze verlor, von denen indessen 6 von der 
nachrückenden Division Puthod wieder genommen wurden, da die 
preufsische Kavallerie sie wegen Mangels an Bespannung hatte 
stehen lassen. 

Überhaupt schwand das V. Corps zusehends, vornehmlich in 
Folge von 3 Nachtmärschen, welche es hatte machen müssen. Wenn 
man vielleicht auch einwenden mag, dais die ehemaligen National- 
gardisten, welche dieses Corps bildeten, eine ganz besonders strenge 
Zucht verlangten, so mufs anderseits doch bemerkt werden, dafs 
dafür auch dieses Corps nächst dem XI. aus den kräftigsten und 
best ausgebildeten Leuten gebildet war, welche noch am ehesten zur 
Ertragung von Anstrengungen geeignet waren, daher es denn auch 
bei den übrigeu Corps kaum besser ausgesehen haben dürfte. Ent- 
behrungen und Anstrengungen, wie sie dieselben bisher noch nicht 
gekannt, zu deren Ertragung überdies im Allgemeinen ihre physischen 
Kräfte nicht ausreichten, das war mehr, als diese jungen, meist noch 
im Wachstum begriffenen Ausgehobenen zu leisten vermochten; 
sie blieben vor Ermattung liegen oder aber versuchten, wenn irgend 
möglich, zu desertieren. Zu Tausenden bedeckten Kranke und 
Marode, Deserteure und Marodeure die Straten, und sichtlich lichteten 
sich die Reihen der Armee. Unter diesen Umständen gewinnt die 
Angabe Lefebvre's, die französische Armee hätte nach Bautzen 
trotz aller Nachschübe nur noch 120,000 Mann gezählt, an Wahr- 
scheinlichkeit, und selbst wenn sie eine Übertreibung enthalten 
sollte, so giebt sie uns jedenfalls ein Bild davon, wie grofe der 
Abgang gewesen sein mufe. Jedenfalls war dieser Abgang so be- 



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IG 



Die franiösische Armee im Jahre 1818. 



deutend, dafe Napoleon sich noch kurz vor dem am 4. Juni erfolgen- 
den Abschluß des Waffenstillstandes veranlafst sah, Victors Heerteil 
— das II. Corps und die Kavallerie Sebastiani's — trotz dessen eine 
Verwendung ausschliefeenden ünfertigkeit näher an die Hauptarmee 
heranzuziehen. 

Während die letztere immer weiter nach Schlesien hinein 
vorgedrungen war, hatte sich der Marschall Oudinot von Bautzen 
aus in der Richtung auf Berlin in Bewegung setzen müssen. Da 
sein Corps bei Bautzen sehr bedeutende Verluste gehabt hatte — 
6000 Mann und so viele Pferde, dafe 4 französische uud 4 bayerische 
Geschütze wegen Mangels an Bespannung nach Dresden hatten 
zurückgeschickt werden müssen, — so hatte Napoleon befohlen, 
dafs er durch die Kavallerie Beaumont's, die beiden hessischen 
Schwadronen des VI. Armee-Corps und die 8 noch in Magdeburg 
verbliebenen Bataillone des I., II. und V. Corps verstärkt werden 
sollte, um so Über ungefähr 24,000 Mann verfügen zu können. Da 
letztere 8 Bataillone das Corps indessen wahrscheinlich nicht erreicht 
haben, so dürfte der Marschall kaum über mehr als 20.000 Mann 
verfügt haben. Am 28. Mai von Bülow bei Hoyerswerda angegriffen, 
schlug Oudinot diesen Angriff zwar ab, worauf er seinen wenig 
zielbewufsten Vormarsch fortsetzte, fand dann aber am 4. Juni 
seinen Weg bei Luckau durch den genannten General verlegt und 
mufste nach einem heftigen Gefecht über die Schwarze Elster zurück- 
gehen, hinter welchem Flufs er durch die Nachricht von dem 
Ab8chlu£s des Waffenstillstandes vor einem weiteren Angriff Bülow's 
bewahrt wurde. 

Auch in diesen Gefechten, welche den Franzosen mehr als 3000 Mann 
gekostet hatten, waren die erwähnten Mängel deutlich zu Tage getreten; 
in seineu Berichten klagt Oudinot sehr über die Traineurs und nament- 
lich auch über seine schlechten Offiziere. Übrigens sollte dieser 
Teil des Feldzuges insofern nicht ohne Bedeutung bleiben, als der 
französische Feldherr Gelegenheit gehabt hatte, seinen demnächstigen 
Gegner Bülow kennen zu lernen, und als das Verhalten seiner 
Truppen den preufoischen gegenüber nicht dazu hatte beitragen 
können, sein Vertrauen zu ihnen zu stärken. 

Kurz vor dem Abschlufe des Waffenstillstandes fiel auch noch 
Hamburg wieder in französische Hände. Trotz des Abmarsches der 
Truppen Sebastiani's — Division Puthod und 2. Kavallerie-Corps — 
verfügte Davout Ende Mai nach dem Eintreffen sämtlicher vierten 
und eines Teiles der dritten Bataillone der 28 Regimenter der 
beiden ersten Armee-Corps über beinahe 30,000 Mann. Die schwachen 



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Die französiache Armee im Jahre 1813. 



17 



Truppen der Verbündeten, welche sich auf diesem Teile des Kriegs- 
schauplatzes befanden, waren bei der gänzlichen Unthätigkeit des 
Kronprinzen von Schweden um so weniger in der Lage, die aus- 
gedehnte Stadt %u behaupten, als sich auch noch Dänemark für 
Napoleon erklärte, und mufften dieselbe daher räumen. Am 30. Mai 
konnte Davout seinen Einzug in die wieder unterworfene Stadt 
halten. Bei deu verschiedenen kleineren Gefechten, zu denen es 
hier gekommen war, hatten sich die jungen Ausgehobenen im 
Allgemeinen leidlich benommen, so dafs Davout, der in diesem 
Pankte ein sehr strenger Richter war, ihnen seine Anerkennung 
nicht vorenthielt. 

Es bleiben noch einige Worte über die Ereignisse im Rücken 
der französischen Armee zu sagen. Hier waren fast alle Verbindungen 
durch die Parteigänger der Verbündeten unterbrochen, deren Streif- 
züge um so ergiebiger waren, je gröfeer die erwähnte allgemeine 
Erniattong und Laschheit waren. Das Feld, welches sich ihrer 
Thätigkeit bot, war ein ganz außerordentliches, denn ununterbrochen 
strömten Nachschübe an Menschen und Material zur Armee, letzteres 
namentlich zur Ergänzung der noch immer schwachen Artillerie 
bestimmt. Auf diese Art gingen 2 größere Artillerie-Parks ver- 
loren, von denen der eine — 24 von Augsburg kommende Geschütze, 
welche zu dem IV. Corps stoßen sollten, wahrscheinlich der von 
Strasburg dorthin geschickte, — am 23. Mai von dem preufsischen 
Rittmeister v. Colomb in der Gegend von Zwickau fortgenommen 
wurde, während der andere — 14 nach Magdeburg bestimmte west- 
fälische Geschütze — am 30. Mai bei Halberstadt von dem russischen 
General Tschernischew erobert wurde. Auch 2 vom General Poinsot 
befehligte Marsch-Kavallerie-Regimenter wurden am 24. Mai bei 
Könnern von dem russischen Oberst-Lieutenant Borissow auseinander- 
gesprengt. 

Das größte Unternehmen dieser Art wurde von dem vor 
Magdeburg stehenden russischen General Woronzow ausgeführt, der 
die gänzliche Unthätigkeit der dortigen Garnison benutzte und 
gegen Leipzig vorging, das den Hauptdepotplatz der französischen 
Armee bildete. In dieser Stadt lagen ungefähr 1500 Mann Infanterie, 
meist aus Nachzüglern der verschiedensten Regimenter gebildete 
Kommandos, sowie etwa 300 Reiter, ebenfalls aus fast allen Re- 
gimentern der beiden ersten Kavallerie-Corps zusammengewürfelt, 
welche ihrer Pferde wegen hatten zurückbleiben müssen; außerdem 
lagen vor der Stadt noch 2 aus Frankreich nachgerückte Divisionen 
des 3. Kavallerie-Corps, welche indessen noch in der Formation 

Jfthrbtahar Ar di* Darnach« Ar»*« ul Marli«. Bd. LZViil., 1. $ 



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1* 



Die französier be Armee im Jahre 1813. 



begriffen waren und zusammen nur 1600 Pferde gezählt haben 
•ollen. Am 7. Juni erschienen Woronzow und Tschernischew mit 
etwa 5000 Mann vor Leipzig, sprengten die junge französische 
Kavallerie auseinander und nahmen derselben 18 Offiziere, 550 Mann 
an Gefangenen ab. Die Nachricht von dem Abscblufs des Waffen- 
stillstandes bewahrte hier die Franzosen vor noch gröfeeren Ein- 
bufeen. General Arrighi berichtete, der Wille der jungen Reiter sei 
aasgezeichnet, ihre Ausbildung aber so Oberaus mangelhaft, dafc es 
durchaus geboten sei, sie stets durch Infanterie zu unterstfitzen. 
Teile dieser jungen Kavallerie waren es übrigens, welche im Verein 
mit der nachgerückten wfirttembergischen Reiter- Brigade Normann 
den bekannten Überfall von Kitzen gegen die Lötzow'sche Streif- 
schar aasführten. 

Über die Gründe, welche Napoleon zum Abschluß des Waffen- 
stillstandes bewogen haben, ist vielfach gestritten worden: gewifs 
haben politische Verhältnisse mitgesprochen, den Ausschlag hat aber 
doch der Zustand seiner Armee gegeben. Napoleon selbst hat dies 
freilich nicht zugeben wollen, er erkannte nur den Mangel an 
Kavallerie an, aber niemals würde anderenfalls gerade er, dem in 
rücksichtslosester Ausnutzung des Sieges kaum ein Anderer gleich- 
gekommen ist, gerade in dem Augenblick Waffenstillstand geschlossen 
haben, wo ihm die bisher so schmerzlich vermifsteu Früchte seiner 
beiden letzten Siege endlich zufallen zu wollen schienen! Die In- 
fanterie befand sich in einer Verfassung, welche eine auch nur noch 
kurze Fortsetzung der Operationen völlig ausschlofs. Wenn der 
Kaiser auch Dank der numerischen Überlegenheit seiner zusammen- 
gerafften und unausgebildeten jugendlichen Ersatzmaunschaften 
Ü grofse Schlachten gewonnen und Sachsen und Nieder-Schlesien 
besetzt hatte, so war damit aber auch die nur irgend mögliche 
Grenze seiner Erfolge erreicht; seine physisch und moralisch noch 
nicht abgehärteten Soldaten, deren Zustand die Thatkraft seiner 
Kriegführung in einem so hohen Grade beeinträchtigt hatte, waren 
an der äufsersten Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, be- 
ziehungsweise hatte Napoleon dieselbe schon überschritten. Hier 
handelte es sich nicht mehr darum, ob man Tausende zurücklassen 
sollte, hier blieb möglicher Weise der weitaus gröfste Teil liegen. 
Auch ein dritter Zusammenstofe mit den völlig ungebrochenen 
Truppen der Verbündeten mufste vermieden werden, denn die Gefahr 
war grofs, dafe die jungen Truppen eine neue Krisis nicht über- 
stehen würden, und dann war Alles verloren. Dazu kam die augen- 
scheinliche Schwäche der Kavallerie, der es an jedem Halt gebrach, 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



19 



und die im Augenblick des Zusainmenstolses nicht minder fühlbare 
Unterlegenheit an Artillerie, endlich auch noch die so Oberaus er- 
folgreiche und für die französische Armee so überaus empfindliche 
Thätigkeit der Parteigänger der Verbündeten. 

Es war aber nicht allein der Wunsch, die rückwärtigen Ver- 
bindungen wieder frei zu erhalten und seinen auf dem Kriegs- 
schauplatz befindlichen Truppen die unbedingt notwendige Zeit zur 
Erholung und zur besseren Ausbildung zu gewähren, der Napoleon 
zum Abschlnfs des Waffenstillstandes bewog; er wollte auch noch 
bedeutende Verstärkungen nach dem Kriegsschauplatz schaffen. Er 
hoffte, es werde ihm gelingen, den Waffenstillstand bis zum September 
hinzuziehen, bis zu welcher Zeit er seine Armee namentlich auch 
an Reiterei derartig zu verstärken gedachte, dafs er dann den Krieg 
durch einige vernichtende Schläge würde beendigen können. 

(Fortsettung folgt) 



■ 



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n. 



Der Feldzug von 1809 in Tirol, 
im salzburgischen und an der bayerischen 

SMgrenze*) 

Mit besonderer Bezugnahme anf den Anteil der bayerischen Trappen bearbeitet 

TO» 

J. y. Heilmann, 



L 

Die Katastrophe in Tirol am 13. April 1809. 

Dem Wunsche des Königs Maximilian Joseph entsprechend, 
hatte Kaiser Napoleon im Prefeburger Frieden die geforstete 
Grafschaft Tirol mit Inbegriff der Fürstentümer Brixen und 

*) Aufser den im Kriegsarcbiv befindlichen Feldzagtakten (Tiroler Insurrektion 
von 1809. 4. Periode) worden an Druckschriften and Manuskripten u. a. benutzt: 

1. Anders, J. ?., Geschichtliche Skizze der Kriegsereignisse in Tirol i. J. 1809. 

Österr.-milit. Zeitschrift, 1838 und 1834. Unvollendet. 

2. Baur, Der Krieg in Tirol während des Feldzugs 1809, mit besonderer Hinsicht 

auf das Corps des Obersten Grafen v. Arco. 1812, Hauptquelle für das 
Arco'sche Corps. Da vergriffen , wurde das treffliche Werk entsprechend 
ausgenutzt. 

3. Danej (nicht Donay), Geschichte Tirols von 1807—1814 in Briefen. Manu- 

skript. Eine Abschrift derselben unter cod. germ. 6029 auf der Hof- und 
Staatsbibliothek in München. Das Beete, was von einem Mithandeluden 
Ober Tirol i. J. 1809 geschrieben worden ist. 

4. Ditfurth, Aus dem Leben des bayerischen Oberst Karl Freiherr v. Ditfurth. 

Eine sehr gediegene Arbeit. Unentbehrlich für die Kampfe in Innsbruck. 

5. Egger, Dr. Joseph. Geschichte Tirols von den «testen Zeiten bis in die 

Neuzeit. 8 Bde. Innsbruck. Nicht frei von leidenschaftlicher Phrasen- 
macherei. 

6. Heilmann, Leben des Generals der Infanterie Graf Deroy. 

7. Heilmann, Die Katastrophe in Tirol vom 9.-13. April 1809. Militär- 

Wochenblatt 1882 Nr. 13. 

8. Heil mann, Feldmarschall Fürst Wrede. 



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Der Feldxug Ton 1809 in Tirol o. s. w. 



21 



Trient Bayern überlassen. Dafür mutete es das Fürsten tarn Würz- 
burg, das ihm erst im Jahre 1803 zugefallen war, an den Erz- 
herzog Ferdinand, Kurfürsten von Salzburg, abtreten. 

Der damalige Bestand Tirols war zu 443 x / t □ Meilen mit 
620,854 Seelen angeschlagen, welche in 21 Städten, 21 Flecken 
und 3665 Dörfer lebten. 

Schon wenige Monate nach dem Prefsburger Frieden vernichtete 
die jedes Herkoramen, jede geschichtliche Überlieferung rücksichtslos 
verletzende Verfahrungs weise der damaligen bayerischen Regierung 
Alles, was den Bewohnern durch mehr als hundertjährigen Bestand 
ehrwürdig und heilig war. In religiöser, politischer und sozialer 
Beziehung sollte Tirol den übrigen Provinzen Bayerns gleichgemacht, 
ein Volk, das durch die Natur seines Landes auf eine eigenartige, 
aber langsame innere Entwickelung angewiesen war, mit einem Zuge 
in ein modernes Staatswesen eingepafet werden. 

Die Tiroler waren gewohnt, die Verehrung Gottes durch die 
beschränkteste Beobachtung leerer änfserer Formen zu betreiben und 
die bayerische Regierung verordnete in unbesonnener Aufklärungs- 
sucht die Aufhebung der Klöster, die gerichtliche Versteigerung 
der Prälatengüter, die Schließung der Feldkapellen, die Entfernung 
der Heiligenbilder nnd Kruzifixe an den Straten. Die Tiroler waren 
gewohnt, nach den Satzungen einer fünfhundertjährigen Verfassung 
durch die Vertreter der vier Stände — Adel, Geistlichkeit, Bürger- 
und Bauernstand — das Recht der Steuerbewilligung und der 



9. Interessante Beiträge tu einer Geschichte der Ereignisse in Tirol vom 
10. April 1809 his zum 20. Februar 1810. 

10. Maye. Der Hann von Rinn. 

11. Ntt schier, Rückblick auf die kriegerischen Ereignisse in Tirol i. J. 1809 

Organ der raüitir- wissenschaftlichen Vereine, 19, 888. 

12. Richter, Der Krieg in Tirol 1809. Zeitschrift für den deutschen und öster- 

reichischen Alpenverein. Eine treffliche Arbeit 
18. Staffier, Tirol und Vorarlberg. 
U. (8chQtz), Geschichte der Kriege in Europa. 8. TeU. 

15. Völderndorff, Kriegsgeschichte der Bayern 2 Bde. 

16. Weber, Andreas Hofer und das Jahr 1809. 

Die Geschichte des 1. Infant-Regts. von Prielmayer, des 4. Infant.-Regt«. von 
Stapp, des 5. Infanterie Regiments ron Gerneth, des 10. und 12. Infant. - 
Regiments von Ruith und des 1. Chevaulegers-Regiments von Hutter. 

Die im .Archiv für Offiziere aller Waffen- befindlichen Aufsitze: über die 
Verteidigung am Kufstein, die Gefechte der 1. Division im Sill- und Eisack- 
thal vom 6.-11. August 1809, das Gefecht im Salachthal am 26. September 
1809. 

Die Geschichte des Max- Josephordens von Schretti nger und Ruith. 



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22 D *r Feldzug Ton 1809 in Tirol, 

Teilnahme an der Gesetzgebung auszuüben und ein Gouvernement, 
welchem ohne Wissen nur gegen den Willen des Landes die 
Herrschergewalt überkommen, mafete sich an, das Recht der Steuer- 
bewilligung, als zum Wesen der ständischen Verfassung nicht ge- 
hörend, willkürlich aufzuheben, und an die Stelle der ständischen 
Verfassung selbst eine nach neufranzösischem Zuschnitte gemodelte 
Schein -National -Repräsentation zu setzen, welche zudem nie ins 
Leben trat. Die Tiroler waren gewohnt, zu allen Zeiten eine 
ungeteilte und bevorrechtete Provinz unter dem alten Ehrennamen 
der geforsteten Grafschaft Tirol zu bilden; und die neue Staats- 
verwaltung, welche auf die historischen Denkmale des Landes keinen 
Wert legte, verkaufte das alt« Stamm- und Hauptschlofs Tirol 
nach dem Meistgebot für 2200 Gulden an den Freiherrn Sebastian 
v. Hausmann und zerrifs das Land, dessen Namen in > Süd- 
bayern c verwandelt wurde, in drei, untereinander gänzlich ge- 
trennte Kreise mit willkürlich erfundenen neuen Benennungen: Inn-, 
Eisack- und Etschkreis.*) Die Erwartung, durch eine Teilung 
der Provinz Tirol in drei gesonderte Kreise die Regierungsthätigkeit 
zu stärken, schlug gänzlich fehl. Die Tiroler waren, gewohnt, nach 
eigenem Ermessen die Anzahl kampffähiger Männer, sei es zur 
Verteidigung des heimischen Bodens, sei es zur Verfügung des 
habsburgischen Hauses gegen feindliche Angriffe zu bestimmen; 
strenge Conscriptionsgesetze auf die rücksichtsloseste Weise durch- 
geführt, rissen nunmehr eine unverhältnismäfsige grofse Zahl Jüng- 
linge aus dem menschenarmen Land in Krieg und Tod für eine 
Allen fremde, den Meisten aber verhafste Sache. Bei der Durch- 
führung des Militär-Conscriptionsgesetzes stiefo man denn auch auf 
mehr oder minder lebhaften Widerstand, je nach dem Grade der 
Beliebtheit, denen sich der Generalkommissär erfreute. Besonders 
grofe und hartnäckig zeigte sich dieser Widerstand im Innkreis, wo 
fast die ganze Jugend aus ihren Wohnungen flüchtete und durch 
das Linienmilitär vergebens verfolgt wurde. Diese jungen Leute 
kamen hervor, wo immer sie nur ihrer Zahl vertrauten, und ver- 
schwanden wieder, wenn sie sich zu schwach dünkten; in einem 
Dorfe des Unter-Innthales wurden Schüsse gewechselt und zuletzt 
mufste das Militär nach vielen vergeblichen Mühen zurückgezogen 
werden. Diese ergebnislosen Verfolgungen steigerten auf der einen 

*) Innkreis, Hauptstadt Innsbruck, 176 l / 4 DMeilen, 202.751 Seelen, 

Eisackkreis, Hauptstadt Brixen, 154»/« - 191,611 „ 

Etschkreis, Hauptstadt Trient . 112'/ 4 226.492 _„ 

443«/« DMeilen, 620,864 Seelen. 



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im salzbargiscben nnd an der bayerischen Sfidgrenze. 



23 



Seite die Verwegenheit, während sie auf der andern das Selbst- 
vertrauen verminderten. Die Truppen fanden sich durch den ver- 
geblichen Kampf mit den Bauern gedemütigt, wahrend diese, stolz 
auf den geleisteten Widerstand, sich um so kraftiger fühlten, von 
nun an nicht« mehr für unerreichbar hielten und von jeder ihrer 
Unternehmung Erfolg hofften. Durch Armeebefehl vom 7. Mai 
1807 errichtete der König ein aus freier Werbung zu bildendes 
Bataillon von 4 Compagnien zu 888 Mann, einschlüssig der Offiziere, 
welches die Benennung »Tiroler Jäger-Bataillon« führte. Es 
wurde im Jahre 1811 aufgelöst, nachdem es am 24. März 1808 
auf 5 Compagnien gebracht, am 27. September in das 7. leichte 
Infanterie- Bataillon Günter, umgewandelt worden war und das 
noch die Namen Herrmann und Treuberg geführt hatte. Sein 
Ruf war nicht der beste, da es sehr zum Desertieren und Marodieren 
neigte. Kein Wunder, da, wie sein Commaudeur Major Günter 
iu einem Berichte vom 25. April 1809 sagte, das Bataillon »aus 
Tirolern schlechtester Klasse« bestanden habe. Die Desertion nahm 
so überhand, dals von 660 Mann, welche das Bataillon bei Aus- 
bruch des Krieges zählte, am 25. April, also nach nur vierzehn 
Tagen, nur noch 158 Mann unter den Waffen waren. In kriege- 
rischer Beziehung konnte es mit keinem der übrigen leichten 
Bataillone, welche durchgehends Elitetruppen waren, verglichen 
werden. Die Tiroler waren gewohnt, von eingeborenen, mit ihrer 
Sitte und Art vertrauten Beamten auf fast patriarchalische Weise 
verwaltet zu werden; und eine neuerungssüchtige Schar zahlreicher, 
zum Teil sittenloser und frivoler Menschen drang iu die stille 
Abgeschlossenheit dieser Gebirgsthäler ein, alles dort bisher be- 
stehende vornehm wegwerfend, Alles besser wissend und umgestaltend, 
oft mit rohem Trotz und unanständiger Öffentlichkeit jedem Gesetze 
der Sittlichkeit und religiöser Duldung Hohn sprechend. Am meisten 
sollen Graf Wels per, General kommissär in Trient, und v. Hof- 
stetten, Direktor in Brixen, beigetragen haben, den Aufstand in 
Tirol vorzubereiten, während, wenn Bayern lauter so pflicht- 
treue und würdige Beamte in Tirol gehabt hätte, als Bonn, 
Buchowsky, Wagner, Eder u. a., das Inswerksetzen des 
Auf6tandes wohl ein wesentlich schwierigeres Stück Arbeit ge- 
wesen wäre. So meint Hormayr. Wir sind dagegen der 
festen Überzeugung, dals wenn sämtliche Beamte nach Wunsch 
der Tiroler gewesen wären, der Aufstand, der von Wien aus 
mit allen Mitteln geschürt wurde, immerhin ausgebrochen wä- 
re. Der Adel des Landes sab sich in seinen Vorrechten, 



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Der Feldzag ton 1809 in Tirol, 



die Geistlichkeit in ihrem Einflüsse wie im Besitztum beeinträchtigt; 
der Handelsstand erlitt namhafte Verluste durch die Erschwerung 
des Handels nach Italien; die alten Beamten, ihrer Stellen enthoben, 
wurden auf geringe Ruhegehalte gesetzt; auf den Bürger- und 
Bauernstand drückten schwere Steuern, die ungewohnte Rekrutierung 
und der Übermut der Beamtenklasse, doppelt fühlbar, weil diese in 
der überwiegenden Mehrzahl aus Fremden bestand. 

Unter solchen Verhältnissen konnte alles Gute, was die baye- 
rische Regierung während ihres Bestehens in Tirol geschaffen, 
nirgendwo Anerkennung finden. Hartnäckig verschlossen sich die 
vernünftigsten und rechtlichsten Bewohner des Landes gegen jede 
noch so zweckmäfsige und wohlthätige Mafsregel, welche von der, 
nach ihrer Überzeugung unrechtmässigen Gewalt ausging. Und nicht 
der kleinste Anteil, warum solche nützliche Neuerungen, wie die 
Festiguug des landständischen Kredits durch Errichtung einer 
Schuldentilgungs - Kommission, die Aufhebung der Patrimonial- 
Gerichtsbarkeit, die Feststellung der gutsherrlichen Rechte u. s. w. 
ohne nachhaltige und vorteilhafte Wirkung verliefen, mag dem 
überstürzenden Unverstände, wie der blindgehorchenden Kriecherei 
der Bureaukratie zugeschrieben werden, welcher die Ausführung dieser 
Verfügungen überlassen blieb. Die überall üppig wuchernde Un- 
zufriedenheit Tirols blieb in Wien nicht verborgen, umsoweniger 
als die im Lande anwesenden ehemaligen Beamten darüber fleifsig 
über die Grenze berichteten. Schon seit Ende Juli 1808 gingen 
überdies fortwährend geheime Boten des tiroler Landvolkes an den 
von ihm besonders hochgeschätzten Erzherzog Johann, und drangen 
auf rasche und kräftige Unterstützung an Kriegs- und Mundvorrat, 
an Volk und Geld. Wie das im begeisterten Fremdenhals aller 
Orten aufflammende Spanien wollte auch das treue Land Tirol sein 
altes gutes Recht, seinen augestammten Kaiser wieder zurückerobern. 
Aber auch hier, wie in Spanien und wie vor hundert Jahren in 
Altbayern hielten sich der hohe Klerus und der begüterte Adel 
scheu und zaghaft von der offenen Teilnahme an dem patriotischen 
Unternehmen zurück. Dafs aber englisches Geld seine Schuldigkeit 
that, kann nicht abgeleugnet werden. Es wanderten englische 
Agenten in Tirol herum, welche Subsidiengelder an die Häupter 
des Aufstandes verteilten. 

Im Auftrage des Erzherzogs Johann verständigte sich im 
Laufe Januar 1809 der Freiherr v. Hormayr mit drei Tiroler 
Abgeordneten, worunter auch der Sandwirt Andreas Hof er von 
Passeyr sich befand, über den Plan zur Befreiung Tirols, dessen 



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im salzburgischen and an der bayerischen Südgrenze. 



25 



Hauptzüge folgende waren: An einem und demselben Tage — 
ursprünglich war der 9. Februar hierfür festgesetzt — sollte auf 
allen Punkten Tirols gleichzeitig der Aufstaud gegen die bayerische 
Herrschaft ausbrechen, welcher durch mündliche Mitteilungen von 
Thal zu Thal, von Haus zu Haus vorbereitet wurde; die zerstreut 
im Lande stehenden Truppenabteilungen sollten von allen Seiten 
umzingelt, Tag und Nacht beschossen und verfolgt und so durch 
Erschöpfung zur Übergabe gezwungen werden. Die Flüchtung der 
öffentlichen Kassen, sowie die Zerstörung der in diesen Gebirgs- 
gegenden doppelt wichtigen Kommunikationen, Strafsen, Brücken 
und Stege müssen, — so hiefs es — im Interesse des einrückenden 
österreichischen Militärs um jeden Preis verhindert werden. Dieses 
sollte in zwei Kolonnen einmarschieren; die eine aus Kärnthen 
durch das Pusterthal in geradester Linie auf die Hauptverbindung 
des Feindes zwischen Italien und Deutschland, die Strafse von 
Verona nach München, vorgehen und nordwärts über den Brenner 
gegen Innsbruck, südwärts gegen Bötzen seine Spitzen vor- 
schieben; die zweite von Salzburg auf der Hauptstralse in das 
Unterinnthal eindringen, Kufstein durch einen Handstreich 
nehmen und sich in Innsbruck mit der ersten Kolonne vereinigen. 
Als einstweilige höchste politische Behörde wurde Hormayr mit 
dem Titel eines »Intendanten« beauftragt, die Leitung der Landes- 
verwaltung in die Hand zu nehmen; ihm waren Roschmann und 
Menz als Unterintendanten zur Seite gestellt.*) 

Freiherr v. Hormayr-Hortenburg, aus einem alten tiroler 
Adelsgeschlechte, darf ohne Zweifel als die Seele und der Kopf der 
ganzen Erhebung betrachtet werden. Am 20. Januar 1782 geboren, 
hatte sich Hormayr als Hauptmann der Tirolerschützen bei der 
Landesverteidigung vom Jahre 1808 dem General Chasteler vor- 
teilhaft bemerkbar gemacht, auch damals schon die Gunst des 
Erzherzogs Johann erworben. Mit Vorliebe der Quellenforschung 
in der alten Tirolergeschichte zugethan, und dadurch in enger 
litterarischer Beziehung mit Hammer und Johannes v. Müller, 
kam der geistreiche und unermüdlich thätige Manu beim auswärtigen 



•) Am 18. April 1809 wurde Legationsrat Hormayr als «Intendant" unter 
dem General-Intendanten Graf Goßs und als sein Stellvertreter ernannt, wenn er 
in Tirol nicht anwesend sei Der Graf betrat aber niemals Tirol und wurde 
schon am 22. April in Padua gefangen. Die Generale, die wenig Lust hatten, 
sich in den „Bauern-Rummel" za mischen, hängten Hormayr auch herzlich gern 
(zumal seit der Achtserklarung gegen Chasteler) die ganze Landesverteidigung 
auf die Schultern. Lebensbilder aus dem Befreiungskriege, 1. 



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26 



Der Feldrng von 1809 in Tirol, 



Ministerium in Wien rasch empor. Das Wohlwollen des Erzherzogs 
Johann und des Grafen Philipp Stadion hob ihn im Jahre 1809 
anf die wichtige Stelle eines Hofkommissär in Tirol. Als solcher 
leistete er durch die Unerschöpflichkeit seines Geistes und die zähe 
Unermüdlichkeit seines leidenschaftlichen Charakters in schwieriger 
und gefahrlicher Lage Bewunderungswertes, wenn auch sein Betragen 
weniger durch die Gefühle des Patriotismus als durch blinden Hals 
gegen die bayerische Regierung und durch mafslose Eitelkeit be- 
stimmt worden sein mochte. Man vergleiche hierüber seine zahl- 
reichen Werke, namentlich die Geschichte Andreas Hofers. Wie 
bekannt verliefe Hormayr im Jahre 1828 den österreichischen 
Staatsdienst und fand durch König Ludwig I. in dem Lande eine 
ehrenvolle und einträgliche Verwendung, dessen Regierung, Heer 
und Bewohner er in früherer Zeit durch Wort und Schrift auf die 
gehässigste Weise angegriffen und verleumdet hatte. Nun wurde 
er Österreichs erbittertster Gegner. 

Noch vor Abreise der Tiroler Gesandtschaft wurde, trotz dem 
ungestümen Vorwärtstreiben der Kriegspartei am Wiener Hofe, der 
Ausbruch der Feindseligkeiten in Tirol auf den 12. März ver- 
schoben. Aber es war dies nicht die letzte Vertagung, zu welcher 
sich des thatkräftigen Reicksritters Stadion Feuereifer durch die 
zaudernde Bedächtigkeit des Erzherzogs Karl und seines Haupt- 
quartiers genötigt sah. Die Verlegung der grofsen Operationsheere 
vom linken an das rechte Donauufer im Laufe des Monats März, 
welche die erste Ursache zu dem gänzlichen Mifelingen der öster- 
reichischen Kriegführung zwischen Isar, Donau und Abens gegeben, 
hatte auch für die Erhebung Tirols eine veränderte Zeitbestimmung 
zur Folge, wonach der 9. April als letzter Zeitpunkt für dieselbe 
festgesetzt wurde. 

Zn dieser Zeit standen vom bayerischen Heere nur 4450 Mann 
in Tirol,*) welche sich in folgenden Stellungen befanden: Das 
11. Infanterie-Regiment, 2 Bataillone, 1 Schwadron vom 1. Dragoner- 
Regiment unter Rittmeister v. Schönhueb (bei derselben befand 



Bat., Schwadr., Batt., Mann, 



11. Linien-Inf.-Regt. 2 

2. leichtes Bat. Wreden 1 

3. leichtes Bat.Bernclau 1 

4. 1. Bat. Donnereberg 1 
1. DiT.d.l.Drag.-Reg. — 
1 Linienbatterie - 



2 - 



1611 Oberst Frbr. v. Ditfurth, 
809 Oberetlieutenant Wreden, 
809 Oberetlieotenant v.Bernclao, 
809 Oberetl. v. Donnersberg, 
260 Major Graf Erbach, 
152 Hauptmann Laim Binder. 



1 4460 



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im salzburgischen and an der bayerischen Sodgrenze. 



27 



sich Major Graf Erbach) und 3 Geschütze in Innsbruck. Das 
2. leichte Bataillon, 2 Compagnien des 4. leichten Bataillons, 
1 Schwadron des 1. Dragoner-Regiment« unter Rittmeister v. Hahn 
und 2 Geschütze (1 Haubitze und 1 Kanone) unter Oberstlieutenant 
Wreden*) in Brixen, mit kleinen Abteilungen, zusammen 227 Mann 
und 56 Pferde (Innichen und Bronecken), in der Mühlbahn- 
Klause, dann bei Oberau 1 Offizier und 40 Mann und an der 
Ladrit8cherbrücke (auch »Hohe Brücket genannt, eine Meile 
nördlich von Brixen, in einem einzigen Bogen über den Eisack 
gespannt) 1 Unteroffizier mit 14 Mann. 2 Compagnien des 4. leichten 
Bataillons nebst einer dreipfündigen Kanone unter Major Speicher 
standen in Sterzing mit Abteilungen in Mauls, 1 Offizier und 
40 Mann, und in der Richtung gegen das Pfitscher Joch, 1 Kor- 
poral mit 14 Mann. Oberstlieutenant Wreden hatte den Auftrag, 
sein Corps bei Brixen zu »logieren«, und nur der Übermacht des 
Feindes zu weichen. Alles übrige war ihm überlassen. Major 
Speicher in Sterzing erhielt Befehl »sich aufs anfserste zu halten 
auch die Commuuication zu wehren und das Pusterthal zu wahren.« 
Vom 3. leichten Bataillon standen 2 Compagnien unter Oberst- 
lieutenant Bernclau in Hall nnd die übrigen 2 Compagnien unter 
Major Theobald in Schwaz, Rattenberg und Brixlegg mit 
kleinen Posten zu Wörgl und im Brixen thal (zwischen Hopfgarten 
und Kitzbühel). 

An der Spitze der kleinen Schar stand als Generalkommandant 
von Tirol der Generallientenant Freiherr v. Kinkel, ein unent- 
schlossener, ängstlicher Mann, der den eigenen Mangel an geistiger 
Frische und moralischer Kraft vergeblich durch pedantische Kleinig- 
keitskrämerei im Dienst und unverständiges Festhalten an dem 
Buchstaben des Reglements auszugleichen strebte. Bei Abtretung 
des Fürstentums Berg, der Heimat Kinkels, war er bereits der 
bayerischen Kriegsdienste entlassen, jedoch auf sein wiederholtes 
Ansuchen, im Oktober 1806 wieder in Pflichten genommen und 
obgleich schon 68 Jahre alt (geb. 1741) unglücklicherweise zum 
Generalkommaudanten von Tirol ernannt worden. Seine Schwäche 
und die Unzuverlässigkeit seiner Gattin wurden benutzt, um Kenntnis 
von den militärischen Plänen und Vorkehrungen zu erlangen und 
die österreichischen Agenten alsbald davon zu verständigen. Minister 

*) Wreden nnd nicht Wrede, wie meist geschrieben wird: Wreden, welcher 
in Tirol das 3. leichte Bataillon befehligte, wurde als Oberst nnd Coromandenr 
des 8. Infanterie-Regiments am 18. Angnst 1812 bei Polozk verwundet und starb 
am folgenden Tage. 



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28 



Der Feldzug von 1809 in Tirol, 



Montgelas hielt sich verpflichtet, Vorstellung über die mangelhafte 
Befähigung des militärischen Befehlshabers zu machen und hierbei 
auf die unbedingte Notwendigkeit hinzuweisen, denselben durch eine 
andere thatkräftige Persönlichkeit zu ersetzen. Allein, man wollte 
ihm den Verdrufe einer Abberufung ersparen und ergriff eine halbe 
Maßregel, indem man den Oberst v. Mylius, Commandeur des 
11. Infanterie-Regiments, den die Tiroler wegen seiner Schwäche, 
die er bei einem Exekutions-Kommando an den Tag legte, den 
Ehrentitel »der Bescheidene« beigelegt, mit Pension verabschiedete 
und an seine Stelle den thatkräftigen und hoch einsichtsvollen Oberst 
v. Ditfurth setzte, um den General mit seinem Rat zu unter- 
stützen. Es wäre aber jedenfalls nötig gewesen, ihm genaue 
Weisungen zu erteilen, was aber nicht geschah. Aus dieser Unter- 
lassung entsprang der nachteilige Umstand, dafs sich Kinkel um 
seinen Beigeordneten gar nicht kümmerte, sondern nach wie vor 
bei seiner unklaren Beurteilung der Lage stehen blieb. Ja, als 
Ditfurth in den General drang, sämtliche Truppen bei Innsbruck 
zu versammeln, um nach Thunlichkeit den Begebnissen entweder 
mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten oder denselben durch 
einen Rückzug auf bayerisches Gebiet auszuweichen, fertigte ihn der 
General mit den höhnischen Worten ab: »Wie es ihm doch sehr 
wundern müsse, dafs der Herr Oberst, der ihm als ein allzeit kampf- 
lustiger Champion bekannt sei, plötzlich so schwarzen Phantastereien 
sich hiugeben könne.«*) Hätte aber Kinkel diesen »Phantastereien« 
eines Hellsehenden und über alle Mafeen tapferen Soldaten Gehör 
geschenkt, so würde die Niederlage vom 12. und 13. April erspart 
worden sein und einige tausend brave Soldaten, welche bis zum 
letzteu Augenblicke ihren militärischen Pflichten in ehrenvollster 
W 7 eise nachkamen, nicht in die Hände rebellischer Bauern gefallen 
sein. Die Katastrophe hat lediglich General lieutenant Kinkel ver- 
schuldet, indem er krampfhaft an der Weisung vom 7. März 1809 
(s. w. u.) festhielt, die für ganz andere Verhältnisse bemessen, auf 
die wirklich obwaltenden durchaus nicht mehr anwendbar war. — 
Am 9. April, dem bestimmten Tage, tiberschritt Feldmarschall- 
Lieutenant Chasteler mit ungefähr 10,000 Mann bei Lienz im 
Pusterthal die damalige bayerische Grenze, nachdem er im Namen 
des Erzherzogs Johann, dem Kommandierenden der Armee von 
Innerösterreich, eine Proklamation in tausenden von Exemplaren hatte 
austeilen lassen. Erzherzog Johann, der schon lange als Patron 



*) Ditfurth, Aub dem Leben des Obersten Ditfurth, 79, 80. 



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im salsborgischeo and an der bayerischen S&dgrenie. 



29 



von Tirol betrachtet wurde, hatte am 8. April zu Villach das 
Besitzergreifungspatent von Tirol unterzeichnet. 

Chasteler's Bestimmung war: bei Brixen und auf dem 
Brenner sich festzusetzen, starke Streifparteien nach allen Richtungen 
in das nördliche Tirol abzusenden, das Volk in Aufstand zu bringen 
und die nächste Verbindung an der Donau mit der italienischen 
Armee herzustellen.*) Im ganzen Laufe des Krieges war überhaupt 
der Besitz der Brennerstrafse für die Strategen in beiden Lagern 
Zweck und Siegespreis des Kampfes in Tirol.**) 

Der Zog Chasteler's durch das Pusterthal, der zuerst den 
Krieg eröffnete, glich einem wahren Triumphzuge. Chasteler und 
Hormayr benutzten die Begeisterung sofort zur Organisation des 
Landsturmes und der Schützen-Compagnien. Der Andrang zu letzteren 
war so grofe, dafs zu Silian in vierundzwanzig Stunden zwei voll- 
ständige Compagnien gebildet waren. 

Gleichzeitig war eine Truppenabteilung unter Oberstlieutenant 
Taxis, 6 Compagnien und V, Schwadron, durch das Pinz- und 
Zillerthal gegen Schwaz entsandt worden, wo sie am 13. Abends 
anlangte und von dort nach Innsbruck marschierte. Oberstlieutenant 
Reissenfeis war mit 900 Mann von Salzburg nach St. Johann, 
auf der Strafse nach Innsbruck, marschiert. 

Die Ankündigung vom Ausbruche der Feindseligkeiten, welche 
Erzherzog Johann an den bayerischen Vorpostenkommandeur ab- 
gehen liefs, gelangte zwar nicht an ihre Adresse. Aber die in der 
Nacht zum 10. auf den höchsten Bergen angezündeten Wach-(Kreide-) 
feuer trugen die Kunde hiervon rasch durch das Land und benach- 
richtigten auch die darin zerstreuten bayerischen Besatzungen, dais 
nun der Kampf auf Tot und Leben beginnen werde. 

Schon am 9. und 10. April wurden einzelne Patrouillen im 
Pusterthal von den Bauern aufgehoben und den heranziehenden 
Österreichern in Triumph entgegengeführt. Die Posten bei Inichen 
und Breunecken wurden gezwungen, sich auf die Mühlbach- 
Klause zurückzuziehen, nachdem sie vorher noch die Brücke bei 
Lorenzen zu verteidigen gesucht hatten. Alle Brücken bis zum 
Brenner und im Pusterthal bis Inichen waren zum Abtragen ein- 
gerichtet worden. 

Am 9. hatte Oberstlieutenant W reden das entbehrliche Geld, 
sowie das Offiziers-Gepäck nach Innsbruck vorausgeschickt; letzteres 

*) Egger, Geschichte von Tirol, 3, 585, 589, 540, 541. 
**) Richter, Der Krieg in Tirol i. J. 1809, Zeitschrift für den deutschen 
und österreichischen Alpenrerein. 6. Bd. 



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30 



Der Feldzug von 180« in Tirol, 



wurde von Tiroler Wegelagerern bei Sterzin g erbeutet. Um die 
Verpflegung zu aichern, wurde auf fünf Tage Brot, Fleisch and 
Fourage empfangen. Am 10. verliefs Oberstlieutenant W reden mit 
seinen Truppen — »Soldat und Offizier waren hochgestimmt und 
gesonnen, Alles für die Ehre und den glücklichen Ausgang zu leisten € 
— die Stadt Brixen und führte sie in eine gesicherte Stellung auf 
dem rechten Eisackufer hinter die Ladrita eher brücke, indem er sich, 
durch Anlehnung an den Ort Oberau, den in Sterzing stehenden 
zwei Compagnien unter Major Speicher zu nähern suchte. Schon 
vorher hatte Wreden die Ladritscherbrücke durch eine Com- 
pagnie besetzen und zum Abbrechen und Abbrennen herrichten 
lassen.*) An der Brücke angekommen, schickte Wreden einen 
Zug Infanterie nach Mühlbach. Und als dieser nicht mehr durch- 
zukommen vermochte, mufste eine Compagnie vom Bataillon Wreden 
abgehen, um die im Pusterthal zum Rückzug genötigten Infanterie- 
und Kavallerie-Abteilungen, sowie dem in Mühlbach stehenden 
Kavalleriepikett Luft zu machen, was auch bewerkstelligt wurde, 
nachdem Oberlieutenant Kolbeck vom 1. Dragoner-Regiment auf 
die Bauern eingehauen hatte. 

Diese Abteilungen waren kaum beim Gros hinter der Ladritscher- 
brücke eingerückt, als der Feind vom linken Eisackufer aus ein 
lebhaftes Feuer gegen die Bayern eröffnete, welches diese und ihrer 
ungedeckten offenen Aufstellung, so gut es gehen wollte, erwiderten 
und durch wiederholte Bajonettangriffe über den Flufs auf die Mitte 
des Feindes zu unterbrechen suchten. Die Abtragung des gröfeten 
Teiles des steinernen Brückenbogens wurde indes bis gegen Abend 
bewerkstelligt, obwohl sich die Haufen der Aufstandischen von 
Stunde zu Stunde vermehrten und endlich auch die Spitzen von 
Chasteler's Truppen auf den Höhen von Schabs eintrafen. Bei- 
nahe gleichzeitig rückte eine 4000 Mann starke Kolonne französischer 
Marschbataillone unter den Generalen Bisson und Lemoine in 
das Lager der Bayern. Es waren Ergänzungsmannschaften, meist 
Rekruten aller Waffen, welche, aus Italien kommend, zur Armee 
von Deutschland stolsen sollten. General Bisson zog mit der 
ersten Hälfte, ohne sich an dem Gefecht der Bayern zu beteiligen, 
noch am Abend weiter gegen Oberau, während General Lemoine 

*) Am 10. am 5 Uhr Morgens hatte der Feind den Posten an der Ladritscher- 
brücke angegriffen, welcher hierbei mehrere Tote und Verwundete hatte. Um 
7 Uhr Morgens meldete der hei Oheraa stehende Hauptmann Qraeff das An- 
sammeln der Feinde. Geschichtliche Darstellung u. 9. w. Feldzag von 1809. 
I. Periode. Kriegs-Archiv. 



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im aalxburgiachen and an der bayerischen Südgrenze. 



31 



für sicherer hielt, mit der anderen Hälfte umzukehren und wieder 
bei dem um Roveredo stehenden Corps des Generals Baragnay 
d'Hilliers einzurücken. Es entsteht hier überhaupt die Frage, oh 
es nicht besser gewesen wäre, wenn auch Bisson und W reden 
dem General Lemoine gefolgt und nach Süden ausgewichen wären. 
Jedenfalls wäre die Truppenabteilung Wreden's von einer Gefangen- 
schaft bewahrt worden, in die sie General Bisson führte. 

Ohne alle Aussicht auf Unterstützung, von allen Seiten um- 
zingelt und angegriffen, nicht nur von bewaffneten Bauern, sondern 
auch von den nun beschleunigten, anrückenden österreichischen 
Truppen bedroht, beschlofe W reden am frühen Morgen des 11. 
seinen Rückzug nach Sterzing fortzusetzen. »Der Anblick der 
österreichischen Truppen verdoppelte den Mut der Insurgenten, und 
zwang die Bayern und Franzosen zum Rückzug über Mittenwald 
gegen Sterzing.«*) W reden nahm die Haubitze an die Spitze, 
die Kanone aber an das Ende. Die Tiroler stiegen teilweise von 
den Bergen herab und folgten der Kolonne so nahe, dafa sich 
Wreden genötigt sah, die Tiroler durch Kartätschenschüsse vor einem 
zu heftigen Nachdrängen abhalten zu lassen. Fortwährend vom 
Feinde umschwärmt und beschossen, langte Wreden Abends unter 
namhaften Verlusten in Sterzing an, wo er zwar die Kolonne des 
Generals Bisson, aber keinen Mann vom 4. leichten Bataillon mehr 
antraf. 

Nach zwölfstündigem Widerstande hatte sich am Nachmittag 
des 11. der Rest der Truppenabteilung Speicher den 5000 Auf- 
ständigen übergeben müssen, welche Andreas Hof er aus Passeyer, 
Algund, Meran und Mintschgnu gesammelt, und noch am späten 
Abend des 10. über den Jaufen geführt hatte. Der Kampf fand 
anfanglich beim Zwölfeturm, dann bei der heiligen Kreuzkapelle 
und schließlich mitten auf dem Moose zwischen dem Pfitscher- und 
Mareitherbach statt.**) Hier leisteten sie, noch 212 Mann stark, 
mit ihrer Kanone, in Carrestellung dem weit überlegenen Feinde 
kräftigen Widerstand. Die Aufständigen rückten ihnen über die 
groCse Moosfläche entgegen, und schoben einen Heuwagen — nach 
dem Bericht des Major Speicher drei Heuwagen — als bewegliche 
Schanze vor sich her, bis sie mit ihren Stutzen den Kanonieren 
beikommen konnten. Den Wagen leitete das Bauernweib Maria 
Porer, gebor ne Hof er aus Wiese, mit Hülfe der Sterzinger Schneiders- 

*) Cod. gern». 5029. Hof- and Staatsbibliothek in Manchen. 
*•) Oder anfern des Schlosses Sprechenstein, nahe bei der Einmündung des 
Riednaaerbaches in den Eiaack. 



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32 



Der Feldlug Ton 1809 in Tirol, 



tochter Anna Zoder. Von 12 Mann, welche die Kanone bedienten, 
wurden 11 getötet und verwundet. Major Speicher war gleich 
anfänglich verwundet worden und hatte bereite um 7 ühr Vor- 
mittags das Kommando dem Hauptmann Cor sei ng übergeben, 
üm '/*12 Uhr übergab auch dieser, nachdem er gleichfalls verwundet 
worden war, dem Hauptmann Poyk das Kommando. Dieser führte 
die Verteidigung bis 2 Vi Uhr Nachmittags, worauf er nach sechs- 
maliger Aufforderung und nachdem alle Patronen verschossen waren, 
den Rest seiner braven Truppen den siegestrunkenen Aufstandigen 
Übergab,*) welche die unglücklichen Soldaten durch Mifehandlung 
für ihren Widerstand bestraften. Die Bayern hatten 40, die Tiroler 
64 Mann tot und verwundet. 1 Major, 10 Offiziere und 380 Mann 
fielen in Gefangenschaft. Die Kanone wurde erbeutet. Von öster- 
reichischen Linien-Truppen hatte nur eine schwache Abteilung Jäger 
und einige Chevaulegers unter Oberlieutenant Gerardt am Gefecht 
teil genommen. 

Mehrere Schriftsteller, namentlich Stutterheim,**) wissen 
von dieser Entsendung des Major Speicher nichts, sondern lassen 
das Gefecht zwischen Hof er und der Arrieregarde des Oberstlieutenant 
W reden stattfinden. 

Als Wreden über den Ausgang des Gefechtes seiner beiden 
Compagnien Gewifsheit erhalten, setzte er noch in der Nacht seinen 
Rückmarsch nach dem Brenner fort. Zwei Compagnien des 4. leichten 
Bataillons bildeten die Avant- und sämtliche Schützen der 6 Com- 
pagnien die Arrieregarde. Am 12. Nachmittags 3 Uhr erreichte die 
Kolonne, nach Überwindung unsäglicher Schwierigkeiten und stets 
vom Feinde verfolgt, Steinach. Namentlich hatte der Übergang 
über den Brenner — »dieser Mordhöhle«, wie sich Wreden in 
seinem Bericht ausdrückt — viele Leute gekostet, da das Wegräumen 
der Verhaue unter dem Feuer des Feindes geschehen niufste. 
Oberstlieutenant v. Donnersberg erhielt eine heftige Contusion auf 
der Brust. »So immer fechtend, mit Hunger und Elementen kämpfend, 
zog die Truppe am 12. nach Steinach, wo die Pferde au beiden 
Geschützen (1 Haubitze und 1 Kanone) totgeschossen wurden. Hier 
zeigte sich die Entschlossenheit der Soldaten im schönsten Lichte. 
Die Artilleristen bewaffneten sich mit den Gewehren der Getöteten, 
trieben mit der sehr geschwächten Arrieregarde den Feind zurück, 

*) „Nachdem sie in mehrstündigem Kampfe gegen die unverh&ltnism&lsige 
Überzahl, ausgezeichnete Tapferkeit und Disziplin bewährt - (Schüti) Geschichte 
der Kriege in Europa, 8, 174. 

**) La guerrc de Tan 1809 entre l'Autriche et la France 1, 46. 



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im aalzborgiachen and an der bayerischen Sndgrenie. 



33 



wahrend die Pferde von einigen Rüstwagen vor das Geschütz 
gespannt, und solches auf diese Weise wieder fortgebracht werden 
konnte.« »So wurde« — sagt Wreden, »das Diadem des Corps 
gerettet.« Wer von der Marschkolonne znrückblieb, verwundet 
oder entkräftet, fiel in die Hände des auf den Fersen folgenden 
Feindes und erlag oft den erbarmungslosen Streichen der zu sinn- 
loser, grausamer Wut aufgestachelten Bauern. Die Tiroler legten 
hiermit den Grund zu den Wiedervergeltungsmafsregeln, welche die 
Bayern bei der noch im Laufe des Jahres 1809 erfolgten Unter- 
werfung Tirols nahmen — ein Umstand, der von den antibayerischen 
Schriftstellern geflissentlich aufser Acht gelassen wird. 

Chasteler, der am 12. in Brunecken eintraf, nahm am 13. 
Stellung bei Sehabs. Er liefs die Stellung bei der Ladritscher 
Brücke und der Brixener Klause befestigen. 

Während sich diese Vorfalle im Süden des Brenners abspielten, 
erschütterte ein uoch gewaltigeres Ereignis das nördliche Tirol. 
Generallieutenant Kinkel hatte weder durch die politischen Behörden 
des Landes noch von seinen auf den Hauptstraisen vorgeschobenen 
Posten andere als ungenügende, halbe, sich häufig widersprechende 
Andentungen über das Wesen der Bewegung erhalten, welche sich 
in den entfernten Winkeln des Landes verbreitete. Unsicher und 
ängstlich, fand er in dem geringen Vorrate seiner Erfahrung und 
seines Wissens kein Schema, welches auf eine solche, allerdings 
trostlose Lage passen wollte. Aber er fand auch in sich selbst 
nicht die Kraft und den Mut, von einem erhaltenen höheren Befehle, 
der für ganz andere Verhältnisse bemessen und auf die wirklich ob- 
waltenden durchaus nicht mehr anwendbar war, rasch und gründlich 
abzugehen. Im Unter- Innthal gingen am 10. April Laufzettel an 
alle Gemeindevorsteher und Gerichtsanwälte herum, welche das 
allgemeine Aufgebot enthielten. Auch hiervon erfuhren die baye- 
rischen Behörden nicht das geringste. Ein Beweis, dafe das Sicher- 
heitswesen sehr schlecht bestellt war. 

Am 11. fielen von Seiten der Aufständigen die ersten Schüsse 
auf den Posten am Pulverturm — ausserhalb des Innrains nach 
Axams — womit der Kampf mit der bayerischen Besatzung begann. 
Die Sturmglocken liefsen ihr schauerliches Geläute vernehmen. 
Zahlreiche Bauernschwärme bedeckten die Abhänge des Berges Isel. 
Aus allen Befehlen und Verfügungen, welche Kinkel noch am 11. 
erliefe, geht mit voller Klarheit hervor, dafs er von der kritischen 
Lage, in der er sich thatsäeblich befand, nicht die geringste Ahnung 
hatte. Statt seine Truppen, welche bis Wörgl ausgedehnt waren, 



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34 



Der Feldxng toi» 1809 in Tirol. 



bei Innsbrack zu versammeln and die Abtei Miltaa und die 
Sillhöfe zur Verteidigaog einzurichten, wie ihm Oberst Ditfurth 
vorgeschlagen hatte, sandte er noch am 11. 2 Compagnien, 1 Zug 
Dragoner und 1 Kanone unter Major Zoll er nach Zirl, um auch 
im Ober-Innthal einen Beobachtungsposten zu haben. Oberst Dit- 
furth erhielt die Weisung, mit 4 Compagnien, 2 Geschützen und 
2 Zügen (1. und 2.) Kavallerie die vom Berg Isel vordringenden 
Tiroler zurückzutreiben und dann eine Strecke weit auf der Brenner- 
stralse vorzurücken. Ein Zug der 3. Dragoner-Schwadron stand an 
der Strafee, welche nach der Gall wiese führt. »Die Kavallerie 
konnte an diesem Tage nicht mehr leisten, als die Infanterie zu 
sutenieren und die Nacht hindurch zu patrouillieren. t*) Mit dem 
Rest verblieb Kinkel in Innsbruck, wo die gewöhnlichen Wachen 
verstärkt wurden. 

Zunächst entspann sich das Gefecht beim Husselhof und an 
der Gallwiese. Die Bayern vermochten hier nichts auszurichten. 
Auch der Versuch Ditfurth's, über den Berg Isel und die Hoch- 
fläche von Natters die Aufstandigen im Rücken zu nehmen, schlug 
fehl. Um die Mittagszeit begann das Kleingewehrfeuer auch auf 
dem rechten Sillufer beim Coret- oder Lemmenhof, das sich 
allmählich über den Pasch berg gegen Ambras ausdehnte. Hier 
standen die Mannschaften ans deu Dörfern um Innsbruck. Auf 
beiden Sillufern dauerte das Feuern bis zum Einbruch der Nacht, 
worauf Kinkel die Truppen wieder nach Innsbruck zurückgehen 
Hefa. Starke Piketts blieben bei der Ziegelhütte in der Richtung 
gegen die Gallwiese und aufserhalb Mariahilf auf der Zirler- 
straise. Auch die Truppenabteilung Zoller, welche kühn bis Zirl 
vorgedrungen war, traf, nachdem es sich durch die inzwischen sehr 
verstärkten Massen der Aufständigen durchgeschlagen hatte, eben- 
falls glücklicli in Innsbruck ein. Eine Abteilung Chevaulegers, 
welche unter Oberlieutenant von Hagen von Seefeld bis in die Nähe 
von Zirl aufklärend vorgezogen war, rettete sich, mit Hinterlassung 
von 10 Gefangenen, durch eilige Flucht. Die Unternehmungen 
nach beiden Richtungen, sowohl gegen den Berg Isel als gegen 
Zirl, waren mifslungen. Schwereres sollte noch folgen. 

Ein Augenzeuge**) spricht sich über diese Gefechte wie folgt 



*) Relation des Major Graf Erbach. Feldiug 1809. Tiroler Insurrection. 
I. Kriegs-Archiv. 

•*) Danej. Geschichte Tirols ?on 1807—1814. Manuskript nnter Cod. germ. 
6029 auf .ler Hof- und Staatsbibliothek in München. 83a und b. 



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im aalzburgiachen und an der bayerischen Sudgrenre. 



35 



aus: »Ganz gewifs sind bei den Ereignissen in und um Innsbruck 
grobe und wichtige militärische Fehler gemacht worden. Der 
Oberst Ditfurth hätte seine Truppe nie auf Gebirgs- und Feld- 
strafsen den Bauern entgegenfahren sollen. Durch unnütze zweck- 
lose Erstürmungen verschiedener Hügel verlor er eiue Menge Leute, 
oder ermattete sie wenigstens. Durch das Vordringen in manchem 
Gebirgsweg gab er den Aufständigen nur sicheren Spielraum aus 
ihren Felsen und Schluchten desto gewisser seine besten Offiziere, 
seine Kanoniere und Kanonenpferde zu erschiefeen. Ich glaube, 
dafs durch das ganze fürchterliche Kanonenfeuer nicht einem ein- 
zigen Aufständigen ein Haar ist gekrümmt worden. Im Gegenteil, 
so oft eine Kanone abgefeuert wurde, und eine Kugel ein Felsen- 
stück zersplitterte oder einen Baumast wegrife, Helsen sich wieder 
ganze Abteilungen Bauern frei auf den Hügeln sehen, und zeigten 
den Soldaten, in einer Hand den Hut, in der anderen den Stutzen 
haltend, wie sogenannte Zieler beim Scheibenschiefeen, wenn die 
Scheibe gefehlt, zu thun pflegen u. s. w. Hätte der Oberst 
Ditfurth seine ganze Mannschaft und Gesamtkraft in der 
Stadt beisammen gehalten, ich zweifle, ob die Bauern 
einen Sturm würden gewagt haben. Allein es schien, der 
Herr Oberst wollte sich Ehre machen, und glaubte anfangs 
den Spafs gerade so mit einigen Kanonenschüssen abzu- 
tbun. Doch die Wahrheit zu sagen, haben die Herren 
Bayern damals weder unser Volk, noch weniger den Volks- 
krieg im Gebirge gekaunt.«*) 

Ganz Tirol war im Aufstand und alle Verbindungen unter* 
brochen. 

In der Nacht zum 12. April vollendeten die Aufständigen die 
gänzliche Umzingelung Innsbrucks, was Kinkel in seiner Ver- 
blendung nicht bemerkte. Eine Masse Aufständiger hielt den Berg 
Isel von der Gallwiese bis an die Sill oder Wiltau, eine andere den 
Paschberg vom rechten Sillufer bis über Ambras und eine dritte 
die Höhen des linken Innufers von Kranabitten bis Höttingen besetzt. 
Bei den Aufständigen fehlte ein Oberkommando und ein Kriegsplan. 
Sie handelten instinktiv und siegten — da sie alle nur einen Zweck, 
die Vernichtung der Bayern, im Auge hatten. Neben vielem schlecht 
bewaffneten Gesindel, waren die trefflich organisierten und mit guten 



*) Der Vorwurf, sachlich gerechtfertigt, trifft eigentlich dem Generallieutenant 
Kinkel, der diesen Vuratofs angeordnet hatte. 

3* 



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36 



Der Feldtag von 1809 in Tirol, 



gezogenen Gewehren bewaffneten Schützen-Compagnien aus Axam, 
Seirain, Matrey, aus dem Ober-Iunthal bis Fürstenmünz und Nau- 
ders, aus dem Ötz- und Stubeithal, der Leutasch uud selbst aus dem 
oberen Pinzgau vorhanden. Da sah mau, wie es bei Massenaufgeboten 
gewöhnlich der Fall, eine wahre Masterkarte von wirklichen und 
improvisierten Waffen. Neben Flinten, Musketen, Pistoleuläufen 
beziehungsweise alle Arten von Gewehrsysteraen, sah man Stangen, an 
deren Enden Bajonette, Sensen und Messer befestigt waren. Dagegen 
waren die Schützen-Compagnien mit Stutzen bewaffnet, den sie mit 
grofser Geschicklichkeit handhabten, wenngleich ihre Sicherheit im 
Schiefsen sehr ubertrieben worden ist. So gefallen sich die Tiroler 
den Verlust au toten Offizieren, welche die Bayern im Jahre 1809 
erlitten, ungemein zu vergröfsern. In der That betrug er jedoch 
nur 26 Mann. — In Innsbruck warteten die unteren Volksklassen nur 
den Augenblick ab, um gemeinschaftliche Sache mit ihren Lands- 
leuten zu machen. Dazu das offene, zur Verteidigung höchst un- 
vorteilhaft gelegene Innsbruck. Eine schöne Perspektive für die 
vielleicht noch 1200 Mann starke Besatzung. 

Am späten Abend des 11. April hielt Generallieutenant Kinkel 
Kriegsrat, zu dem er aufser allen Stabsoffizieren auch eine Anzahl 
hoher Civilbeamten berief, darunter den Justizrat Dipauli, der, 
obgleich bayerischer Beamter, zu den geheimen Häuptern des Auf- 
staudes gehörte. Über das Schicksal des 3 leichten Bataillons 
wulste man noch nichts. Dagegen traf vom Oberstlieutenant W reden 
die Mitteilung ein, dafs er hoffe am 13. April bei Innsbruck ein- 
zutreffen. Diese Mitteilung forderte zum Festhalten bis zum Ein- 
treffen dieser Abteilung auf. Wiederholt machte Oberst Ditfurth den 
Vorschlag, die Abtei Wiltau und dieSillhöfe mit gesamter Macht 
zu besetzen, was Kinkel abermals verweigerte. Der Schutz der 
Offizier- und Beamten -Familien in Innsbruck dünkte dem General 
höher als die Verteidigung jener wichtigen Stellung. 

Seiner völligen Unkenntnis der Lage aber setzte Kinkel durch 
seinen Befehl vom 11. Abends 10 1 /* vollends die Krone auf.*) 
Nachdem er die Abtragung der Brücke bei Lorenzen getadelt, 
erteilte er dem Oberstlieutenaut W reden den Befehl, den General- 
Kommissär von Br ixen zu veranlassen, eine Proklamation zu erlassen, 
wonach jeder mit der Waffe in der Hand betroffene Bauer 

*) Interessante Beiträge xo einer Geschichte der Ereignisse in Tirol vom 
10. April 1809 bis zum 20. Februar 181U. 1810, 31— 33. 



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im MÜiburgischen und an der bayerischen 80dgrenze. 



37 



auf der Stelle totgeschossen und alle in Aufständigkeit be- 
findliche Gemeinden angezündet werden sollten. Bei- 
gesetzt war: eine Malsregel, welche der Herr Oberstlientenant iu 
Vollzug werde zu bringen wissen. Im Fall sich das General- 
Kommissariat nicht zur Ausführung einer solchen Malsregel befugt 
hielte, werden der Herr Oberstlieutenant suchen, die Überzeugung 
zu verbreiten, dafs aufständige Unterthanen als Rebellen von den 
Militärbehörden angesehen, und so, wie oben gesagt, behandelt 
werden. In dem Augenblick, in welchem Wreden auf seine eigene 
Rettung bedacht nehmen inufste, erhielt er einen solchen Befehl, 
der vollste Freiheit des Handelns voraussetzte. 

Die Nacht zum 12. April verlief ruhig. Hin und wieder krachte 
wohl noch eiu Biichsenschufs durch die dunkle Nacht, aber sonst 
herrschte tiefe Stille in beiden Lagern; nur zuweilen trug der 
untere Wind den Schall von fernem Gewehrfeuer aus der Gegend 
von Hall an das Ohr der müden Schildwachen. Kinkel ahnte 
noch immer nichts von den Vorfallen bei Brixen und Sterzing, 
er ahnte nicht, dafs seine iu der Nacht an Oberstlieutenant Beren- 
clau und Major Tbeobold abgesandten Boten von den Bauern 
aufgefangen wurden; dafs die vom Unterinnthal hertönenden Schüsse 
die Gefangennahme der beiden in Hall und Volders eingeschlossenen 
Compagnien des 3. leichten Bataillons bedeuteten. 

Für den 12. April traf Kinkel folgende Anordnungen. 
Major v. Zoller sollte die am linken Innufer gelegene Vorstadt 
Kothlake und die Innbrücke mit 2 Compagnien und 2 Ge- 
schützen, Oberstlieutenant Spansky mit 4 Compagnien die inneren 
Wachen und die übrigen Eingänge besetzen. Major März wurde 
mit 2 Compagnien nach Wiltan entsendet, um von dort den 
General Bisson und Oberstlieutenant Wreden auf der Brenner- 
strafse entgegenzugehen. Die Hauptreserve, 4 Oompaguien, 1 Geschütz 
und 120 Dragoner (Major Graf Erbach) nahmen unter Oberst 
Ditfurth Stellung auf dem Platz vor der Hanptwache. Ver- 
rammlung der Eingänge der Stadt und Verteidigungaeinrichtungen 
gutgelegener Objekte wurden nicht angeordnet. 

Von den Stubayern waren, als der Morgen des 12 April graute, 
einige Wagehälse vom Berge Isel heruntergeschlichen, in das Dorf 
Wiltau eingedrungen und hatten die Dragoner dort angegriffen. 
Allein diese hieben auf diese frechen Burschen ein und töteten 
mehrere. Mit genauer Not und zum Teil verwundet, entkamen die 
übrigen. Die Dragoner hatten gleichfalls einige Tote. Wiltan 



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38 



Der Feldzng Ton 1809 in Tirol, 



wurde nun mit Infanterie besetzt, wovon sich ein Teil hinter die 
Kirchhofmauer aufstellte. 

Nachdem sich um 6V4 Uhr Vormittags die Ober-Innthaler mit 
den Höttingern vereinigt hatten, schritten sie gemeinschaftlich zum 
Angriff der Innbrücke. Es geschah dies so schnell, dafe das außer- 
halb Mariahilf aufgestellte bayerische Pikett sich mit genauer 
Not in die Stadt zu retten vermochte. Die Aufständigen waren 
nun Herrn des linken Innufers und beschossen die auf dem rechten 
Ufer stehende bayerische Infanterie. Eine Kanone deckte die 
Innsbrücke. 

Während dieses Gefechtes an der Innbrücke, wurde auch Major 
März von zahlreichen Aufatändigen unter Pf urtscheller, 
Schandel, Bucher und Tiefen brunner angegriffen. Die Tiroler 
waren in Wiltau eingedrungen und hatten die Bayern aus der 
Kirche und dem Kirchhof vertrieben. Major März leistete in 
Wiltau zwar geraume -Zeit kräftigen Widerstand, er konnte aber 
nicht verhindern, dafe die Aufständigen gegen die Triumphpforte 
vordrangen und ihn abzuschneiden drohten. Als Oberst Ditfurth 
hiervon Meldung erhielt, rückte er mit 2 Compagnien, denen die 
Kavallerie folgte, durch die Neustadt herbei. Beim Durchmarsch 
durch die Neustadt erhielt Ditfurth einen Schüfe in den rechten 
Schenkel. Die Tiroler wurden wieder aus Wiltau hinausgeworfen 
und von den Dragonern auf freiem Felde eingeholt, wo es zu 
einem blutigen Gemetzel kam, in welchem der Bauernführer 
Schandel zusammengehauen wurde. Auch die bei der Triumph- 
pforte liegenden Häuser wurden von den Aufständigen gesäubert. 
Oberst Ditfurth erhielt einen Schüfe oberhalb der linken Hüfte. 
Seine Soldaten waren darüber so erbittert, dafe sie alle mit der 
Waffe in der Hand ergriffenen Tiroler ohne Erbarmen über die 
Klinge springen liefeen. Inzwischen hatte sich auch eine Bauern- 
schar, die bisher auf dem Paschberg gestanden, über die Wiltauer- 
felder der Stadt genähert, während jene auf der Gallwiese sich 
gleichzeitig gegen den Innrain zogen. So wurde Innsbruck immer 
enger von den Bauern eingeschlossen. 

Nun wurde an eine Übergabe gedacht. Während General- 
lieutenant Kinkel als Grundbedingung den Abmarsch mit allen 
Kriegsehren begehrte, verlangten die Bauern Niederlegen der 
Waffen. Umsonst war die weifee Fahne aufgezogen worden. Von 
diesem Augenblicke an, bemächtigte sich Kinkel's eine völlige 
Ratlosigkeit; er beratschlagte mit dem General-Kommissär und 



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im takbnrgiechen and an der bayerischen Sfidgrenxe. 



39 



seinen Beamten, frag die Pfarrer am Rat und zog sich dann 
klagend und verzweifelnd wieder in seine Wohnung zurück. Die 
Führung der Truppe fiel dadurch einem Tüchtigeren zu, dem Oberst 
Ditfurth, der leider die ganze Zeit über als der zweite in der 
militärischen Befehlsfflhrang so wenig zu sagen gehabt hatte, dafe, 
als ihn die Verhältnisse auf den ersten Platz riefen, nichts mehr 
zu thun übrig blieb, als mit Ehren unterzugehen. Und dies ge- 
schah denn auch im höchsten Sinne des Wortes. — 

(Fortoefcnng folgt) 



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m. 

Drei Kavallerie-Divisions-tTtuiigeii. 



Die Kavallerie-Divisions-Übungen, welcbe bisher stattgefunden 
haben, lassen sich im Allgemeinen in drei Arten einteilen. 

Anfänglich bestanden dieselben insbesondere aus Exerzier- 
Übungen einer vollzähligen Division, für welche ein zweckmäfsiger 
Platz, zumeist ebenes oder hügeliges Gelände ausgesucht war. 

Sodann fanden Übungen von zwei Kavallerie-Divisionen gegen- 
einander statt, und wurde hierbei auch auf ein Glied formierte 
Kavallerie verwendet. 

Endlich waren auch Kavallerie - Divisionen gelegentlich der 
gröfseren Truppenübungen in Verwendung genommen wordeu ; 

Nach unserer langjährigen Erfahrung sprechen wir die Über- 
zeugung aus, dafs diese vorbenannteu Übungen in ihrer angegebenen 
Reihenfolge von grofser Bedeutung für die Kavallerie und die 
Armee sein dürften. Brigade- Exerzieren wie Exerzieren der Kavallerie- 
Division erhalten aber erst erhöhte Bedeutung durch die beiden 
anderen Übungen. Nur nach diesen, bei welcher Gelände und 
Gefechtsverhältnisse ihren grofsen Einflnfs auf Form und Wesen 
des Gefechtes einer Kavallerie- Division erkennen lassen, werden 
erneute Exerzierübungen der Divivion von erhöhter Wichtigkeit, 
werden solche Exerzierübungen als wahre und richtige Vorbereitung 
für das Gefecht an Bedeutung gewinnen können. 

Die Formationen auf einem Gliede sind insofern von praktischem 
Werte, weil durch dieselben die Möglichkeit gegeben ist, das Wesen 
der Sache zu fördern, ohne die Schwierigkeit und Kosten der Ver- 
sammlung so grofser Kavalleriemassen besonders fühlbar zu machen, 
und aufeerdem sind sie ein Mittel, zahlreichere Führer bis zum 
Zugführer herab vorzubereiten. Im Allgemeinen haben Exerzier- 
Übungen der Brigaden und Kavallerie-Divisionen geringeres Interesse, 
während die Übungen zweier Divisionen gegeneinander und ins- 



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Drei K&Tallerie-DiTisions-Übangen. 



41 



besondere die Verwendung solcher Kavallerie-Divisionen gelegentlich 
der größeren Truppenübungen eine sehr hohe Bedeutung haben. 

Diese hohe Bedeutung fanden wir insbesondere darin, dafs wir 
ee für vollständig unmöglich halten , dafs Kavallerie - Divisionen 
zweckmäfsig in Gefechten verwendet werden können, wenn nicht 
solche vorbereitende Übungen mehrfach durchgemacht wurden, wenn 
die Truppe nicht sorgfältig, gründlich und übereinstimmend nach 
gleichen Grundsätzen erzogen ist. 

Nach dieser allgemeinen Bemerkung möchte ich mich den 
einzelnen Übungen zuwenden und vorausgehend mir nur noch einige 
kurze Bemerkungen über unseren kavalleristischen Unterricht ge- 
statten. 

Der Reituuterricht krankt ausgesprochen an einer übergrofsen 
Gelehrsamkeit. Ich habe hier vor Allem zu bemerken, dafs es ein 
überaus grofser Mangel in diesem Reitunterrichte ist, dafs die vor- 
handenen vortrefflichen Reitinstruktionen gerade für unser kaval- 
leristisches Vorgehen weitaus zu umfangreich und zn gekünstelt 
sind. Ihre Verfasser waren unstreitig ganz vorzügliche Reiter; 
warum sie dies geworden, auf welchem Wege sie zu dieser gröfseren 
Fertigkeit gelangt sind, ist ihnen jedoch leider in Vergessenheit 
geraten. Sie stehen auf einer Stufe der Vollkommenheit, dafs sie 
auf ihren Pferden nur denken und, ich möchte sagen, unbewufet 
das Gedachte ausführen. Sie haben vollständig vergessen, dafs es 
lediglich die Übereinstimmung aller der verschiedenen Hülfen des 
Sitzes, des Gewichtes, der Zügel und der Schenkel ist, welche dahin 
geführt hat, dafs eine jede der verschiedenen Hülfen in ganz 
unmerklicher Weise angewendet, gerade durch die volle Über- 
einstimmung aller, auch die vollkommenste Wirkung erzielt. Mir 
ist es jedoch ganz unzweifelhaft, dafs es ein vollständig verfehlter 
Weg ist, wenn man unsere Reiter nicht auf eine Weise instruiert, 
dafs zuerst jede einzelne dieser Hülfen klar und deutlich erfafst 
ist, um sodann dieselben mit der Zeit auch in Übereinstimmung 
anwenden zu lernen. 

Ich werfe hier nur einige Fragen auf: 

1. Wieviele ganz vorzügliche Abhandlungen über den richtigen 
Sitz bestehen und wie viele Lehrer giebt es, welche solchen 
Sitz anweisen, wie viele Reiter, die in der That beweisen, 
dafs sie vollständig richtig sitzen, dafs sie im Stande sind, 
jene Hülfen zu geben, welche allein bei ganz richtigem 
Sitze denkbar erscheinen? 



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Drei KavaUerie-DiTisions-Übangfln. 



2. Wie herrliche Instruktionen besitzen wir über die Wendungen 
auf der Vor-, Mittel- und Hinterhand, wie viele Lehrer 
besitzen wir, welche dies verständlich anweisen, wie viele 
Reiter, welche nur allein die wichtigste Wendung auf der 
Hinterhand richtig ausführen können? 

3. Was nützen hier die gelehrtesten Abhandlungen und Vor- 
träge, was die vollkommensten nach der Instruktion aus- 
einander gesetzten Faustdrehungen, wenn der Reiter — 
Hand aufs Herz — den Zügel jedesmal und hauptsächlich 
nach rückwärts verhält und zu den Wendungen noch ein 
wenig auf die verkehrte Seite aufwärts zerrt? 

4. Was nützt es, wenn der weitere Fehler gemacht wird, dafe 
die abgekürzten Gänge nicht aus den räumigen durch ver- 
mehrte Körperanspannung erzielt werden, sondern durch 
feste Fäuste, durch Festhalten am Zügel, was noch zumeist 
mit losem Arme geschieht, — wenn der Galopp nicht 
grundsätzlich aus dem Mitteltrabe angenommen wird? 

5. Wohin gelangt mau sodann , wenn man die gebogenen 
Stellungen und Seitengänge ähnlich reiten läfst, wenn man 
Bearbeitung der Halswirbel und Genickbiegung ebenso 
gelehrt ausführen will? 

Man bewirkt das gerade Gegenteil von dem, was man be- 
absichtigt, man macht aus den Pferden stumpfe, gebrochene Tiere 
Schenkelgänger statt Rückengänger wie v. öttinger in seiner 
»Geschichte und verschiedene Formen der Reitkünste nach Holleuffer 
so überaus richtig und treffend sagt. Zudem erzieht man sich statt 
gewandter Reiter recht unbeholfene »Halte- und Druckmaschinen«, 
verdirbt sich Pferde wie Reiter ganz und vollständig für unsere 
kavalleristischen Zwecke. 

Auf solche Weise will man im langen Galopp über Stock und 
Stein wegkommen und dabei die Gelenke und Sehnen der Pferde 
erhalten, auf solche Weise will man Kavalleristen erziehen?! — 
Andere Ergebnisse habe ich bei solchen Grundsätzen noch nicht 
gesehen wie gebrochene Pferde mit dicken Gelenken und Sehnen, 
verdrehte und verschrobene ganz unbeholfene Reiter, wahre Kork- 
ziehergestalten, und dazu natürlich beinahe ausschliefslich verhaltene 
kurze oder heftige Gangarten ohne jede Spur von Ranmigkeit, Ruhe 
und Ausdauer. 

Schon mehrfach war ich bemüht, darauf aufmerksam zu machen, 
wie verkehrt hier leider noch recht oft verfahren wird: anstatt mit 
den einfachsten Hand Werksvorteilen, anstatt mit gründlichem, 



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Drei KÄTaUerie-Dmuiona-Übungei). 



43 



einfachem und klarem Unterrichte in den Hauptfertigkeiten, wird 
in der Regel mit unverwüstlicher und ganz unfruchtbarer Gelehr- 
samkeit vorgegangen. Hier liegt ein schwerer Vorwurf für unsere 
Schulen des Reiters, da sich dieselben nicht vor Allem die Aufgabe 
gestellt haben zu zeigen: 9 wie man in sechs Monaten aus den 
Rekruten, brauchbare Reiter erziehen kann.t Hier liegt die Haupt- 
schwierigkeit und die wahre Grundlage, um mit der Zeit eine 
tüchtige, praktische Soldatenreiterei zu verbreiten, die keineswegs im 
Gegensatze mit irgend einem Reitsysteme steht, wohl aber aus allen 
diesen Systemen das Einfachste, für unsere Zwecke Brauchbarste 
herausnimmt, eine klare, leicht fafsliche Schule oder Lehr weise 
festsetzt, auf welcher fortdauernd allein das überhaupt Erreichbare 
errungen werden kann. 

Wird durch die Schule (Reitinstitute u. dergl.) dieser wichtigste 
Zweck möglichst vollkommen erreicht, so hat sie ihre Aufgabe 
gelöst; alle Abzweigungen wie »höhere Schule«, »Rennen«, »Jagd 
mit oder ohne Hunde« u. s. w. können angefügt werden ohne 
jeden Schaden. Ist der Hauptzweck aber nicht erreicht, so bleibt 
alles Übrige recht überflüssig, denn es kann nur dazu beitragen, 
die wichtigste Aufgabe der Schule dem Auge weiter zu entrücken 
und fernzuhalten. 

Nach dieser kurzen Berührung der wichtigsten und einflufs- 
reichsten Grundlagen für alle kavalleristischen Leistungen, welche um 
so ein flufsrei eher bei der Kavallerie sind, weil ohne tüchtige, praktische 
Reitausbildung selbst die Ausnutzung des Pferdes, »der Hauptwaffe 
der Truppe«, nur unvollkommen, wenn nicht am Ende mangelhaft, 
möglich ist, wieder zurück zu unseren Übungen. 

Die Ausbildung der verschiedenen Regimenter und Schwadronen 
zeigte unbestreitbar recht bemerkliche Verschiedenheiten, Verschieden- 
heiten, welche allerdings nur dem erfahrenen Reiter-Offiziere be- 
sonders auffällig sein konnten. Es gehört ein recht geübter Blick 
dazu, um vorhandene Ungleichheiten und Mängel in der Erziehung 
und Ausbildung der Abteilungen klar zu erfassen und das Wesent- 
liche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Dieser Blick ver- 
schwindet unter Umständen sogar in der Kavallerie, wenn er nicht 
fortwährend und sorgfältig herangezogen wird. Die Grundpfeiler 
für entsprechende taktische Ausbildung der Kavallerie 
sind Festhalten von idealer Ordnung und Ruhe selbst bei 
räumigsten Gangarten. Die ganze Ablichtung und Erziehung 
darf dieses Ziel nie aus den Augen verlieren. Wenn in irgend 
einer Waffe Ruhe, Ordnung und Sicherheit bei entsprechender 



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44 



Drei Kavallerie-DiTisions-Ülrangen. 



Raumigkeit der Bewegung als wichtigste Grundlage für ihre Erfolge 
unter allen Verhältnissen herrschen mufs, so gilt dies insbesondere 
für die Kavallerie. Sie mufs sich im Trab und Galopp, in allen 
taktischen Formen und in allen Lagen eben so sicher bewegen wie 
im Schritte; sie mufs namentlich auch in ungunstigem Gelände diese 
Sicherheit bewahren bis zum Kommando Marsch! Marsch! Auf 
dieses mufe die Truppe mit aller Macht und in den Schwadronen 
zusammenschliefsend los reite u. Sind schon die Gangarten Trab und 
Galopp mit gröfserer Sicherheit und Ruhe bei voller Raumigkeit zu 
reiten, so wird meist noch der Fehler gemacht, dafs schon beim 
Exerzieren viel zu lange Marsch! Marsch! geritten wird. Der 
Führer mufs die Kommandos Marsch! Marsch! und gleich darauf 
Trab! zur Beendigung des Angriffes rasch auf einanderfolgen lassen, 
dabei auf das ungestümste, kräftigste und geschlossenste Losreiten 
halten. Sind wir befähigt, den Galopp mit voller Ruhe, Sicherheit 
und Raumigkeit zu reiten, so werden wir im Ernstfalle auf 100 Schritt 
vom Gegner das Marsch! Marsch! befehlen und nach ungefähr 
50 Schritten auf denselben stofsen. Warum also reiten wir dieses 
Marsch! Marsch! bei den Exerzierübungen auf längere Strecken? 
Es mufs solches Verfahren entschieden schlechte Folgen haben, 
Führer wie Truppe verderben. Nach unserer Überzeugung kommt 
es insbesondere daher, dafs die Führer der gröfeereu Verbände dieses 
Kommando auf den Entfernungen vor der Truppe geben, auf welche 
sie bei deu Bewegungen nach dem Reglement angewiesen sind. 
Unserer Ansicht nach wäre es weit besser, wenn die Führer voraus- 
eilend sich Front gegen die Truppe stellen würden, auf ein Zeichen 
dieses Führers sodann durch Schwadronschefs und Zugführer die 
Kommandos Marsch ! Marsch! — ähnlich wie im Ernstfalle, wo dies 
auf 100 Schritte vom Gegner gegeben werden mufe — und kurz 
darauf Trab erfolgen würden. Das reglementäre Handgemenge und 
Verfolgen halten wir für ausgesprochen unzweckroäfsig und gänzlich 
unnötig, wenigstens in der bisher gebräuchlichen Art und Weise 
ausgeführt. Das Handgemenge hat mit dem Zurückgehen der 
Kavallerie allerdings eine bedenkliche Ausdehnung angenommen, wie 
auch das regellose allgemeine Verfolgen. Wir erinnern uns noch 
recht wohl wie die längst verschwundene Geueration der Kavallerie- 
Offiziere die Ansicht vertreten hat, dafs »wirkliche Zusaramenstöfee 
nur ganz selten stattgefunden hätten.« Erst die neuere Zeit brachte 
der Kavallerie dieses Handgemenge bei jedem Angriff. Stellen wir 
uns die Zusammensetzung der Kavallerie dieser Zeit vor: »Rekruten 
auf alten Pferden, die alten Leute auf Remonten und Augmentation^ 



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Drei Kavallerie-Divisions-Übungeft. 



45 



pferdenc, so können wir uns leicht die Ursache dieses Handgemenges 
erklären. Unter solchen Verhältnissen war der geschlossene, ge- 
ordnete Augriff undenkbar, unklare Begriffe, unpraktische Übungen 
und Gewohnheiten vermehrten die Wirkungen dieser Verhältnisse. 
Auf diese Art wurden die Angriffe anstatt in niederwerfenden fest- 
geschlossenen Linien in lockeren, atemlosen Schwärmen ausgeführt 
und in natürlicher Folge trat Handgemenge und regelloses Nach- 
stürmen in den Vordergrund der Kavalleriethätigkeit; — Beides 
ist unkavalleristisch und wird nicht selten das Verderben 
des Siegers. Die für solche Angriffe unbedingt nötige Durch- 
bildung der Truppe ist an und für sich so schwer, dafs wohl nur 
selten gleichwertige Kavallerie sich entgegentreten wird, und dafs 
diejenige Kavallerie, welche auch hier dem Ideale möglichst nahe 
zu kommen trachtet, ein ausgesprochenes Übergewicht über jede 
andere, gleichgiltig wie sie sonst aussieht und beritten ist, be- 
sitzen mufs. 

Unter den hier in Betracht gebrachten Kavallerie-Divisions- 
Übungen nehmen die Exerzierbewegungen der Kavallerie in Brigaden 
und Divisionen die Hauptzeit in Anspruch; diese Bewegungen bereiten 
in ausgesuchtem Gelände keinerlei Schwierigkeiten und drehen sich 
um die bekannten feststehenden Formen; auch bei Bewegungen und 
Angriffen auf einen markierten Gegner konnten wir einen wesent- 
lichen Unterschied nicht finden. Ganz anders gestaltete sich schon 
die Sache bei den Übungen der Kavallerie-Divisionen gegen einander. 
Der schon auf grofse Entfernung in seinen Bewegungen gut erkenn- 
bare Gegner veränderte und vereinfachte die ganze Sachlage in 
ungeahnter Weise. War es z. B. möglich, mit der Avantgarde eine 
beherrschende Stelle rasch zu erreichen, so konnte der Gegner 
andauernd unter das Feuer der Artillerie dieser Avantgarde ge- 
nommen werden; die Avantgarden- Brigade gab der Artillerie aus- 
reichenden Schutz, während die anderen beiden Brigaden eine — 
wo möglich im Gelände gedeckte — flankierende Bewegung aus- 
führten. Wurde es dem Gegner gewährt, trotz des heftigen Artillerie- 
feuers weiter gegen die Avantgarde vorzugehen, so mufste diese 
vielleicht mit der Artillerie zurückgenommen werden, und es war 
dann kurz darauf möglich, den Gegner mit den zwei Brigaden 
flankierend anzufallen unter entsprechender Mitwirkung der dritten 
(Avantgarde-) Brigade. 

War der Gegner im Begriffe sich vorzubewegen, — namentlich, 
wenn es des Geländes halber in Kolonnen geschehen mnfste — so 
konnte die andere Kavallerie- Division je nach der Gefechtslage 



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Brei Kavallerie-Diroions-Übungen. 



entweder verdeckt halten und den Angreifer unter Feuer nehmen, 
oder aber demselben uuter anderen Verhältnissen kräftig auf den 
Leib gehen. Anreiten im Trabe, Escadronskolonnen bilden, bei 
den ersten Kanonenschüssen des Gegners aufmarschieren und Galopp! 
War der Gegner beim Beginn solcher Bewegung 2'/j — 3 Kilometer 
entfernt, so legte er vielleicht 1 Kilometer zurück und wir hatten 
2 Kilometer, also 5 Minuten, Galopp zu reiten bis zum Zusammen- 
stofse, was doch unter gewöhnlichen Verhältnissen eine sehr be- 
scheidene Leistung zu nennen ist. 

Bei allen solchen entschiedenen Vorbewegungen waren die 
Angrifisrichtungen wegen der raschen Annäherung nur ganz un- 
merklich zu verändern. Wir fanden aufserdem entschieden praktisch, 
in der Rendezvous-Stellung nur die vorderste Brigade in Brigade- 
Kolonne, die beiden hinteren Brigaden neben einauder in Regiments- 
Kolonnen zu stellen, sodann das gleichmäßige Folgen der über- 
flügelnden beiden Hintertreffen auf möglichst kurzer Entfernung, 
vielleicht selbst in je zwei Staffeln an jedem Flügel des ersten 
Treffens — dieses zu 8 Schwadronen — für die ausgesprochen 
zweckmäßigste allgemeine Form. Wir erinnern uns nicht, auch 
nur einmal zur Angriffsbewegung eines Signales benötigt gewesen 
zu sein. Ein Zeichen, wenige Avertissements waren stets aus- 
reichend. Dieses Zeicheu war Säbelschwingen über dem Kopfe und 
bedeutete jedesmal Antreten aus der Stellung sodann bei Wieder- 
holung »nächsthöhere Formation c. 

Das Gelände bot bei den Exerzierübungen wenige oder ganz 
selten bemerklichere Schwierigkeiten, die Normalformationen an- 
zuwenden, zudem war durch diese Verhältnisse den Unterführern 
nur wenig Gelegenheit geboten, durch selbststandiges Eingreifen 
den wahren und wichtigsten Umstand kavalleristischer Erfolge zu 
erkennen und anwenden zu lernen. 

Die früher gemachten Bemerkungen hinsichtlich der Angriffe 
zeigten sich bei den Übungen zweier Divisionen wie bei den gröfseren 
Truppenübungen stets sehr fühlbar; wir muteten auf 300 Schritt 
vom Gegner schon Marsch! Marsch! kommandieren und trotzdem 
fehlte diesem Marsch! Marsch! der unbedingt nötige Schneid, mufste 
man doch vor dem Gegner halten und Handgemenge ausführen. — 
Marsch! Marsch! kann allenfalls bei einem markierten Gegner ge- 
ritten werden und zwar ebenfalls nur ein ganz kurzer kräftiger 
Stofe, sodann sollte das Verfolgen im Trabe stattfinden. Der markierte 
Gegner hätte in jedem Falle auf 100 Schritt kehrt zu machen und 
im starken Galopp zurückzugehen; einige Flügelschwadronen und 



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Drei Kavallerie-Divisions-Übungen. 



47 



Unterstützungsschwadronen dieser markierten Division lassen das 
erste Treffen zurückgehen und die Escadronschefs der geschlossenen 
Kavallerie führen ihre wieder geordnete Schwadronen auf diese 
neuen Ziele; Signal zum Verfolgen wird erst gegeben, wenn keine 
geordnete — markierte — gegnerische Abteilung mehr sichtbar. 
Zum Verfolgen möge endlich irgend ein Teil, das erste Glied oder 
die Flügelzüge der angegriffen habenden Schwadroneu bestimmt 
werden, während der Rest geschlossen und geordnet nachfolgt. 

Auch dem Grundsatze ward im Allgemeinen die nötige Be- 
achtung nicht zugewendet, dafs alle Unterführer, so bald es immer 
irgend möglich ist — jedenfalls aber mit beginnender Verfolgung 
— zu trachten haben, die gröfseren Verbände wieder aufzusuchen. 

Von noch höherem Interesse waren jene Übungen, bei welchem 
die Kavallerie-Division im Truppen verbau de während der Corpsmanöver 
aufzutreten hatte. Die überaus grofse Mannigfaltigkeit der Ver- 
wendung und Möglichkeit des Eingreifens, namentlich aber der 
Umstand, dafs nur ausnahmsweise eine der bekannten Exerzierformen 
zur vollen Anwendung gelangen konnte, daüs dem thatkräftigen 
Eingreifen aller Unterführer ganz auffallende — allerdings wegen 
der Neuheit solcher Übungen nicht immer ausgenutzte — Gelegenheit 
geboten war, zeigten den hohen Wert dieser Verwendung der 
Kavallerie, zeigten endlich, daüs die Führung der Waffe diese Übungen 
ebensowenig entbehren kann, wie die Truppenführung überhaupt, 
dsis nur solche Übungen das gegenseitige Verständnis wecken können. 
Diese Übungen zeigten, wie illusorisch die Idee ist, »man könne 
das Alles so gelegentlich improvisieren«, sie zeigten zur vollsten 
Klarheit, dafs »die Kavallerie so vorbereitet sein mufs, dafs jeder 
Unterführer bis zum einfachen Reiter herab unter allen Ver- 
hältnissen sich in die treffende Lage zu finden weife,« dafs »be- 
sondere Weisungen nicht gegeben werden können, wohl aber allge- 
meine Grundsätze die Richtschnur ihrer Handlungen sein müssen«. 
Kein Reglement der Welt wird hier nützen können, wohl aber 
wird jedes Reglement um so schädlicher werden, je umfangreicher 
dasselbe wird. Wie bei der übrigen Ausbildung kann nur Übung und 
Erziehuug auch hier Erfolge vorbereiten, das gegenseitige Verständnis 
anbahnen. Der Führer kann zumeist nichts Anderes thun, als die 
Richtung des Angriffs bezeichnen. Seine Aufmerksamkeit ist voll 
in Anspruch genommen, um irgend einen günstigen Augenblick zu 
erspähen, und tritt dieser ein, so kann er nur das Zeichen zum 
Angriffe geben. Alle Exerzierkünstler der Welt werden meistens 
ohne Erfolg in ihren Reglements herumsuchen, um eine passende 



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Drei Kavallerie-Divisions-Übungen. 



Form zu finden, welche den jeweiligen Gefechts- und Bodenverhält- 
nissen eich fügen kann, die besten Instrukteure der Welt werden 
vergebens bemüht sein, den Unterführern in jedem einzelnen Falle 
besondere Verhaltnngsmafsregeln zu geben, sie werden den Augen- 
blick versäumen, unbeholfen und schwerfallig bleiben und Nichts 
erreichen. Wohl aber wird der »geübte« Führer mit seiner gut 
und nach richtigen Grundsätzen erzogenen Truppe im plötz- 
lich sich bietenden oder abgewarteten günstigen Augenblick das 
Zeichen zum Losreiten geben, seine Unterführer nach den Gefechts- 
verhältnissen und den klargelegten Grundsätzen handelnd eingreifen 
sehen, »welche bei jenen Exerzierübungen geläufig wurden 
und zum Verständnisse gelangten«. Ruhig und verdeckt wird 
solche Kavallerie stehen, deren Führer beobachtet auf geeignetem 
Punkte, er läfst bei Klärung der Gefechtslage, wenn unbedingt nötig, 
kurze besondere Befehle an die Brigade-Commandeure und giebt 
im geeigneten Augenblicke das Zeichen zum Angriffe. Aus jeder 
beliebigen Form wird so vorbereitete Kavallerie ohne weitläufige 
Vorbereitung oder Erläuterung und Weisung zum Angriffe los- 
brechen können, in dem Bewufetsein, dafs alle Unterführer in den 
verschiedensten Lagen das Richtige oder sicher wenigstens nicht 
das vollständig Falsche unternehmen werden. In anderem Falle 
aber gleicht eine solche Reitermasse einer Herde, die einmal los- 
gelassen blindlinks und unlenkbar vorwärts stürmt oder nach allen 
Richtungen der Windhose auseinanderstiebt! — 

Die geschulte Kavallerie reitet an, formiert sich und stürzt sich 
wie eine Windsbraut auf den Gegner. »Sich zeigen und angreifen.« 
Der Gegner mufe, die Kavallerie bemerkend, zu gleicher Zeit den 
heranbrausenden Reitersturm hören, um im nächsten Augenblicke 
unter den Hufen der Pferde zu liegen. Auch in dieser Richtung 
hatten wir Gelegenheit zu beobachten, wie weit man davon entfernt 
ist, solches Ideal der Reiterangriffe ganz und voll zu erfassen und 
zu erstreben. Hier zog man sich durch ein vollständig deckendes 
Waldstück, um sich jenseits desselben vorerst zu »formieren «, 
dort schob mau sich hin und her, mitunter im Gesichtskreise und 
Feuerbereiche des Gegners, um am Ende nach verschiedenen Ver- 
suchen zum Augriff zu gelangen, diesen entweder ganz aufzugeben 
oder unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen auszuführen. 
Wenn wir uns sodann erinnern, was wir in dieser Hinsicht in den 
60 Friedensjahren erlebt und gesehen haben, so müssen wir auch 
heute noch staunend an diese Irrtümer zurückdenken. Vor 40 Jahren 
schon war es mir völlig klar, dafs wir uns vollständig und 



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Drei Kavallerie-Divisions-Obangen. 



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ohne jede Ausnahme verkehrt benahmen; anderwärts Aufklärung 
suchend fand ich überall ziemlich genau die gleichen Verhältnisse. 
Wir halten das bezeichnete Ideal allein für kavalleristisch, in sehr 
vielen Fällen für mehr oder weniger möglich und durchführbar. 
In einem audereu Falle reitet der Führer einer gröfseren Kavallerie- 
Truppe an der Spitze der Avantgarde oder des Gros; es ergiebt 
sich die Möglichkeit, sich überraschend auf die Spitze einer Kolonne 
zu werfen. Ungeübte Führer und Truppen werden nicht wissen, 
was anfangen, und stürzen sich im besten Falle in der Form, in 
welcher sie sich gerade befinden, auf diese Kolon uenspitze. Einige 
Salven strecken die Vorderzüge der angreifenden Schwadronen 
nieder, die folgenden Abteilungen stürzen über die gefallenen Pferde 
und in kürzester Zeit wird die ganze Masse im glücklichsten Falle 
au den Seiten der anzugreifenden Kolonne in blindem Eifer vor- 
überstürmen, eine Masse Pferde und Menschen verlieren u. s. w. 
Hat jedoch der Führer für solche Angriffe bestimmte Grundsätze 
festgestellt und seine Truppe so erzogen, dafs diese derselben ge- 
läufig geworden, so gewinnt Alles an Sicherheit und Kraft. Er- 
fahrungen bei den gröfseren Truppenübungen und Schulübungeu, 
welche diese Erfahrungen verwerteten, haben Einklang zwischen 
Führer und Truppe erzeugt, es ist das Verhalten aller Unterführer 
wie jeder einzelneu Schwadron wohl überdacht, geregelt und läfst 
einen wirklich günstigen Erfolg erwarten. Denuoch ist es, wie es 
scheint, nicht nötig, dafs man bestrebt bleibe, solchen Einklang zu 
ermöglichen, dennoch hofft man mit einigen reglementarischen Formen 
auszureichen. 

Die Zeit, in welcher die Kavallerie-Divisionen bei den Corps- 
Manövern zusammengestellt waren, gab manche Gelegenheit, über 
Dies und Jenes nachzudenken. Die Fälle waren durchaus nicht 
selten, bei welchen es möglich gewesen wäre oder wirklich möglich 
war, überraschend und mit Aussicht auf Erfolg einzugreifen. Die 
niedergelegten Anschauungen sind auch dieser Zeit entnommen und 
das reifliche Überdenken aller Lagen gab den Grund zu einer Fülle 
von Betrachtungen. Durch solches Überdenken aber werden derartige 
Übungen von ganz hervorragender Bedeutung für Verbesserung der 
Führung wie der Ausführung. Wahrlich, es besteht keine Waffe, 
welche solcher praktischen Verwendung und geistigen Durcharbeitung 
ihrer Thätigkeit mehr bedarf wie die Kavallerie; die Kavallerie ist 
die einzige Waffe, welche vollständig fertig und klar gegen den 
Feind ziehen mufs, weil sich bei ihr Nichts mehr verbessern und 
verändern läfst. Führer wie Truppe müssen sich ganz und voll 

JahrMehcr lir dl« n»MMbt Ara.ro «od Mute* IM. LXV1II . L 4' 



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Drei Kavallerie» Divisions-Übungen. 



verstehen; je gröfser der Kavallerie-Körper wird, um so notwendiger 
iat dieses gegenseitige Verständnis, für Erfolge einer Kavallerie- 
Division ist es ganz unentbehrlich. 

Auch die allgemeine Truppenleitung bedarf der Übung, um der 
Kavallerie und ihrem ganzen Wesen förderlich zu sein; auch in 
dieser Richtung ist wohl nicht zu verkennen, dafs es notwendig ist, 
noch eine gröfsere Gewandtheit herbeizuführen, wenu — die Kavallerie 
wieder wirkliche Erfolge erringen soll. Freiheit und Bewegung sind 
die Elemente der Kavallerie: alle Befehle an die Kavallerie müssen 
neun- unter zehumal so gegeben werden, dafs der Waffe Freiheit und 
Bewegung gewahrt bleibt und einmal unter zehnmal können der 
Waffe vielleicht auch besondere Befehle für Bewegung und Angriffe 
erteilt werden. Schon öfters hatten wir Gelegenheit zu erwähnen, 
wie nachteilig es für die Kavallerie ist, wenn ihr besonders bindende 
Befehle zugehen. Wenn man sagen wollte, der Führer darf sich 
eben nicht an solche Befehle halten, so ist deren volle Überflüssigkeit 
erst recht bestimmt ausgesprochen. So mancher Führer wird durch 
solche Befehle ängstlicher werden und sich beengt fühlen in seiner 
Freiheit und in der Bewegung. Wir hatten schon früher einmal 
das vollständig Unrichtige des Befehles klargelegt: »Die Kavallerie 
an den rechten Flügel und greift die abfahrende feindliche Artillerie 
au;« auch bei deu mebrerwähuten Übungen giebt es mancherlei 
solcher Befehle z. B. »die Kavallerie greift die feindliche Corps- 
Artillerie an« oder »die feindlichen Vorposten«. Das Angreifeu 
kann eben grundsätzlich nur von demjenigen befohlen 
werden, welcher an Ort und Stelle zugegen und allein auf 
diese Art auch in der Lage ist, alle Terrain- und Gefechts- 
verhältnisse beurteilen zu können. Die wesentliche Bestimmung, 
dafs Kavallerie »als Regel« einen günstigen Augenblick zu ihren 
Angriffen benutzen müsse, um volle Erfolge zu erzielen, wird leider 
nur zu häufig, wie wir eben bemerkten, schon in der Befehlsgebung 
übersehen. So hoch wir' die Verwendbarkeit der Infanterie an- 
schlagen, so können wir doch nicht umhin, solche Befehle als 
infanteristisch zu bezeichnen. Die Infanterie ist eben in der Lage, 
sich jeden Angriff selbst vorbereiten zu können, die Kavallerie nur 
iu seltenen Fällen, und danach müssen auch die Befehle an die 
beiden Waffen ganz verschieden lauten. Die Ausnutzung jedes 
günstigen Augenblicks zum Angriffe ist Lebensgrundsatz für die 
Kavallerie, warum ihr also ohne ganz zwingende Gründe einen 
Angriff befehlen? Die Angaben: Absicht der Truppenleituug, 
Deckung des Vormarsches, eines Flügels oder einer Flanke u. s. w. 



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Drei Kavallerie-Divirions-Übungen. 



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ist als Regel vollständig ausreichender Befehl für die Kavallerie; 
Ausnutzung des Augenblicks, der geeignet zum Angriff ist, bleibt 
stets und überall ihre eigene Aufgabe. Dies Alles schliefst naturlich 
nicht aus, dafs der Kavallerie, in grofsen Massen vereinigt, uuter 
gewissen Voraussetzungen durch den Höchstkommandierenden ein 
Angriffsziel bezeichnet werde. Schon die bestimmten Voraussetzungen, 
unter welchen diese Art der Verwendung eintreten wird, deutet 
darauf, dafe dies eine ausnahmsweise Verwendung der Kavallerie 
bleiben mufs. — 

Sicherheitsdienst wie Aufklärungsdienst der Kavallerie hat ein 
besonderes Gepräge und mufs ein solches besitzen. Der Offizier 
oder Unteroffizier, welcher hier thätig ist, mnfs unter allen Ver- 
bältnissen und Umständen das herausfinden und melden, »was der 
nachfolgenden Truppe zu wissen notwendig und wünschenswert istt. 
Versteht er das nicht, so taugt er nicht für diesen Dienst. 

Vor einer Kavallerie-Division in der Bewegung in der Nähe 
des Feindes ist dies alles von noch weit höherer Bedeutung, da 
die Schnelligkeit, mit welcher hier das Wesentliche erforscht 
nnd gemeldet werden mnfs, um der z. B. im Trabe folgenden Division 
volle Klarheit über alle Verhältnisse beim Gegner zu geben, die 
denkbar höchsten Anforderungen an Einsicht, Umblick und Ent- 
schlossenheit des Patrouillenfahrers stellt. Wege, Gangbarkeit, 
deckendes Gelände zur Annäherung an den Gegner, wie dessen all- 
gemeine Verhältnisse sind von höchster Bedeutung und fordern jene 
Eigenschaften in höchstem Grade, wenn — die Kavallerie in die 
Lage kommen soll, kavalleristisch d. h. überraschend aufzutreten. 
Alle diese Verhältnisse sind bei der Thätigkeit der Kavallerie aber 
so überaus rasch verlaufend und wechselnd, dafs auch für diesen 
Aufklärnngsdienst keine anderen Weisungen oder Vorschriften gegeben 
werden können, als »heller Kopf, Einsicht« der in Betracht kommen- 
den Persönlichkeiten. Diese Eigenschaften können nur ent- 
wickelt und gefördert werden durch die Übungen und 
deren Leitung. Mir sind ganz vorzüglich einsichtsvolle und gut 
instruierte Offiziere bekannt, welche ungenügende Meldungen er- 
statteten, welche an unbedeutenderen Verhältnissen kleben blieben 
und wichtiges übersahen. Wir sehen also auch hier wie überall 
»Übung nnd Schule, kavalleristische Leitung«. Damit kann 
es doch wohl nicht genügen, daJs wir uns sagen: »eigentlich ist es 
recht gut beschaffen mit der Kavallerie« — nein, wir müssen un- 
ermüdlich trachten zu verbessern und vorwärts zu kommen, und 
Jeder, der ein warmes Herz für seine Waffe und den Dienst hat, 

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Drei Kavallerie-Divisiom-Übungen. 



wird noch der Punkte genug finden, wo Klärung und Verbesserung 
recht sehr wünschenswert erscheinen, wo solche Klärung und Ver- 
besserung auch notwendig ist, um dem Ideale näher zu rücken. 
Wenn Stillstand überhaupt bereits ein Rückschritt genannt zu 
werden verdient, so ist dieser Stillstand nur zu verhüten durch 
stetes und praktisches Vorwärtsstreben. Ohne dieses Streben ist 
der Rückschritt besiegelt und eine gewisse Mittelmäßigkeit das 
höchste Ergebnis aller Arbeit, aller Mühe. Mittelmäfsige Kavallerie 
aber wird überall Hindernisse und Schwierigkeiten finden, sie wird 
überall stören, von ihr wird überall »zu viel« vorhanden sein. Nur 
wenn die Waffe in jeder Richtung der Ausbildung, Führung und 
Verwendung dem Ideale bereits näher gerückt ist, wird sie mit 
Sicherheit in der eigenen Armee geschätzt, bei dem Gegner gefürchtet 
sein, und eben deshalb schließen wir auch diese Zeilen mit den 
Worten: »trotz aller Hindernisse immer frisch vorwärts!« 

Die Schlußfolgerung dieser Abhandlung führt aber zu folgender 
Betrachtung: 

Vom Reitunterrichte bis zu den verschiedenen Übungen in den 
größeren und größten Verbänden ist der Einfluß, welchen die Er- 
ziehung der Truppe wie der Führer auf die Tüchtigkeit und Ver- 
wendung der Kavallerie bedingt, ein ganz überwältigender. 

Die Kavallerie, welche berufen ist in größeren Verbänden auf- 
zutreten, bedarf vor Allein dieses Einflusses im höchsten Grade. 
Weil dieser Einfluß sowohl für Truppe wie Führuug im Wesen 
durch kein Reglement ersetzt werden kann, tritt die Schule und 
mit ihr die Persönlichkeit der Leitung unabweisbar in den Vorder- 
grund; damit diese Schule rasch zu einem entsprechenden Ziele 
führen könne, ist ebenso Bedingung, daß »eine« Persönlichkeit 
dieselbe leite. Diese Grundbedingung ist noch viel erforderlicher, 
nachdem eine gewisse Zerfahrenheit durch den Mangel einer ent- 
sprechenden Leitung während einer langen Zeit nicht zu verkennen 
war. Diese Zerfahrenheit machte sich natürlich auch bemerklich in 
allen erdenklichen Richtungen. Sie muß um so schädlicher wirken, 
je öfter mit den Persönlichkeiten auch die bezüglichen Anschauungen 
wechseln. Gerade aber hierin finden wir den Hauptgrund dafür, 
daß es mit der Kavallerie nicht so vorwärts gehen konnte, wie es 
möglich gewesen wäre. Man sucht dann vielleicht an den Reit- 
instruktionen und Reglements zu verbessern, auf welche es gar nicht 
ankommen kann. Es kommt lediglich darauf an, wie sie verstanden 
und angewendet werden. Auch hier möchten wir nicht unerwähnt 
•lassen, daß Alles, was bereits erreicht wurde, nur und allein dem 



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Drei Kavallerie-Dmsions-Übungen. 



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Einflüsse einer der Kavallerie leider viel zu frühe entrissenen höchsten 
Persönlichkeit zu danken war. 

Die gröfste Einfachheit in der Erziehung nach allen Richtungen 
kann allein erwünschte Ergebnisse bringen. 

Wenn wir die Einteilung der Kavallerie betrachten, so ist die 
vorhandene Verschiedenheit der Anschauungen und Grundsätze nur 
zu erklärlich. Es sollten mindestens jene Regimenter, welche be- 
rufen erscheinen, in der Kavallerie- Division eingeteilt zu werden, 
ihre ganze Erziehung bis zur Kavallerie-Division nach gleichen 
Grundsätzen erhalten, deshalb auch in technischer Beziehung einer 
geeigneten Persönlichkeit unterstellt sein, vor Allem wohl jener 
Persönlichkeit, welche berufen ist, diese Regimenter in der Kavallerie- 
Division zu fuhren; aufserdem verlangt es die Natur der Sache, 
eben wegen der erwähnten Mängel, dafs ein Inspekteur den ganzen 
Betrieb überwache. Das Fehlen solcher Einrichtungen müfste da- 
durch noch fühlbarer werden, wenn auch bei der Heranbildung zur 
höheren Adjutantur und Truppeufiihrung, der Kavallerie und deren 
Lebensbedingungen nicht die nötige Sorgfalt zugewendet und im 
Allgemeinen ausschliefslich infanteristisch mit der Kavallerie verfahren 
würde. Wir brauchen hier wohl nicht wiederholt zu versichern, 
da£s der Ausdruck »infanteristisch« in keiner Weise anders zu deuten 
ist, wie er hier verstanden sein will. Artillerie und Infanterie 
haben im Gefechte fortlaufende Berührungspunkte, die Kavallerie 
kann nur einzelne ganz vorübergehende Streifpunkte mit den andern 
Waffen haben. Je weniger dieser Umstand anerkannt ist und auch 
angewandt wird, um so weniger können wir die Verwendung der 
Waffe »kavalleristisch« nennen. Es wäre ein ganz bedeutender 
Irrtum, wenn mau das Interesse für Verwendung der Waffen z. B. 
nach ihrer länger oder geringer andauernden Gefechtsthätigkeit fest- 
halten würde. Wenn diese Thätigkeit bei Infanterie und Artillerie 
eine fortlaufende und andauernde, bei der Kavallerie uur eine kurze 
und ganz vorübergehende sein kann, wenn diese Thätigkeit der 
ersteren Waffen in Folge dessen eine fortlaufende grofse Wichtigkeit 
erlangt, so kann ein entsprechender Einflufs der Kavallerie doch 
nur dann erhofft werden, wenn auch dem Wesen dieser Waffe 
fortlaufende Beachtung zugewendet bleibt, wenn ihre Thätigkeit 
auch nur eine kurze, rasch vorübergehende sein kann. 

Nachdem die Bildung weiterer Kavallerie-Divisionen aus ver- 
schiedenen Gründen nicht erreicht worden ist, sollten wenigstens 
die 6 Regimenter, welche diese Division zu bilden haben in 2 oder 
3 Brigaden im Frieden formiert sein und eine ähnliche Stellung 



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Drei Kavallerie-DiTisions-Übangen. 



wie die Corps -Artillerie einnehmen, d. h. ihre technische Ausbildung 
mülste rückhaltelos dem Führer der Kavallerie-Division unterstellt 
werden. Die Übungen müfsten so eingeteilt sein, dafs Übungen in 
Brigaden zu 2 Regimenter zu 4 Schwadronen, in der Division zu 
6 Regimentern, in 2 Divisionen gegeneinander — wenn nicht anders 
möglich auf 1 Glied formiert — und aufserdem Formation der 
Kavallerie-Division bei den grösseren Truppenübungen jährlich statt- 
fände, um die hier gemachten Erfahrungen bei den Exerzierübungen 
auf die Truppe zu übertragen. Denn unsere bisherigen Divisions- 
Übungen haben sich als unzulänglich erwiesen, weil die weitaus 
meisten Angriffe, Boden- und Gefechtsverhältnisse halber, wohl 
nach ähnlichen Grundsätzen, aber durchaus nicht in den dort 
geübten Formen stattfinden können. Dieses unbedingt gebotene 
Anpassen, um nicht zu sagen Andern dieser Formen nach fest- 
stehenden Grundsätzen, das Einfinden in die jeweiligen Verhältnisse 
ist es, was der Kavallerie notwendig ist, wenn sie ihre Kraft richtig 
anwenden und verwerten soll, und gerade dies kann nur bei den 
gröberen Truppenübungen geschehen. Die Exerzierübungen der 
Division haben sonach ebenso bestimmt den überaus wichtigen Zweck, 
die Kavallerie für diese Verwendung vorzubereiten, wie einige 
reglementare Formen geläufig zu machen. — 

Bei jährlich sich wiederholenden Übungen, würde etwa folgende 
Einteilung genügen: 

1. Jahr. 2 Tage Brigade, 3 Tage Division, 3 Tage Divisionen 

gegeneinander, 4 Tage Corpsmanöver, 

2. Jahr. 3 Tage Division, 2 Tage Divisionen gegeneinander, 

4 Tage Corpsmanöver, 

3. Jahr. 2 Tage Division, 2 Tage Divisionen gegeneinander 

4 Tage Corpsmanöver, 
wobei aber eine eigentliche Besichtigung nicht stattfinden dürfte. 

Sollten Corpsmanöver nicht stattfinden, so dürfte es sich 
empfehlen die Kavallerie-Division auch bei Divisions-Manövern zu 
formieren. 

Es wird ferner vorteilhaft sein, wenn nach dem letzten Tage 
der Corpsmanöver noch ein Tag eingesetzt würde zu Erörterungen, 
an welchen sämtliche Kavallerie-Offiziere vom Regiments-Comraandeur 
aufwärts teilzunehmen hätten. 

Die Sache ist zwar leicht und einfach; gerade aber diese Ein- 
fachheit ist schwer zu erringen, wenn sie nicht klar zum Bewufetsein 
gekommen ist. Andererseits aber ist in gar keinem Falle zu ver- 
kennen, dafe gerade die Führer der Kavallerie nie vom Himmel 



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Drei KaraUerie-DiTisions-Übuiigen. 



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herunter gefallen sind. — Wenn man beachtet, welche manigfache 
Gelegenheit geboten ist, um Infanterie und auch Artillerie wie 
gemischte Abteilungen zu führen, so besteht noch ein ganz wesent- 
licher Unterschied zum Nachteile der Kavallerie. Niemand wird 
die allgemeine Wichtigkeit verkennen, welche die ersteren Übungen 
besitzen, Niemand aber wird bestreiten können, dafs der Grundsatz 
richtig ist: 

»ohne entsprechende Einrichtungen und Übungen können 
Kavallerie-Divisionen noch viel weniger wie andere 
Formationen gut geführt werden.« 

Die feststehenden Formen können dem ganzen Wesen der Waffe 
nach nur ganz einfacher Art sein, ebenso die Übergänge von einer 
Form zur anderen. Besondere Schwierigkeiten der Klarlegung dieser 
Formen werden um so weniger bestehen, da die Exerzier- 
übungen meistens auf einem Boden vorgenommen werden, welcher 
nur ganz geringe Bewegungshindernisse bieten wird. 

Das, worauf es bei der Thätigkeit gröberer Kavallerie-Körper 
insbesondere ankommt, kann bei solchen Exerzierübungen nur dann 
in Betracht gezogen werden, wenn die praktische Erfahrnng die 
Erfordernisse vor Augen führt. Solche praktische Erfahrung ist 
nur zu gewinnen bei Übungen zweier Kavallerie-Divisionen gegen- 
einander, bei zweckmässiger Verwendung solcher Divisionen gelegent- 
lich der größeren Truppenübungen. 

Das Anpassen der reglementäreu Formen je nach den wechselnden 
Gefechtslagen und Bodenverhältnissen, die Initiative aller Unter- 
führer bei solchen Gelegenheiten ist es, worauf es insbesondere 
ankommt. Diese Gewandtheit und Sicherheit kann die Kavallerie 
nie und nimmer entbehren; je nachdem nun die volle Gelegenheit 
geboten war, diese unentbehrlichen Eigenschaften zu erwerben, .je 
nachdem zeigte sich die Kavallerie gut vorbereitet für ihr Gefecht — 
zeigte sie andererseits natürlich, mit wenigen Ausnahmen, Unbe- 
holfenheit, Schwerfälligkeit und Unsicherheit. Die Kavallerie der 
Verbündeten in den ersten Revolutionskriegen zeigt am deutlichsten 
die Folgen derartiger Mängel, die Schwierigkeit diese Mängel zu 
verbessern, wenn sich die Geister in eine falsche Richtung gewöhnt 
haben. 

Gerade Jene, welche es für überflüssig hielten, auch der Kavallerie 
das zuzugestehen, was zu ihrer gedeihlichen Entwicklung unbedingt 
notwendig gewesen wäre, sind es sodann welche, Alles übersehend, 
was hier gesündigt worden, den Schlufe ziehen: 

»Die Thätigkeit der Kavallerie auf dem Schlachtfelde 



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Drei Kavallerie-Divisions-Übangen. 



ist unter den heutigen Verhältnissen nicht denkbar« 
und »der Mangel an guten Kavallerie-Führern scheint 
allen Heeren anzukleben.« 

Zu allen Zeiten war zu bemerken, dafs immer, wenn mangelhaft 
erzogene Kavallerie in grötseren Massen nicht Erfolg hatte, die 
Ursache keineswegs dort gesucht wurde, wo sie allein zu finden war, 
sondern stets der veränderten Taktik oder den verbesserten Feuer- 
waffen zugesprochen wurde und zugesprochen wird. 

Ohne entsprechende Leitung und zwar ganz unbeschränkte 
Leitung und Erziehung, wird es schwer sein die Kavallerie tüchtig 
für ihren Beruf vorzubereiten, ohne entsprechende, fortwährende 
Übuug der grösseren Kavallerie-Körper und namentlich der Kavallerie- 
Divisionen, darf man wohl kaum erwarten, dafe Führer für diese 
Divisionen vorhanden sind, dafs Sicherheit und volle Zuversicht bei 
jenen wie in den Massen erreicht werde; ohne zweckmäfsigu Ver- 
wendung der Kavallerie-Divisionen bei den gröfseren Truppenübungen 
wird es nicht denkbar sein, dafs die Truppenleitung im Allgemeinen 
die nötige Gewandtheit in der Verwendung dieser Divisionen gewinnt. 
Ohne diese Grundlage aber wird die Kavallerie auch in Zukunft 
wenig mehr erringen können, wie höchstens mittelbare Erfolge — 
die Geschichte ist auch hier die sicherste Führerin. 

Die gesamte Kavallerie lebt der sicheren Überzeugung, 
Erfolge erkämpfen zu können und zwar um so gröfsere, 
je mehr den Eigentümlichkeiten der Waffe rückhaltlos 
Zugeständnisse gemacht werden. — 



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IV. 

&egen Thilo v. Trotha's „Antikritik". 



Unter der Aufschrift: »Russische und türkische Heerführer im 
Kriege 1877/78, eine Antikritikc, veröffentlichte Herr Major Thilo 
v. Trotha in den »Preufsischen Jahrbüchern«, November 1887, eiuen 
Aufsatz als Erwiderung auf die »Kritische Beleuchtung« der »Rück- 
blicke auf die strategischen Verhältnisse des Krieges von T. v. T.«, 
welche im September-Hefte 1887 der »Jahrbücher für die Deutsche 
Armee und Marine« erschienen war. 

Von dieser »Antikritik« erhielt ich erst durch die, mir verspätet 
in die Hände gefallene Nummer der »Deutschen Heeres-Zeitung« 
vom 17. März d. J. Kenntnis, die eine wohlwollende Beurteilung 
meiner »Kritischen Beleuchtung« enthält, welcher die Leitung der 
»Zeitung« folgende Anmerkung zufügte: »Inzwischen hat Thilo 
v. Trotha in den »Preufsischen Jahrbüchern« auf obigen Aufsatz 
der »Jahrbücher für die Deutsche Armee und Marine« geantwortet. 
Diese Antwort, welche unserem Rezensenten wohl nicht bekannt 
geworden ist, zeichnet sich, wie das bei T. v. T. nicht anders zu 
erwarten, durch grofse Gründlichkeit und Sachlichkeit — 
hauptsächlich in der Beurteilung Gurko's und Skobelew's — aus 
und es kann nach derselben keinem Zweifel unterliegen, dafs Russ- 
land in Skobelew einen begabten Heerführer verloren hat und in 
Gurko einen solchen besitzt. Es wird gut sein, sich darüber nicht 
durch den Aufsatz in den »Jahrbüchern für die Deutsche Armee 
und Marine« hinwegtäuschen zu lassen.« 

Der Herr Antikritiker macht die Äufserung, »dafs verschiedene 
Auslassungen der kritischen Beleuchtung der Rückblicke eigentlich 
nur dann erklärlich seien, wenn mau annimmt, es sei die un- 
bedingte Absicht gewesen, immer das Gegenteil von dem zu be- 
haupten, was er ausgesprochen.« 

Ein derartiges Gelüste zum Widerspruch wäre schwer zu er- 
klären; mir lag es um so ferner, da ich nicht den Vorzug habe, 



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Gegen Thilo t. Trotha'» «Antikritik". 



Herrn T. v. T. persönlich zu kennen und, als mir die »Rückblicke« 
zu Gesichte kamen, selbst nicht einmal wufete, wer ihr wirklicher 
Verfasser war. 

Nur das Bestreben, cum allgemeinen Frommen vielfach ver- 
breitete irrige Anschauungen über den russisch-türkischen Krieg 
richtig zu stellen, bewog mich, die »Rückblicke« kritisch zu be- 
leuchten. 

Auch jetzt kann meine Absicht nicht sein, Herrn T. v. T. oder 
die Leitung der »Heeres-Zeitung« in dem Glauben an die Richtigkeit 
ihrer subjektiven Anschauungen erschüttern zu wollen, doch halte 
ich mich den geneigten Lesern der Jahrbücher gegenüber für 
verpflichtet, die »Antikritik« zu widerlegen. 

Ihr Verfasser verwahrt sich vor Allem gegen den Vorwurf 
ungenügender Kenntnis der türkischen Verhältnisse und führt die 
bekanntesten Veröffentlichungen über die Vorgänge bei der türkischen 
Armee an, aus welcher er die Berechtigung geschöpft haben will, 
malsgebende kritische Urteile zu fallen. 

Ein paar Bücher über den Krieg lesen, selbst gewissenhaft 
studieren, was er gethan zu haben glaubt, heifst noch lange nicht, 
sich genügende Kenntnisse über die türkischen Verhältnisse erwerben 
und zwar so genügende, dafs sie ihren Inhaber berechtigen, über 
die handelnden Personen mit unfehlbarer Sicherheit die härtesten 
Urteile abzugeben. 

Dazu würde vor allen Dingen entweder die persönliche Erfahrung 
oder ein sehr eingehendes vorurteilsfreies Studium der gesamten 
inneren Zustände gehören. Die erste besitzt Herr T. v. T. wohl 
nicht und zum zweiten hat ihm augenscheinlich die Mufee oder die 
Neigung gefehlt. Deshalb hatte er vorsichtiger sein sollen. Wenn 
seine Art, die türkischen Heerführer samt und sonders zu ver- 
urteilen, weil sie unglücklich waren, durch sachliche Erwiderung 
eine Rüge erfährt, so wird das Jedermann natürlich finden. Billige 
unparlamentarische Redensarten einer »Antikritik«, wie »Unsinn, 
sehr naive Auffassung, harmlos« u. dergl. m., können darüber nicht 
hinweghelfen. — 

Die »Antikritik« begnügt sich — wegen Mangels an Raum — 
mit dem Versuche der Widerlegung eines geringen Teiles der 
»streitigen Punkte« und ordnet die Reihenfolge derselben, »behufs 
besserer Übersichtlichkeit ihrer Entgegnung« anders an, als es in 
der »Kritik« geschehen. Die Art und Weise der Widerlegung 
verdient besondere Beachtung. 

Ich werde dagegen zur folgerichtigen Klarstellung der 



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Gegen Thilo t. Ttotba'i .Antikritik". 



59 



von ihr angezogenen streitigen Paukte, die in der »Kritik« — d. h. 
in der »Kritischen Beleuchtung« — der »Rückblicke« gewählte 
Reihenfolge einhalten und dabei allen Einwendungen der »Antikritik« 
volle Würdigung angedeihen lassen. — 

Dieselbe giebt in Bezug auf Gurko die allgemeine Erklärung 
ab, dafs sein Verfahren »sicherlich nicht frei von Fehlern 
war« aber ein unparteiisches Urteil ihm nicht absprechen darf: 
»den, weder von kleinlichen Rücksichten beengten noch von un- 
vorhergesehenen Widerwärtigkeiten beirrten, stets auf die grofse 
Entscheidung gerichteten Blick — dabei kluge Umsicht, 
welche die beabsichtigten Unternehmungen mit Ausnutzung aller 
Torhandenen Mittel sorgfältig vorbereitete — Initiative des 
Wollens, die niemals des fremden Ansporns bedurft und die stets 
danach rang, dem Gegner das Gesetz aufzuzwingen — endlich 
Energie des Handelns, welche vor keinen wirklichen oder ein- 
gebildeten Schwierigkeiten zurückschreckte, und welche die Zügel 
der Befehlsführung so fest und sicher in der Hand behielt, dafs kein 
Untergebener« — in der, vornehmlich im passiven Siune, vortrefflich 
disziplinierten russischen Armee! — »Schwierigkeiten zu machen 
nur versuchte.« Die Belege, auf welche sich dieses unparteiische 
Urteil stützt, fehlen. 

Gurko's ersten Balkanübergang betreffend erwähnt die »Anti- 
kritik«, dafs die »Kritik« zwei, seine Thätigkeit während dieses 
Zeitabschnittes wesentlich und durchaus unvorteilhaft beeinflussende 
Faktoren fast ganz unberücksichtigt gelassen hat and zwar 

erstens die fortgesetzte störende Einwirkung des in seinen 
Anschauungen haltlos hin und her schwankenden Armee - Ober- 
Kommandos, und 

zweitens die grobe Unklarheit und Unsicherheit der Lage, in 
welcher sich Gurko's schwaches Corps auf der Südseite des Balkan- 
Gebirges befand. 

Beide Einwendungen sind haltlos. Etwaige Schwankungen in 
den Anschauungen des Oberkommandos haben Gurko nicht gestört. 
Die »Rückblicke« führen selbst ganz richtig an, dafs er nach Über- 
schreitung des Balkan »in südlicher Richtung nicht über Kesanlik 
habe vorgehen sollen«, »seine persönlichen Wünsche gingen über 
die ihm gestellte verhältnismäßig bescheidene Aufgabe weit hinaas«, 
er wollte bis Philippopel und in der Richtung auf Adriauopel 
vordringen, »was er damit in letzter Instanz erreichen wollte, ist 
nicht ganz klar.« Das weitere Vorgehen Gurko's entsprang also 
ganz seiner eigenen Initiative des Wollens; er ist allein 



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60 



Gegen Thüo r. Trotha's »Antikritik». 



verantwortlich, weun ihu sein stets auf die grofse Ent- 
scheidung gerichteter Blick die kluge Umsicht vergessen 
liefe und ihn über die grofse Unklarheit und Unsicherheit der Lage 
hinwegtäuschte. Wenn das Armee-Oberkommando vorübergehend 
die Ansicht hegte, die Hauptmasse der Armee über den Balkan 
vorgehen zu lassen, so wurde sie dazu durch Gurko's erste leichte 
und überschätzte Erfolge, so wie durch die Aussicht auf die von 
langer Hand vorbereitete Massenerhebuug der bulgarischen Be- 
völkerung, welche auch Gurko iu Rechnung zog, verleitet. Eine 
richtige Auffassung der Lage brach sich bald Bahn. Gurko erhielt 
die weitere Weisung »sich mit seiner Infanterie nicht zu weit von 
Kesaulik zu entfernen. c In Kesanlik »fand in seiner Anschauung 
über die ganze Sachlage ein merkwürdiger Umschlag statt, 
dessen innere Motive leider nicht klar erkennbar sind.« Dieser 
Umschlag seines eigenen zielbewnfsten Willens ist allerdings 
bei der »Unklarheit und Unsicherheit der Lage« um so merkwürdiger, 
als er durch das Oberkommando auch Mitteilung von dem im Gange 
befindlichen Transport der Armee Sulejmau's auf den rumelischen 
Kriegsschauplatz und von der Niederlage Schilder-Schulduer's bei 
Plewna erhalten hatte. »Er teilte am 26. Juli dem Oberkommando 
mit: Falls ihm die im Chajn-Köj stehende Brigade Boresch zur 
freier Verfügung gestellt würde, habe er die Absicht, iu energischer 
Offensive über die noch in der Versammlung begriffene Armee 
Sulejman's herzufallen und deren noch getrennte Teile in der 
Vereinzelung zu schlagen.« Er erhält die Brigade und volle Freiheit 
des Handelns. Wie soll da das Armee-Oberkommando für sein 
»Fiasko« verantwortlich gemacht werden? 

Die »Kritik« hatte die Aufzeichnung in den »Rückblicken«, 
dafs »Gurko unter fortgesetzten siegreichen Gefechten vom 
Südausgange des Chajn-Köj- Passes bis zum Dorfe Schipka vor- 
gedrungen sei« durch den Nachweis entkräftet, dafs derselbe nur 
ein wirkliches Gefecht bei Uflauly gegen drei türkische Bataillone 
geliefert habe. Die »Antikritik« sucht nun die Reihe der sieg- 
reichen Gefechte durch die Einnahme von Kesanlik vollzählig zu 
machen, das l*/a türkische Bataillone mit einem vierpfündigen Feld- 
und zwei dreipfündigen Gebirgsgeschützen selbstverständlich nicht 
gegen Gurko's 67a Bataillone, 19 Vi Schwadronen und 2 Batterien 
zu halten vermochten. 

Weiter wird der »Kritik« vorgeworfen, sie spräche unlogisch 
mit besonderer Betonung von der zahlreichen Kavallerie Gurko's. 
Die Kritik sagt wörtlich: »Diese Anordnung — für Gurko's 



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Gegen Thilo t. Trotha's „Antikritik-. 



61 



Vorgehen — war die Folge einer gänzlichen Verkennnng der 
Absicht des Gegners, sowie seiner Stärke und der Verteilung seiner 
Kräfte, worüber Gurko's zahlreiche Kavallerie, die Tage hindurch 
den Türken auf geringe Entfernung gegenüber gestanden hatte, 
sich nach keiner Richtung hin irgend welche nennenswerte Kenntnis 
zu verschaffen vermocht hatte, trotzdem dafs Sulejman, dessen Corps 
bei der Eisenbahnstation Karapnnar ausgeschifft wurde, anfänglich 
über gar keine Kavallerie und später nur über 2 Schwadronen und 
einige Hundert Irreguläre verfügte.« Die »Antikritik« will aus dem 
»Snbdetul Hakajk« — einer willkürlichen Zusammenstellung einer 
geringen Anzahl Depeschen, ohne Zusammenhang und ohne Klarheit 
durch den »Schriftsteller« Midhat Effendi, der sie mit eigenen 
Bemerkungen versah und die durch die Übersetzung in die deutsche 
Sprache auf dem Umwege durch die russische nicht an Wert ge- 
wonnen hat, — das wohl viele, auch nachweisbar irrige Stärke- 
Angaben, aber keine über die Armee Sulejman's enthält, 
wissen, dafe dieser über vier reguläre Schwadronen, einige Hundert 
anatolische Reiter und gegen 3000 Tscherkessen verfügte. That- 
sächlich befand sich gar keine Kavallerie bei Sulejman's In- 
fanterie, als deren erste Staffeln bei Karapunar ausgeschifft wurden. 
Er st bei dem Vormarsch e gegen Eski-Saghra hatte er bei seiner 
Kolonne zwei reguläre Schwadronen und 470 irreguläre Reiter 
versammelt; aufserdem verfugte Rauf Pascha bei Jeni-Saghra über 
eine Schwadron und 600 Irreguläre und Mehmed Chulussi bei 
Tschirpan über 150 Irreguläre. Die »Antikritik« giebt aber selbst 
zu, dafs die russische Kavallerie anfangs 16 Schwadronen stark 
gewesen sei. Welche Ansichten mnfs sie über deren Aufgabe und 
Wert hegen, wenn sie sie nicht für hinreichend zahlreich hält, 
um unter den vorhandenen Verhältnissen sich so viel Kenntnis zu 
verschaffen, dafs es Gurko wenigstens möglich gewesen wäre, die 
Lage im Allgemeinen richtig aufzufassen. Übrigens wird ihre 
Gegenbemerkung schon dadurch hinfällig, dafs sie »ausdrücklich 
zugiebt«, dafs die Leistungen dieser Kavallerie nicht auf der Höhe 
der Situation standen. — 

Die »Kritik« hatte sich veranlafst gesehen, die Angabe der 
»Rückblicke«, dafs bei Dschuranly »zwei, während des Gefechtes 
vor dem Gros ihres Dctachemeuts abgekommene Kavallerie- 
Regimenter Leuchtenberg's, sich, die Truppen Rauf s durch- 
brechend, mit Gnrko vereinigten«, richtig zu stellen. Die voll- 
ständige Unkenntnis von dem Verlaufe des Gefechtes und dem 
Gelände, in dem es stattfand, welche aus dieser Angabe hervorgeht, 



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Gegen Thilo v. Trotha'* „Antikritik-. 



sucht die Erwiderung der »Antikritik« vergeblich zu verdecken. 
Diese schweigt vollständig von dem Abkommen der Regimenter 
von ihrem Gros und gesteht zwar ein, »daJs der Ausdruck« durch- 
brechend »falsch gewesen« — womit der Zwischenfall eigentlich 
seine Erledigung faud, — bemerkt aber, dato »die erwähnte Kavallerie 
den linken feindlichen Flügel umging« und legt dem klaren Satze 
der »Kritik«: »Darauf — nämlich nach dem Gefechte — ging 
Gurko mit den beiden Kavallerie-Regimentern auf der ganz freien 
Strafee gegen Eski-Saghra vor«, willkürlich einen falschen Sinn 
unter, indem sie schreibt, der Zusatz »auf der ganz freien Strafse« 
habe sichtlich die falsche Anschauung erwecken sollen, die erwähnte 
Bewegung habe ganz ungestört stattgefunden. Besetzt war die 
Strafse allerdings während des ganzen Gefechtes nicht; Rauf 
Paschas, von seiner Front rechtwinklig zurückgebogener linker 
Flügel war parallel mit der Strafse im Walde von Dschuranly auf- 
gestellt. An diesem linken Flügel vorüber hatte das von Leuchten- 
berg vorgeschickte 9. Husaren-Regiment die Verbindung mit Gurko 
herstellen sollen, war aber durch türkische, zwischen Wald und 
Strafse aufgestellte Schützen und Irreguläre und durch feindliches 
Artilleriefeuer aus dem Walde von Dschuranly, das ihm einen 
Verlust von 12 Reitern und 10 Pferden verursachte, bewogen worden 
zurückzugehen. Bald darauf wurde der General Rauch von Gurko 
nach Aidinly gesandt, von wo er persönlich das 8. Dragoner- und 
9. Husaren-Regiment, nebst einer reitenden Batterie in Bewegung 
setzte, deren Kommando darauf der Oberst v. Korff übernahm, 
welcher mehrere Angriffe von Tscherkessen , die von Raufs linken 
Flügel gegen ihn vorgingen, zurückzuweisen hatte. Die Verbindung 
mit Gurko wurde erst hergestellt, als dieser Rauf vollständig 
geworfen hatte. Daraufging er mit der Kavallerie auf der ganz 
freien Strafse in der Richtung von Eski-Saghra vor. 

Weiterhin greift die »Antikritik« nun beispielsweise einige 
Einzelnheiten, behufs Prüfung der Urteile der »Kritik«, heraus. 

Erstens bemerkt sie, dafs die Kritik irrtümlich die Stärke von 
Gurko's Truppen bei Ober-Dubnik auf 52 statt 36 Bataillone an- 
gegeben habe. Diese, auf einem Versehen beruhende Angabe war 
allerdings unrichtig — Gurko verfügte über 37 nicht über 36 Ba- 
taillone, nämlich über die 1. und 2. Garde-Division, 4 Schützen- 
und 1 Sappeur- Bataillon. Doch war sie ganz unwesentlich, denn 
für die Beurteilung des Vorgehens gegen Ober-Dubnik ist es ganz 
gleichgültig, ob der Angreifer zehn- oder fünfzehnmal so stark war als 
der Verteidiger. Noch weniger wird durch diesen Zahlen-Irrtum 



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Gegen Thik) t. Trotha's .Antikritik-. 



63 



der Nachweis der »Kritik«, dafe es Osman Pascha unmöglich war, 
die »Katastrophe von Dubnik« abzuwenden, irgendwie abgeschwächt, 
da die gegen Dubnik zu viel in Anschlag gebrachten Bataillone zur 
direkten Verwendung gegen etwa von ihm zu ergreifende Maisnahmen 
verfügbar blieben. 

Zweitens stellt er die von der »Kritik« gemachte Behauptung, 
dafe der Übergang des Gebirges am Schipka-Passe unverhältnis- 
raäfeig weniger Opfer gekostet habe, wie der des Etropol- Balkan, 
als ein interessantes Beispiel hin »für die Unbefangenheit, mit 
welcher sich die Kritik mit unanfechtbaren Zahlen abfindet.« 
Diese Behauptung wurde gelegentlich der Beschreibung des Ge- 
ländes am Schipka-Passe und der sonstigen für das Über- 
schreiten des Gebirges an dieser Stelle, im Vergleiche zu den 
Schwierigkeiten am Etropol- Balkan, günstigen Verhältnisse aufgestellt. 
Sie bezog sich also nicht auf Gefechts Verluste, die übrigens bei 
dem Schipka-Übergange grösstenteils — die durch Radetzky'a Frontal- 
Angriff entstandenen ganz — die Folge von Skobelew's verspätetem 
Eingreifen waren. Mit unanfechtbaren Zahlen geht dagegen die 
»Antikritik« selbst sehr unbefangen um, wenn sie zur Erhärtung 
ihrer Anasage anführt, dafe Gurko's Heer durch den Übergang über 
den Etropol- Balkan bis zur Einnahme von Sofia anfeer 1000 Mann 
Oefecbtsverlust nur einen Abgang von weniger als 1000 Mann 
gehabt habe. Dieser betrug allein bei der 9 Bataillone starken 
Kolonne Dandeville innerhalb zweier Tage ungefähr 1000 Mann ; bei 
dem noch viel schwächeren Detachement Brök belief er sich, aller- 
dings in einem längeren Zeitraum, ebenso hoch und bei der ganzen, 
82 Bataillone starken Armee auf mehrere Tausend. 

Drittens erklärt sie den von der Kritik Gurko gemachten 
Vorwurf, dafe er, anstatt mit einem Teile seiner Armee nach Sofia 
zu marschieren, die Bewegung der ganzen Armee auf das Hauptziel 
zur »grofsen Entscheidung« hätte beschleunigen sollen, »vom 
Standpunkte des reinen Doktrinärs« für wohl begreiflich, giebt aber 
zu bedenken, dafe die bisherigen Leistungen der Serben kaum eine 
grofee Zuversicht auf ihr exaktes Eingreifen in die Operationen 
hervorrufen konnten und dafe es russisch erseits wahrscheinlich grade 
als politisch notwendig betrachtet werden mochte, Sofia nicht von 
den Serben erobern zu lassen. Diese waren, nachdem sie die 
türkischen schwachen Detachements von Scharköj (Pirot) zurück- 
geworfen hatten, was Gurko bekannt war, weiter vorgerückt und 
trafen auch in Wirklichkeit ungefähr gleichzeitig mit Gurko vor 
Sofia ein, das unter allen Umständen nur ein unbedeutendes 



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154 



Gegen Thilo v. Trotha's .Antikritik". 



Neben ziel im Gange der Operationen bildete. Wenn sie selbst 
Sofia nicht hätten einnehmen können, so wäre doch durch sie eine 
Anzahl türkischer Bataillone festgehalten worden, welche die Russen 
entkommen liefsen. Die Leitung ihrer Operationen hätte sehr gut 
dem, auf dem äufsersten rechten russischen Flügel, zur Aufrecht- 
haltung der Verbindung mit ihnen, mit einer Kavallerie-Brigade 
operierenden General Arnoldi übertragen werden können, wodurch 
das politische Moment einer etwaigen Eroberung Sofias durch die 
Serben abgeschwächt worden wäre, das auch au und für sich keine 
hohe Berücksichtigung verdiente, da es gegen Russlands Machtspruch 
nicht zur Geltung gelangen konnte. 

Da die »Antikritik« freundlichst zugesteht, dafe das Verfahren 
Gurkos während der verschiedenen Operationen des Krieges sicher- 
lich nicht frei von Fehlern war und ihr »der Raum fehlt, um auf 
die Thätigkeit Gurko's während des winterlicheu Balkan-Überganges 
und während der Operationen auf Philippopel näher einzugehen 
und auch hier die Urteile der »Kritik« über seine Fährerbegabung 
in Bezug auf ihre Berechtigung zu prüfen«, so kann es wohl den 
geneigten Lesern der »Kritik« überlassen bleibeu, selbst zu be- 
urteilen, in wie weit die von der »Antikritik« Gurko zuerteilten 
Feldherm-Eigenschaften während dieser Operationen zu Tage traten. 

Nun zu Skobelew. 

Jeder Leser der »Kritik« wird in ein gelindes Erstaunen ver- 
setzt werden, wenn er erfährt, dafs die »Antikritik« behauptet, jene 
habe als Quelle für die Beurteilung Skobelew's hauptsächlich das 
Buch: »Michael Dimitrijowitsch Skobelew, nach russischen Quellen, 
von Ossip Ossipowitsch« benutzt. Einige Stellen aus demselben 
wurden zusammenhängend und zwischen Anführungszeichen aus- 
drücklich als Zeugnis dafür angeführt, dafs auch unverdächtige 
Stimmen von Landsleuten und Kameraden Skobelew's kritisch an 
die Legende von dem panslavistischen Helden Hand legen. Wenn 
die »Antikritik« es unternimmt, einen Satz aus dieser zusammen- 
hängenden Ausführung herauszuziehen, welcher von einem russischen 
Autor — Gradowski — stammt und von dem Ossipowitsch be- 
hauptet, dafs er nie widerlegt worden ist, ihn als » Unsinn« bezeichnet 
und damit einen Beweis gegen die Richtigkeit der Angaben der 
»Kritik« zu liefern glaubt, so zeugt das von wenig Sinn. Wenn 
sie von andern Sätzen derselben, die von Skobelew's Charakter 
handeln, behauptet, durch die in ihnen enthaltenen Vorwürfe würde 
nichts gegen seine Begabung als Truppen- und Heerführer bewiesen, 
was hat sie sachlich für dieselbe vorgebracht? — 



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Gegen Thilo v. Trotha'» „Antikritik". 



65 



Durch den Hinweis anf Kuropatkin wird auch nicht ein einziges 
Wort der von der »Kritik« Aber Skobelew's Verhalten bei Plewna 
gemachten selbstständigen Bemerkungen entkräftigt, ebensowenig ihr 
Urteil über sein Verhalten bei den Kämpf in um die Schipka- 
Stellung durch die ureigene Äufserung der »Antikritik«, dafe sie 
dasselbe vorläufig als eine »gehässige Behauptung« auffasse. Die 
Anordnungen für den Angriff auf die Stellung, der Verlauf der 
Bewegungen der Umgehungskolonnen, wie des Kampfes, die Be- 
schaffenheit des Geländes, die Ansichten russischer Offiziere, auch 
der Kolonne Skobelew angeböriger, und dessen Charakter zeugen 
für die Richtigkeit der in der »Kritik« ausgesprochenen An- 
schauungen. 

Wird die »Antikritik« Zustimmung finden zu dem Ausspruche, 
dafs selbst für den Fall, dafe der gegen sein Verhalten erhobene 
Vorwurf berechtigt sein sollte, in demselben nicht ein Beweis gegen 
sein hervorragendes Führertalent zu finden sei, wohl aber ein solcher 
»für seine Virtuosität in der Truppenführung, weil er 
unter den damaligen schwierigen Umständen die Zügel der Leitung 
so fest in der Hand hielt und sein Eingreifen so genau zu 
berechnen verstand, dals sich Alles genau nach seinem Plan und 
Willen abspielen mutete?« Einigermafsen schwierig waren die 
Umstände, in Folge von Skobelew's Verhalten, nur bei der Kolonne 
Mirski geworden; jener sammelte die seinige, die allein mindestens 
ebenso stark war wie die türkische Gesamtmacht in der Ebene — 
bei Schenowo — Dorf Schipka-Chassköj — in einer günstigen Stellung 
am Fufse des Gebirges bei Himetty. Welche Anschauung über die 
in dem russischen Heere herrschende Disziplin birgt die Bemerkung, 
dafs er die Zügel der Leitung fest in der Hand hielt! Ihm 
allerdings, doch nur ihm allein gelang es, die Bande der in den 
»Rückblicken« mit Recht hervorgehobenen »Unterordnung« in einigen 
Fällen zu zersprengen. — 

Auf die Äufserung der »Kritik«, dafs neben den in den »Rück- 
blicken« aufgezählten »hervorragend tüchtigen« russischen Generalen, 
»welche selbstständige Operationen gröfserer Truppenkörper 
mit Erfolg geleitet und dabei diejenigen Eigenschaften in hohem 
MaXse an den Tag gelegt haben, die die notwendigen Attribute eines 
Heerführers sind,« recht gut noch andere hätten genannt werden 
können, wie z. B. Loris Melikow, Imeretinsky, Sweatopolk-Mirski, 
erwidert Herr T. v. T., dafs »allerdings Mirski nur aus Versehen 
nicht genannt worden sei,« er aber die beiden anderen nicht den 
hervorragenden Truppenführern beizählen könne; sein rein sub- 



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Gegen Thilo t. Trotha'u „Antikritik-. 



jektives Urteil könne »durch den Umstand nicht erschüttert werden, 
dafs Loris Melikow Höchstkommandierender auf dem armenischen 
Kriegsschauplätze war, noch durch den anderen, dafs Imeretinsky 
als Generalstabschef Totleben's von diesem sehr gelobt wird.« Mehr 
als dieses subjektive Urteil dürfte wohl dasjenige Totleben's An- 
erkennung verdienen; dazu war Imeretinsky Befehlshaber der Truppen- 
Abteilung, welche Lofdsche einnahm, ein Ereignis, das als Waffen- 
erfolg gewifs über Gebühr gepriesen worden ist, aber, vornehmlich 
nach den Niederlagen von Plewna, aufserordentlich wertvoll war. 
Er hat also eine selbstständige Operation eines gröfseren 
Truppenkörpers — 26 Bataillone, 13 Schwadronen, 90 Geschütze — 
mit Erfolg geleitet, was uicht bei allen jenen, in den »Rück- 
blicken« aufgezählten Truppenführeru zutrifft, vornehmlich nicht 
bei Rauch, der als Brigade-Commandeur nach Russland zurück- 
kehrte, den ich aber auch, auf Grund meiner persönlicher Erfahrung 
entstammenden, subjektiven Anschauungen für die Leitung gröfeerer 
Truppenkörper befähigt halte. — 

Dafs die »Kritik« in Bezug auf die russische Ober-Heeres- 
Leitung nicht in den Ton der »Rückblicke« einstimmte, ihr Ver- 
halten nicht auch als »diletanttenhaftes Gebahren, Kopf- und System- 
losigkeit« kennzeichnete, nicht kurzweg die absprechenden, rein 
subjektiven Urteile über dieselbe anerkannte, sondern versuchte, 
ihre Handlungen in folgerichtigen Znsammenhang zu bringen, dafs 
sie, im Gegensatz zu den Anschauungen der »Rückblicke« nachwies, 
das Verlegen des Schwerpunktes der Ereignisse nach Plewna sei 
ihr Hauptfehler gewesen, dadurch wird Herr T. v. T. nicht etwa 
zu einer Widerlegung, sondern zu der Äufaerung gereizt: »verschiedene 
Auslassungen der »Kritik« sind eigentlich nur dann erklärlich, wenn 
man annimmt, es sei die unbedingte Absicht gewesen, immer das 
Gegenteil von dem zu behaupten, was ich ausgesprochen.« 

Nur die Auseinandersetzungen der »Kritik« über den Wert 
eines Brückenkopfes bei Schischtow werden von der »Antikritik« 
einer Erwiderung gewürdigt. 

Über denselben schreiben die »Rückblicke«: Die dnrch ein 
Znsammenhalten der Truppen erlangte taktische Zuversicht hätte die 
russische Heerführung von einer ängstlichen Rücksicht anf die 
Flanken und Verbindungen enthoben uud ihr eine grofse Be- 
wegungsfreiheit gegeben, allerdings nur, wenn bei Schischtow 
eine selbstständige permanente taktische Verteidigung organisiert 
war, die mehrere Tage dem Angriffe eines feindlichen Corps Wider- 
stand leisten konnte; diese Forderung würde am besten erfüllt 



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Gegen Thilo v. Trotba's „Antikriük". 



67 



worden sein durch einen bei Schischtow angelegten, ausgedehnten, 
für die Verteidigung durch eine Division einzurichtenden Brücken- 
kopf. Der Mangel einer derartigen Befestigungsanlage und in Folge 
davon die Rücksichtnahme auf die Sicherheit der Armee bei allen 
eventuellen strategischen Bewegungen hat sich mehrfach störend 
bemerkbar gemacht. Anstatt Schischtow zu einem selbstständigen 
befestigten Punkt zu machen, hat die Heeresleitung gerade das 
Gegenteil gethan und die Armee in drei Richtungen exceutrisch in 
Bewegung gesetzt, zwei Corps nach Osten, eines nach Westen, ein 
viertes und das Avantgarden-Corps nach Süden. — »Die strate- 
gische Bewegungsfähigkeit der Lom-Arraee wurde in hohem 
Grade beengt, weil man versäumt hatte, bei Schischtow eine zur 
selbstständigen Verteidigung befähigende Befestigung anzulegen.« 

Die Kritik bemerkte dagegen: »Die Anschauung, dafs die 
russische Heerführung von einer ängstlichen Rücksicht auf die 
Flanken und Verbindungen entbunden war, wird allgemeine Zu- 
stimmung finden, nicht aber, dafs das Vorhandensein eines für die 
Verteidigung durch eine Division eingerichteten Brückenkopfes 
bei Schischtow eine genügende Sicherheit für die Operationen 
geboten hätte. Eine derartige Anlage sicherte nur so weit ihre 
taktische Wirkungssphäre reichte, jedoch in keiner Weise entfernt 
von ihr operierende Truppenkörper gegen Unternehmungen des 
Gegners. Sie liefs ganz Westbulgarien offen und hatte das nahe 
gelegene Nikopoli als Stützpunkt für den Gegner in der Flanke. 
Zur Sicherung gegen Westen mufsten also unbedingt andere Truppen- 
körper verfügbar gemacht werden. Sehr zweckmäfsig wurde 
damit das 9. Armee-Corps betraut«. 

Darauf die »Antikritik«: »Eine ganz wunderbare Auffassung 
strategischer Verhältnisse geht aus der Polemik(!) hervor, welche 
die Kritik gegen den von mir gemachten Vorschlag eines bei 
Schischtow anzulegenden Brückenkopfes führt. Waa ich dabei beab- 
sichtigt habe und allein beabsichtigen konnte, hat die Kritik ab- 
solut nicht verstanden.« »Gelang es selbst nur einem schwachen 
türkischen Corps vorübergehend bis Schischtow vorzudringen und 
die Brücke zu zerstören, so geriet die russische Armee in eine sehr 
bedenkliche Lage.« 

Die »Rückblicke« waren wohl nicht mifszuverstehen. Dagegen 
hat die »Antikritik« die »Kritik« nicht verstanden oder nicht ver- 
stehen wollen und deutet deshalb den Satz: »Eine derartige Lage 
sicherte nur so weit ihre taktische Wirkungssphäre reichte, aber in 
keiner Weise« u. s. w. falsch. Die »Rückblicke« treten für die 

6* 



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Gegen Thilo v. Trotha's »Antikritik". 



Anlage des » Brückenkopfes « aus strategischen Rücksichten ein, 
die »Kritik« behauptet, dafs sie solchen unter den obwaltenden 
Umstanden nicht entsprochen hätte, sondern nur örtlich sicherte, 
was die »Antikritik« ganz bestimmt als »natürlich richtig« 
zugiebt und »für den gewollten Zweck vollständig aus- 
reichend« erklärt. Ihre weitere Polemik entspringt einer falschen 
Auffassung der allgemeinen Verhältnisse. »Ein schwaches türkisches 
Corps« konnte bei der russischerseits gleich nach dem Übergange 
getroffenen Mafsnahmen, aber auch weil das 9. Corps mit der 
Sicherung gegen Westen betraut war, nicht nach Schischtow 
vordringen. Wenn aber die Türken zu irgend einem Zeitpunkte 
befähigt gewesen wären, dis Offensive zu ergreifen, so würde ein 
Teil ihres Heeres irgendwo, unterhalb Schischtow über die Donau 
gegangen sein und die russischen Verbindungen durch Rumänien 
direkt unterbrochen haben. Ein Brückenkopf bei Schichtow konnte 
den von den »Rückblicken« nnd der »Antikritik« an ihn geknüpften 
Erwartungen nicht entsprechen, weil er nur eine einzige Rückzugs- 
linie der operierenden Heereskörper zu ihren ungünstig gestalteten 
und nicht gesicherten rückwärtigen Verbindungen, nicht 
aber zu einer Basis und deren Hülfsquellen deckte. — 

Abdul Kerim Pascha steht an der Spitze der von den »Rück- 
blicken« verurteilten türkischen Heerführer. Sie sagen von ihm: 
»Ob sein Verfahren schliefslich zu tadeln oder zu loben, ob es als 
Ausflufs höchster Unfähigkeit oder der gröfsten Weisheit anzusehen 
sei, das hing ganz davon ab, ob und mit welchem Erfolge er den 
zweiten Teil des Planes zur Ausführung bringen würde. Dies zu 
thuu oder doch wenigstens zu versuchen, hat man dem alten 
Serdar-Ekrem durch seine plötzliche Abberufung die Gelegenheit 
abgeschnitten.« »Die erste russische Offensive mufste, trotz des 
schwächlichen und schwerfälligen türkischen Gegenspiels, 
scheitern und mit einem grofsen Mifserfolge enden.« 

Die »Kritik« liefert den Nachweis von der Unrichtigkeit dieser 
Auffassung. 

Die »Antikritik« erwidert nun zwar, dafs »Abdul Kerim Paschas 
Plan wahrscheinlich wohldurchdacht und zweckentsprechend 
war« — glaubt dabei auch, dafs das in den »Rückblicken« an 
mehreren Stellen betont worden sei — »aber die Unfähigkeit 
verschiedener Generale und die von Konstantinopel aus sich geltend 
machenden zum Teil ganz unvernünftigen Eingriffe ihn eben nicht 
zur Durchführung gelanget! liefeen.« »Was schliefslich geschah, 



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Gegen Thilo v. Trotha 's „Antikritik - . 



69 



war eben thatsächlich ein schwächliches und schwerfälliges 
Gegenspiele 

Wo bleibt der Beweis? Thatsächlich hat Abdul Kerim trotz 
aller ungünstigen Umstände den Gegner unbedingt das <lesetz 
vorgeschrieben, vornehmlich auch durch die Berufung Osman 
Paschas nach Plewna — die er schon früher angeordnet hatte, 
deren Ausfuhrung aber damals verhindert worden war — und das 
um so mehr, wenn die iu den »Rückblicken« ausgesprochene Ansicht 
begründet wäre, dafs die russische Heeresleitung die ernste Absicht 
hatte, nach dem Donau -Übergange die Hauptmasse der Truppen 
offensiv über den Balkan vorgehen zu lassen. 

Data die »Rückblicke« den unglücklichen, in der Verbannung 
gestorbenen alten Marschall Abdul Kerim, den ihr Verfasser jeden- 
falls gar nicht gekannt hat, »grob« nannten, fand in der »Kritik« 
eine Zurechtweisung mit den Worten : »Derselbe war ein charakter- 
voller gebildeter Soldat, kein Formenmensch, noch weniger ein 
Phrasenheld, dabei durchaus gutmütig und wohlwollend« und das 
in so hohem Grade, dafs er es nicht dazu brachte, je irgend Jemand 
ein böses Wort zu sagen. Die »Antikritik« spricht nur von der 
»sittlichen Entrüstung« des Kritikers ob des Gebrauches des Epitheton 
»grob«, das sie nicht in einem verletzenden Sinn gebraucht zu 
haben erklärt; es sei ja auch nichts als eine etwas drastische 
»Zusammenfassung« der von dem Kritiker selbst gegebenen 
Charakteristik: »er war allerdings kein Formenmensch«. Diese 
Zusammenfassung ist gewife recht eigentümlich. — 

Vor Erledigung der weiteren, das Verhalten der türkischen 
Heerführer betreffenden streitigen Punkte, scheint es nötig nach- 
zuweisen, dafs die allgemeinen Anschauungen des Herrn »Anti- 
kritiken« über die Stellung derselben von Grund aus irrige sind, 
die er keinenfalls aus der von ihm als Quellen für sein Studium 
angeführten türkischen Quellen geschöpft haben kann. 

Er ist der Ansicht, dafs die türkischen Heerführer weit selbst- 
ständiger waren als die Erlauchten Heerführer der verschiedenen 
deutscheu Armeen 1870/71 und spricht sie besonders und als »un- 
zweifelhaft« richtig gelegentlich der Beurteilung Osman Paschas 
aus, der ja »nur dann und wann Weisungen von Konstantinopel 
empfing, die vielfach auf die wirklichen Verhältnisse gar 
nicht pafsten.« Diese Begründung ist zwar eigenartig, als 
unzweifelhaft richtig dürfte sie aber keine allgemeine Anerkennung 
finden. Man war bisher geneigt, zu glauben, dafe unzutreffende 
Weisungen von oben her den Untergebenen in seinen Handlungen 



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70 



Gegen Thilo Trotha's „Antikritik-. 



beengen und dafs nur allgemein gehaltene, aber auf die Verhältnisse 
passende, die Selbstständigkeit der Unterführer erhöhen. Darum 
hat man auch gerade die grofse Freiheit des Handelns bewundert, 
welche den Erlauchten Heerführern 1870/71 von oben her gewährt 
wurde, und darin eine Ursache ihrer Siege gesehen. Dafs diese 
grofse Selbstständigkeit durch höhere Weisungen erzielt worden sei, 
die auf die wirklichen Verhältnisse gar nicht pafsten, wie man nach 
der Anschauung des Herrn Antikritiken» annehmen sollte, ist bislang 
unbekannt geblieben. 

Die vergleichende Zusammenstellung türkischer uud deutscher 
Verhältnisse hinkt überhaupt. 

Zwischen einem orientalischen Staate, dessen Haupt zugleich 
Beherrscher aller Gläubigen, Chalif und Padischah in einer Person 
ist und einer abendländischen konstitutionellen Monarchie besteht 
ein grofser Unterschied. Es ist ferner etwas Anderes, wenn wie bei 
den deutschen Heeren 1870/71 der Souverain selbst als Höchst- 
kommandiereuder im Felde steht und nach eigener Anschauung 
selbst befiehlt, als wenn Befehle oder Weisuugen von dem in der 
fernen Hauptstadt weilenden Kriegsminister, einem vielköpfigen 
Kriegsrat oder von dem Chef einer Kabinetts-Kanzlei, der gar nicht 
Militär, sondern Civilbeamter ist, erlassen werden und die von den 
Heerführern zu treffenden oder getroffenen Mafsnahmen deren 
Billigung bedürfen. 

Die Erlauchten deutschen Heerführer hatten vielfache Gelegen- 
heit, mit dem Kriegsherrn direkt zu verkehren und erforderlichen 
Falles sich ihm gegenüber zu verantworten. Sie befanden sich also 
in einer ungleich günstigeren Lage als die türkischen, deren 
Beurteilung abhängig blieb von der Einwirkung verschiedener 
Einflüsse und die nicht sicher waren, sich an der höchsten, allein 
mafsgebenden Stelle Gehör verschaffen zu können. 

Demnach möchte es einleuchtend erscheinen, dafs ungefähr das 
Gegenteil von dem richtig ist, was die »Antikritik« behauptet, dafs 
nämlich der sol bstständ igste türkische Heerführer niemals so 
selbstständig und frei in seinen Entschliefsungen, also auch in der 
Entfaltung seiner Fähigkeiten und Eigenschaften war, als der 
gebundenste und un sei bstständ igste deutsche General im Felde. 

Auch bei den preufsisch-deutschen Armeen in den Jahren 1866 
uud 1870/71 sind Fehler vorgefallen, die Kreise der glänzenden 
obersten Leitung gestört, einzelne Gefechte verloren worden, doch 
traf keinen der dabei beteiligten Generale das Schicksal türkischer 
Führer. 



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Gegen Thilo t. Trotha's „Antikritik-. 



71 



Die Ungnade hat im Orient etwas Anderes zu bedeuten als in 
Deutschland, der Gedanke an ihre Folgen mufc selbst auf den 
stärksten Charakter einwirken — und das ist auch bei Beurteilung 
der Leistungen der Einzelnen in Rechnung zu stellen. 

Belege für die Richtigkeit des Vorstehenden hätte die »Anti- 
kritik« gerade in den von ihr angeführten »Quellen« »der kriegs- 
gerichtliche Prozefs gegen Sulejman Pascha« und »Subdetul Hakajk« 
— auf deutsch; die Quelle (wörtlich der Rahm) der Wahrheit — 
finden können. Dem Herrn Übersetzer der letzteren Schrift ist es, 
trotz ihrer Mangelhaftigkeit gelungen, das Wesen aus der »Wahrheits- 
quelle« herauszuziehen, über das er sich in der Vorrede zu der 
Übersetzung folgendermafsen äufsert: »Der geneigte Leser wird 
nach Kenntnisnahme dieser Zusammenstellung — von Depeschen — 
manche bisher fast unbegreiflich erscheinende Handlungen der 
türkischen Heerführer erklärlicher, ja zum Teil wohl begründet 
finden; er wird die vergeblichen Anstrengungen kennen lernen, 
welche der Sultan in Person nicht scheute, um der äusserst un- 
gelenken und zerrütteten Organisation der türkischen Wehrverfassung 
und Administration durch Palliativmittel mehr Aktionskraft zu 
verleihen. Es fehlte eben in Allem ein festes, durchgreifendes 
System, eine einheitliche centrale Oberleituug, wie sie in dem vom 
Sultan eingesetzten, aber fortwährend durch die grofsherrliche 
Kanzlei beeinflufsten Kriegsrat am allerwenigsten zu finden ist.« 

Seit dem Kriege haben sich allerdings die Verhältnisse in der 
Türkei günstig umgestaltet. — 

Die Widerlegung durch die »Kritik« des, von den »Rückblicken« 
über Mehmed Alys Verhalten ohne jegliche Begründung erlassenen 
Urteils, wird von der »Antikritik« als ein »geradezu harmloser 
Versuch« bezeichnet, mit einigen Phrasen und haltlosen Be- 
hauptungen zurückgewiesen, der Hauptnachdruck darauf gelegt, dafs 
ihm die »eiserne Faust« fehlte. 

Im Besonderen schreibt sie: »Die Behauptung der Kritik, die 
Gesamtstärke von Mehmed Alys Armee, die Festungsbesatzungen 
mit inbegriffen, sei nie derjenigen der im gegenüberstehenden Gegner 
gleichgekommen, ist im Hinweis auf die offiziellen Angaben im Prozefe 
Sulejman einfach nicht richtig.« »Die russische Kavallerie war 
nicht doppelt so stark als die türkische.« 

Es ist nicht schwer nachzuweisen, dals diese Behauptung der 
»Antikritik« zum Mindesten einfach nicht richtig ist. 

Die Kritik konnte, wie sich das ganz von selbst versteht, trotz- 
dem aber ohne jeden Sinn und Berechtigung von Der »Antikritik« 



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Gegen Thilo t. Trotha"» „Antikritik". 



mifedeutet wird, als Gegner Mehmed Alys nicht allein den Grofe- 
fiirsten Thronfolger im Auge haben, sie sprach ja ausdrücklich von 
den ihm gegenüberstehenden Gegnern, deren Stärke wohl als 
bekannt vorausgesetzt werden durfte; sie verwies deshalb für weitere 
Einzelnheiten auf die von Mittler & Sohn in Berlin herausgegebene 
Schrift: »Das bulgarische Festungsviereck«, in der die Mehmed Aly 
gegenüberstehenden russischen Streitkräfte aufgezählt und auf 
11 Infanterie-Divisionen, 154 Schwadronen und 600 Geschütze be- 
rechnet werden. 

Dabei giebt sich der Herr »Antikritiker« der »Kenner« der 
türkischen Verhältnisse, eine grofse Blöfse, wenn er die in dem 
Prozefs Sulejman angeführten Stärke -Angaben für die Infanterie der 
türkischen Armee als Gefechtsstärke in Rechnung setzt, auch 
nichts davon weifs, dafs zahlreiche Schwadronen Kavallerie dauernd 
damit beauftragt waren, die zahllosen Bauernwagen zusammen- 
zubringen, und zu begleiten, aus denen die türkischen Munitions- 
und Proviantkolonnen gebildet wurden. Wie konnten ihm, bei 
seinem gewissenhaften und gründlichen Studium der türkischen 
Quellen, ausserdem noch Zweifel aufsteigen »ob in der obigen Be- 
rechnung« — d. h. in der Angabe der Totalstärke der türkischen 
Armee des Festuugsvierecks, »die Stärke der Besatzungen der 
Festungen und der Stellung von Pasardschik mit inbegriffen sei 
oder nicht?« 

Es kam aber nicht nur die Gesamtstärke an Streitenden der 
türkischen Infanterie in der Armee der Gesamtzahl der ihr gegen- 
überstehenden russischen Infanterie an Streitenden nicht gleich, 
sondern auch die, für eine von Mehmed Aly allein gegen Westen 
zu unternehmende, zielbewufste Offensive verfügbare Infanterie kam 
nicht der, in jener Front, dem Gegner zur Verfügung stehenden 
gleich, — zu dessen Unterstützung im Monat August auch noch die 
eben auf dem Kriegsschauplatz eingetroffeneu beiden Infanterie- 
Divisionen herangezogen werden konnten. — 

Ebenso ist auch die Bemerkung der »Antikritik«: »die russische 
Kavallerie war also durchaus nicht doppelt so stark ah die 
türkische«, durchaus falsch, selbst, wenn sie nur auf die in 
der russischen Ostfront von Djutin bis an die Donau befindliche 
und die dagegen verfügbare türkische bezogen wird, die die »Anti- 
kritik« auf 6000—7000 Pferde berechnet, aber irrtümlich, denn 
dieselbe bestand nicht aus »der 8., 12., 13. und Teilen der 
11. Kavallerie-Division«, sondern aus 3 Regimentern der 8., der 12., 
13. und der gauzen 11. Division, dazu aber noch 4, der Armee 



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Gegen Thilo v. Trothas „Antikritik-. 



73 



des Grofefürsten Thronfolger zugehörige Dünsche Kosaken-Regimenter, 
24 Schwadronen, die völlig aufcer Acht gelassen worden sind. — 

In Bezug auf Mehmed Aly's Verhalten als Befehlshaber der 
Armee im westlichen Balkan schreibt sie: »Dafs seine Aufgabe, so 
weit sie den Ersatz von Plewna in sich schlofe, in der That wohl 
unlösbar war und ihm keine verständige Kritik einen Vorwurf 
daraus machen wird, dafs er sie nicht lösen konnte,« wohl bleibt 
sie aber bei der Behauptung, dafs Mehmed Aly's ganzes Verfahren 
während seiner damaligen Kommandoführung »eine Kette von 
Schwächen und Halbheiten war und den Vorwurf der Unentschlossen- 
heit und Energielosigkeit rechtfertigt. Zwischen den sich kreuzenden 
Ansichten verschiedener Untergebener und den zum Teil unquali- 
fizierbaren Weisungen aus Konstantinopel schwankt er stellen- 
weise sichtlich im Gegensatz zu seiner eigenen besseren Überzeugung 
haltlos hin und her.« 

Unter den »Quellen«, aus welchen der Antikritiker die Kenntnis 
der türkischen Verhältnisse geschöpft hat, ist, für die Ueurteiluug 
von Mehmed Aly's Thätigkeit während dieses Zeitraums maßgebend, 
angeführt: »Die Verteidigung des Etropol- Balkan unter Mehmed 
Aly Pascha. Von einem Augenzeugen. Jahrbücher für die Deutsche 
Armee, August 1878.« 

Dieser »Augenzeuge« setzt auseinander, dafs während der kurzen 
Zeit seiner Befehlsführung Mehmed Aly »Tage hindurch durch un- 
ausgesetzten Verkehr mit der Dari-Schura — jenem dem Kriegs- 
minister untergeordneten Kriegsrat — in Anspruch genommen wurde,« 
dafs Sulejman's Eifersucht ihm binderlich war, dafs die ihm unter- 
stellten Truppen uuzuverlässig wareu, au Offizieren Mangel war, die 
Leute in seiner Umgebung ihre Stellung nicht vollständig aus- 
füllten, die ganze Thätigkeit des Oberkommandos auf ihm lastete 
und er, so oft nur ein Gewehrschufe fiel, stets persönlich ein- 
greifen und Alles anordnen mufste.« »Zu dieser in der That auf- 
reibenden Thätigkeit trat dann der störende Verkehr mit der 
Dari-Schura, die in barocken Fragen und Belästigungen Aufser- 
ordentliche8 leistete. « 

Befand sich etwa irgend einer der Erlauchten Heerführer 
1870/71 in einer Lage, die auch nur den Vergleich mit der seinigen 
gestattete? 

Trotzdem gelang es ihm Gurko's Offensive aufzuhalten. 

Wenn dennoch der »Augenzeuge« in der Schlufsphrase seines 
Aufsatzes seine subjektive Anschauung dahin ausspricht, dafs Mehiiied 
Aly »schließlich das Vertrauen auf sich selbst verloren habe,« so 



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Gegen Thilo v. Trotha'* .Antikritik-. 



scheint das nicht seiner eigenen Darstellung der Ereignisse nnd ihrer 
Begründung zu entsprechen, noch weniger aber enthält die Dar- 
stellung Beweise für die Richtigkeit der Äusserungen der »Anti- 
kritik«. - 

Der von den »Rückblicken« Mehmed Aly gemachte Vorwurf, 
»dafe er keinen Versuch gemacht habe, seine Stellung als Höchst- 
kommandierender den anderen Armee-Kommandanten, besonders 
Sulejman gegenüber zur Geltung zu bringen,« wird von der »Anti- 
kritik« aufrecht gehalten. 

Zum Beweise dafür, dafs derselbe thatsachlich Oberbefehlshaber 
der drei, auf dem europäischen Kriegsschauplatz befindlichen Armeen 
gewesen sei, und dafs es ihm nur an der »eisernen Faust« gefehlt 
habe, um sich Geltung zu verschaffen, führt sie zwei aus der 
Kabinettskanzlei an ihn gerichtete Depeschen an, ganz als ob die- 
selben eben so anzusehen seien, wie etwa Königlich Preußische 
Kabinettsordres. Sulejman Pascha würde auch heute ins höchste 
Erstaunen geraten, wenn er durch freundliche Vermittlung der 
»Antikritik« erführe, dafs er Mehmed Aly unterstellt gewesen sei, 
Osman Pascha noch mehr, denu die Ernennung zum Oberbefehls- 
haber der Donau -West- Armee befreite ihn gerade aus seiner bis- 
herigen untergeordneten Stellung und machte ihn nnr von den 
Behörden in Konstantinopel abhängig. 

Zur Ergänzung dieser Depeschen hätte zunächst eine dritte, an 
Sulejman und Osman gerichtete vorhanden sein müssen, die da 
lautete: »Sie sind von nun an Mehmed Aly unterstellt und haben 
dessen Befehlen Folge zu leisten.« 

Die zweite Depesche — vom 21. Juli: — »Versehen sie sofort 
Sulejman mit Instruktionen über die von ihm auszuführenden 
Operationen« ist übrigens in der von der »Antikritik« gegebenen 
Fassung gar nicht vorhanden; Subdetul-Hakajk enthält aber 
von demselben Tage die folgende: »Ihre Depesche aus Warna, 
woriu Sie die begonnene Konzentration der Truppen meldeten, hat 
den Sultan sehr erfreut. Fahren Sie damit fort und instruieren 
Sie Sulejman, der sich heute mit seinen Truppen von Dedeagatsch 
nach Adrianopel begiebt.« Das klingt schon ganz anders als eine 
unbedingte Anerkennung seiner Oberbefehlshaberschaft. Wie es mit 
dieser beschaffen war, hat ja Sulejman sofort bewiesen, indem er 
eine an demselben Tage ihm von Mehmed Aly gegebene Weisung 
als Anmafsung zurückwies. 

Die »Antikritik« sagt weiter: »Die oberste Behörde in 
Konstantinopel hatte weder die Macht, noch den Willen, Klarung 



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Gegen Thilo t. Trotha'a „Antikritik-. 



75 



in diese Sache zu bringen.« Dem ist nicht so. Die Sache war 
klar und Konstantinopel versah fortan sowohl Sulejman wie Osman 
mit direkten Befehlen, die nicht durch Mehmed Aly's Hand gingen. 

Welcher Widerspruch Überhaupt zwischen solchen Anschauungen 
und einer durch ein eifriges Quellenstadium erworbenen Kenntnis 
der türkischen Verhältnisse. 

Die mafsgebendste Quelle für diesen Fall, der von der 
»Antikritik« mehrfach ins Feld geführte »Prozefs Sulejman's«, legt 
die Sache ganz klar, durch den Nachweis, dafs sogar das Kriegs- 
gericht Sulejman's Auffassung über seine Stellung mit 6 Stimmen 
gegen eine als richtig anerkannt hat. 

Wie in aller Welt hätte unter diesen Umständen Mehmed Aly 
die »eiserne Faust« walten lassen sollen? Die »Antikritik« hat 
unterlassen, die Mittel anzugeben, um dieselbe Sulejman und Osman 
fühlbar zu machen, wohl weil auch sie keine kannte; ihre Behauptung 
bleibt also eine leere Phrase. In der Tasche durfte er die Paust 
wohl ballen, zum Gebrauche fehlte ihm die Macht. Strafrecht über 
Sulejman besafe er nicht. Hätte er ihn etwa verhaften lassen sollen? 
Durch wen? Nach dem Rezepte von der »eisernen Faust« wäre 
ihm nichts übrig geblieben, als mit seiner Armee gegen Sulejman 
zu marschieren, um ihn zur Raison zu bringen und damit — hätte 
er den sicheren Weg ins Narrenhaus oder vor ein Kriegsgericht 
eingeschlagen. — 

Die »Antikritik« will, immer auf Grund ihres Quellenstudiums, 
die Unrichtigkeit der von der »Kritik« gemachten Angabe nach- 
weisen, dafc Osman Paschas Armee in Plewna am Tage der Einnahme 
von Ober-Dubnik nur 25,000 Mann — und nicht 45,000 — stark 
gewesen sei. Ihre Beweisführung niufe auch anderen Nichtkennern 
der türkischen Verhältnisse als unantastbar -richtig erscheinen, denn 
sie schreibt: »Major Telaat Bey, Adjutant Osman Paschas, giebt in 
seinem Werke — »Die Ereignisse bei Plewna« — dieser Armee für 
den Tag der Schlufskatastrophe eine Stärke von 37,500 Kom- 
battanten, ohne Kranke.« »Die hierauf bezüglichen sehr interessanten 
Detailangabeu Telaat's können hier, als zu viel Raum bean- 
spruchend, nicht wiedergegeben werden.« 

Telaat Bey giebt aber in Wahrheit auf Seite 815 u. f. seines 
Buches an, dafe sich bei der Armee von Plewna am Tage der 
Einschliefsung — also nach der Einnahme von Dubnik und nicht 
am Tage der Schlufskatastrophe — 136 (ein unsinniger Druck- 
fehler) Bataillone Infanterie befanden und ihre Stärke, ohne 2500 
Kranke und Verwundete mitzurechnen, 40,000 Mann betrug. 



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Gegen Thilo t. Trothas .Antikritik-. 



Die Mehrzahl der Bataillone hatte eine Stärke von 350 400 Mann, 
die übrigen eine noch geringere. Um eine bessere taktische 
Verwendung zu ermöglichen, bildete man aus allen vorhandenen 
Bataillonen deren 57, zu einer Starke von nicht weniger als 
400 Manu. 

Die Angabe Telaat's von 40,000 Mann ist eine irrtümliche, 
was schon daraus hervorgeht, dafs sich aus ihr, nach Abzug von 
etwa 3000 Mann für Kavallerie und Artillerie, für jedes der 57 Ba- 
taillone eine Stärke von 650 Mann ergeben würde. 57 Bataillone 
zu 400 Manu ergeben eine Summe von 22,800 Mann. Die Ziffer 
25,000 der »Kritik« ist übrigens einer eigenhändigen Aufzeichnung 
des Marschall Osman Pascha selbst entnommen. — 

Die »Rückblicke« enthalten die Aufserungen, dafs Osman Pascha 
mit der »Westarmee« nur »ganz zufällig« nach Plewna ge- 
kommen sei, wo er seinen ermüdeten Trnppen einige Tage Ruhe 
gönnen wollte, dafs sein Festsetzen dort und sein Ausharren da- 
selbst kein auf strategischen Erwägungen beruhender Akt, sondern 
ein Akt »momentaner Verlegenheit« war. 

Die »Kritik« entgegnete darauf, dafs vor Osman Paschas Ein- 
treffen in Plewna eine VVestarmee gar nicht vorhanden war, 
dafs er auf Befehl dorthin marschierte und dafs Niemand, der die 
türkischen Verhältnisse kannte, geglaubt habe, sein Marsch dort- 
hin und sein Ausharren daselbst sei ein auf strategischen Erwägungen 
beruhender selbstbewufster Akt, also eine eigenmächtige Handlung 
gewesen. Derartige Selbststäudigkeits-Auiserungen gehörten vor ein 
Kriegsgericht. Zum »Ausharren« in Plewna war er gezwungen, 
mit oder ohne Befehl, weil er zu schwach war, die Stellung, ohne 
sich der Gefahr der Vernichtung auszusetzen, zu verlassen. 

Die »Antikritik« erwidert nun: »Wer von den Rechten und 
Pflichten eines selbststäudig kommandierenden Generals eine der- 
artige Auffassung hat, ihn in Bezug auf strategische« Urteil und 
strategische Verantwortung gradezu zu einer Marionette machen 
will, mit dem ist über strategische Fragen eigentlich nicht mehr zu 
»disputieren.« Unzweifelhaft war Osman Pascha weit selbst- 
ständiger als die Erlauchten Führer der verschiedenen deutschen 
Armeen 1870/71.« 

Die Neigung zu »disputieren« habe ich von vornherein Herrn 
T. v. T. überlassen; ich besafs immer nur die, zu »diskutieren« und 
durch sachliche Behandlung irrige Auffassungen richtig zu stellen. 

Der kühne Anlauf, Osman Paschas Selbstständigkeit über die 
der Erlauchten deutschen Heerführer stellen zu wollen, ist schon 



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Gegen Thilo v. Trotha'« .Antikritik". 



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als ganz unzutreffend an einer anderen Stelle zurückgewiesen 
worden. 

Die Unrichtigkeit der Auffassung der »Antikritik« wird sonst 
auch noch durch vielfache Angaben des von ihr mit Nachdruck, 
aber wenig Glück, als Beweisstück zu Gunsten ihrer Erwiderung 
angeführten Buches von Telaat Bey schlagend nachgewiesen. Wer 
es lesen will, wird aus ihm ersehen, dafs Osraan Pascha als Befehls- 
haber der Truppenabteilung von Widdiu ganz direkt Abdul-Kerim 
Pascha unterstellt war, dafs er an diesen Meldungen und Vor- 
schläge einreichte, dafs er am 10. Juli von ihm den Befehl zum Ab- 
marsch von Widdin erhielt und dafs durch den weiteren vom 15. 
Plewna, zu dessen »Besetzung« er mit gröfetmöglicher Schnelligkeit 
vorrücken sollte, als »Ziel« für seine Bewegung bezeichnet wurde, 
während ihm selbst ein anderes vorschwebte. Also auch nach 
Telaat ging er auf Befehl nach Plewna und setzte sich auf Befehl 
dort fest; selbstständige Handlungen seinerseits wären Akte der 
Unbotmäfsigkeit seinem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber 
gewesen, bis er in Plewna zum Befehlshaber der Westarmee ernannt 
wurde. Als solcher blieb er dann immer der vielköpfigen oberen 
Heeresleitung in der fernen Hauptstadt untergeordnet, erhielt 
von ihr Befehle und Weisungen. — 

»Mein abfälliges Urteil über Osraan Paschas Verhalten bei dem 
Versuche, der Besatzung von Lofdsche zu Hülfe zu kommen, sucht 
die Kritik, unter Hinweis auf die von mir selbst in meiner 1878 
erschienenen Arbeit »Der Kampf um Plewna« gegebene Darstellung 
zu entkräften.« So der Herr Antikritiker. 

Der Hinweis der »Kritik« auf den »Kampf um Plewna« be- 
schränkte sich ganz allein auf die Art der Bewegung der 
türkischen Truppen an Lofdsche vorüber. Wer kann glauben, 
dafs durch ihn eine Entkräftung des jeder Begründung entbehrenden 
Urteils in den »Rückblicken« beabsichtigt werden sollte? Die Dar- 
stellung der »Kritik«, welche dieses Urteil widerlegt, ist sonst gar 
nicht im Einklang mit der des »Kampfes um Plewna«. 

Der Antikritiker erklärt nun, seine in demselben wiedergegebene 
frühere Auffassung über jenes Ereignis durchgreifend geändert zu 
haben, seit er das Buch von Telaat Bey gelesen, und hält das ab- 
fällige Urteil über Osman aufrecht, begründet es aber wiederum 
nicht, widerlegt die Kritik nicht, sondern schreibt nur »Telaat's 
stellenweise sehr harmlose Offenheit läfst Osman's Verhalten als 
Heerführer bei jeuer Gelegenheit in einem sehr wenig günstigen 
Lichte erscheinen.« Sein Urteil scheint sich viel weniger auf 



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Gegen Thilo t. Trotha's „Antikritik". 



Telaat'a Buch, denn auf das von Kuropatkin als Hauptquelle zu 
stutzen, dessen irrige, verworrene und an Widersprüchen reiche 
Darstellung der Ereignisse von Lofdsche durch die, von der Kritik 
angezogenen »Bemerkungen zu Kuropatkin-Krabmer, Jahrbücher für 
die Deutsche Armee und Marine, April 1887« in das richtige Licht 
gestellt worden ist. 

Ein »Schwanken in dem Verhalten« Osman Paschas läfst sich 
aus Telaat's Buch bei dieser Gelegenheit nur in einem Falle nach- 
weisen, und da war es gewüs erklärlich. Er billigte nämlich in 
dem, nach dem Eintreffen von Lofdsche, dem türkischen Gebrauche 
gemäfs behufs Besch lufefassung über die zu ergreifenden Mafsregeln 
abgehaltenen Kriegsrat den von Hassan Pascha gemachten Vorschlag, 
Lofdsche anzugreifen, oder gab sich wenigstens den Schein, es zu 
thun. Die Auffassung, dafs man dem Gegner eiue Niederlage bei- 
bringen könne, war eine richtige. Der Befehlshaber that deshalb 
gut daran, den Vorschlag nicht sofort zurückzuweisen, sich bei der 
schwierigen Lage der Armee von Plewna nicht kleinmütig zu zeigen. 
Er liefs den Unterführern eine kurze Zeit zum Nachdenken, und 
als er darauf den Nachweis lieferte, dnüs der schönste taktische 
Erfolg schwerwiegende strategische Nachteile zur Folge haben mufete, 
stimmten ihm Alle zu. 

Giebt es überhaupt Jemand, der ein wenig Kriegsgeschichte 
studiert hat und nicht wüfete, dafs »Schwanken in dem Verhalten« 
eines Hauptquartiers wohl vorkommen kann und auch vorgekommen 
ist, selbst in Hauptquartieren, deren glänzende Leistungen als hervor- 
ragend für alle Zeiten von der Geschichte verzeichnet worden sind? — 

Eine ganz eigentümliche Auslegung des Buches von Telaat Bey 
bekundet noch der folgende Bescheid der »Antikritik«, welcher zur 
nachträglichen Begründung des abfälligen Urteils der »Rückblicke« 
über Osman's Verhalten am 30. Juli und zur Widerlegung der 
»Kritik« dienen soll: »DaTs die türkische Kavallerie am 30. Juli 
eine tadelnswerte Unthätigkeit an den Tag gelegt hat, ist auch eine 
ausdrückliche Behauptung Telaat's, der Kraft seiner Stellung 
wohl eiu Urteil darüber haben konnte; er mufs an Ort und Stelle 
eine Verfolgung wohl für möglich gehalten haben.« 

Die Anschauung über die Stellung eines türkischen Adjutanten 
zeugt nicht von Kenntnis der türkischen Verhältnisse, noch weniger 
aber der Bescheid selbst von einer wirklichen Kenntnis von Telaat's 
Buch. 

Telaat giebt an, dafs Osman an diesem Tage über 7 Schwadronen 
regulärer Kavallerie — höchstens 500 Pferde — und über 300 bis 



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Gegen Thilo v. Trotha'» „Antikritik". 



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400 Tscherkesseu verfugte und beklagt bitter den Mangel an 
Kavallerie; der Gegner verfügte über 30 Schwadronen. 

Am Schlüsse seiner Darstellung der Ereignisse des Tages stellt 
er die folgende Betrachtung an: 

»Von dem Erfolge dieses Sieges, den die Kaiserlichen Truppen, 
vom Beginn des Kampfes bis an sein Ende unter ausserordentlichen 
Beschwerden und Anstrengungen errungen haben, hätte nicht allein 
dieses Corps, sondern das ganze Land und Volk Vorteil ziehen sollen. 

Ein Mangel ist Schuld, dais diese glücklichen Endergebnisse 
nicht erzielt wurden. 

Was diesen Mangel anbetrifft, so giebt es eine Waffe, die, 
ohne von ihren übrigen Pflichten zu reden, die Aufgabe hat, einen 
zum Rückzug gezwungenen Feind zu verfolgen und zu vernichten, 
des Kampfes Endergebnisse gewaltthätig zum Ausdruck zu bringen 
— die Kavallerie. 

Der Mangel an solcher war Ursache, dafs bei dieser so günstigen 
Gelegenheit, anstatt grofser Vorteile — so gut wie Nichts — nur 
einige Feldlazarette, ein Infanterie-Munitionswagen, Gewehre und 
ähnliche Gegenstände gewonneu wurden. Es stand nicht in der 
Macht unserer Kavallerie mehr als das zu leisten. 

Gott verlangt von dem Menschen Nichts, was seine 
Kräfte übersteigt (Ein Koranvers). 

Schade, Tausendmal Schade!!!« 

In Folge der von der »Kritik« gemachten Bemerkung, es sei 
auffallend, daüs in den »Rückblicken« nicht einmal der Name 
Achmed Muchtar Paschas erwähnt worden sei, läfet sich die »Anti- 
kritik« zu der Äufeerung kerbei, dafs derselbe »entschieden einer 
der besten türkischen Generale sei« — was nach der Taxe der 
»Rückblicke« seinen »Gesamtwert« immer sehr niedrig stellt — 
und dafs er »in Armenien unter schwierigen Verhältnissen sehr 
Tüchtiges leistete.« Die Rückblicke finden unter den türkischen 
Hauptführern »Keinen«, der seinem Gesamtwerte nach auch nur 
einem der russischen Generale zweiter »Kategorie«, gleich zu setzen 
wäre, welchen die notwendigen Attribute von »Heerführern« an- 
erkannt werden, obschon einzelne unter ihnen nie mehr als eine 
Division befehligt haben. Da ist es denn doch tröstlich zu er- 
fahren, dafs wenigstens Muchtar Pascha als wirklicher »Heer- 
führer« unter schwierigen Verhältnissen sehr Tüchtiges ge- 
leistet hat. 

Die Angabe der »Antikritik«, dafs sie »die anfangs in den 
Kreis der Betrachtungen der Rückblicke hineingezogeneu Ereignisse 



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80 



Gegen Thilo r. Trotha'« „Antikritik". 



auf dem armenischen Kriegsschauplatze schliefslich mit Rücksicht 
auf den zur Verfügung stehenden Raum wieder eliminieren 
mufstec scheint nicht recht am Platze, denn die »Rückblicke auf 
die strategischen Verhältnisse des Krieges« stellen, nachdem sie 
die türkischen Führer in der Gesamtheit und einzeln kurz abge- 
urteilt, noch auf mehr als 30 Seiten des zur Verfügung geblie- 
beneu Raumes, taktische Betrachtungen über die Ereignisse bei 
Plewna an. — 

Der »Abgrund«, welchen die »Kritik«, als zwischen den An- 
schauungen und Urteilen der »Rückblicke« uud den that- 
sächlichen Erscheinungen des Krieges bestehend aufgedeckt 
hat, überrascht die »Antikritik«. Da sie ihn nicht zu fiberbrücken 
vermag, verneint sie einfach sein Vorhandensein und schreibt: 

»Keiner der von mir anerkennend genannten russischen Führer 
ist bei irgend einem der von mir besprochenen uud gerügteu 
Fehler als Schuldiger beteiligt — folglich besteht der nicht zu 
überbrückende Abgrund nur in den Augen der Kritik, nicht aber 
in Wirklichkeit.« 

So harmlos war die »Kritik« denn doch nicht, um auf Gruud 
des von den »Rückblicken« einzelnen russischen Generalen über- 
trieben gespendeten Lobes, nachdem sie dasselbe nicht anerkannt 
hatte, das Vorhandensein des Abgrundes nachweisen zu wollen. 

Die »Antikritik« hat eben wieder einzelne aus dem Zusammen- 
hange der »Kritik« gelöste Sätze willkührlich gedeutet, begeht 
aber selbst bei ihrer Auffassung einen Irrtum, wenn sie behauptet, 
dafs keiner der von den »Rückblicken« belobten Führer an den, 
in diesen gerügten Fehlern als Schuldiger beteiligt war. Die 
»Rückblicke« erklären ganz bestimmt, dafs »nur grobe Fehler 
uud die störende Einwirkung gewaltiger Schneestürme die Schuld 
trugen, dafs es der türkischen Armee gelang, sich der tötlichen 
Umarmung am Arabadschi-Konak- Passe zu entziehen«. An dem 
entscheidenden Tage von Taschkessen gab es aber keinen Schnee- 
sturm, allein diese Fehler trugen die Schuld, dafs der erstrebte 
Erfolg nicht erreicht wurde. Oberbefehlshaber der ganzen Operation 
war Gurko; unter den Unterführern befanden sich Schuwalow und 
Ranch. Uber den Verlauf der Operation gegen die Arabadschi- 
Konak-Stellung giebt, neben anderen, das in der »Kritik« angeführte 
Buch »Die Operationen im Etropol- Balkan, von Thilo v. Trotha« 
Aufschlufs, das auch Gurko durchaus nicht frei von »Schuld und 
Fehler« erscheinen läfet. 



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Gegen Thilo v. Trotha'« „Antikritik". 



81 



Die »Kritik« hat das Vorhandensein des »Abgrundes« folge- 
richtig begründet: 

Die »Rückblicke» heben hervor, dafs schon das russische 
Bataillon als taktische Einheit dem türkischen unbedingt über- 
legen war und dieser Unterschied sich zu Gunsten der Russen in 
den höhereu Verbanden in immer höherem Mafse steigerte, 
sie stellen das russische Führerpersonal in den unteren Graden über 
das türkische, sie behaupten, dafs eine grofse Anzahl russischer 
Generale niederer Rangstufen und selbst Regiinents-Comman- 
deure durch ganz hervorragende Leistungen ihre Befähigung 
zu den höheren und höchsten Stelinngen bewiesen haben, verurteilen 
aber die türkischen höheren Führer in der Gesamtheit und ver- 
künden in einer Weise, die keine Berufuug gestattet — denn ihr 
»Urteil ist aus einem unparteiischen Studium der türkischen Quellen 
hervorgegangen« — urbi et orbi, dafs auch unter den türkischen 
Hauptführern keiner vorhanden ist, der mit Gurko und Skobelew 
auch nur annähernd den Vergleich anshält, ja sogar keiner, der 
seinem militärischem Gesamtwerte nach den in zweiter Linie auf- 
geführten russischen Generalen gleichzusetzen wäre. 

Einer solchen Charakteristik zu Folge mufste man erwarten, 
dafs die türkischen Fuhrer aller Grade im Kriege so viele Fehler 
begehen, die Verwendung der Truppen und deren Leistungen der- 
artige sein würden, dafs die Erreichung des Endzieles des Krieges 
eigentlich in der Hauptsache nur von dem Bewegungs-Tempo des 
russischen Heeres abhängen würde, besonders bei Berücksichtigung 
auch der wirklichen Mängel des türkischen Heeres in Allem, was 
mit seiner Organisation und der Ausbildung der Truppen zusammen- 
hängt, wie der Vielköpfigkeit der obersten Heeresleitung und des 
Umstände«, dafs die russischen Truppen vom Beginn der Feindselig- 
keiten an zahlreicher als die türkischen, nach dem Eintreffen der 
Garden und Grenadiere mindestens doppelt so stark und bei vielen 
Gelegenheiten — in der Offensive fast immer — mehrfach über- 
legen waren. 

Wenn dann in Wirklichkeit von den russischen Führern 
grobe Fehler begangen werden, der Krieg einen ganz unerwarteten 
Verlauf nimmt und es der russischen Führung nirgends gelingt, 
den erstrebten oder erreichbaren Erfolg in der gewünschten Weise 
zu erzielen, so zeigt sich der unüberbrückbare »Abgrund«, der die 
Charakteristik der »Rückblicke« von den thatsächlichen Erscheinungen 
im Verlaufe des Krieges trennt. 



V. 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 

Vo* 

Spiridion Gopcevic. 



Auf keinem Gebiete haben in der neuesten Zeit so gewaltige 
Veränderungen stattgefunden wie auf jenem der Kriegsschiff bauten. 
Was sind die Fortschritte auf dem Gebiete der Kriegswissenschaften, 
des Verkehrswesens, des Elektro-Magnetismus, der Arzueikunde u.s.w. 
gegen jene, welche der Kriegsschiffbau seit 30 Jahren zeigt! Üas 
Jahr 1858 bezeichnet den Markstein mit dem Stapellaufe der ersten 
Panzerfregatte (GLOIRE). Bald darauf erfolgte die Einführung der 
schweren und immer mächtiger werdenden gezogenen Geschütze, 
welche ein beständiges Anwachsen der Panzerstärke hervorriefen 
Mit 114 mm Panzerstärke hatte die GLOIRE begonnen; man war 
aber schon 1867 bei 203 mm Panzerstärke angekommen. In folge- 
deBsen sah man sich genötigt die Panzerung, welche ursprünglich, 
die ganzen Scbiffsseiten schützte, an minder wichtigen Teilen des 
Schiffes fortzulassen. Man beschränkte sich also auf den Schutz der 
Wasserlinie, der Artillerie und der Maschinen, wodurch es möglich 
wurde, die Panzerstärke bis auf 354 mm zu erhöhen. Als auch dies 
sich der immer mächtiger werdenden Artillerie gegenüber unzu- 
länglich erwies, ging man in dem Entpanzern der Schiffe noch 
weiter: zunächst liefs man den Panzergürtel an den Schiffsenden 
weg, dann nahm man der Artillerie ihren Panzerschutz, endlich 
begnügte man sich mit einem nur ein Drittel der Schiffslänge an 
der Wasserlinie schützenden Gürtel, der allerdings von beträchtlicher 
Starke war (bis zu 610 mm). Andere wollten zwar auf den Panzer- 
schutz der Artillerie nicht verzichten, Uelsen aber dafür den Seiten- 
panzer ganz weg und ersetzten ihn durch ein sich an der Wasser- 
linie über das ganze Schiff ziehendes Panzerdeck (ITA LI A). Dieses 
Panzerdeck, welches schon bei den ersten Verkürzungen des Panzer- 
gürtels aufgetaucht war, fand bald allgemeinen Eingang in alle 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



83 



Flotten; es veranlafste das Erscheinen der heute so beliebten 
Panzerdeckkreuzer (von den Engländern »geschützte Schiffet 
[protected ships] genannt). Obschon noch einige Staaten Panzer- 
schiffe bauen, kann man doch sagen, dafs deren Zeit bereits vorbei 
ist. Die Panzerstärke blieb bei 610 ram stehen; doch ist die Eut- 
panzerung bereits eine so allgemeine und so ausgedehnte, data es 
eine Selbsttäuschung ist, wenn man solche zum vierten oder 
achten Teil durch Panzer geschützte Schiffe als »Panzerschiffe« 
bezeichnet. 

Mit dem Panzer hat die Artillerie gleichen Schritt gehalten. 
Aus dem ersten, nur 3 Tons wiegenden gezogeneu Rohren hat sich 
im Laufe der Jahre das heutige 111 Tons-Rohr entwickelt. Übrigens 
machte Krupp auf diesem Gebiete vor einigen Jahren die wichtige 
Neuerung, durch Verlängerung der Rohre mit leichteren Geschütze u 
dieselbe Wirkung zu erzielen, welche bisher die schwereren hatten. 
Durch seine 35 Kaliber langen Geschütze hat er dieses Problem 
gelöst; sein 35 Kaliber langes 30.5 cm Geschütz von 43 Tons Rohr- 
gewicht übertrifft an Wirkuug das englische 40.6 cm Geschütz von 
81 Tons Rohrgewicht des INFLEXIBLE. 

Neben der schweren Artillerie hat sich aber, Dank den Torpedo- 
booten, seit mehreren Jahren auch eine früher ganz unbeachtete 
leichte Artillerie entwickelt. Zur Abwehr der Torpedoboote 
bewaffnete man vorerst die Schiffe mit einigen Mitrailleusen, dann 
mit Gatling- Kanonen, mit Hotchkifs-Revolverkauonen endlich mit 
Nordenfeldt-Scbnellfeuerkanouen, und zwar vergrößerte sich auch 
hier das Kaliber von 2 auf 6.5 cm, die Zahl der Mitrailleusen, 
Kevolver- und Schnellfeuerkanonen vermehrte sich bis auf 23 für 
jedes Schiff! 

Nicht zufrieden mit diesem Fortschritte der Artillerie führen 
die Amerikaner Zalinskis Dynamitkanonen von 27 uud 32 cm 
Kaliber in die Flotte ein, doch muls erst abgewartet werden, ob 
sie sich bewähren. Vor der Hand halten wir ihre Anwendung für 
das eigene Schiff gefahrlicher als für den Gegner. Sollten sie sich 
aber wirklich bewähren, dann bekommt der Torpedo einen furcht- 
baren Nebenbuhler oder vielmehr Gehilfen, und der Seekrieg be- 
ziehungsweise der Kriegsschiffbau würde eine Umwälzung erleiden, 
wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Eine Seeschlacht müXste 
dann wie der berühmte Kampf der Löwen endigen, welche sich 
gegenseitig bis auf die Schwänze aufgefressen! 

Aber die Fortschritte und Veränderungen im Kriegsschiff- 
bau beschränken sich nicht allein auf Artillerie und Panzer, 

6* 



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84 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsscbiffbanten. 



sondern auch auf die innere Einrichtung und äußere Bauart der 

Vor 1868 wurden nur vereinzelte Schiffe aus Eisen gebaut. 
Holz bildete nach wie vor das beliebteste Baumaterial. Bis 1872 
wurden selbst die Panzerschiffe (mit alleiniger Ausnahrae der 
COURONNE) in Frankreich und bis 1870 in Österreich aus Holz 
gebaut. Auch Spanien, England, Italien, Dänemark, Deutschland 
und Holland besaßen hölzerne Panzerschiffe. Bald aber wurde der 
Bau von eisernen Schiffen allgemein; man suchte seinen Nachteilen 
durch ein Kompromifs zwischen Eisen und Holz (Komposit-System) 
abzuhelfen und ging schließlich auf Stahl schiffe über. Auch hier 
gab es verschiedene Bausysteme, so daß man die gegenwärtig vor- 
handenen Schiffe nach ihrem Baumateriale in folgende Klassen 
teilen kann: 

1. Holzscbiffe; 

2. Holzschiffe mit eisernen Deckbalken und Querschotten; 

3. Eisenschiffe; 

4. Eisenschiffe mit vollständiger Außenbeplankung (aus Holz); 

5. Eisenschiffe mit leichter Holzbeplankung für Zinkhaut; 

6. Kompositschiffe aus Eisen und Holz; 

7. Kompositschiffe aus Stahl und Holz; 

8. Stahlschiffe; 

9. Stahlschiffe mit vollständiger Außenbeplankung (aus Holz); 

10. Stahlschiffe mit leichter Holzbeplankung für Zinkhaut; 

11. Schiffe aus Stahl und Eisen mit vollständiger Außen- 

beplankung. 

Auch das Maschinenwesen hat einen großen Aufschwung 
genommen. Schon die Compound-Maschinen bedeuteten einen un- 
geheuren Fortschritt gegen jene, welche man 1858 kannte. Durch 
Einführung der Dreifach-Expansions-Maschinen mit künstlichem Zug 
(im geschlossenen Heizraume) hat man es jedoch erreicht, daß jetzt 
die Maschinen nicht nur achtmal gewaltiger sind als vor 30 Jahren, 
sondern auch dreimal leichter, wobei sie obendrein fünfmal weniger 
Kohlen verbrauchen! Überdies bat Russland eine Neuerung ein- 
geführt, welche von ungeahnter Tragweite sein dürfte: seine neue 
Pontusflotte brennt nämlich statt der Kohlen Petroleum und Naphta- 
reste, was folgende Vorteile für sich hat: 

1. Dreifache Gewichtsersparnis. Jedes Schiff mit flussigem 

Heizmaterial wird also dreimal länger kreuzeu könuen als 

eiues mit Kohlen. 



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Der gegenwärtige Stand der "Kriegsschiff bauten. 



85 



2. Keine Rauchentwickelung, für die Kriegsschiffe, welche da- 
durch ihre Gegenwart dem Feinde verbergen von unschätz- 
barem Werte; denn heutzutage verrät sich ein Dampfer mit 
rauchenden Kohlen schon viele Stunden, bevor er in Sicht 
kommt. 

3. Leichtes und schnelles Ergunzen des Brennmaterial- Vorrates.*) 

4. Bedeutende Kostenersparnis. 

Welche Leistungen die heutigen Maschinen erzielen im Ver- 
hältnis zu jenen des Jahres 1858 mag man aus dem Umstände 
ersehen, daüs damals die gröfste Maschinenleistung der vorhandenen 
Kriegsschiffe 2700 Pferdekraft nicht erreichte (MARLBOROUGH 
2688, GLOIRE 2699) und das schnellste Schiff kaum 16.8 Knoten 
machte (VICTORIA and ALBERT) während heute die SARDEGNA 
mit 22,800 Pferdekraft auf dem Stapel liegt**) und der RAYO eine 
Schnelligkeit von 26.11 Knoten erreicht hat. Wer da weifs, mit 
welchen Opfern jeder Viertelknoten Mehrschnelligkeit erkauft werden 
mufs***), der wird solche Leistungen zu würdigen verstehen. 

Mit der Maschine hat auch der Motor Fortschritte gemacht. 
Nachdem noch 1858 neben den erst seit kaum 20 Jahren be- 
stehenden Schraubendampfern viele Raddampfer gebaut wurden und 
man eine ausgiebige Takelung für unentbehrlich hielt, gab man den 
Bau von Raddampfern bald ganz auf (aufser für Jachten oder Flufe- 
schiffe) und verbesserte nicht nur die Schraube selbst, sondern auch 
ihre Anwendung, indem man auf Zwillingsschraubenschiffe 
überging d. h. Schiffe mit zwei Schrauben. Russland übertrieb 
jedoch die Sache, indem es seinen runden Pauzerschiffen (Popovken) 
4 und 6 Schrauben gab. Die französischen Panzerschiffe BRENN US 
und CHARLES MARTEL, deren Bau eingestellt worden ist, sollten 
je 3 Schrauben erhalten. 

*) Der Verfasser fuhr ror einigen Jahren auf der Wolga an Bord des mit 
Petroleum geheilten rassischen Dampfers PETR VELIKIJ und konnte sich nicht 
genug über die Schnelligkeit wundern, mit welcher in Kaxan die Petroleumvorr&te 
des Dampfers ergänzt wurden. 

**) In England beabsichtigt man den Bau eines Torpedovorrateschiffes von 
25,000 Pferdekraft. 

•••) Die IBIS z. B lief mit 607 Pferdekraft, 8 Knoten. Mancher Laie wird 
vielleicht denken, dafs dann 1214 Pferdekraft eine Schnelligkeit von 16 Knoten 
ergeben würden und 1420 Pferdekraft eine solche von 18'/* Knoten. Thataachlich 
aber bedurfte es einer Leistung von 5132 Pferdekraft, um der IBIS 16.6 Knoten, 
einer von 7736 Pferdekraft, um ihr 18.572 Knoten Schnelligkeit zu verleihen! 

Oder um ein Beispiel aus der deutschen Flotte zu nehmen: der KAISER lief 
14.56 Knoten mit ganzer und 13.78 mit halber Kraft; es bedurfte somit einer 
doppelten Maschinenleistung (7695 Pferdekraft statt 4000), um die Schnelligkeit 
um nur »/« Knoten zu erhöhen! 



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86 



Der gegenwärtig« Stand der Kriegsschi ff bauten. 



Mit der Verbesserung der Maschinen und Schrauben verkleinerte 
man immer mehr die Takelung der Schiffe. Bei den neueren Schiffen 
hat man sie vernünftigerweise ganz abgeschafft. Die ersten un- 
bemasteten Kriegsschiffe waren die Monitors; man hielt jedoch lange 
noch an der Überzeugung fest, ein Kreuzer bedürfe auch der Segel- 
kraft, teils um Kohlen zu sparen, teils um die eigene Schnelligkeit 
zu erhöhen, teils um im Falle einer Maschinenbeschädigung oder 
Schraubenhavarie eine andere Bewegungskraft zu besitzen. Es hat 
sich jedoch herausgestellt, dafe die Segel bei der heutigen Schnellig- 
keit der Kreuzer zu deren schnelleren Fahrt gar nichts beitragen, 
dafs sie im Gegenteil dieselbe hemmen und dafe sie insbesondere 
auch in der Schlacht verderblich sind. Aus diesem Grunde wird 
man wohl bald gar kein Kriegsschiff mehr mit Takelung be- 
schweren. 

Die ältesten Panzerschiffe entbehrten sowohl des doppelten 
Bodens als auch der wasserdichten Zellen, der Kofferdärame, der 
Kohlenstauung um die Maschinen (zu deren Schutz), der Querschotte 
und Längsschotte sowie der Panzerdecke, durch welche Einrichtungen 
sich die heutigen Kriegsschiffe auszeichnen. Ein einziger glücklicher 
Schüfe kann eine der alten englischen Panzerfregatten zum Sinken 
bringen, während es bei den heutigen Schiffen dazu sehr vieler 
glücklicher Schüsse bedarf. Auch die Gröfee der Schiffe hat in den 
letzten 30 Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Während 1858 
das gröfste vorhandene Kriegsschiff, der MARLBOROÜGH 6300 Tons 
Deplacement hatte*) ist man heute bereits auf ein Kriegsschiff von 
13,550 Tons**) (LEPANTO) gekommen. 

Aber die gewaltigste Umwälzung hat die Erfindung des Tor- 
pedos und der schnellen Torpedoboote hervorgerufen — eine 
Umwälzung, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Jahre 1858 
war vom Torpedo noch keine Spur vorhanden. Erst im Sezessions- 
kriege tauchten die ersten Seeminen auf, deuen bald die Spieren- 
torpedos folgten. Nach dem kurzen Zwischenspiel der Schlepptorpedos 
kam Whitehead mit seinen Fischtorpedos, welche sich bald als die 
furchtbarste Waffe des Seekrieges entpuppten und (nach englischer 
Behauptung) von dem Brennan-Torpedo sogar übertroffen worden 
sein sollen. 

Die ersten Torpedoboote waren jene, welche Deutschland 1871 

*) Das französische Linienschiff LA BRETAGNE soll 6878, nach einer 
anderen Angabe aber nur 5289 Tons grofs gewesen sein. 

••) Nach einer anderen Angabe soll der LEPANTO sogar 14,385 Tone 
groft sein. 



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Der gegenwärtige Stand der KriegMcbiffbauten. 87 



iu seineu heutigen »Minenlegern« Nr. 1 — 3 erhielt. Sie sind 24 '/ a Tons 
grofe, entwickeln 60 Pferdekraft und laufen nur 7.5 Knoten, sind 
also als Torpedoboote unverwendbar. Thornycroft, welcher zu 
jener Zeit das damals schnellste Fahrzeug der Welt gebaut hatte — 
den über 21 Knoten laufenden SIR ARTHUR COTTON — lieferte 
schon 1873 den Regierungen von Schweden und Norwegen zwei 
Torpedoboote von 1 X / A Tons, welche an der gemessenen Meile 17.27 
uud 17.22, bei einer sechsstündigen Dauerfahrt aber 15.75 und 
15 Knoten liefen. Damit war die Reihe der unzähligen Torpedo- 
boote uud Torpedofahrzeuge eröffnet, welche seither von allen See- 
mächten gebaut wurden. Aus dem 7 1 /« Tons des ersten Thorny- 
croft'schen Torpedobootes sind binnen 13 Jahren die 845 des italie- 
nischen TRIPOLI geworden; aus seinen 17 V* Knoten die 267s des 
spanischen RAYO. Aufserdem entstanden noch andere Torpedo- 
fahrzeuge: Torpedoavisos, Torpedokreuzer, Torpedorammkreuzer, 
Torpedovorratsschiffe u. dergl., deren GröCae ins Ungeheure geht. 
Ja die gröfoten vorhandenen Kriegsschiffe (IT ALI A, LEPANTO, 
SARDEüNA, SICILIA, RE UMBERTO von 13,300—13,550 Tons) 
sind eigentlich nichts als ungeheure Torpedorammkreuzer. — 

Nachdem wir hier in allgemeinen Zügen ein Bild der grofsen 
Umwälzungen entworfen haben, welche der Kriegsschiffbau in den 
letzten 30 Jahren erlitten hat, wollen wir jetzt den gegenwärtigen 
Stand des Kriegsschiffbaus bei den einzelnen Seemächten beleuchten, 
indem wir dabei in alphabetischer Ordnung vorgehen, Deutschland 
jedoch für unsere Schlufsbetrachtung aufsparen. 

Brasilien hat in den letzten Jahren (1883 und 1885) zwei 
ausgezeichnete Panzerschiffe seiner Flotte zugefügt: RIACHUELO 
und AQUIDABAN. Es sind dies Schiffe, welche sowohl als Schlacht- 
schiffe wie als Kreuzer Verwendung finden können, obschon sie 
eigentlich nur als Panzerkreuzer erbaut wurden. Sie entwickelten 
die bedeutenden Schnelligkeiten von 16.238 beziehungsweise 15.257 
Knoten bei natürlichem und 16.718 beziehungsweise 15.818 Knoten 
bei künstlichem Zug. Die Bewaffnung — je vier 20 Tons Armstrong- 
Hinterlader, sechs 13 cm ebensolche, nebst 15 Revolverkanonen — 
wäre allerdings für ein europäisches Schlachtschiff etwas schwach, 
ist jedoch für Amerika vollständig genügend. Die Panzerung beträgt 
178 mm an der Wasserlinie, 279 mm an der Brustwehr, 254 mm an 
den Türmen und 53—79 mm am Deck. Die Gröfee beträgt 5792 Tons, 
die Maschinenkraft 6926 beziehungsweise 5270 Pferdekraft bei natür- 
lichem und 7336 beziehungsweise 6201 bei künstlichem Zuge. Der 
Kohlenvorrat reicht bei 8 Knoten Fahrt auf 8500 Meilen. 



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88 Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



Als Panzerkreuzer betrachtet, zahlen diese Schiffe zu den besten, 
die es giebt und stellen die 3000 Tons gröfeere englische IMP^RIEUSE 
weit in den Schatten. 

Der Panzerdeckkreuzer ALMIRANTE TAMANDARE be- 
findet sich in England im Bau. Er soll 4023 Tons grofs werden, 
vier 12 Tons-Geschütze, zwölf 15 cm Amstrong-Hinterlader, 4 Schnell- 
feuer- und 12 Nordenfeldt-Kanonen, sowie ein Torpedoboot erhalten. 
Bei 7500 Pferdekraft soll er 17 Knoten laufen. Ein anderer, 4500 
Tons grofs, mit 7500 Pferdekraft, 17 Knoten, vier 7 Tons-Geschützen, 
zwölf 15 cm Hinterladern und 20 Revolverkanonen soll ebenfalls in 
England im Bau gelegt worden sein. 

Die übrigen Neubauten Brasiliens sind ohne Interesse. Man 
hat wohl einige Yarrow-Torpedoboote von 20 Knoten, aber keinen 
einzigen Kreuzer, der sich mit den europäischen messen könnte, 
oder mehr als 14 Knoten liefe. 

Chile hat seine kleine aber tüchtige Flotte in den letzten 
Jahren um ein Dutzend Torpedoboote und zwei Panzerdeckkreuzer 
vermehrt. Von letzteren befindet sich einer noch in England im 
Bau. Er soll 4500 Tons grofe werden, 19 Knoten laufen und mit 
zwei 26 Tons Hinterladern, einem 14 Tons Hinterlader, 2 ebensolchen 
Sech8zöllern und 14 Revolverkanonen bewaffnet werden. 

Der andere Panzerdeckkreuzer ist die berühmte 1883 vom 
Stapel gelaufene ESMERALDA von 2810 Tons nnd 6083 Pferde- 
kraft, welche 18.35 Knoten läuft und mit zwei 26 Tons Hinterladern, 
6 Sech8zöllern und 6 Revolverkanonen bewaffnet ist. Sie gilt als 
eines der vorzüglichsten Schiffe ihrer Klasse und diente vielen anderen 
Schiffen zum Vorbild. 

China hat in den letzten Jahren bedeutende Anstrengungen 
gemacht, sich eine Flotte von vorzüglichen Kriegsschiffen zu schaffen. 
Da man für Geld das Beste haben kann, scheuten die Chinesen 
kein Opfer, ihren Zweck zu erreichen und thatsächlich haben sie es 
in den letzten Jahren dahingebracht, 4 Panzerschiffe, 7 Panzerdeck-, 
8 gewöhnliche Kreuzer, 11 Kanonenboote vom Stau nch- Typ, 
1 sehr schnellen Raddampfer, 1 Torpedojäger und 35 Torpedoboote 
zu erwerben, welche alle zu den besten Fahrzeugen ihrer Art gehören 
und um welche so manche Macht Europas sie beneiden könnte. 
Die zahlreichen übrigen Schiffe dazugerechnet, verfügt China heute 
bereits über eine Flotte, welche an sich wohl Achtung gebieten 
würde, wenn das lebende Material dem toten entspräche, was 
glücklicherweise nicht der Fall ist. Beweis dessen Futsch u und der 
Zwist mit Frankreich. 



Der gegenwärtige Stand der Kriegwchiffbauten. 89 



Über die vorzügliche Bewaffnung und grofee Schnelligkeit der 
neuen chinesischen Kriegsschiffe mag man aus der nachstehenden 
Liste selbst urteilen: 



Name. 



Bewaffnung. 



Pferde- 
kraft. 



Ton«. 



Stapel- 
lauf. 



TING-JUEN . 
CHEN-JUEN 
KING-JUEN 
LA1-JUEN . 



A. Panzerschiffe; 
\ 4-82 ts 30.5 cm K ; 2-7.5 cm . 
/2-4t8 löcmK; 8Rev.-Kan. . 
1 2-21 cm K (85 Kai. lg.) 7 Rey. 
/ 2-15 cm K (85 Kai. lg.) .... 

B. Panzerdeckkreuzer: 



63(10 


7430 


14.47 


1881 


7200 


7430 


15.384 


1882 


3450 


2850 


155 


1887 


4400 


2850 


15.78 


1887 



T8I-JUEN .... 


2-21 cm K; 1-15 cm 


K; 4 : 
















2800 


2355 


15 


1883 


TSCHI-JUEN . . 


1 8-18 ta 8" AH ; 8-6 cm ; 


2-5 cm 


6000 


2300 


18.836 


1886 


T8CH1NG-JUEN 


/ 2-4 t» 6" AH ; 6-4 cm 




5500 


2300 


18 


1887 


N 1 in Futsch u 






2000 


1600 




1884 


N / erbaut 


}» 






1886 


TSCHAO-JUNG . 


\ 2-26tslO"A; 2-9 pfd. ; 


6Rev 


2677 


1300 


16.8 


1881 


JANG-WEI . . . 






2580 


1800 


16.2 


1881 



JANG-PAO . . . 

I-81NG 

KAI-TSCHI . . . 

NAN-THIN . . . 
NAN-SCHÜ1N . 

KA1-TSI 

N (Schwester- 

schiff des bei 
Futschu zerstörten 
TSCHING-K1NG 
N (bei Doxford 

im Bau; .... 

ALPHA 

BETA 

GAMMA 

DELTA 

TSCHEN-PEI . . 
TSCHEN-NGAN 
TSCHEN-HS1 . . 
TSCHEN-TUNG 
TSCHEN-P1EN 
TSC HEN-T8CH UNG 
LAMBDA 



C. Gewöhnliche Kreuzer 
3-21 cm K ; 7-12 cm K 

1- 25 cm K; 1-17 cm K; 6- 

15 cm K ; 6 Rev 

2- 21 cmK; 8-12 cm K; 6 Rev. 
2-20cmVar. ; 7- 12 cm Var. . . 



2-15 cm K ; 5-12 cm K . . 

6-6" AH 

D. K Osten kanonen boote. 

} 1-27'/, teA; 2-12 pfd. ; I Gatt. 
J 1-38 teA; 2-12 pfd.; 1 Gatl. . 



2400 


2500 


15 


3000 


2477 


15.5 


2400 


2200 


15.5 


2400 


2152 


15 


3000 


1300 


16 


2100 


? 


18 



1883 
1885 

1881 
1883 
1884 
1883 



1885 



1-36 t« A ; 2-12 pfd ; 2 tiatl. . 380 



1-22 ts AH; 2-12 pfd.; 2 Gatl. 



310 


319 


9.25 
9.4 


1876 
1876 


310 


400 


9 

10 | 


1877 


380 


440 


10 
10 

11 1 


1879 


380 


480 


10 


1881 



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90 



Der gegenwärtige Stand der Kriegmchiffbauten. 



Name. 


Bewaffnung. 


Pferde- 
kraft. 


Tont. 


Knoten. 


Stapel- 
lauf. 




E. Raddampfer: 








XT T 4 VT/~* OTT 

hlANU-SU . . . 




2279 


1000 | 16.7 






F. Torpedofahrzeuge: 








1 Torpedojiger . 




8000 


460 


20 


1887 


Torpedoboot No. 2 




350 


28 


18.25 


1881 


■ «3 




400 


28 


19.75 


1881 


„ No. 4- 7 


lReT.(27mlg,3br., 1.2Tiefg.) 


700 


58 


18-20 


1883 


, • 8-10 




500 


30 


19.87 


1884 


- . 11-19 


2 Rev. (26 ra lg., 3.6 m br.) . . 




28 


20 


1886 


- - 20 


2Rev.(44ralg.,5mbr., 2.3 T.) 


1597 


115 


24.23 


1886 


. „ 21-24 


(19.7 in lg , 2.62 mbr.) 


200 


14 


15 


1883 


. . 25 


2Rev.(36.91rolg., 3.97 mbr.) 


700 


69 


22.94 


1887 


„ , 26-83 




500 


30 


19 


1885 


. , 34-35 


wie No. 11-19 




28 


20 


1887 



Dänemark ist durch seine spärlichen Mittel daran verhindert, 
eine Flotte zu schaffen, wie sie seine topographische Lage zur wirk- 
samen Verteidigung bedingen würde. Die geringen Mittel, welche 
das Thing bewilligt, werden überdies auf ganz unzweckmäfsige Weise 
verschwendet. Statt sich auf die Herstellung einer grofeen Torpedo- 
flottille zu verlegen, welche — etwa aus 4 Torpedokreuzern, 8 Torpedo- 
avisos, 16 größeren und 64 kleineren Hochseetorpedobooten, 50 
grösseren und 50 kleineren Küstentorpedobooten bestehend — im 
Stande wäre Dänemarks Unabhängigkeit gegen jede in Frage 
kommende Macht zu verteidigen, vergeudet man das Geld für Schiffe 
wie TORDENSKJOLD, HVITFELDT, FYEN, GRÖNSUND und 
GULDBORGSUND, welche schon zur Zeit ihrer Baulegung keines- 
wegs den Anforderungen der Neuzeit entsprachen. 

Der Panzerdeckkreuzer TORDENSKJOLD, welcher 1880 vom 
Stapel lief, ist wegen seiner unbedeutenden Schnelligkeit (14 Knoten) 
als Kreuzer gegen Seinesgleichen nicht zu verwenden, weil die 
Panzerdeckkreuzer der übrigen Mächte meist zwischen 16 — 19 Knoten 
machen. Für ein Schlachtschiff ist wieder seine Artillerie zu schwach 
(eine 35 7» cm Kanone; vier 15 cm Kanonen; sechs 12 cm Kanonen). 
Auch beschränkt sich die Panzerung auf Turm (200 mm) und Deck 
(102 mm). Sonst hat der TORDENSKJOLD 2480 Tons und 2556 
Pferdekraft. 

Etwas besser, aber den heutigen Anforderungen ebensowenig 
genügend ist der IVER HVITFELDT, 1886 vom Stapel gelaufen, 
welcher bei 3260 Tons, 5000 Pferdekraft entwickeln soll, es aber 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



91 



trotzdem nur auf 15.6 Knoten brachte. Zwar ist er besser gepanzert 
(50, 210, 280, 290 mm), aber so wie seine Schnelligkeit für einen 
Panzerkreuzer ungenügend erscheint, so ist es seine Bewaffnung für 
ein Schlachtschiff. Er führt nämlich nur zwei 26 cm, vier 12 cm, 
zwei 6 cm Geschütze und 10 Revolverkanonen. Zwecklos ist auch 
der sogenannte »Kreuzer« FYEN von 2596 Tons, 2700 Pferdekraft 
und nur 13.5 Knoten, der 1882 vom Stapel lief. Er ist mit acht- 
zehn 15 cm, acht 9 cm Geschützen und 6 Revolverkauonen bewaffuet 
und höchstens als Schulschiff verwendbar, obschon er ein 44 mm 
starkes Panzerdeck besitzt. 

Zwecklos sind ferner die 1883 und 1884 erbauten Kanonen- 
boote GRÖNSUND und GÜLDBORGSUND, deren zwei 12 cm Ge- 
schütze und 3 Revolverkanonen zur Verteidigung gegen angreifende 
Kriegsschiffe ungenügend sind, während andererseits ihre geringe 
Schnelligkeit (12 Knoten) jede Verwendung als Kreuzer ausschliefet. 
Sie haben je 215 Tons und 418 — 420 Pferdekraft. 

Das einzige zweckmäfsige Schiff durfte der im Bau befindliche 
Torpedokreuzer VALKYRIEN sein. 2900 Tons grofs, soll er bei 
5000 Pferdekraft, 17 Knoten laufen und mit zwei 21 cm, sechs 
15 cm Geschützen und 10 Revolverkanonen bewaffnet werden. 

Der Bau von Torpedobooten ist dagegen von Dänemark sehr 
vernachlässigt worden; es besitzt nur 9 gröfsere Torpedoboote (von 
35-85 Tons) [die neuesten sind HAVHESTEN und NARHVALEN1 
und 11 kleinere (von 8—15 Tons). 

Frankreich hat in den letzten Jahren den Bau von Panzer- 
schiffen vernachlässigt, dagegen jenem von schnellen Kreuzern und 
Torpedofahrzeugen besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Bei der 
Wichtigkeit, von welcher Frankreichs Seemacht für Deutschland 
ist, wird man es begreiflich finden, wenn wir die grofsartige Ent- 
wickelung derselben seit 1882*) ausführlicher schildern. 

Was die Schlachtschiffe betrifft, so hat sich deren Zahl seit 
1882 nicht vermehrt, da der Bau der einzigen während dieser Zeit 
auf den Stapel gelegten Panzerschiffe (CHARLES M ART KL und 
BRENNÜS) schon 1884 eingestellt wurde. Von den im 42. Band 
der »Jahrbücher« beschriebenen Panzerschiffen liefen seither folgende 
vom Stapel: 



*) Über die Entwickelang der französischen Seemacht ron 1870 bis 
1882 mag der Leser meinen diesbezüglichen Aufsatz im 42. Band der „Jahrbücher 
für die Deutsche Armee and Marine" nachlesen. Die dort bereits beschriebenen 
Schiffe erwähnen wir hier nor in Kurze. 



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92 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbaaten. 



COURBKT (EX-FOUDROYANT) 1888 (Vollendung 1885) 

AMIRAL BAUDIN 1888 ( „ 1888) 

FORMIDABLE 1885 ( „ 1888?) 

HOCHE 1886 ( .. 1890) 

MARCEAU 1887 ( „ 1889?) 

NEPTUNE 1887 ( , 1889?) 

MAGENTA (noch im Baa) . . 1888? ( „ 1890?) 

INDOMPTABLE 1888 ( „ 1885) 

REQÜIN 1885 ( « 1888) 

CAIMAN 1885 ( „ 1888) 

TKRRIBLE 1887 ( „ 1888?) 

FÜRIEÜX 1888 ( , 1885) 

VAUBAN 1882 ( „ 1885) 

DÜGUE8CLIN 1888 ( „ 1885). 

Der HOCHE hat 10,650 Tous and soll bei künstlichem Zug 
mit 12,030 Pferdekraft, 17 1 /, Knoten laufen. Von MARCEAU, 
NEPTUNE und MAGENTA (je 10,581 Tons) erwartet man bei 
künstlichem Zug mit 12,030 Pferdekraft, 18 Knoten. HOCHE wird 
mit zwei 34 cm 50 Tons Geschützen, zwei 27 cm 23 Tons Geschützen, 
achtzehn 14 cm Geschützen und 8 Mitrailleusen bewaffnet, die andern 
mit je vier 34 cm Geschützen, siebzehn 14 cm Geschützen und 10 bis 
20 Mitrailleusen. Die Panzerstärke betragt 80 mm am Deck, 350 bis 
450 mm an der Wasserlinie und 400 mm an den Türmen. 

Nach Deutschlands Vorbild hat auch Frankreich 8 Panzer- 
kanonenboote in Bau gelegt (1882), aber letzteren so lässig betrieben, 
dafs von diesen kleinen Fahrzeugen, welche mit Leichtigkeit binneu 
einigen Monaten hätten gebaut werden können, erst vier vollendet 
sind. FLAMME, FUSEE, GRÜN ADE und MITRAILLE sind 
1045 Tons grob und sollen mit 1500 Pferdekraft, 13 Knoten laufen. 
Die Panzerung beträgt 50, 100, 180 und 240 mm; die Bewaffnung 
besteht aus einem 27 cm Geschütz, einer 9 cm Kanone und 2 Mitrail- 
leusen. 

PHLEGÜTHON, ACHERON, COCYTE und STVX sind 1640 
Tons grofs, haben 1700 Pferdekraft und statt der einen 9 cm Kanone 
zwei 10 cm Geschütze. Sonst gleichen sie den vorigen. 

Die wirkliche Schnelligkeit der neuesten Panzerschiffe ist 
folgende: 

COÜRBET 16 Knoten bei künstlichem Zug, 14 2 Knoten bei natürlichem Zog. 
DÜPERRE" ? „ „ . 14.82 . „ 

DtiVASTATION 15.17 . 14.55 w m 

TU RENNE . 14.14 „ „ ? „ . 

BAYARD . . 14.68 . 13.1 „ . „ 

VAUBAN . . 14.32 m 13.96 „ . 

INDOMPTABLE 15 „ „ . „ 13.5 . „ . 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegwchiffbauten. 



93 



Von schnellen Kreuzern beziehungsweise Panzerdeckkreuzern 
hat Frankreich in jüngster Zeit eine grofse Zahl auf den Stapel 
gelegt, von denen die meisten eine Schnelligkeit von 19 — 20 Knoten 
erhalten sollen. In dieser Beziehung dürfte Frankreich bald alle 
übrigen Seemächte überflügelt haben, wie nachstehende Tabelle zeigt, 
in welcher die gewöhnlichen Kreuzer von den Panzerdeckkreuzern 
durch einen vorgesetzten * unterschieden sind: 



Name. 



Bewaffnung. 



De- 
place- 
ment. 



Pferdekraft bei 

natürl. j künstl. 
Zug. 



Schnelligkeit b. 

natürl. | künstl. 
Zug. 



Stapel- 
lauf. 



SFAX 



TAGE 



CEC1LLE 



( 
( 

ISLY \ 

ALGER . . . . I 
MOGADOR . . [ 
JEAN BART J 

BRENNUS . . . { 

DÜPÜY DE \ 
LOME ... | 

»ARETHUSE .{ 



MjIBOI "RWE 

DAVOÜT . . 
SUCHET . . . 
CHANCY . . 
LALANDE. . 
TROUDE. . . 
SURCOUP . . 
PORBIN . . . 
COSMAO. . . 
COETLOGON 
♦MILAN . . . 
♦CONDOR . . 
♦EPERVIER . 
•FAUCON . . 
•VAUTOÜR . 



I 



6-16 cm 
10-14 „ 
8 Rev.-Kan. 
6-16 cm 
10-14 . 
16 Rev. 
6-16 cm 
10-14 . 
18 Rev. 

4-16 cm 
6-14 . 
10 Rev. 

2-16 cm 
6-14 cm, 14 Rev 
2-19 cm 
6-16 „ 
14 Rev. 
4-16 cm 
23-14cm, 8 Rev 

4-16 cm 
22- 14 cm, 8 Rev 

4-16 cm 

10 Rev. 



4603 



4333 



7045 8115 



2-14 cm 
7 Rev. 
1 Torpedoboot 

5-10cm, 8 Rev. 

5-10 cm 
6 Rev. 



5766 

J4123 

4825 

(?) 

6297 

3356 
3354 

3027 

H877 

1848 
1546 
1272 



) 



6900 

6000 

(?) 

(?) 
(?) 

3300 

(?) 
(?) 

(?) 
3400 
2000 



0034 
10330 
9600 

8200 

(?) 
(?) 

4200 

9000 
6060 

6000 
4133 
3200 



169 



17 



17 



17 



17.5 



17.5 



14 



CO 



(?) 



17.27 



17.7 



1684 



19 



19 



19 



20 



20 



16 



20 



1884 

1886 

1888 

(?) 

im 
Bau 



1882 

1884 

im 
Bau 



19 5 



18.4 



18.3 



)- 



1888 
im 
Bau 
1884 



1886 
1887 
1888 



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94 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



Die vier letztgenannten sind Torpedokrenzer. Wie verlautet, 
sollen sie mit je vier 14 cm Geschützen bewaffnet werden, da ihre 
Artillerie wirklich lächerlich unbedeutend ist. Dies gilt übrigens 
auch von den meisten übrigen Kreuzern. Man sehe sich z. B. den 
7045 Tons grofsen TAGE an, dessen 16 schwere Geschütze zusammen 
nur 57 Tons Rohrgewicht haben und vergleiche ihn mit anderen 
Kreuzern. Eine solche Zusammenstellung beweist neuerdings, dafs 
die französischen Schiffe wie zur Zeit der Segelschiffe so auch jetzt 
verhältnismäfeig die schwächste, die englischen im Gegenteil die 
stärkste Artillerie führen: 



Schiffbname. 


De- 
place- 
ment 


Artillerie- 
Rohr- 
gewicht in 
TonB. 


Gattung. 


______________ 

TAGE 


7045 


57 


Rammkreuzer 


NELSON 


7630 


174 


Panzerkreuzer 


HERO 


6200 


106 


Turmschiff 


SHANNON 


5390 


120 


Panzerkreuzer 




5000 


84 


- 




6250 


124 


Kreuzer 


THAMES 


3550 


68 


Rammkreuzer 


OLDENBURG .... 


5200 


140 


Casemattschiff 


IRENE 


4250 


62 


Rammkreuzer 




2857 


64 


Kreuzer 


REINA REGENTE . 


4800 


96 


Rammkreuzer 




3474 


74 


• 

■ 


ERSATZ KAISER . 


4200 


72 




AQUIDABAN .... 


5000 


92 


Panzerkreuzer 


KORNILOV 


5000 


70 


Rammkreuzer 



Frankreich 
England . 



Deutschland 



Spanien .... 

Italien 

Österreich . . . 
Brasilien .... 
Russland .... 



Aus dieser Zusammenstellung sehen wir, dafs der TAGE z. B. 
eine schwächere Artillerie hat als die kaum halb so grofse THAMES 
und auch in Bezug auf die übrigen Schiffe ist das Mifsverhältuis 
ein stark in die Augen springendes. Das Gleiche finden wir, wenn 
wir die Bewaffnung der übrigen französischen Krenzer mit jenen 
der Kreuzer anderer Mächte vergleichen: 



England 

n ..... 

Deutschland . . . 

Holland 

Russland 

Dänemark . . . . 

Italien 

Spanien 

Österreich . . . . 



JEAN BART ... 


4325 


36 


Panzerdeckkreuzer 




4140 


66 


Kreuzer 


MERSEY 


3550 


68 


Panzerdeckkreuzer 


PRINZESS. WILHELM 


4300 


62 


M 


ALEXANDRINE . . 


2373 


48 


Kreuzer 


DE RUYTER .... 


3400 


52 


- 




2950 


44 


Panzerdeckkreuzer 


FYEN 


2596 


72 


n 


G. BAUSAN 


3020 


74 


w 


NAVARRA 


3342 


34 


Kreuzer 


ERSATZ LISSA . . 


8800 


72 


Panzerdeckkreuzer 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



95 



Land. 


Schiflfsuame. 


De- 
place- 
ment. 


Artillerie- 
Rohr- 
gewicht in 
Tons. 


Gattung. 


Frankreich .... 
England . 




»ooo 

3078 
2377 
2169 
2900 
2050 
3000 
2300 


20 
46 
44 
82 
42 
24 
76 
64 


Panzerdeckkreuzer 
Kreuzer 
» 

Panzerdeckkreuzer 

m 








Deutschland . . . 
Danemark .... 


OLGA 


VALKYR1EN .... 




ESMERALDA .... 
TSCHI-JUEN .... 





Frankreich . 
China .... 
England . . 
Deutschland 
Russland . . 
Spanien. . . 



LALANDE 


1877 


5 




TSCHAO-JUNG . . . 


1350 


56 




ARCHER 


1680 


24 


■ 




1719 


28 


Kreuzer 


URALEC 


1224 


22 


■ 


ISLA DE CUBA . . 


1030 


12 


Panzerdeckkreuzer 



Betrachten wir diese Zusammenstellungen, so entdecken wir 
manche überraschende Thatsachen. Der GIOVANNI BAÜSAN 
& B. hat eine mehr als doppelt stärkere Artillerie als der um 
ein Drittel gröfsereJEAN BART! DAVOÜT ist gröfser als die 
ESMERALDA und trotzdem ist der letzteren Artillerie fast viermal 
stärker! Der LALANDE aber, obschon nahezu um ein Drittel 
gröfser als der TSCHAO-JüNG, hat gar eine mehr als elfmal 
schwächere Artillerie. Es ist wohl richtig, dafe heutzutage die 
Artillerie im Seekriege eine geringere Rolle spielt als ehedem, weil 
ihr Gehrauch eine Pulverdampfentwickelung bedingt, welche dem 
schielsenden Schiffe verhängnisvoll werden kann, indem sie ihm das 
Herangleiten der Torpedoboote verbirgt; aber gleichwohl werden 
sich im Seekrieg noch Fälle genug ereignen, in denen der Artillerie 
eine leitende Rolle zufallt. Besonders für einen Kreuzer, der ge- 
wöhnlich selbstständig operieren wird, ist eine starke Artillerie 
erforderlich. Man setze den Fall, der LALANDE befinde sich auf 
Kreuzung und habe bereits seinen Vorrat an Torpedos verbraucht. 
In seinen weiteren Gefechten wird er also auf diese seine Haupt- 
waffe verzichten müssen. Es bleiben ihm somit nur seine beiden 
14 cm Geschütze als Waffe. Was kann er mit einer solchen Be- 
waffnung unternehmen? Er wird nicht einmal im Stande sein, 
grölsere Hilfskreuzer zu nehmen (welche durchschnittlich 4 — 6 ähn- 
liche Geschütze führen), geschweige denn das kleinste Kriegsschiff, 
So lange des LALANDE Maschinen unversehrt sind, bleibt ihm 



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90 



Oer gegenwärtige SUnd der Kriegsachiffbiaten. 



noch der unrühmliche Ausweg, dem feindlichen Kanonenboote zu 
entfliehen, aber wenn seine Maschinen versagen sollten (was ja im 
Frieden schon sehr häufig vorkommt), so wird er sich einem kleinen 
aber gut bewaffneten Kanonenboote, wie z. B. dem deutschen 
ALBATROS von 716 Tons, ergeben müssen, weil dieser eine mehr 
als doppelt stärkere Artillerie besitzt (12 Tons Rohrgewicht gegen 
5 Tons des LA LANDE). 

Wir halten demnach das französische System der schwachen 
Artillerie für ein gänzlich verfehltes und sehr gefährliches. 
Würden die Franzosen ihre Kreuzer mit doppelt so starker Artillerie 
versehen (was ja nicht unmöglich ist), so verlören jene nur un- 
bedeutend an Schnelligkeit und gewännen doppelt au Stärke. Beim 
TAGE z. B. bedürfte es nur eines Umbaues seiner Schwalbennester, 
um die 16 cm Geschütze durch solche von 19 cm Kaliber zu ersetzen 
und die 14 cm Geschütze Helsen sich ohne Umstände durch 16 cm 
Geschütze ersetzen. Die beiden Türme am Bug und Heck könnten 
ebenfalls umgebaut und statt mit 16 cm Geschützen, mit solchen 
von 24 cm Kaliber bestückt werden. Dann betrüge das Rohrgewicht 
seiner Artillerie nicht mehr 57 Tons sondern 113 Tons und dieser 
Gewinn wäre mit einem Schnelligkeitsverlust von höchstens V» Knoten 
erkauft. Ebenso könnte der LALANDE ganz gut mit sechs 16 cm 
Geschützen bestückt werden, wodurch seine Bewaffnung sechs mal 
stärker würde, ohne dafe seine Schnelligkeit um mehr als V4 oder 
7 a Knoten abnähme. Es ist uns überhaupt unbegreiflich, dafs die 
Franzosen für die 14 cm Geschütze — über deren Wirkungslosigkeit 
sich schon Courbet bei Futschu bitter beklagt hatte, — eine solche 
Vorliebe besitzen. Das 16 cm Geschütz sollte — von der schweren 
Artillerie — das leichteste an Bord von Schlachtschiffen oder 
Kreuzern sein. Mit dem 14 cm Geschütz könnte man die Flottillen- 
fahrzeuge, Transportschiffe oder dergl. bestücken. 

Dem Bau von Torpedofahrzengen hat Frankreich ebenfalls 
grofse Aufmerksamkeit zugewendet. Aufser den obenerwähnten 
Torpedokreuzern und Torpedorammkreuzern wurden seit 1882 fol- 
gende Torpedofahrzeuge in Bau gelegt: 

k 8Torpedoavisos: BOMBE,COULEUVRINE,DAGUE,DRAGONNE, 
FLECHE, LANCE, SALVE, SAINTE BARBE, alle 1885—1886 
vom Stapel gelaufen und von 321 Tons. Bei natürlichem Zug 
haben sie 1000 Pferdekraft und 14 — 16 Knoten, bei künstlichem 
1800 Pferdekraft und 18 Knoten. Die Bewaffnung war auf zwei 
9 cm Kanonen und 3 Revolverkanonen festgesetzt, doch sollen 
erstere durch 14 cm Geschütze ersetzt werden. Bei diesen Fahr- 



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Der gegenwartige Stand <ler Kriegsschiffbauten. 



07 



zeugen, welche eigentlich nur als grofse Torpedoboote zu betrachten 
sind, finden wir die Bewaffnung mit 14 cm Geschützen überflüssig. 
Besser wäre es, sie mit 12 — 18 Revolver- und Schneilfeuerkanonen 
zu bewaffnen. Übrigens sollen sich diese Torpedoavisos als schlechte 
Seeschiffe erwiesen haben. 

Dreizehn gröfsere Torpedoboote: OURAGAN von 1700 Pferde- 
kraft 148 (nach anderer Angabe 114) Tons, 25 Knoten nud 2 Re- 
volverkanonen; GABRIEL CHARMES (jetzt Nr. 151) von 69 Tons 
und 586 Pferdekraft, früher als »batean-canon« mit einem 14 cm 
Geschütz bestückt, hatte es 74 Tons und lief 19.86 Knoten; jetzt, 
da man es entwaffnet hat, dürfte seine Schnelligkeit sich auf mehr 
als 20 Knoten gesteigert haben; BALNY, DEROULEDE, DOUDART 
DE LAG REE, BOUET-WILLAUMEZ, DEHORTER, CHALLIER, 
EDMOND FONTAINE, CAPITAINE MEHL, CAPITAINE CUNY 
von 66-70 Tons, 700 Pferdekraft, 21.5—22 Knoten und 2 Revolver- 
kanonen; endlich zwei noch unbenannte von 120 Tons, 800 Pferde- 
kraft und 20.5 Knoten, welche kürzlich bei Normand in Bestellung 
gegeben wurden. 79. kleinere Torpedoboote: Nr. 99 — 114 und 
128 133 (22 Stück) wurden 1886—1888 bei den Forges & Chantiers, 
Nr. 115 -120 bei der Gironde, Nr. 121—125 bei Schneider und 
Nr. 126—127 bei Normand gebaut. Sie alle haben je 54 Tons und 
18 Knoten Miuimalschnelligkeit. Nr. 81—86 (bei Claparede), Nr. 
74-80 (Loire), Nr. 87—92 (Cail), Nr. 93 - 98 (Schneider), zusammen 
25 Stück, sind etwas kleiner (50 Tons). Die 1881— 1882 gebauten 
Boote Nr. 47—53 haben 32 Tons, 400 Pferdekraft und laufen 
18 Knoten; Nr. 54—55 (von Normand 1882 gebaut) haben 43 Tons, 
460 Pferdekraft und laufen 20 Knoten; Nr. 56—59 sind kleine 
1882 von Thoruycroft gelieferte Boote von 10 V, Tons, 150 Pferde- 
kraft und 16 Knoten; Nr. 60 75 wurden 1882—85 von Normand 
gebaut, (Nr. 67 ging 1887 zu gründe), Nr. 60—64 sind 46 Tons, 
die andern 49 - 50 Tons grofs, jedes hat durchschnittlich 460 Pferde- 
kraft, 1 Revolverkanone und läuft 20—20.62 Knoten. 

6 Torpedobarkassen von 7 Tons, 13.05—14.18 Knoten und 
92 Pferdekraft. 

Au kleineren Kriegsschiffen liefen in Frankreich seit 1882 vom 
Stapel: 

Drei Schraubenavisos; nämlich PAPIN (1886), FÜLTON (1887), 
INCONSTANT (1886) von je 811—825 Tons, 860—1100 Pferde- 
kraft, 12-13.5 Knoten; 

Fünf Kadavisos: VIGILANT (997 Tons), HERON (603 Tons), 



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Der gegenwlrtige Stand der Krieggschiffbauten. 



MßSANGE (574 Tons), BENGALT (547 Tons), ARDENT (571 Tons). 
53 Flottillenfahrzeuge von 10—460 Tons. 
7 Kanonenboote von 480 — 502 Tons. 

Von Transportschiffen hat Frankreich seit 1882 15 in Bau 
gelegt, nämlich GIRONDE und NIVE von je 5775Tons, MAGELLAN, 
CALEDONIEN, PACIFIQUE von je 3991 Tons, DROME und LOIRET 
von je 2198 Tons, SCORFF, DURANCE, MEÜRTHE, AÜBE, EURE, 
RANCE, MANCHE und VAUCLUSE von je 1585—1597 Tons. 

Griechenland hat in den letzten Jahren seine kleine Flotte 
um 2 Küstenkanonenboote, 4 kleine Kanonenboote (ALPHEOS, 
ACHELOUS, EUROTAS, PEN EOS), 2-4 kleine Kreuzer und 
8 Torpedoboote vermehrt. Die Küstenkauouenboote (HYDRA und 
SPETZAS) sind 440 Tons grofs, mit je ein 26 cm Krupp Geschütz 
und 2 Revolverkanonen bewaffnet und laufen 11.3 Knoten bei 
682 Pferdekraft. Der 1884 angekaufte Kreuzer MYKALI soll 
1000 Pferdekraft und 1000 Tons haben, der 1885 angekaufte 
SPHAKTIRIA 2400 Pferdekraft, 1100 Tons uud 16 Knoten; aufeer- 
dem sollen 1886 noch 2 Kreuzer von 720 Tons und 15.25 Knoten 
angekauft worden sein. 

Von den Torpedobooten sind sechs beim Vulkan in Stettin 
gebaut und haben je 85 Tons, 1000 Pferdekraft und 19 Knoten; 
die beiden anderen sind unterseeisch und von Nordenfeldt (160 Tons, 
250 Pferdekraft, 12 Knoten), sollen sich aber nicht bewährt haben. 

(ForteetzunK folgt) 



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VL 

Aus ausländischen MilitÄr-Zeitschriften. 



Jonrnal des sciencet mllttalres. Protection et defense des Irontieret. 

Par Bontoux. In einem durch drei Hefte der Zeitschrift laufenden Auf- 
satze sucht der Verfasser nachzuweisen, wie notwendig und wichtig es für 
jeden Staat, besonders aber für Frankreich, ist, seine Grenze durch Be- 
festigungen zu sichern, um bei Beginn eines Krieges das Betreten des 
eigenen Landes durch den Feind unter allen Umstanden zu verhindern. 
Die bei Eröffnung des Krieges stattfindenden Operationen sind meistens 
für den ganzen Krieg entscheidend, und die in dieser Zeit begangenen 
Fehler sind selten wieder gut zu machen. Um die Grenze in ihrer ganzen 
Ausdehnung zu sperren, genügen, nach Ansicht des Verfassers, die bisher 
befolgten Grundsatze nicht. Es Lst zwar eine riesige Summe Geldes darauf 
verwandt, gewaltige Werke längs der deutsch-französischen Grenze herzu- 
stellen, allein diese hatten zum grofsen Teile weit wirksamer, und mit weit 
geringeren Mitteln hergestellt werden können, wenn man, unter gründ- 
licher Ausnutzung des Geländes, mehr improvisierte Werke in zusammen- 
hangender Linie errichtet hatte. Das Beispiel von Plewna zeigt, welchen 
Widerstand derartige Werke zu leisten im Stande sind. Die Kunst des 
Ingenieurs besteht vorzugsweise darin, dafs er es versteht, die natürlichen 
Verteidigungspunkte, die das Gelände darbietet, durch die Kunst zu ver- 
stärken. 

Es ist zweifellos eine Notwendigkeit, die Grenze durch starke Be- 
festigungen zu schützen, allein ebenso notwendig ist es, diese Forts in 
entsprechender Entfernung durch Feldscbanzen, Batterien, Laufgräben und 
dergleichen mehr zu verstärken, denn ohne diese sind sie wertlos. Ein 
gleiches Bedürfnis ist es aber, diese Alt leichter Befestigungen durch die 
tüchtigste Artillerie und Infanterie besetzt zu halten, d. h. eine Truppe 
zur Hand zu haben, die gerade für diesen Dienst ganz besonders aus- 
gebildet ist. 

Der grofse Vorteil dieser Art von Befestigungen liegt vorzugsweise 

darin, dafs sie nur geringe Kosten verursachen, und in wenigen Stunden 

ausgeführt weiden können. Um sie aber in wirklich widerstandsfähiger 

Weise anzulegen, ist eine gründliche Kenntnis und Ausnutzung des Geländes 

unbedingt erforderlich. Auf jeden Fall müssen sie dem Auge des Gegners 

7* 



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100 



Au« ausländischen Militär-Zeitschriften. 



nicht bemerkbar sein, so data die Eröffnung des so lange wie möglich 
zurückgehaltenen Feuers auf den Angreifer überraschend wirkt, und ihn 
zwingt, seine Massnahmen zu lindern. Ebenso notwendig, wie es für die 
dem Feinde bekannten permanenten Befestigungen ist, Geschütze schwersten 
Kalibers zu besitzen, um die feindliche Artillerie auf weiteste Entfernungen 
zu vernichten, ebenso notwendig sind für die improvisierten Befestigungen 
die Geschütze kleinen Kalibers von 80 mm, die bei einer Ladung von nur 
400 gr ein Geschofs von 5 kg auf eine Entfernung von 4000 m schiefsen, 
und dabei so leicht sind, dafs sie auf dem Rücken eines Maultieres getragen 
und von 2 Mann bedient wei den können. Auch würden hier die sogenannten 
Magazin-Geschütze mit Vorteil zu verwenden sein. 

Die Verteidigung dieser „fliegenden" Befestigungen, wie sie der Ver- 
fasser nennt, müfste der Infanterie und Artillerie übertragen werden, die 
ein besonderes Corps bilden und für diesen Dienstzweig auch ganz besonders 
ausgebildet sind. Es ist dabei von Wichtigkeit, dafs sie in dem Gelände, 
in dem sie zu kämpfen haben, durchaus bekannt sind. Tägliche Übungen 
würden sie in diesem Dienste bald geschickt machen und sie auch alle 
diejenigen Punkte im Gelände kennen lernen lassen, von wo aus man dem 
Feinde blutige Überraschungen bereiten könnte. Der Gedanke, eine fest- 
stehende Grenz -Armee zu haben, ist übrigens nicht neu, doch ist man der 
Ausführung leider noch nicht ernstlich naher getreten. Die Forts haben 
zwar eine Besatzung, die sich mehr oder weniger lange Zeit in derselben 
aufzuhalten hat, und wir haben Jager- Bataillone, die vorzugsweise in den 
Alpenpässen manövrieren, doch ist das immer noch keine fertige Grenz- 
Armee. Eine solche mufs vollständig und ausschliesslich für die Grenz- 
Verteidigung ausgebildet werden, und mufs sich in dem Gelände befinden, 
das sie am Tage der Kriegserklärung zu verteidigen hat. Die Zahl von 
100,000 Mann würde für die am meisten bedrohte Grenze von Beifort bis 
Me/.ieres nicht zu hoch bemessen sein. 

Unsere Gegner haben an derselben Grenzstrecke, um sofort in unser 
Gebiet einbrechen zu können, 150,000 Mann stehen, eine Zahl, die in Folge 
des günstigen Eisenbahnnetzes in 12 Stunden noch verdreifacht weiden 
kann. Die Deutseben versäumen es nicht, mit ihren Truppen täglich 
derartige Übungen zu machen, wie sie das Überschreiten der Grenze mit 
sich bringen wird. 

Unsere französische Landesgrenze wird durch die Reihe der Sperrforts 
nur ungenügend geschützt, wenn nicht fliegende Befestigungen und die 
Grcnz-Armee die Lücken ausfüllen. Wollte man diese und das erforder- 
liche Kriegsmaterial erst im Augenblicke der Kriegserklärung an die 
Grenze befördern, so würde das ein grofser Fehler sein. Gerade diese 
Truppen müssen den Aufklärungsdienst übernehmen, um sofort der oberen 
Heeresleitung die Stellung und die Mafsnahmen des Feindes sicher mit- 
teilen zu können. Ihre Aufgabe mufs sein, den Feind durch fortwährende 
kleine Gefechte zu erschöpfen, ihn unbemerkt in den Beroich der fliegenden 
Befestigungen zu ziehen, und ihn dann durch Artilleriefeuer zu vernichten- 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



101 



Ist dann die ganze Grenze mit diesen kleinen Befestigungen gespickt, so 
wird der Feind stets aus der Scylla in die Charybdis geraten und überall, 
wo er sich Durchbruch zu verschaffen sucht, in ein vernichtendes Artillerie- 
Feuer kommen. 

Das gegenwärtige Verteidigungs-System Frankreichs umfafst zwei 
Arten von Befestigungen, grofse befestigte Lager und Sperrforts. Die 
ersteren sollen vorzugsweise strategischen Zwecken dienen, während die 
letzteren einen beschränkteren Wirkungsl>ereich haben und durch ihre 
mächtige Artillerie nur eine starke Wache bilden sollen. Wenn Frankreich 
deshalb auch nicht düster in die Zukunft zu blicken braucht, so darf es 
doch nichts versäumen, diese Werke auch geradezu unangreifbar zu machen. 
Dazu wird aber vorzugsweise die Errichtung einer Grenz -Armee nach den 
erwähnten Grundsätzen dienen können. 

Zum Schlufs ruft der Verfasser der französischen Heeresleitung den 
altrömischen Ruf „caveant consules" entgegen, und fordert dringend auf, 
nichts dem Zufall zu Uberlassen, sondern Alles vorzubereiten, damit kein 
unerwarteter Zwischenfall eintreten kann. 

Revie nilitalre tuitie. Oat Infanteriegefecht nach dem neuen Exerzier- 
Reglement. Die schweizerische Infanterie hat im Juni vorigen Jahre.s ein 
neues Exerzier-Keglement bekommen, das sich von dem früheren wesentlich 
nur in den neuen Vorschriften für die Feuerleitung und die Verwendung 
der Waffe im Gefecht unterscheidet. Es irt unverkennbar, dafs die deutsche 
Schiefovorscbrift hierbei von Einflufs gewesen ist, denn das schweizerische 
Exerzier-Reglement enthält alle die Vorschriften für Fcuerloitung und 
Feuerdisziplin, wie sie unsere Schiefsvorschrift giebt, während diese bei 
uns im Exerzier-Reglement nur kurze Andeutung finden, stellenweise 
unter nicht unwesentlichen Änderungen. 

Die richtige Feuerleitung hat, so heifst es in der Einleitung, einen 
entscheidenden Einflufs auf den Ausgang des Gefechts. Es genügt nicht, 
dar* der Höchstkommandierende seine Maßnahmen trifft und seine Armee 
nach richtigen Grundsätzen aufstellt, er mufs auch in der ersten Linie 
Offiziere und Unteroffiziere haben, die das Feuer in sachgemäßer Weise zu 
leiten und zu kommandieren verstehen, die den Munitionsersatz über- 
wachen und die Wirkung des Feuers auf die feindlichen Linien beobachten. 
Der Bataillons-Commandeur wird sich nur in den seltensten Füllen um 
die Feuerleitung kümmern können, es ist dieses ausschliefslich Sache der 
Unterführer. 

Der Offizier soll stets im Auge behalten, so heifst es weiter, dafs die 
Schufswaffe so zur Verwendung gebracht wird, dafs möglichst viele Gegner 
aufser Gefecht gesetzt werden, und dafs er, um diesen Zweck zu erreichen, 
die richtigen Mittel anzuwenden hat. Diese Mittel liegen in der den 
jedesmaligen Verhältnissen des Gefechts entsprechenden Anwendung der 
Feuerarten, von denen Einzelfeuer, Salven und Maga/.infeuer zur Ver- 
fügung stehen. Nach welchen Grundsätzen diesem geschehen soll, wird im 
Folgenden eingehender festgestellt. 



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Ans ausländischen Militär-Zeitschriften. 



Das Einzelfeuer wird auf Befehl des Zugführers vom ganzen Zuge 
ausgeführt, jeder Mann schiefst nach ruhigem Zielen einen einzigen 
Schufs. Eine Ausnahme bildet nur das Schiefsen der besten Schützen, 
die dann namentlich aufgerufen werden. Das Einzelfeuer ist die normale 
Feuerart, es beginnt ungefähr 600 m von der feindlichen Linie entfernt; 
bin auf diese Entfernung müssen die Schützen so rasch als irgend möglich, und 
ohne zu schiefsen, zu gelangen suchen, allein vom Bestreben durchdrungen, 
rasch vorwärts zu kommen. Ist man auf dieser Entfernung angekommen, 
so beginnt das sprungweise Vorgehen in kleineren Abteilungen. Von 
diesem Augenblicke an nimmt das Feuer an Wichtigkeit zu. 

Recht bezeichnend ist die nun folgende Schilderung des Wesens des 
Magazin-Gewehrs, über das es wörtlich heifst: 

„Unsere Truppen sind mit dem Magazin -Gewehr bewaffnet. In dieser 
Thatsache liegt nur dann ein grofser Vorteil, wenn die Leute ruhig, gut 
diszipliniert und aufmerksam sind, und wenn anderseits die Führer ihre 
Mannschaft fortgesetzt scharf beobachten und in der Hand behalten. Das 
Dewufstsein der Möglichkeit, den Feind jederzeit mit einer Unmasse von 
Geschossen in einigen Augenblicken überschütten zu können, ist ein 
mächtiger Hebel für das Selbstvertrauen des Soldaten. Wenn er weifs, 
dafs seine Waffe ihm in jedem entscheidenden Augenblick derartige Dienste 
leisten kann, so wird er mit gröfserer Sicherheit und mit mehr Kalt- 
blütigkeit in das Gefecht treten. Diese Überlegenheit hält aber nur so 
lange vor, als der Soldat in dem Besitz des Magazin-Gewehrs die Sicherheit 
fühlt, in entscheidenden Augenblicken ein ausnahmsweise rasches Feuer 
abgeben zu können. Ist das al>er nicht der Fall, so verliert das Magazin- 
Gewehr nicht allein seine Überlegenheit, sondern es zieht auch grofse 
Nachteile nach sich. Eine aufgeregte und schlecht disziplinierte Truppe 
wird sich sehr bald, in Folge tlberraäfsigen Patronen- Verbrauchs vom ersten 
Beginn des Gefechts an, in einen Zustand von Kampfunfähigkeit versetzt 
sehen. Tritt dieser Fall ein, sind die Kampfesmittel in unüberlegter 
Weise vergeudet, so ist eine solcho Truppe in zweifacher Weise dem 
Feinde gegenüber geschwächt, erstens, weil sie dem Feinde nicht die 
Verlu.4e beibringen kann, auf die er som>t hätte rechnen müssen, und 
zweitens, weil sie aufser Stande ist, dem Angriff des Feindes entgegen zu 
treten oder, wenn der Befehl dazu erfolgt, selbst den Angriff durch- 
zuführen. Dieser Fall kann nie eintreten, wenn der Munitions- Verbrauch 
auf den weiten Entfernungen ein sparsamer, bis zur Einleitung des schliefs- 
lichen Einbruchs ein verständiger gewesen ist. 

Es folgt hieraus, dafs auf dem Exerzierplatz wie im Gelände die Grund- 
sätze der S|>arsamkeit mit der Munition stets malsgebend sein müssen; 
es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, dafs das Magazin nur 
ein Hülfsmittel ist, von dem nur im äufsersten Falle, wenn ein wirklicher 
Vorteil daraus erwartet werden kann, und auch dann nur auf besonderen 
Befehl, Gebrauch gemacht werden darf. Das Magazin niufs stets gefüllt 
sein, die normale Verwendung des Gewehrs ist aber die als Einzellader." 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



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So wichtig, wie dieser Grundsatz ist, so ist es doch befremdend, dafs 
das schweizerische Reglement als einziges Mittel, um diesen Zweck zu er- 
reichen, das Einzelfeuer auf Kommando mit jedesmaligem Verschiefsen nur 
einer Patrone hinstellt. Ein ungeleitetes Feuer, eine Selbsttätigkeit des 
Schützen ist nirgends erwähnt. Wie also diese Feuerart fortgesetzt werden 
soll, wenn Zug- und Gruppenführer aufser Gefecht gesetzt sind, wenn im 
Laufe des Gefechts die Abteilungen durcheinander geraten sind, darüber 
ist nichts gesagt. 

Die Einteilung der Entfernungen und der mit Erfolg zu beschielsenden 
Ziele ist von unseren Grundsätzen nicht unwesentlich verschieden. Es 
heifst hier: 

„Auf den kurzen Entfernungen bis zu 300 m können alle einzelnen 
Ziele (Reiter oder Infanterist) beschossen werden." 

„Auf den mittleren Entfernungen 300 — 600 ra können Unter-Ab- 
teilungen, Sectionen, Züge, einzelne Geschütze und Schützenlinien be- 
schossen werden." 

„Auf den weiten Entfernungen 600— 1000 m können Compagnien 
oder Escadrons, in Linie oder Kolonne, beschossen werden." 

„Auf den Entfernungen du feu aux grandes portees von 1000—1600 m 
können tiefe Kolonnen und Batterien in Gefechts-Formation beschossen 
werden." 

Für das Salvenfeuer ist die Vorschrift überraschend, dafs dieses stets 
und ausseid iefslich Magazinfeuer sein soll, da man annimmt, dafs alle die 
Ziele, die ein Salvenfeuer als geboten erscheinen lassen, nur auf ganz 
kurze Zeit sichtbar sein werden. Über 600 m ist das Salvenfeuer über- 
haupt Regel, um jede Munitionsvergeudung auszuschliefsen. Sobald das 
Feuer eingestellt wird, erfolgt die Nachfüllung des Magazins ohne besonderes 
Kommando. 

Das Magazinfeuer soll, wie das Reglement vorschreibt, nur in „ent- 
kleidenden Fällen" zur Anwendung kommen, als Grundsatz gilt dabei, 
dafs jeder Mann möglichst viele „wohlgezielte" Schüsse gegen den 
Feind abgiebt. Als „entscheidende Fälle" werden für die Offensive der 
Augenblick vor dem letzten Einbruch, für die Defensive der Augenblick 
dieses Einbruchs bezeichnet, aufserdem Kavallerie- Angriffe und die Ver- 
folgung. 

The Admiralty and Horte Guardt Gazette. Der Normal-Angriff der 
Infanterie. Da die Ausgabe der neuen Vorschriften für das Infanterie- 
Gefecht in England noch nicht erfolgt ist, so hat der General Sir Archibald 
Alison für das laufende Jahr für die größeren Truppenübungen in Alders- 
hot folgende Vorschriften erlassen. 

Der Angriff. Sobald die Truppen für den Angriff" aufgestellt sind, 
beginnt das Vorgehen in Linie bis auf 600 m an den Feind heran, unter 
dem Schutze einer dünnen Schützenlinie. Auf den Entfernungen über 
600 m darf, aufser von diesen Schützen, nicht gefeuert werden. Auch 
diese Schützen sollen nur ausnahmsweise Artillerie, Kavallerie-Abteilungen 



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Aua ausländischen Militär-Zeitschriften. 



oder tiefe Infanterie-Kolonnen beschießen. In unübersichtlichem Gelände 
soll das Feuer auch auf kürzeren Entfernungen eröffnet werden. Als 
Grundsatz ist festzuhalten, dafs man so nahe als irgend möglich an den 
Feind heranzukommen streben soll, denn jeder Munitionsverbrauch ohne 
sichtl»are Wirkung ist nicht allein Munitions- sondern auch Zeit Verschwendung. 
Sobalb die Bataillone die Gefechtsformation annehmen, werden die Spiel- 
leute in der Mitte der Aufstellung vereinigt, um sie hier geschlossen zur 
Verfügung zu haben. Da« Feuer beginnt mit Salven, wobei es sich 
empfiehlt, dieses Feuer abwechselnd auf ganz bestimmte Punkte zu ver- 
einigen. Die in der ersten Linie kommandierenden Offiziere sollen die 
hierzu erforderlichen Kommandos altgeben. Auch während der folgenden 
Momente des Angriffs soll ausschließlich Salvenfeuer zur Verwendung 
kommen. 

Auf den Entfernungen 600 — 400 m geschieht das weitere Vorgehen, 
nachdem die Schützen das Herankommen des zweiten Treffens abgewartet, 
haben, sprungweise in halben Compagnien, jeder Sprung 30 m weit. 
Hierbei rücken die Soutienzüge in die Schützenlinie ein. Um für diese 
den erforderlichen Platz zu schaffen, wird der Abstand der Schützen, der 
bisher zwei Schritt Ihj tragen hat, auf einen Schritt verringert. 

Im dritten Teile des Angriffs, der Entfernung von 400—150 m, findet 
das sprungweise Vorgehen compagnieweise statt. Ist man auf 150 m an- 
gekommen, so werden schnell aufeinanderfolgende Salven im Knieen so 
lange abgegeben, bis das zweite Treffen herangekommen ist. Das Letztere 
hat, 100 m von der Schützenlinie entfernt, das Bajonett aufgepflanzt, ist 
dann herangerückt, und giebt, stehend Salven auf den Feind, während 
welcher Zeit die Schützenlinie das Bajonett aufpflanzt Auf Kommando 
des Bataillons-Commandeurs schlagen nun die vereinigten Spielleute, den 
Sturmmarsch, und das Ganze stürzt mit gefälltem Gewehr gegen den 
Feind. 

Die Verteidigung. Die in der Verteidigungsstellung stehenden 
Truppen könnon die zugweise abzugebenden Salven auf weitere Ent- 
fernungen beginnen, wie für den Angriff vorgeschrieben, um einerseits 
den Angriff aufzuhalten, anderseits den Angreifer zur Erwiderung des 
Feuers zu zwingen. Ist der Letztere bis auf 200 m herangekommen, so 
kann an Stelle des Salvenfeuers das Einzelfeuer treten. Heim hinhaltenden 
Schützengefecht, wie es so häufig vorkommt, ist das Salvenfeuer auch für 
die kürzeren Entfernungen beizubehalten. 

Der Munitionsersatz im Gefecht ist durch das in Reserve stehende 
Bataillon zu l»esorgen. w 

Wir sehen aus vorstehender Vorschrift, wie die Engländer, gleichwie 
bei allen Vorschriften über den Felddienst, sich stets damit begnügen, nur 
die Formen festzustellen. Allgemeine Grundsätze und zum Nachdenken 
anregende Gesichtspunkte finden wir bei ihnen nirgend erwähnt. Die 
ganze Vorsclirift zeugt von geringer Kenntnis des Gefechts der Infanterie, 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



lOfi 



wie es in den Heeren des europäischen Festlands factt überall gleichmlifsig 
vorbereitet ist. 

Ulited Service gazette. Oer Schutz der Handelsflotte im Kriege. Der 

ungenügende Schutz Englands durch Flotte und Heer, der vor einigen 
Wochen zu einer lebhaften Verhandlung im Parlament führte, und seit 
dieser Zeit die politischen und militärischen Blätter füllt, hat auch dem 
in Marinekreisen als Autorität geltenden Admiral Hornby Veranlassung 
zu einem Vortrage in einer militärischen Gesellschaft Uber obigen Gegen- 
stand gegeben. 

Admiral Hornby erwähnt in der Einleitung die vielfachen Änderungen, 
die das Kriegswesen zur See durch Einführung der Dampfkrafl erfahren 
hat, und weist dann auf die verschiedenen Gesichtspunkte hin, die für 
den Fall eines Europaischen Krieges seitens Englands ins Auge zu 
fassen sind. Sache der Admiralität ist es, zu bestimmen, wie viele Schiffe 
auf den verschiedenen Stationen aufgestellt werden sollen. An der 
Mündung des Kanals hlilt er 15 für nötig, von dem Gesichtspunkte aus- 
gehend, dafs der Tonsgehalt der englischen Flotte ungefähr siebenmal 
gröfser ist, als er im Jahre 1794 war. Beim Kap Finisterre müfsten vier, 
am Kap St. Vincent drei, im Ganzen aber zehn Kreuzer aufgestellt, werden, 
um die Geschwader vollzählig zu halten. Die Zahl der Uber Kap Verde 
hinaus aufzustellenden Schiffe hangt von der St'irke des Geschwaders in 
Goree, (kleine Insel an der Küste von Senegambien) ab, hier müfsten 
8 Schiffe auf der Station und 4 auf der Linie sein. Diese 5 Geschwader 
würden allein schon 38 Kreuzer erfordern, wahrend England im Jahre 1890 
im Ganzen nur 42 haben wird. Dann führt Admiral Hornby fort: „Im 
Falle eines europäischen Krieges mUfsten für England noch drei neue 
Stationen errichtet werden, und zwar alle an der Küste der irischen See. 
Admiral Colomb hat vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht, dafs wir 
im Jahre 1808, also drei Jahre nach der Schlacht bei Trafalgar, 41 Kreuzer 
im Kanal bis Yarmouth aufstellen müfsten. Es darf daher wohl nicht, 
überraschen oder beunruhigen, wenn wir jetzt mindestens eine gleiche 
Zahl verlangen. Ich habe die Zahl der im Atlantischen Ocean kreuzenden 
Schiffe auf nur 14 berechnet, eine Zahl, die kaum ein einziger Marine- 
Offizier für genügend erklaren würde. Um diese Schiffe mit Kohlen zu 
verborgen, würden noch 8 Schiffe erforderlich sein, wir müssen überhaupt 
auf 7 Schiffe 2 zur Reserve, d. h. zur Versorgung mit Kohlen, rechnen. 
Bei der sparsamsten Berechnung würden sich nun folgende Zahlen er- 
geben: Im Kanal 16, den einheimischen Stationen 40, den vier Atlantischen 
Stationen 22, den übrigen 24 auswärtigen Stationen 108, im Ganzen 
186 Kreuzer. Wir besitzen aber nur 121 Kreuzer der verschiedensten 
Arten, wozu noch 12 Panzerkreuzer, die als Panzerschiffe gerechnet werden, 
kommen sollen. Würden alle diese Fahrzeuge nur solche von grofser 
Schnelligkeit sein, so würden gegen 50 fehlen. Da wir aber nur 42 
Kreuzer von 16 Knoten Fahrgeschwindigkeit haben, so besitzen wir nur 
den vierten Teil von derjenigen Zahl, die wir unbedingt haben müfsten 



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Aus ausländischen Milit&r-Zeitechriften. 



Werfen wir einen Blick auf die Geschichte, so sehen wir, dafs wir im 
Jahre 1793, wo wir 16,806 Schiffe von im Ganzen 1,589,758 Tons zu 
schützen hatten, 185 Kreuzer besafsen; im Jahre 1814 hatten wir 
489 Kreuzer zum Schutze von 24,111 Schiffen von 2,616,965 Tons; im 
Jahre 1887 verlangen wir wenigstens 186 Kreuzer, um 36,752 Schiffe 
von 9,135,512 Tons zu schützen. Sollen wir den Schutz unserer Handels- 
flotte aufgeben, oder sollen wir so handeln wie unsere Vorfahren? Es 
ist ganz zweifellos, dafe wir die Zahl der Kreuzer auf 489 zu erhöhen 
haben, und wir sehen darin keine unmögliche Leistung." 

An den Vortrag knüpften sich vielfache Besprechungen, an denen 
sich auch Lord Brassey beteiligte, der einfach den Grundsatz aufstellte 
dafs England dreimal so viele Kreuzer besitzen müsse, wie jede andere 
Seemacht. 

Dasselbe Blatt bringt auch die Mitteilung von einem neuen Maxim - 

3 Pfänder Geschütz, das vom englischen Kriegsministerium zur Einführung 
in die Armee bestimmt ist. Die Maxim-Gewehre und Geschütze haben in 
letzter Zeit in allen Staaten ein nicht zu verkennendes Aufsehen hervor- 
gerufen, da es dem Erfinder Maxim wirklich gelungen ist, den Rückstofs 
der Feuerwaffen zum selbsttätigen Bewegen des Mechanismus auszunutzen. 
Die erste dieser Waffen war ein englisches Henri-Martini-Gewebr, das der 
Erfinder vor 6 Jahren nach seinen Grundsätzen umgeändert hatte. Durch 
den Rückstofs der Ladung öffnete sich der nach unten fallende Verschluf»- 
block von selbst und schlofs sich ebenso, sobald die neue Patrone eingelegt 
war. Nach denselben Grundsätzen ist der neue 3 Pfünder hergestellt, 
äufserlich gleicht er den bekannten Schnellfeuer-Geschützen; das Rohr 
ruht auf einem Dreifufs mit Kugelgelenk, und endet in einem Kolben, 
der von der Schulter des Kanoniers aus gerichtet wird. Sobald das Geschütz 
abgefeuert wird, bewegt sich das Rohr durch den Rückstoss um ungefähr 

4 Zoll rückwärts, während welcher Zeit der Verschlufsteil geschlossen 
bleibt. Sobald das Rohr, von einer Spiralfeder gedrückt, wieder nach 
vorn schnellt, füllt das Verschlufsstück nach unten, die leere Hülse wird 
herausgeschleudert und der Schlagbolzen gespannt. Durch Einlegen der 
neuen Patrone schliefst sich der Verschlufs von selbst, und das Geschütz 
ist zum Abfeuern fertig. Das Gesamtgewicht des Geschützes ist nicht 
gröfser, wie das der gewöhnlichen Schnellfeuer-Geschütze, der Rückstofb 
ebenfalls nicht bedeutender, so dafs dasselbe ohne Bedenken dir kleine 
Torpedoboote Verwendung finden kann, weshalb auch schon eine gröfsere 
Anzahl dieser Geschütze für Marinezwecke in Bestellung gegeben sind. 

Schliefslich wird in dem Aufsatz auch noch erwähnt, dafs die Firma 
Krupp in Essen von dem Erfinder das Recht erlangt hat, auf die Dauer 
von 20 Jahren Maxim-Geschütze für Deutschland anfertigen zu dürfen. 

D. 



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vu. 



Verzeichnis 

der neu erschienenen Bacher und der größeren, in den militär. 
Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 41 ) 

(II. Quartal 1888.) 

(15. Min - 15. Juni 1888 ) 



Für das nachfolgende Verzeich nw sind benutzt: 

1. Militär-Wochenblatt. - AI. W. 

2. Nene militärische Blatter. — N. AI. D. 

3. Allgemeine Militär-Zeitung. — A. AI. Z. 

4. Deutsche Heeres-Zeitung. — U. H. Z. 

5. Militär-Zeitung. Organ für Reserve- und Landwehr-Offiziere. — AI. Z. R. 

6. Internationale Revue über die gesamten Armeen und Flotten. — /. R. A. 

7. Arohiv für Artillerie- und Ingenieur-Offiziere. — A. A. I. 

8. Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. -- A. H. AI. 
9 Zeitschrift für Luftschiffahrt - Z. F. L. 

10. Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine. - J. A. AI. 

11. Österreichische Militär-Zeitschrift (Streffleur). — O. S. A4. 

12. Organ der militär-wissenEchaftüchen Vereine. 0. W. V. 

13. Österreichisch-ungarische Wehr-Zeitung. — 0. U. W. 

14. Österreichisches Armeeblatt - 0. A. B. , 

15. Österreichische Militär-Zeitung. - 0. Af. Z. 

16. Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Genie-Wesens. — O. A. Q. 

17. Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. — O. Af. S. 

18. Le Sf>ectateur militaire. — F. S. Af. 

19. Journal des sciences militaires. - F. J. S. 

20. Revue de cavallerie. — F. R. C. 

21. Revue du Cercle Militaire. — F. ß AI. 

22. Le Progres militaire. — F. P. Af. 

23. L'Avenir militaire. — F. A. AI. 

24. La France militaire. — F. AI. 



*) Die mit einem * versehenen Bücher sind der Redaktion zur Besprechung 
zugegangen und werden in der „Umschau in der Militär-Litteratur" nach Mög- 
lichkeit Berücksichtigung finden. 



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108 Verzeichnis der neu erschienenen Bächer und der größeren, in den 



25. Kevue d'arl illerie. — F. R. A. 

26. Kevue du scrvice de l'intendance militaire. — F. R. I. 

27. Revue maritime et colonial. — F. R. M. 

28. Russischer Invalide. — R. 1. 

29. Wajenny Sbornik. — R. W. S. 

30. Russisches Artillerie-Journal. — R. A J. 

31. Russische» Ingenieur-Journal. — R. I. J. 

32. Morskoi Sbornik. — R. M. S. 

33. Rivista militare italiana. — LR. 

34. L'Esercito italiano. — 7. E. 

3.5. Rimta di artigüeria e genio. - /. A. G. 

36. Rivista marittima. — /. R. M. 

37. Journal of the Royal United Service Institution. — E. U. S. 

38. The illustrated Naval and Military Magazin. — K Ä M. 
89. Änny and navy Gazette. — E. A. N. 

40. The Broad Arrow. — E. B. A. 

41. Admiralty and Horse guards Gazette. — E. A. Ii. 

42. The Military Telegraph Bolletin. - E. M. T. 

48. Journal of the united Service Institution of India. — /. U. S. 

44. Army and navy Journal. — A. A. N. 

45. Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung. — Sek. M. 'A. 

46. Revue militaire Suisse. — Sch. R. M. 

47. Schweizerische Zeitung für Artillerie und Genio. - Sch. A. G. 

48. De militaire Spectator. - Nd. M. S. 

49. De militaire Gids. — Nd. M. G. 

50. Revue militaire beige. — D. R. hi. 

51. La Belgique militaire. - Ii. hi. 

52. Memorial de Infanteria. — S r . M. 

63. Revista cientifico militar. — Sp. R. C. 

54. Memorial de Ingenieros. — Sp. hi. 1. 

55. Revista militar. — P. R. hi. 

56. ReviHta das sciencias militares. — P. R. S. 

57. Revista maritima Brazileira. — Br. R. hi. 

58. Revista militar (Republica de Colombia). — C. R. hl. 

59. Krigsvetcnskaps Academiens Handlingar. — Schw. K. H. 

60. Norsk militaert Tidsskrift. — A'. hi. T. 
6t Militaert Tidsskrift. - D. hi. T. 



I. Heerwesen und Organisation. 

"Jahresberichte Ober die Veränderungen und Fortschritte im Militär- 
wesen. - XIV. Jahrgang 1887. Herausgegeben von H. v. Löbell- 
Oberst z. D. — 8* — 568 S. - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. - 9 M. 

•Die europäischen Heere der Gegenwart. Von Hermann Vogt, Oberst- 
lieutenant a. D. Illustrationen von Richard Enötel. — Heft XXVI and 
XXVII. Vergleichende Zusammenstellung der Stärke aller europäischen 
Heere und der auf ihre Unterhaltung verwendeten Summen. — 8° — 44 S., 
- Rathenow. M. Babenzien. - 1 M. 



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milit Zeitschriften des In- und Auslände* enthaltenen Aufsätze. 



100 



Nos cent quarante-quatre rögiments, par E. M. de Lyden. — 18» — 

564 p. - Paris, Libr. illustree. - 5 fr. 
I/armee d'Afrique par le Dr. F. Quesnoy. — 16» — 356 p. — Paris, 

JouTet — 2,25 fr. 

Znr Rekrutierung nnd zu den Stärkeverhältnisaen des italienischen Heeres. — 
M. W. 28. 

Das Heerwesen von Chile. — M. W. 35, 48. 

Da« italienische Heer in den drei letzten Vierteljahren 1887 — M. W. 50. 

Die Armeen der Balkanstaaten in ihrer neuen Organisation nnd Zusammensetzung. 

— N. M. B. April 
Die englische Heeresreform. — A. M. Z. 44. 
Die nenesten Heeresgesetze in Krankreich. - D. H. Z. 33. 34. 
Die neue deutsche Wehrvorlage, ihre Notwendigkeit und ihre Begründung. — 

/. R. A. April. 

Neuere Nachrichten Ober die chinesische Armee. — L R. A. Mai. 

Landwehr und Landsturm in Deutschland und Österreich-Ungarn. Ein Vergleich 

ihrer Organisation und Leistungsfähigkeit. — ./. A. M. A/ml. 
Zur Reorganisation des niederländischen Heeres. — J. A. M. Mai. 
Studie einer Reorganisation bei gleichzeitiger Vermehrung der k. k. Feldartillerie 

O. U. W. 28. 

Der Staatsvoranschlag für das Heer pro 1889. — 0. U. W. 47. 
Russische Kavallerie-Corps. — O. M. Z. 37. 

Znr Revision des Wehrgesetzes. — O. M. Z. 20, 23, 24, 26, 30. 
Die österreichisch-ungarische Landwehr-Kavallerie. — 0. M. Z. 25. 
Stärkeverhältnisse des italienischen Heeres. — 0. M. Z. 41, 42. 
Kritische Betrachtungen der militärischen Gesetze und Reglements. — F. S. M. 
182-185, 168. 

Die Umänderungen in der französischen Armee. — F. S. M. 186—189. 

Die Instruktionsarmee. — F. S. M. 187, 188, 189. 

Die Reorganisation der Genie -Truppen. — F. J. S Marz. 

Uber die Reorganisation der Armee. — ./. S. März. 

Die Mobilmachung der italienischen Armee; die Bahnhofs -Commandeure. — 

F. C. M. 17. 
Das Rekrutierungsgesetz. — F. C. M. 20, 21. 
Die russische Armee in Turkestan. — F. C. M. 22, 23. 
Die Sanitätstruppen der Schweizer Armee. — F. C. M. 25. 
Die höheren Stäbe in Frankreich nnd Deutschland. — F. P. M. 770, 771. 
Der oberste Kriegsrat. — F. P. M. 788. 
Die Militär- Taxe. - F. P. M. 788. 

Die Umänderung der General-Inspektionen. — F. A. M. 1255. 
Das Militärgesetz und der Heereshaushalt. — F. A. M. 1259, 1261. 
Die Kavallerie urd der dreijährige Dienst. — F. A. M. 1260, 1262. 
Die Militärtaxe im Aualand. - F. A. M. 1266, 1267, 1269, 1271. 
Iber die Kasaken der Neuzeit. — R. W. 8. Mai. 
Über die Rekrutierung. - / R. März. 
Die spanische Armee. — E. N. M. A/n-3. 
Die Grenadiere «1er englischen Armee. - E. N. M. Mm. 



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HO Verzeichnis der neu erschienenen Bacher and der gröfseren, in den 

Die russische Gebirge -Artillerie. - /. U. S. 70. 
Die Streitkrifte Russlanda. - Sch. A. G. V. 

Die zukünftige Organisation der portugiesischen Artillerie. - P. R. M. FHT, IX. 



II. Ausbildung. 

•Der Dienst des Infanterie-Unteroffiziers. Von P. Q. Graf t. Walder- 
see, Königlich prenfsischer General-Lieutenant. — Achtzehnte Auflage. 
Unter Berücksichtigung aller neuen Verordnungen , umgearbeitet ron 
A. Graf v. Waldersee, General -Adjutant Seiner Majestät des Kaisers und 
Königs und General-Quartiermeister. Mit einem Anhang und drei litho- 
graphierten Tafeln. - 8* — 836 S. — Berlin, H. Heyfelder. — 

•Militärischer Dienstouterricht für die Kavallerie des deutschen 
Reichsheeres. Zunächst für Einjahrig-Freiwillige, Offizier -Aspiranten and 
jüngere Offiziere des Beurlaubtenstandes bearbeitet von B. Poten, Königlich 
preußischer Oberst z. D. — Fünfte, auf Grund der neuesten Vorschriften 
bearbeitete Auflage. - 8« - 344 8. - Berlin, E. 8. Mittler Sc Sohn. - 
4 M. 

Le vade-mecum de l'officier d'infanterie, en route, auz mauoeuvres, 
au campagne, par G. Le Noir, lieotenant au 121. d'infanterie. — 16* — 
269 p. — Lyon, Pelletier. — 

Übungen in kriegsstarken Verbänden. - M. W. 27. 

Zum Exerzieren und MauÖTrieren der Kavallerie in kriegsstarken Verbänden. — 
M. W. 30. 

Die Belagerungsübung bei Verona im Sommer 1887. — M. W. 32. 
Zur taktischen Ausbildung der Pioniere. — M. IV. 33. 
Und nochmals der Gleichschritt. - M. W. 34. 

Die Übungen der 1. Kavallerie-Division im Sommer 1887. — M. W. 37. 

Die Sommerübungen der russischen Armee 1888. — M. W. 51. 

Was hat uns die Schiefsvorschrift gebracht. — N. M. B. Aprü. 

Bemerkungen über die taktische Ausbildung der russischen Infanterie. — A'. M. B. 

Über den richtigen Zügelgebrauch. — A. M. Z. 37. 

Rückblick auf das Übungsjahr 1886/87 der Fufs -Artillerie. — D. H. Z. 22, 23. 24. 
Die Übungen der Reserven in Frankreich 1888. — D. H. Z. 43. 
Über die französischen Manöver des Jahres 1887. — M. Z. R, 18, 19. 
Der heutige Standpunkt der Detacbementsführung im deutschen Heere. — /. R. A. 
Mai. 

Über Besichtigungen, insbesondere der Feldartillerie. — J. A. M. Mai. 
Zur Entwickelung der Taktik. — 0. S. M. IV, V. 

Die Entwickelung des Infanterie-Exerzierens und des österreichischen Infanterie- 
Exerzier-Reglements bis gegen die Mitte dieses Jahrhunderts. — O. W. V. 
XXXVI, 5. 

Von Reisemärechen im Frieden. — O. A. B. 14. 

Die Kavallerie auf den grofsen Manövern 1887. — F. J. S. April. 

Die verschiedenen Methoden des Schiefsunterricht« bei der Infanterie. — F. C. M. 
12, 13, 14, 15. 



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milit. Zeitschriften de« In- und Auslandes enthaltenen Aufritze. Hl 

Die Manöver im Herhst 1888. - F. P. M. 791. 

Die Manöver im Herbst 1888. - A. M. 1264. 

Die neue Manöver-Vorschrift für die Infanterie. — F. A. M. 1271. 

Die neue Schiefevorschrift. — F. A. M. 1272, 1274. 

Die Manöver. — F. M. 1177. 

Über die Übungen der Reserven im Herbst 1887. — R. W. S. Marx, April, Mai. 
Die Vorbereitung der Truppen tum Schieben. — Ä. W. S. April 
Die taktische Ausbildung der Infanterie. — R. W. S. Mai. 
Der praktische Schiefskursus bei der Ofmtier- Artillerieschule 1887. — R. A. J. 
Febr. 

Der praktische Wert des Kriegsspiels. — E. i . 8. 143. 
Die Oster-Manöver. — E. A. N. 1472. 
Die Oster-Manöver. — E. B. A. 1032. 

Die grofsen Manöver der italienischen Armee in der Emilia 1887. — Sch. M. Z. 15. 
Die Schiefsübungen der niederländischen Infanterie. — Nd. M. S. V, VI. 
C&ntonnementsübungen in Seeland im September 1887. — D. M. T. I. 



III. Krieg:-, Heer- und Truppenführung, Troppendienst. 

•Die A rtillerie - Truppe des Pestungskrieges. — Studie eines alten 
Artilleristen von Wiehe, General der Infanterie z. D. — 8* — 318 S. — 
Berlin, E. S. Mittler & Sohn. - 4,50 M. 

•Die Infanterie-Patrouille von v. Hellfeld, Königlich preufsischer Haupt- 
mann a. D. — Zweite Auflage. — Mit 5 in den Text gedruckten Skizzen. 
— 8« — 48 S. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. - 1 M. 

Die heutige Lineartaktik und ihre pragmatische Entwickelung von 
Oberst Pinke, — Wien, Seidel & Sohn. — 

•Views on the framing of orders in tbe field, at manoeuvres and in 
a war ganie. — Collected by Captain Normann Bray, 2nd. Royal 
Innisküling Füsiliers. - 8« - 23 S. - Yorktown, W. Webb. - 1 sh. 

Znr Infanterietaktik der Zukunft. — Af. W. 45. 

Einige Gedanken Uber Änderung und Vereinfachung des Exerzier-Reglements der 

Infanterie. — M W. 51. 
Das neue Exerzier-Reglement der Infanterie. — M. W. 52. 
Zur Exersiervorschrift der Infanterie. — M. W. 53. 

Die Ursachen der serbischen Mifserfolge im Feldzug 1885. — N. M. B. April, 
Mai, Jmi. 

Napoleon als Feldherr. — iV. M. B. April. 

Nach welchen Grundsätzen mofs ein neues Exerzier-Reglement für die Infanterie 

entworfen werden. — N. M. B. Mai. 
Sch iefs Torschrift, Infanterie-Gewehr M. 71/84 und Infanterie-Gefecht — N. M. B. 

Jmi. 

Was erwarten wir von einer neoen Eierziervorschrift för die Infanterie. — 
A. M. Z. 29, 30. 

Ansichten des Generals Lord Wolseley Uber Landesverteidigung. — A. M. Z. 36- 
Die neue Exerziervorschrift für die Infanterie. — D. H. Z. 29. 
Taktische Studie. — M. Z. R. 17—20. 



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1 12 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 



Napoleon als Feldherr. — 1. R. A. April 

Ein Beitrag zur Beurteilung der Kriegführung Friedrich de* Grofsen. — J. A. M. 
April. 

Zur fridericianischen Strategie. — J. A, M. Mai. 

Zur Ausbildung der Feldartillerie und deren Verwendung im Verbände einer 

Infanterie-Division. - J. A. M. Jum. 
Der Swipwald und Bazeilles. — A. M. JuxL 

Die Verwendung der deutschen Artillerie in der Schlacht bei Beauraont am 

30. August 1870. — O. W. V. XXXVI, 5. 
Über den Sauer'schen Angriff gegen die festen Plätze. — O. W. V. XXX VI, 6. 
Der Kinflufs des Repetiergewehrs auf die Feldartillerie. — 0. U. W. 24, 26, 27. 
Die Kavallerie im Kampfe gegen das Kepetiergewehr. — O. A. B. 18. 
Taktische Studien — F. J. S. März. 
Schutz und Verteidigung der Grenzen. - F. J. S. April 
Die Feuer-Taktik der französischen Infanterie. — F. J. S. Aftril. 
In der Schlacht. — F. Ii. C. Marz, April. 

Ein Kavallerie-Regiment bei einer Infanterie-Division. - F. R. 0. April. 
Der Führer der Kavallerie und die Befehlsführung. — F. R. C. Mai. 
Die Verwendung der Mitrailleusen. — F. P. M. 794. 

Die Verwendung der gezogenen 30 cm Mörser bei der Verteidigung der Küsten — 

F. Ä. M. April. 

Die Verwendung fortschaffbarer Beobachtungstürme im Felde. — R. 1. 85. 

Die Kavallerie auf dem Schlachtfelde. — R. W. S. März. 

Die Minen Verteidigung der heutigen Festungen. — R. 1. J. März. 

Die französische Gefechtsinstruktion für die Infanterie (vom Februar 1887) und 

unsere Vorschriften. — /. R. März, 
Das Schnellfeuer und seine Verwendung. — /. R. März. 
Das Gefecht der Brigade. - /. R. März. 
Die Unterstüt«ung8trupp8 und die Haupttrupps. — /. R. April 
Linie oder Reihen-Kolonne. — /. IL April. 

Die taktischen Veränderungen seit Einführung der Hinterlader. — /. R. Mai. 
Über die Feuerleitung bei der Feldartillerie. — /. A. G. März. 
Grundsätze über die Verwendung der Artillerie eines Armeecorps. — K. U. S. 143. 
Gedanken über eine Invasion und die Küsten Verteidigung bei einem überraschenden 

Angriff. — E. U. S. 143. 
Die Verwendung der Feldartillerie. — E. A. N. 1482. 

Die Feuerleitung der Artillerie-Gruppen (Regiment und Brigade). — Sek. R. M. III. 
Über den Einflufs der neuen Handfeuerwaffen (Repetier-Gewehre) auf die Taktik 

der Infanterie. - AU M. S. IV. 
Der FestungskVieg. - AU M. G. III. 
Taktische Plaudereien. — Nd. M. G. III. 

Die Notwendigkeit der Befestigung der holländischen Maos-Linie. — B. M. 894. 
Taktische Kolgerungen, abgeleitet aus dem Kriege 1870/71. — Sp. M. X. 
Die Gefechtstaktik und der Dienst im Felde bei der Kavallerie. - P. R. S. 
28-30. 

Der Dienst der Artillerie im Belagerungskrieg. — P. R. S. 28 — 30. 
\)&& Angriffsgefecht der Infanterie. — Schw. K. H. VI. 

Pie Rollo von Armee und Flotte bei Verteidigung des Reichs. — N. M. T. 
IV, V. 



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milit. Zeitschriften des In- und Auslandes enthalteneu Aufsätze. H3 

IY. Befestigungswesen, milit Bauten. 

•Ideen über Befestigungen. — 8« — 71 S. - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. 
— 1,50 M. 

Lea forts et la melinite par un Pionnier. — 8° — 68 p. — Paris, Charles- 
Lavauxelle. — 

Ober den Bau von Geschützeinschnitten. — M. W. 27. 

Über die Termehrte Anwendung des Eisens und Stahls beim Festungsbau. — 

N. M. B. April, Mai, Juni. 
Über die Einrichtung Ton Dörfern mr Verteidigung. — AT. M. B. Juni. 
BefestigUBgsideen. — J. A. M. Juni. 
Versuche im Gebiete des Minenwesena. — O. A G. III. 

Projekt eines deu Anforderungen der Gegenwart entsprechenden Forts. — 0. A. G. I V. 
Versuche auf dem Gebiete des Minenwesens, Sprengung starker Eiseubahn- 

konstruktionsteile. — 0. A. G. V. 
Das Festungsriereck Morvan. — F. AL 1169. 
Die Befestigungskunst der nächsten Zukunft. — F M. 1217. 
Die beutige Bedeutung und die Konstruktion des gedeckten Weges und der Raveline 

als Schutzmittel für permanente Umwallungeu. — R. 1. J. Jan. 
Die Baumaterialien aus gebranntem Thou. — R. 1. J. Jan., Febr. 
Die Befestigungskunst im Hinblick auf die neue Artillerie. — R. I. J. Ftbr. 
Die Formen und das Material der neuen Befestigungen. - 1. A. G. M&rt, April. 
Die empirische Formel des Druckes der Schanzen. — 1. A. G. ApriL 
Einige Ideen Uber das Befestigungssystem des Staates. — Sp. M. X. 
Über Feldbefestigungen. — Sp. Af. /. VI, VIII. 

Die Veränderungen in der Befestigungskunst. — Schw. K. H. VII, VIII, IX, X. 



Y. Waffen und Munition 

(auch Theorie des Scbiefsens und dergl.). 

*Die Kriegswaffen. Eine fortlaufende, übersichtlich geordnete Zusammen- 
stellung der gesamten Schufswaffen, Kriegsfeuer, Hieb- und Stichwaffen und 
Instrumente, sowie Torpedos, Minen, Pause rangen u. dergl. seit Einführung 
▼on Hintorladern. Von Emil Capitaine u. Ph. v. Hertling. — II. Bd. 
I-1II. Heft - Jedes Heft 24 S. - 1,60 M. - 8«- Rathenow, Max Babensien. 

•Die Entwickelung der Gewehrfrage in Frankreich. — Beschreibung der 
französischen Armee-Gewehre M/84, M/86 und M/86 (System Lehel). — Mit 
60 Holzschnitten. — 2. erweiterte Auflage des Buches: Die französischen 
Repetier-Gewehre M/84 und M/86. - 8» — 100 8. — Hannover, Helwing. 
— 2 M. 

Über Kriegsdistansmesser von Feldmarschall-Lieutenant Roskiewicz. — 
Mit 3 Tafeln. — 8 # - - 75 S. - Gras, Pechel. — 8,20 M. 

*Fragmentos d'une tratado de balistica por J. M. Rodrigues, 1. tenente 
d'artilheria, da acädemia real das sciencias de Lisboa. — 8* — 48 S. — 
Lisboa. 

Die Kupferhülsen des neuen dänischen Repetiergewehrgeschosse«. — M. W. 28. 
Über das Repetiergewehr kleinen Kalibers. — N. M. B. Juni. 

J*h*l*t Nr dl« Deoteeb* MN ud U*U: M LXVIII, 1. g 



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114 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröberen in den 

Die moderne Mitrailleuse und ihre Verwendung im Felde. — N. M. B. Juni. 
Vom Einheita-Feldgeechütz. - A. M. Z. 20, 26. 

Die Panzer-Schiefsrereucbe der Kruppschen Fabrik mit einer Krnpp'schen 88 cra 
Kanone L/22 und einer 24 cm Kanone L/S6 am 10. und 19. Dezember 1887 
in Heppen. — A. M. Z. 20. 

Die physischen Wirkungen der Geschosse mit grober Geschwindigkeit — A.M.Z. 33. 

Krupp'sche SchiefsTersuche. - D. H. Z. 25-26, 36. 

Oedanken über die deutsche Gewehrfrage. — D. H. Z. 31. 

Über die neuen österreichischen und französischen Gewehre kleinen Kalibers. — 
M. Z. R, 20. 

Rauchloses Pulrer. — 1. R. A. Mm. 

Das Geschätzmaterial des französischen Belagerungs-Trains, sowie einzelne kurze 
Angaben Ober das praktische Schiefsvcrfahren. — A. A. 1. Marz, April. 

Noch einmal die kleinen Ladungen der Feldartillerie. — A. A. 1. Marx. 

Über das Schätzen naher Entfernungen ton Seiten der Feldartülerio. — A. A. 1. 
April. 

Ober das Korrekturverfahren beim Schiefsen der Feldartillerie mit Sbrapnels. — 

A. A. 1. Mai, Juni. 
Ober die Hülfsziele bei der Feldartillerie. - A. A. I. Mai, Jwm. 
Die pneumatische Dynamitkanone. — 0. W. V. XXX VI, 4. 
Betrachtungen aber die Wirkungslosigkeit des neuen Armeegewehres. — O. W. V. 

XXXVI, 4. 

Zur Munitionsfrage der Infanterie. — 0. M. Z. 42. 

Das italienische FeldartiUerie-Material. - O. A. G. IB. 

Mitrailleusen und schnellfeuernde Kanonen. — 0. A. G. IV, V. 

Übereicht der Versuche auf dem Gebiete des Artillerie- und Waffenwesens im 
Jahre 1887. - 0. A. G. V. 

Die Michaud'sche Brille zum Entfernungsmessen. — F. C. M. 18. 

Die Versuche mit Panzertürmen im Lager bei Chalons. — F. P. M. 783. 

Über die inneren Spannungen beim Giefsen. — F. R. A. März, Aprä. 

Die mechanische Theorie der Lemoine'schen Hemmvorrichtung bei den Feld- 
lafetten. - R. A. MaL 

Das Belagerungsmaterial der spanischen Artillerie. — F. R. A. Mai. 

Der umgeänderte Chronograph Le Boulenge\ — F. R. A. Mm. 

Gewehrkugeln mit Mantel und ihre Wirkungen auf den menschliehen Organismus. 
- R. 1. 96. 

Die heutigen Schnellfeuergeschütze. — R. A. J. Ftbr., März. 
Über die Möglichkeit der Beschleunigung des Feuers aus Feldgeschützen M/77. — 
Ä A. J. ApriL 

Durch Draht TerstÄrkte Geschütze. - R. M. S. April, Mm. 

Die Wahrscheinlichkeit des Treffens beim Scheibenschießen. — R. M. S. Mai. 

Die Repetiergewehre. — /. A. G. Febr. 

Der indirekte Schufs bei der Feldartillerie. — /. A. G. März. 

Die pneumatische Dynamitkanone Zalinsky. — I. R. M. März. 

Schnellfeuernde Feldgeschütze. - E. U. S. 143. 

Die pneumatische Dynamit-Kanone. — E. U. S. 143. 

Das neue Krnka-Magazingewehr. — E. N. M. April. 

Das Lebel-Gewehr. — Seh. R. M. V. 

Vergleich der neueu kleinkalibrigen Gewehre. — B. M. 897. 



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milit. Zeitschriften de« In- and Auslände» enthaltenen Aufsitze. H5 



Die Repetiergewehre. — B. M. 899. 

Über Repetiergewehre. — Sp. M. X. 

Die pneumatischen Kanonen. — Sp. M. 1. IX. 

Analytische Ballistik. — P. R S. 28—30. 

Die Krupp'sche and de Bange'sche Artillerie. - P. R S. 28-30. 



VI. Militär-Verkehrswesen 

(Eisenbahnen, Telegraphen, Telephon, Brieftauben u. s. w.). 

•L'aerostation et les eolombiers militaires par Alb. Keucker, capitaine 
adjoint d'ftat-major. - 8» - 188 p. — Bruxelles, Th. Falk. - 

Conference aar la velocipedie militaire, par M. le lieutenant colonel Denis. 
— 8« — 37 p. — Bordeaux, Libr. nourelle. — 0,60 fr. 

Über Fesselballons. — M. W. 3t. 

Trockene Parks für Kriegsballons. — 0. A. B. 14. 

Die Militär-Tauben in Italien. — F. C. M. 21. 

Die militärischen Luftschiffer in Tonkin. - F. A. AI. 1257. 

Errichtung einer Telephonlinie mit dem Material eines Pontonier-Rataillons zur 

Verbindung zweier Flufeufer. — R 1. J. Märt. 
Über Militartauben. — /. R. Med. 
Die Radfahrer bei der Armee. - AH. M. S. V. 
Die Militär-Luftschiffahrt. - Sp. M. 1. Vl-X. 
Zur Militär-Telegraphio. — Sp. M. I. X, XI, XU. 
Optische und akustische Telegraphie. — P. R M. X. 



VII. Militär- Verwaltungswegen 

(auch Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung). 

•Praktische Winke für das Verpassen, die Handhabung und die Ab- 
nahme neu gefertigter Stücke der Infanterie-Ausrüstung M/87. 

— Von Krause, Hauptmann u. Compagnie-Chcf im Schleswig-Holsteinischen 
Füsilier-Regiment Nr. 86. - kl. 8« - 18 S. - Berlin, E. S. Mittler & Sohn 

- 0,80 M. 

Zur Frage der Entlastung des KaTalleriepferdes. — AI. W. 26, 36. 
Di« Rationen der Militarpferde. - AI. W. 33. 

Zur Bewaffnung der Fufsmannschafton der Feldartillerie. - M. W. 36. 

Gedanken eines Offiziers über die Verwendbarkeit des Eilrades in der Armee mit 
Rücksicht auf die neuesten Erfindungen. — AI. W. 49. 

Neuerungen in der Feldausrüstung der k. k. Genie-Truppe und ihrer Reserve- 
Anstalten. — 0. A. G. 111. 

Die Nachschübe zu den Armeen. F. J. S. März. 

Ausrüstungserleichterungen bei der Kavallerie. — F. R. C. Alai. 

8* 



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1 16 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 



Eine neue Bepackungsweise der Artilleriepferde. — F. R, A. April. 
Der Feldzug von 1806 — 1807 vom Standpunkt des Verpflegungsdienstes. — 
F. R. I. Marz, April. 



VIII. Militär-Gesundheitspflege 

(auch Pferdekunde). 

•Rechenschaftsbericht des bayerischen Landeshilfsvereines fiber 
seine Thätigkeit in den Jahren 1885 bis mit 1887. - 8« - 42 S. - München, 

Über Koük. - M. W. Bkft. IV/ V. 

Über Lahmheiten der Gelenke und Sehnen (bei Pferden). ~ M. W. Bhfi. IVjV. 
Ober Behandlung und Beschlag gesunder, fehlerhafter und kranker Hufe. — 

N. M. B. Aprü, Mai. 
Über Kolik. — N. M. B. Juni. 

Marschfähigkeit und Marschkrankheiten. — I. R. A. Aftrü. 
Der Ladendruck und seine Bedeutung im Frieden und Kriege. — J. A. M. Mai. 
Das sofortige Absatteln nach langem Marsche. — F. C. M. 22. 
Die Behandlung des Artilleriepferdes. — F. R. A. Aprü, Mai. 
Die Militär-Gesundheitipflege in Frankreich und Deutachland. - 8 P . R. C. VI, 
7, 8. 

Die Krankenträger bei der schwedischen Armee im Felde. — Schw. K. H. VII, VIII. 



IX. Militär-Rechtspflege 

(auch Völkerrecht im Kriege). 

Nouveau code du duel, legislation, droit contemporain par le comte 
Du Verger de Saint Thomas, officier supeneur de caralerie, ancien 
depute\ - 8« - 483 p. - Paris, Dentu. - 6 fr. 

Uber Jas Militär-Strafverfahren. — J. A. M. Aprü. 

Zur Reform des österreichisch-ungarischen Militär-Strafprozesses. — O. S. M. IV, V 
Über Bestrafung der Ehrenzweikämpfe. - 0. M. Z. 38. 

Das internationale Recht mit Bezug auf die Eisenbahnen in Kriegszeiten. — 
R. I. 70. 

Über das Verbrechen des Verrats. — LR. Mai 



X. Militärisch* Aufnahmen, Terrainlehre, Geographie, Karten- 
wesen und Statistik. 

•Der nordostfranzösische Kriegsschauplatz. — Eine militär-geographische 
Skizze Ton E. Kalle e, Hauptmann und Compagniechef im Infanterie- 
Regiment König Wilhelm (6. Württ.) Nr. 124. - 8» - 61 S. - Berlin, 
E. S. MitÜer & Sohn. - 1,40 M. 



milit. Zeitschriften des In- nnd Auslandes enthaltenen Aufsätze. \\J 

Garnison-Übungskarten. — M. W. 34. 

Im Lande des Zukunftskrieges. — M. Z. R. 22—24, 26. 

Mitteilungen über neuere Arbeiten im Gebiete der Photographie und der graphischen 

Künste. — O. W. V. XXX VI, 6. 
Beiträge zu einer Militär-Statistik Russlands ron 1869-1884. - Ä W. S. 

März, April. 

Schleuniges Aufnehmen im Felde. — E. N. AI. Mai, Juni. 



XI. Kriegsgeschichte 

(auch Regimentsgeschichten, Lebensbeschreibungen und Memoiren) 

•Geschichte des brandenburgischen Pionier-Bataillons Nr. 3. — Auf 
dienstliche Veranlassung zusammengestellt von Wollmann, Hauptmann 
a la suite der II. Ingenieur-Inspektion, Lehrer an der Kriegsschule Metz. 
Mit 1 Formation»- und 1 Uniformentafel-Tafel und 5 Plänen. - 8» — 279 S. 
Minden, J. C. C. Bruns. — 7, 60 M. 

•Kurze Darstellung der Geschichte des brandenburgischen Pionier- 
Bataillons Nr. 8. 1742-1887. — Auf dienstliche Veranlassung zusammen- 
gestellt von Wollmann, Hauptmann u. s. w. — kl. 8* - 75 S. — Minden, 
J. C. C. Bruns. 

•Die Schlacht bei Kesselsdorf am 15. Dezember 1745. — Vortrag gehalten 
in der militärischen Gesellschaft zu «Berlin am 14. Dezember 1887 von 
W. v. Bremen, Hauptmann ä la suite des Colbergschcn Grenadier-Regiments 
und im Nebenetat des grofsen Gencralstabes. — Mit einem Plane und zwei 
Skizzen. - 8» - 42 S. - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. - 1,50 M. 

•Geschichte des 8. pommerschen Infanterie-Regiments Nr. 61. — Be- 
arbeitet Ton Paul Henning, Hauptmann und Compagniechef im 8. pom- 
merschen Infanterie-Regiment Nr. 61. — Mit 10 Abbildungen und 5 Karten 
und Pläneu. — 8» — 333 S. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 8,50 M. 

•Geschichte des magdeburgischen Pionier-Bataillons Nr. 4, 1813 bis 
1817. — Von Volk mann, Hauptmann und Compagniechef im roagde- 
burgischen Pionier - Bataillon Nr. 4. — Mit einem Titelbild nnd zwei 
Übersichtskarten. — 8» - 166 S. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 
3,76 M. 

♦Die Schlachten von Beanmont und Scdan von Carl Tancra, Haupt- 
mann z. D. — Mit einer Karte. - 8° - 236 S. - Nördlingen, C. H. Beck. 
— 2 M. 

Erlebnisse eines deutschen Feldpaters während des deutsch-franzö- 
sischen Krieges 1870/71 von Leop. Kist. - 8° - 407 S. - Innsbruck, 
Vereinsbuchhandlung. — 2,60 M. 

•Kriegsgeschichtliche Einzelschriften. — Herausgegeben vom grofsen 
Generalstabe, Abteilung für Kriegsgeschichte. — Heft 9: Anteil der 
Churpfalzbaycrischen Kavallerie an den Feldzügen 1790—1796. 
(Mit 8 Karten.) — Die Stärke Verhältnisse im de ntsch-franzüni sehen 
Kriege 1870/71. bis zum Sturze des Kaiserreichs Mit 3 Skizzen. 
8« _ 416 8. - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. - 2,50 M 

•Schlachten-Atlas des neunzehnten Jahrhunderts. Zeitraum: 1820 bis 
zur Gegenwart 16. und 17. Lieferung. — Deutsch-dänischer Krieg 



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118 Verzeichnis der neu erschienenen ß&cher and der gröberen Au&ätze. 

1864. — Nr. 5. Das Gefecht bei Fredericia am 8. März. Plan mit 
zwei Skizzen nebst Text. — Nr. 6. Das Gefecht bei Veile am 
8. Min. Plan mit Skizze nebst Text — Feldzng 1859 in Italien. — 
Nr. 1. Compendiöse Darstellung des Verlaufs des Feldzugs. 
Zwei Überrichlskarten mit Text — Nr. 3. Das Treffen bei Palest ro 
am 31. Mai. Plan mit Skizze nebet Text — Nr. 6. Das Gefecht bei 
Melegnago am 8. Juni. Plan mit zwei Skizzen nebst Text. — 4* — 
Iglau, P. Bäuerle. — Jede Lieferung 2,65 M. 

Les grands glnlraux de Louis XIV. Notice« historiques par L. Dussieux. 
8* — 480 p. — Pari», Lecoffre. 

Histoire inilitaire de la France de 1643 a 1871. par Emile Second, 
lieutenant au 28. de ligne. — 82« — 8t 391 p. — Paria, Charles -La 
vaazelle. 

♦Prelis des campagnes de Turenne 1644—1675. Avec 7 croquis dans le 
texte. 8« - 375 p. - II toI. de la Bibliotheque internationale d'histoire 
militaire.) — Bruxelles C. Muquardt. — 

1814, par Henry Houssaye. — 8« — 644 p. et carte. Paris, Perrin. 

Une colonne dans le Soudan francais par Gallieni, lieut-colon. d'infant. 
de marine. — 8» — 68 p. — Paris, Baudoin. 

Die Belagerung von St Sebastian im Jahre 1813. — A. M. Z. 35, 38, 40-42. 

Der 1. Abschnitt des Rheinfeldzuges 1793. — D. H. Z. 36—42. 

Das Gefecht von Montebello am 20". Mai 1859. — D. H. Z. 38, 39. 

Das Gefecht von Palestro am 80. und 31. Mai 1859. — D. H. Z. 40. 

Die Schlacht von Magenta. — D. H. Z. 41, 45. 

Das Gefecht von Melegnago am 8. Jnni 1859. — D. H. Z. 45. 

Die französische Armee im Jahre 1818. Ein Beitrag zur Geschichte der Be- 
freiungskriege. — J. A. M. Aprü, Mai, Juni. 

Die zweite Schlacht bei Plewna am 18. Juli 1877. — J. A. M. Aprü. 

Lebwaldt und Apraxin 1757 in Ostpreassen. — J. A. M. Mai, Juni. 

Ein französisches Urteil über Österreichs Siege in Italien 1848 und 1866. - O. 
W. V. XXX VI, 4. 

Eine Erinnerung aus den dcnkwDrdigen Tagen von Aspern 1809. — 0. A. B, 19. 

Die französischen Expeditionen nach Tonkin. — F. S. M. 183—189. 

Die Schlacht bei Dreux. — F. 8. M. 184. 

Geschichte des 148. Regional-Regiments. — F. J. S. Märt. 

Erinnerungen an den Feldzug in Tonkin. — F. J. S. Aprü. 

Die drei Colberts. — F. R. C. März, Aprü. 

Die Belagerung von Bougia im Jahre 1871. — F. C. M. 12. 

Die militärischen Schriften des Generallieutenant Marquis de Vibraye. — F. C. M. 
13, 15. 

Feldzöge in Indien. — R. W. S. März, Aprü, Mai. 

Das Eriwandetachement im Kriege 1877/78. — H. W. & Aprü. 

Skizze der Unternehmung gegen Achal-Teke 1879/80. — R. W. S. Mai. 

Zur Geschichte des 7. Sappeurbataillona. — R J. J. Aprü. 

Die militärischen Ereignisse und Operationen in Nordost- Afrika (Juli 1887 bis 

März 1888.) — LR Aprü. 
Prinz Friedrich Carl von Preufsen. — LR Mai. 
Die Eroberung des Pendschab«. - E. N. M. Aprü, Mai, Jwü. 



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tnilit. Zeitschriften de« In- und Auslandes enthaltenen Aufsitze. H9 



XII. Marine -Angelegenheiten. 

Lea torpilles, par le lieutenant-colond Hennebert. — 8' — 388 p. et 82 vign. 
— Paria, Hachette. 

•La pnissanee maritime de l'Angleterre. Par P. C. offlcier de l'armee 
francaise. — Avec 18 carte«. — 8« _ 156 p . — Paris, Berger- Levrault 
& Cp. 

Die neue nordamerikanische Kriegsmarine. — A. M. Z. 45. 

Beitrage zur Berechnung der Deviation der Schiffskoropat.se, mit Untersuchungen 

Ober die ältesten Flinderschen Deviationsbeobachtungen. - A. H. AI. III. 
Der EinfluXs der Sonne und des Monde« auf den Erdmagnetismus, den Luftdruck 

und die Luftelektricitat. - A. H. M. V. 
Die maritimen Kampfmittel der Gegenwart. — 0. W. V. XXXVI, 3. 
Die französische Marine. — 0. M. Z. 26. 

Über Biokaden, deren Bedeutung und Durchfuhrung. — O. Af. S. III, 1 V. 
Episoden aus der Seekriegsgeschichte. 0. M. S. III, IV. 
Zur Geschichte des Seerettungsweaens. — 0. M. 8. III VI. 
Der Kompafs mit Universalkompensation für Torpedoboote. — 0. M. S V. VI. 
Die allmähliche Entwicklung der Torpedoboote. — F. C. M. 25 
Historische Studien Aber die Kriegsmarine Frankreichs. — F. R. AI. April, Mai. 
Die Zusammenstöfse auf dem Meere. — F R. M. Mai, Jvm. 
Die Grundzüge des internationalen Seerechts. — F. R. AI. Juni. 
Neueste Formeln zur Berechnung des Wellenwiderstandes gegen Zwillingsschrauben- 
schiffe. — R. AI. 8. ApriL — 
Die Theorie der Kontrol- Kompasse. — R. AI. S. ApriL, Aiai. 
Über den Torpedokrieg. — R. AI. S. Mal — 
Proben mit zwei- und vierflugeligen Schrauben. - R. M. S. Mai. 
Die italienischen Seelente bei den Arabern und Türken. - /. R. M. April. 
Die elektrische Beleuchtung unter Waaser. — I. R. M. April. 
Die italienischen Marine-Ausgaben. — I. R. M. April. 
Schnelligkeit als ein Faktor in der Seekriegffihrung. — E. U. S. 143. 
Über Torpedos. — E. B. A. 1035. 

Englands Verteidigungskräfte zur See. - E. B. A. 1038. 



XIII. Verschiedenes. 

•Neue militärische Briefe von Oberstlieutenant Steinmann. — 8 4 — 19 8. 
— Hannover, Helwing. - 0,60 M. 

•Die Schäden unserer reitenden Artillerie und deren Beseitigung, 
insbesondere im Hinblick auf ihre Verwendung bei den selbststandigen 
Kavallerie-Divisionen — 8* — 31 S. — Hannover, Helwing. — IM. 

•Neue Bismarck-Anekdoten. — Interessante Aufzeichnungen aus dem Leben 
unseres Reichs V anzlers. Gesammelt und bearbeitet von A. S. Schmidt. — 
Mit 8 Illustrationen (Vollbilder). - 8<> _ 120 S. - Leipzig, Zangenberg k 
Himly. - 1,60 U. 



120 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröberen, in den 

•Zur Erinnerung an den zweihundertjährigen Todestag des Grofsen 
Kurfürsten von Dr. Leonhard Rogge, Hofprediger und Garnisonpfarrer 
in Potsdam. - 8* — 121 8. - Berlin, Brachvogel k Ranft. - 

♦Der Grofse Kurfürst in der Dichtung von Eduard Belling. — 8* — 
Berlin, Brachvogel & Ranft. — 4M. 

•Serbien und die Serben von Spiridion Gopöevid. Erster Band: Das 
Land. Mit 12 Tafeln, 2 Doppelbildern, 35 Holzschnitten im Text und 
einer Karte. — 4* — 492 S. - Leipzig, B. Elischcr. — 

•Geschichte Deutschlands von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart 
erzfhlt von H. Buchholz. — Hierzu 54 Bildnisse der Deutschen Kaiser 
von Karl dem Grofsen bis Friedrich III. — 8* — 82 S. — Berlin, Frdr. 
Pfeilstücker. - 0,40 M. — Tafel mit Bildnissen 8 M. 

* Engers. Zur Feier des 25jährigen Bestehens der Königlichen Kriegsschule. — 

Mit einer Ansicht und einer Übersichtskarte in Steindruck. — 8* - 1058. 

— Berlin, E. S. MitÜer k Sohn. - 1,80 M. 

•Lehrbuch der russischen Sprache für den Selbstunterricht nebst Gespräch- 
sammlung und einem kurzgefafsten russisch-deutschen und deutsch-russischen 
Wörterbuche von Raimund v. Bacxjnski, K. K. Oberlieutenant. — Als 
Manuskript gedruckt. - 8« - 192 S. — (Drei Bogen des Wörterbuchs 
sind noch nicht erschienen.) - Lemberg, Selbstverlag des Verfassers. - 
8 M. 

• A. Ladebeck's Schwimmschule. — Lehrbuch der Schwimmkunst für Anfänger 

und Geübte. — Ausführliche Anleitung zum Selbsterlerneu desselben. — 
Mit 131 Abbildungen in Holzschnitt. - Vierte Auflage. — 8° — 78 S. 

- Leipzig, H. Brückner. — 2 M. 

•Trauer-Ode auf den Tod des Deutschen Kaisers Wilhelm I. von 
Nedschib Sali um aus Haina in Syrien, im transscribierten Urtext heraus- 
gegeben. Aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen und mit einem 
Vorwort begleitet von Dr. C. Lang, Rektor der Deutschen und Schweizer 
Schule in Konstantinopel. — 8» — 16 S. — Berlin, G. Schenck. 

•Der Offizier als Erzieher des Volkes. - 8» - 35 S. - Berlin, E. S.Mittler 
k Sohn. - 0,60 M. 

Militärische und sociale Zukunftsträume eines pensionierten Offi- 
ziers. — 8* — Hannover, Hahn. — 

•Die Legende von Metz von Graf M. J. v. H^risson. Autorisierte Über- 
setzung von 0. Th. Alexander mit einem einleitenden Original-Brief des 
Verfassers. — 8° — 304 S. - Berlin, C. Ulrich k Co. — 3 M. 

Das zweite Waterloo des 19. Jahrhunderts. Beilage: 1 Skizze. — 8* — 
89 S. — Hannover, Helwing. — 0,80 M. 

•Roine et Berlin. Operations sur les cotes de la Mäditerrauee et de la Baltique 
au printemps de 1888 par Charles Roppe, ancien officier de marine. 
Avec cartes, planes et croquis. - 8« — 289 p. — Paris, Berger-Levrault 
& Cp. — 5 fr. 

•La Legende de Metz par le comte D'Hörrison. — Ncuv. Edit — 8 # — 

316 p. - Paris, P. Ollendorf. — 
Saint Cyr. Neuf annees de commandement: 1871 — 1880 par le general 

L. Hanrion. — 8» — 347 p. — Paris, Baudoin. — 6 fr. 
la, bataille de Damvillers. Recit antieipe de la prochaine campagne, par on 

cavalier du 85. dragons. — 8° — 362 p. — Paris, Ch. Delagrave. - 



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milit Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 121 



Le penple allemand, ses forces et ses ressources, par Charles Grad, 
dehnte" de l'Alsaee an Reichstag. — 16* — 440 p. — Paria, Hachette. — 

Üher Vortrage in den Offiziercorps. — M. W. 24. 

Zur Verwendung des Magnesiumlichtes in der Armee. — M. W. 26. 

Eine Osterfeier ror vierzig Jahren. — M. W. 32. 

Russische Äofserungen über die russische Kavallerie. — M. W. 53. 

Feldartilleristisches von allgemeinem Interesse. — X. M. B. April 

Die gesellschaftlich-sittliche Seite unseres Militärwesens. — A. M. Z. 27, 28. 

Belgien und der nächste deutsch-französische Krieg. — A. M. Z. 29. 

Unsere Militärmärsche. — A. M. Z. 40. 

Die Mannszucht im französischen Heer. — D. H. Z. 25 u. 26. 
Kürassiere oder Panzerreiter. — I). H. Z. 32, 33, 34. 
Die Fu/s -Artillerie im Kriegsfall. — D. H. Z. 35. 
Die Transkaspische Eisenbahn. — D. H. Z. 41, 42. 
TscherkessenreitereL — M. Z. R. 16. 

Der Offizier des Beurlaubtenstandes in seinen Beziehungen zum gesellschaftlichen 

und staatlichen Leben. — M. Z. R. 26. 
Zn dem Thema „Der Tierschutz im Kriege". — 1. R. A. April. 
Die Eisenbahn-Brücke über den Amu-Darja. — /. R. A. Mai. 
Tiryns, Mykenai und Troja, die ältesten Denkmäler der Festungs-Baukunst aus 

dem Heroen-Zeitalter. — A. A. 1. April. 
Über Cürassiere. — J. A. M. Juni. 
Pflege des Armeegeistes. — 0. S. M. IV, V. 

Frontdienst und Front-Offizier im Lichte des Idealismus. — 0. S. M. IV, V. 

Die heutige militärische Situation Englands. - 0. S. M. IV, V. 

Wissen und Können im Kriege. — 0. W. V. XXXVI, 3. 

Der Ehrenzweikampf. — 0. M. Z. 27. 

Zum Eisenbahnbau in Ungarn. — 0. M. Z. 32. 

Die Kaiserin Maria Theresia im Lager ihrer Armee bei Heidelberg 1745. — 

0. M. Z. 34. 
Die Marschälle Frankreichs. — F. S. M. 184. 
Die moralische Erziehung des Soldaten. — F. J. S. März. 
Über den militärischen Geist in Frankreich. — F. J. S. April. 
Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit — F. R. C. März. 
Die Militär-Etablissements und die Industrie in Russland. - F. 0. M. 13, 15. 
Der Kriegsminister und der Oberbefehl über die Armee. — F. P. M. 774. 
Die Militär-Bahn von Chartres nach Orleans. — F. P. M. 785. 
Die Stellung des Offiziers im Auslande. — F. A. M. 1253. 
Das Heiraten der Offiziere. — F. A. M. 1273. 

Einige Angaben über die militärischen Verhältnisse in Frankreich von 1780—1830. 

— F. R. I. Marz, ApriL 
Historische Aktenstücke über die Militärverwaltung Frankreichs. — F. R. I. 

März, Afiril. 

Über die Leistungsfähigkeit der Kavallerie im Gefechte. — R. 1. 96. 

Die Vorteile einer einfachen Benennung der verschiedenen Formationen gleichmäfsig 

für alle Waffen, belegt durch ein Vorkommnis in der Schlacht bei Tel-el- 

Kebir. — E. U. S. 143. 

Die Armee-Pferde im Jahre 1887. — E. A. N. 1479. 

. .* • 

8 



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122 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher and der gröberen Aufsitze. 
Die Kriegsrerlaste. — A. A. N. 1289. 

Reformen im Schiefswesen aufser Dienst. — Sek. A. G. ApnL 
Über militärische Eigenschaften. — Sp. M. X. 

Die Befestigung der Hafen Englands und ihrer Besitzungen. — Sp. M. I. IX. 
PoUtUch- militärische Angaben Ober die rerschiedenen Staaten Europas. - 

P. R. S. 28—30. 
Die internationalen Flüsse während des Krieges. — P. R. S. 28—30. 
Die norwegische Armee in den früheren Jahrhunderten. — N. M. T. III. 



Druck roo k. Ht.ek la Berlin, HW, Do r Olk, 



vni. 



Die französische Armee im Jahre 1813. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Befreiungskriege. 



(Fortsetiimg.) 

6. 

Der Waffenstillstand. 

Die Kräftigung und Verstärkung der Grundlagen seiner Macht 
waren für Napoleon die ausschlaggebenden, Beweggründe zum 
Abschlufe des Waffenstillstandes gewesen, uud dementsprechend 
waren auch alle seine Anordnungen während desselben auf dieses 
eine Hauptziel gerichtet. 

Da die Waffenstillstands-Bedingungen die Räumung von Mittel- 
Schlesien und das Zurücknehmen der grofsen Armee über die Katz- 
bach geboten, so sollte die Masse derselben für die Dauer der 
Waffenruhe in Nieder-Schlesien und der Lausitz untergebracht 
werden, während die abgezweigten Corps im Wesentlichen in den 
Gegenden zu verbleiben hatten, in denen sie sich im Augenblick 
des Abschlusses der Waffenruhe befanden. Uni die Zeit der Ruhe 
der Ausbildung der Truppen und der Befestigung ihrer Disziplin 
möglichst gründlich widmen zu können, wurde angeordnet, dafs im 
allgemeinen nur die Kavallerie und Artillerie Ortechaftsquartiere, 
die Infanterie aber Baracken- Lager beziehen sollte. 

Die Errichtung dieser Baracken- Lager war den Truppen selbst 
überlassen und da dieselben außerdem täglich 6 bis 7 Stunden 
exerzieren mufsten, so war für ihre Beschäftigung reichlich gesorgt. 
Bei einer auskömmlichen Ernährung der Soldaten würde dies auch 
eine durchaus zweckmäßige Mafsregel gewesen sein, hatte doch so 
schon der plötzliche Übergang von den grofsen Anstrengungen zu 



124 



Die französische Arme« im Jahre 1813. 



einer zeitweisen Unthätigkeit, welche die Ermattung der Trappen 
gefordert, eine heftige Dysseuterie unter denselben hervorgerufen; 
wie nnn aber einmal die Verhältnisse lagen, waren diese unaus- 
gewachsenen und hnngernden Soldaten aufser Stande, diese neuen 
Anstrengungen zu ertragen, und auch die Epidemie forderte um so 
mehr Opfer, je weniger widerstandsfähig die jungen Ausgehobenen 
waren, so dafs es in kurzer Zeit Tausende von Kranken gab. Zur 
Erklärung mufs gesagt werden, dafs seit Abschlufs des Waffen- 
stillstandes die vorher schon unregelmäßig gelieferte Brotportion, 
welche im Jahre 1810 von 28 auf 24 Unzen herabgesetzt worden, 
fast regelmäfsig ausgeblieben oder höchstens in Form von Kleiebrot 
ohne jeglichen Nährwert geliefert worden war. 

Am schlimmsten sah es bei dem Ney'schen Corps aus, welches 
Anfangs Juni kaum 24,000 Mann unter den Waffen zählte, während 
es fast 26,000 Mann in den Lazaretten zu liegen hatte. Bei den 
übrigen Corps, welche nicht so viele Verwundete hatten, betrug 
der Krankenbestand immerhin doch 33 Prozent im Durchschnitt. 
Gegen Ende des Waffenstillstandes, zu einer Zeit also, wo die Armee 
allerdings sehr viel stärker war, dafür aber auch bereits viele Leute 
wieder die Lazarette verlassen hatten, erreichte der gesamte Kranken- 
bestand der Armee die kaum glaubliche Höhe von 90,000 Mann.*) 

Ein höchst bedenkliches Zeichen für den die Armee gegen 
Ende des Frühjahrsfeldzuges beherrschenden Geist war es, dafs sich 
unter den in den Lazaretten befindlichen Kranken und Verwundeten 
nicht allein zahlreiche nur sehr leicht erkrankte oder verwundete 
Soldaten befanden, sondern auch viele Simulanten und Selbst- 
verstümraler. Aufmerksam geworden durch die grofse Zahl von 
Verwundungen am Unterarm und an der Hand, in Dresden allein 
lagen 2128 derartige Verwundete, lenkte Marmont Napoleons Augen- 
merk auf diesen Punkt. Letzterer ordnete sofort die strengsten 
Nachforschungen an und erliefe unter dem 11. Juni eine äufserst 
strenge Verfügung, welche für die Folge die Todesstrafe auf Selbst- 
verstümmlung setzte. Das Ergebnis der bezüglichen Untersuchungen 
war, dafs von den derartigen Verwundeten ungefähr der vierte 
Teil**) aus Selbstverstümmlern bestand, welche sich dem Militärdienst 
hatten entziehen wollen, der Rest bestand meist aus jungen Soldaten, 

*) in. Corps 22,141 Mann, IV. Corps 5600 Mann, V. Corps 8864 Mann, 
VI. Corps 9433 Mann, XIL Corps 5700 Mann, XIII. Corps 5800 Mann. Von 
den übrigen Corps konnten die bezüglichen Zahlen nicht ermittelt werden. 

••) Beim Marraont'schen Corps, von dem wir allein die genauen bezüglichen 
Zahlen kennen, 109 von 405. 



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Die französiache Armee im Jahre 1813. 



125 



bei denen die bezüglichen Verletzungen zum überwiegenden Teile 
durch die Ungeschicklichkeit im Gebrauch der Waffen verursacht 
waren. 

Die Überfüllung der Lazarette bereits während des Waffen- 
stillstandes war für die franzosische Armee ein um so grösseres 
Unglück, in je trostloserem Zustande dieselben sich von Anfang an 
befanden. Nervenfieber und alle möglichen Lazarettkrankheiten 
herrschten und forderten zahlreiche Opfer, so dafs nur ein ver- 
hältnismäfsig geringer Prozentsatz geheilt diese Pesthöhlen verliefe. 
Hierzu kam, dafe die Lazarette bei so massenhaften Erkrankungen 
nicht ausreichten, so dafe z. B. in Dresden alle Häuser mit Kranken 
überfüllt waren, trotzdem man dieselben nach Möglichkeit zu Schiff 
von dort fortzubringen versuchte, viele Verwundete auch nach 
Frankreich schaffte. 

Einen Gutteil der Schuld an diesen Verhältnissen trug die 
erbärmliche Organisation der Verwaltung und des Sanitätsdienstes, 
in Folge deren die Soldaten hungerten und die Kranken am Not- 
wendigsten Mangel litten. Marmont bezeuget, dafe wenn in Dresden 
die unumgänglichsten Vorräte für die Truppen angesammelt worden 
wären, die französische Armee um 50,000 Mann stärker gewesen 
sein würde. Ehr stellte dies dann auch dem Kaiser mit dem Be- 
merken vor, dafe ganz abgesehen von der Wichtigkeit der Erhaltung 
so vieler Menschen die Auslagen für solch eine Zahl alter Soldaten 
um die Hälfte kleiner seien als die durch die Aushebung, Ausrüstung 
und Marschverpflegung von 50,000 Ausgehobenen verursachten 
Kosten, und dafe mithin eine Auslage von 25 Millionen Franken 
für die Verbesserung des Unterhaltes der Truppen und der Hospitäler 
eine Ersparnis von 50,000 Mann und 25 Millionen Franken be- 
wirken würde. Napoleon pflichtete dem Marschall zwar bei, fügte 
aber hinzu, dafe wenn er wirklich das Geld geben wollte, dasselbe 
gestohlen und doch alles beim Alten bleiben würde. Gewissenhafte 
Beamte galten nach zeitgenössischen Angaben in der frauzösischen 
Armee für Dummköpfe. 

Übrigens schien Dresden, wo sich das kaiserliche Hauptquartier 
befand, in eine französische Stadt verwandelt zu sein. Die säch- 
sische Hauptstadt war — ganz abgesehen von den Kranken und 
Verwundeten — nicht nur überfüllt von französischen Offizieren, 
Soldaten, Beamten und was sich sonst noch im Gefolge einer Armee 
befindet, sondern es war auch alles mögliche gewinnsüchtige und 
abenteuernde Gesindel beiderlei Geschlechts, Dirnen und Gassen- 
jungen, der Auswurf der Pariser Bevölkerung der Armee dorthin 

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Die franrösische Armee im Jahre 1813. 



gefolgt. Für die bevorzugten Truppen der Kaisergarde, welche hier 
und in der nächsten Umgebung lagen, drohte die Stadt ein Capua 
zu werden; die Soldaten derselben waren zum gröfeten Teile mit 
allen nötigen Hülfsmitteln versehen, und ihre Sitten losigkeit war 
schrankenlos. 

Im scharfen Gegensatz mit diesem Treiben stand das Leben 
in den Barackenlagern, in welchen die Masse der Infanterie unter- 
gebracht war. Ununterbrochen angestrengt beschäftigt und dabei 
kaum notdürftig ernährt, litten die Truppen unter letzterem 
Umstände nmsomehr. als weder Offiziere noch Soldaten Geld hatten, 
indem der Sold seit Monaten ausgeblieben war, so dafs sie nicht 
einmal in der Lage waren, den notigen Lebensunterhalt kaufen zu 
können. Endlich wurde der Armee unter dem 27. Juni angekündigt, 
dafs alle noch vorhandenen Rückstände bis zum 31. März, deren 
Auszahlung Napoleon schon von Mainz ans in Aussicht gestellt 
hatte, beglichen werden sollten. Der Sold für Mai wurde nur für 
die Offiziere angewiesen, dabei aber für diejenigen, welche mehr 
als 1800 Francs Gehalt im Jahr bezogen, in Anweisungen auf die 
Tresorkasse in Paris. Die guten Tage dauerten also nicht lange, 
und mit dem sich bald wieder einstellenden Hunger und Elend 
erschien auch ein bei französischen Truppen sonst seiteuer Gast, 
eine tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich ihrer bemächtigte. 

Einem so scharfen Auge wie dem des Kaisers konnte dies 
natürlich nicht verborgen bleiben, und es konnte nicht anders sein, 
als dafs der Eindruck auf ihn ein äufserst lebhafter war. Um ab- 
zuhelfen, befahl er, dafs in allen Lagern etwas für die Zerstreuung 
der Soldaten geschehen sollte; soldatische Spiele sollten getrieben, 
vor Allem aber nach der Scheibe geschossen und dabei steigende 
Preise für die besten Schützen innerhalb der Compagnien, Bataillone, 
Divisionen und Corps verteilt werden. Der hiermit verbundene 
Zweck war ein doppelter, einmal sollte die Ausbildung gefördert, 
dann aber auch Interesse und Frohsinn hei den Soldaten geweckt 
werden. Letzterem Zweck diente es auch, dafs die Feier des 
Napoleonsfestes, dessen eigentlicher Termin — der 15. August — 
dem Wiederbeginn der Feindseligkeiten zu nahe lag, vorgerückt 
wurde, indem die Vorbereitungen zu dem Feste ebenfalls zur Er- 
heiterung der Truppen beitragen sollten. 

Wie wenig sich die Corps- Befehlshaber von alle dem versprachen, 
geht ans einem vom 25. .Juli aus Liegnitz herrührenden Berichte 
Ney 's hervor, in welchem das Scheibenschiefsen zwar gebilligt wurde, 
weil es der Ausbildung forderlich sei, in Bezug auf die Spiele aber 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



127 



gesagt wurde, das beste Mittel, um die Stimmung der Soldaten zu 
heben, bestehe darin, dafs man ihnen den Sold unverkürzt zu- 
kommen lasse und sie auskömmlich ernähre; die an sich schon sehr 
knappe Portion werde nicht einmal vollständig geliefert, und dabei 
seien die Soldaten des III. Corps in einem Alter, in dem selbst die 
ganze Portion nicht genügen wurde; fortwährend bei dem Bau der 
Baracken oder auf den Übungsplätzen beschäftigt, müfsten sie eine 
gröfsere Brotportion erhalten. 

Ähnlich äufserte sich auch Marmont, der ebenfalls eine aus- 
kömmliche Nahrung für das geeigneste Mittel zur Hebung der 
Stimmung erklärte. Auch Victor klagte sehr, dafs seine Leute 
vielfach Hunger leiden müfsten, so dafs ihre Kräfte sichtlich ab- 
nähmen. Der ungemein hohe Krankenbestand der Armee war zum 
grofsen Teil durch die mangelhafte Ernährung der Soldaten ver- 
ursacht. 

Indessen alle Vorstellungen der Generale waren vergebens; es 
fehlte an Geld, und so blieb alles beim Alten. So müfsten sich 
denn die Truppen selber helfen, und trotz der Wohlhabenheit des 
Landes bedurfte es bei der feindlichen Stimmung der Bevölkerung 
der schärfsten Requisitionen. Das Raubsystem, welches sich während 
des Frühjahrsfeldzuges entwickelt hatte, dauerte fort, Wohnhäuser 
und Scheunen wurden ohne jeden Nutzen zerstört, sogar die in der 
Nähe der französischen Lager liegenden Kirchhöfe verwüstet und 
die aus den Gräbern gestohlenen Sachen öffentlich auf den Märkten 
verkauft. Unter solchen Umständen, wo der Offizier mit plündern 
mnfste, wenn er leben wollte, konnte die Disziplin sich kaum be- 
festigen, und dies sowie die Zerstörung des ländlichen Wohlstandes 
sollten in der Zukunft für die französische Armee geradezu ver- 
nichtende Folgen haben. — 

Stärke und Zusammensetzung der Armee erlitten während des 
Waffenstillstandes mannigfache Änderungen, teils durch das Ein- 
treffen von Ergänzungs-Mannschaften, teils durch die Aufstellung 
neuer Formationen sowie durch organische Veränderungen inner- 
halb der bestehenden Verbände. 

Die überstürzte Ausbildung der jungen Mannschaft, an welcher 
die Armee während des Frühjahrsfeldzuges so sehr gekrankt hatte, 
dauerte auch während des Waffenstillstandes fort. Die jungen, 
meist der Altersklasse von 1814 angehörenden Ausgehobenen, welche 
die Nachschübe für die Armee bildeten, hatten zum gröfsten Teil 
nicht einmal die 14tägige Dienstzeit in den Depots durchgemacht, 
auf welche der ursprünglich festgesetzte Monat herabgesetzt worden 



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Die franiönsche Anne« im Jahre 1813 



war. Sobald 100 Mann in einem Depot vereinigt waren, wurde 
aus ihnen eine M&rsch-Compagnie gebildet; die Marsch-Compagnien 
schlössen zu Marsch - Bataillonen, Regimentern und Truppen- 
Abteilaugen zusammen, welche aufgelost werden sollten, wenn sie 
die Armee erreicht, vielfach aber auch — namentlich in dem 
späteren Teile des Herbstfeldzuges — in dieser Formation verwandt 
wurden. Wie früher versuchte man auch jetzt wieder, dem Mangel 
in der Ausbildung dadurch abzuhelfen, dafs die begleitenden Offiziere 
und Unteroffiziere ihre jungen Soldaten während des ganzen Marsches 
zur Armee täglich noch zwei Stunden Oben lassen mufsten, aber 
dieser Notbehelf trug natürlich keine besseren Früchte wie damals. 
Ununterbrochen strömte so die französische Jugend von allen Teilen 
des Reiches nach Mainz zusammen, um dort den Rhein zu über- 
schreiten. Dabei sollten auch diese jungen Leute jetzt wieder 
ähnliche, wenn auch nicht ganz so schlimme Eindrücke empfangen, 
wie sie ihre Vorgänger vor wenigen Monaten erhalten hatten, denn 
unterwegs begegnete ihnen die groise Menge derer, welche die 
Armee abgeschoben hatte, und welche sich dem Rhein von der 
anderen Seite näherten. 

Diese jungen Soldaten bildeten nur einen schwachen Ersatz für 
die erlittenen Verluste, durch welchen die gelichteten Reihen nur 
vorübergehend gefüllt wurden, denn zur Ertragung von Anstrengungen 
waren sie nicht befähigt. Sehr schlimm aber war es, dafs es geradezu 
unmöglich war, den Verlust an Offizieren und Unteroffizieren zu 
ersetzen, was dringend erforderlich war. So berichtete Ney unter 
dem 10. Juni: »Der Zustand der Truppen seines Corps verdieue 
die ernsteste Aufmerksamkeit des Kaisers; alle hätten Ersatz nötig, 
namentlich an Offizieren und Unteroffizieren, denn es sei unmöglich* 
die Verluste an diesen aus der Truppe heraus zu ersetzen; um die 
Bataillone reorganisieren zu können, bedürfe das Corps eines Zu- 
schusses von 80 Rauptleuteu, 100 Lieutenants und 140 älteren 
Unteroffizieren, ohne den auch der Rest nicht viel tauge, da dann 
die Ausbildung unmöglich und die Disziplin immer schlechter 
werde.« 

Andere Mängel kamen hinzu. Nicht alle diese jungen Soldaten 
waren bestimmt, die vorhandenen Lücken zu füllen, ein grofser 
Teil von ihnen sollte zur Bildung neuer Formationen dienen. Fast 
bei jedem Regiment entstanden neue Bataillone, deren Zahl kaum 
zu berech uen sein dürfte. Zum geringeren Teil stiefsen diese neuen 
Bataillone zu ihren Regimentern, die grofse Mehrzahl von ihnen 
mufate zur Bildung provisorischer Regimenter dienen, aus denen 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



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neue Divisionen formiert wurden. Trotz der grofeen Schattenseiten, 
welche diesen provisorischen Formationen anhaftete, mufste auch 
jetzt wieder zu diesem Notbehelf gegriffen werden. 

Die Stämme für diese Neubildungen mufste immer wieder die 
spanische Armee liefern, zu deren entsprechender Ergänzung der 
Senat kurz nach Wiederbeginn der Feindseligkeiten unter dem 
24. August eine Aushebung von 30,000 Mann aus den drei Klassen 
von 1812 bis 1814 genehmigte. Schliefslich konnte aber auch die 
in Spanien kämpfende Armee den ununterbrochen an sie her- 
antretenden Anforderungen nicht mehr geniigen. Auch die Militär- 
Schulen wurden bis auf die Neige geleert, allein die Schule von 
St. Cyr hatte seit dem Oktober nicht weniger als 450 Unter- 
lieutenants zur Armee geliefert, eine an sich hohe Zahl, dem vor- 
handenen Bedarf gegenüber indessen doch nur verschwindend; und 
dann, mochten diese jungen Leute auch von dem besten Willen und 
dem grinsten Mut beseelt sein, ihre Ausbildung und Erfahrung 
waren doch zu gering, als dafa vorläufig von ihnen grofee Dinge zu 
erwarten gewesen wären. Der Mangel an Stämmen wurde noch 
wesentlich vermehrt durch das riesenhafte Anwachsen der Garde, 
indem die wenigen alten Soldaten, über welche mau verfügte, von 
der alten Garde geschluckt wurden, während die junge Garde die 
Elite der Aushebungen erhielt, welche allein geeignet gewesen 
wäre, mit der Zeit tüchtige Unteroffiziere zu liefern. So bestanden 
denn diese neugebildeten Verbände durchweg aus blutjungen und 
fast jeder Ausbildung entbehrenden Rekruten, die in überaus lücken- 
hafte Stämme eingereiht waren, welche letztere immer spärlicher 
wurden, je mehr Formationen aufgestellt wurden. 

Die in dieser Weise neuformierten Divisionen muteten zur 
Bildung von 2 Observatious-Corps dienen, von denen das eine in 
Italien durch den Vicekönig, das andere, vorläufig als Reserve- 
Corps bezeichnete, am Main durch den Marschall Kellermann auf- 
gestellt wurde. Von ersterem Corps wird später noch gesprochen 
werden, hier kommt zunächst nur das 6 Divisionen starke letztere 
in Betracht, welches im Juni die Bezeichnung »Observations-Corps 
von Bayernt erhielt und dem Marschall Augereau in Würzburg 
unterstellt wnrde. Anfang August wurde das Corps geteilt; während 
4 französische Infanterie-Divisionen unter dem Marschall Gouvion 
St. Cyr als XIV. Corps nach Sachsen rückten, blieben die beiden 
anderen Divisionen, das nachmalige IX. Corps, unter Augereau, 
einstweilen noch in Franken zurück. Zu letzteren beiden Divisionen 



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Die französische Armee im Jabre 1813. 



sollte eigentlich als Dritte noch eine hayerische Division stofeen. 
Die Stellung derselben wurde indessen von Bayern verweigert. 

Ein ähnliches Verfahren wie mit dem IX. war bereits mit dem 
I. Armee-Corps vorgenommen worden, nachdem zwischen diesem 
und dem II. Corps der Austausch der zugehörigen Divisionen bewirkt 
und bei beiden Corps die Herstellung der Regiment« - Verbände 
erfolgt war. Da das I. Corps jetzt 4 Divisionen zählte, — zu seinen 
ursprünglichen 3 Divisionen hatte es als eine neue die anfänglich 
aus seinen vierten Bataillonen formiert gewesene 40. Division 
erhalten, dereu eigentlich den Weichsel- Regimentern vorbehaltene 
Nummer infolge der Unmöglichkeit von deren Neubildung offen 
geblieben war, — so hatte Napoleon die Teilung dieses Corps 
angeordnet. Zwei Divisionen waren als I. Corps unter Vandamme 
nach Sachsen gezogen, woselbst der gröfste Teil der zu Marmont's 
lebhaftem Mißvergnügen diesem abgenommenen Division Teste zu 
ihnen gestofsen war; die beiden anderen Divisionen, verstärkt durch 
die zu einer Division angewachsene Hamburger Brigade sowie durch 
das dänische Hülfscorps waren als XIII. Corps unter Davout an der 
Nieder-Elbe verblieben. 

Eine wesentliche Verstärkung für die Armee bildete das pol- 
nische Hülfscorps unter dem Fürsten Poniatowski, dem während 
des Waffenstillstandes von der österreichischen Regierung der Durch- 
marsch von Krakau nach Sachsen gestattet worden war. Ursprünglich 
16,000 Mann stark, langte dieses Corps in Folge zahlreicher 
Desertionen zwar nur mit ungefähr 12,300 Mann in Sachsen an, 
immerhin aber bildete es namentlich wegen seiner zahlreichen leichten 
Reiterei einen ansehnlichen Zuwachs. Aus diesen Truppen wurde 
das VIII. Armee-Corps unter dem Fürsten Poniatowski und das 
4. Kavallerie-Corps unter dem General Kellermann gebildet. Auch 
die von dem General Dombrowski reorganisierten polnischen Truppen, 
über 4000 Mark stark, stiefsen jetzt zur Armee. 

Ein weiteres — 5. — Kavallerie-Corps, ebenso wie das 3. aus 
Schwadronen der in Spanien kämpfenden Regimenter gebildet, war 
noch in der Formation begriffen. Teile dieses Corps rückten eben- 
falls noch vor Beginn der Feindseligkeiten nach Sachsen. 

Die Truppen der Rheinbundstaaten waren gleichfalls wesent- 
lich verstärkt worden; mit Ausnahme von Bayern, welche« bereit« 
im Juni ohne die bei dem XII. Armee-Corps befindlichen Division 
25,000 Mann unter den Waffen gehabt, aber sowohl dereu auch 
nur teilweise Überlassung an Augereau als auch die Verstärkung 
jener Division abgeschlagen, hatten sie meist nicht uur die vor- 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



131 



handenen Stämme ergänzt, sondern vielfach anch neue Truppen 
aufgestellt. 

Die in der Zusammensetzung der Armee vorgenommenen Ver- 
änderungen beschränkten sich hierauf aber nicht, vielmehr erfuhren 
auch diejenigen Corps, welche den Feldzug mitgemacht hatten, mehr- 
fache organische Veränderungen. Wegen der grofeen, nur unvoll- 
kommen gedeckten, an Stämmen überhaupt nicht zu deckenden 
Verluste wurde zunächst bei fast sämtlichen Cohorten-Regimentern 
die Zahl der Feld- Bataillone von 4 auf 3 herabgesetzt, einige wenige 
dieser vierten Bataillone wurden in Festungen gelegt, die meisten 
wie auch noch einige Bataillone anderer Regimenter aber aufgelöst 
In Folge dieser Verminderung ging auch die Division Lagrange des 
V. Corps ein, ihre Regimenter wurden unter die 3 anderen Divisionen 
dieses Corps verteilt. Es sei gleich hier erwähnt, dafe auch die 
41. Division, welche der General Doucet in Erfurt formiert hatte, 
aufgelöst wurde; die 10 Bataillone dieser Division wurden zum Teil 
in die Festungen Magdeburg,*) Erfurt, Würzburg und Wittenberg 
gelegt, zum Teil auch wohl aufgelöst und unter andere unvoll- 
zählige Truppen verteilt. 

Eine fernere Organisations- Veränderung bestand in der Auflösung 
einer Anzahl von provisorischen Regimentern. Die bereits früher 
erwähnten Schäden dieser Formationen hatten sich im Laufe des 
Feldzuges in einem hohen Grade bemerkbar gemacht, das Urteil 
aller Generale war einstimmig. Es liegt ein am 11. Juli abgefafster 
Bericht von Ney vor, in dessen Corps sich 25 derartig zusammen- 
gewürfelte Bataillone befanden, in welchem er die Vernachlässigung 
dieser Bataillone durch die bezüglichen Depot« in schärfster Weise 
hervorhebt und dringend ihre baldige Einverleibung in die Stamm- 
Regimenter befürwortet, da hierdurch allein- den vorhandenen Mängeln 
abgeholfen werden könnte. Napoleon, Berthier und Clarke**) sahen 
dies vollständig ein, es wurden auch die nötigen Befehle erlassen, 
um dies zu thun; da man sich indessen scheute, die bestehenden 
Verbände kurz vor dem Wiederbeginn der Feindseligkeiten zu zer- 
reifsen, so beschränkte sich Alles, was in dieser Beziehung geschah, 



♦) In Magdeburg beziehungsweise bei der aus Teilen der Garnison von Magde- 
burg gebildeten Division Lanusae befanden sich 2 Bataillone des Regiments 
Nr. 134; vielleicht waren dies die beiden Tom General Doucet neu gebildeten 
Bataillone des ehemaligen Infanterie- Regiments Nr. 125, welches mit dem ur- 
sprünglich nur 2 Bataillone starken Regiment Nr. 134 verschmolzen worden war, 

**) Der KriegBminister. 



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Die französische Arme« im Jahre 1818. 



auf die Auflösung von 6 provisorischen und die Herstellung von 
8 Stamm-Regimentern. 

Von der gröfeten Wichtigkeit war es, dafs jetzt dem Mangel 
an Kavallerie und Artillerie abgeholfen war; beide Waffen befanden 
sich der Zahl nach auf einer Achtung gebietenden Höhe. Während 
neben einigen französischen Regimentern der gröfate Teil der 
deutscheu und italienischen Reiterei den Armee- Corps beigegeben 
war, bildete die Masse der französischen und polnischen Kavallerie 
die Reserve- Kavallerie-Corps. Die letzteren sowie auch die Kaiser- 
garde, bei welcher sich eine starke Reserve -Artillerie befand, erhielten 
während des Waffenstillstandes ihre endgültige Formation. — 

Die Stärke und Organisation der grofeen Armee war beim 
Wiederbeginn der Feindseligkeiten die nachstehende. 

Die in und bei Dresden stehende Kaisergarde war stärker denn 
je; ihre Iufanterie bestand jetzt aus einer Division alter Garde 
unter dem General Friant und 4 vom Marschall Mortier befehligten 
Divisionen junger Garde, welche von den Generalen Dumoustier, 
Barrois, Decouz und Roguet geführt wurden. Die alte Garde zahlte 
in 10 Bataillonen 5500 Mann, von der jungen Garde waren 52 Ba- 
taillone zur Stelle, 4 weitere noch in der Formation begriffen. Die 
von dem General Nansouty befehligte Garde-Kavallerie zählte in 
59 Schwadronen 12,500 Pferde; ihre Regimenter waren vollzählig 
und verstärkt durch das aus Polen bestehende 1. Lancier-Regiment, 
die zu einem Regiment angewachsenen bergiscben Chevaulegers und 
die 4 Regimenter Ehrengarden, welche letzteren indessen erst 
12 Schwadronen zur Stelle hatten, während 8 fernere, in obiger 
Zahl nicht enthaltene Schwadronen erst im September in Mainz 
eintreffen konnten. Aufser den bei den Divisionen eingeteilten 
Batterien besafs Hie Garde eine Reserve -Artillerie von 90 Geschützen, 
durch deren Massen-Verwendung der Kaiser wie früher die Eut- 
scheidungsstöfse seiner Angriffs-Kolonnen vorzubereiten gedachte. 
Die Gesamtstärke der Garde betrug einschliesslich der noch erwarteten 
Verstärkungen, Kommandierten und Kranken 80,000 Mann, von 
denen aber nur 58,191 Mann, 218 Geschütze — 62 Bataillone, 
59 Schwadronen, 29 Batterien — zur Stelle waren. Die Ausbildung 
der jungen Garde hatte bedeutende Fortschritte gemacht, so dafs 
dieselbe jetzt eine wirkliche Elite bildete. — 

Das zwischen Stolpeu und Neustadt stehende I. Armee-Corps 
bestand aus 36 von den 64 Bataillonen, welche das ehemalige 
Davout'sche Corps hatten bilden sollen, zu denen dann noch der 
General Teste mit 6 Bataillonen seiner — der 4. Marmont'scheu — 



Die ftaniöaische Armee im Jahre 1813. 



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Division, sowie eine aus dem 9. Chevauleger-Regiment und den an- 
haltinischen Jägern formierte leichte Kavallerie- Brigade gestofeen 
war. Die Infanterie war in 3 Divisionen gegliedert, welche von 
den Generalen Philippon, Dumoncean und Teste befehligt wurden. 
Im Ganzen zählte das Corps 42 Bataillone, 4 Schwadronen, 10 Batte- 
rien = 33,298 Mann, 76 Geschütze; dasselbe befand sich in einem 
durchaus brauchbaren Zustande, und seine Bataillone zählten trotz 
der Jugend der sie bildenden Mannschaft zu den besseren der 
Armee. Der General Vandamme, welcher das I. Corps befehligte, 
war bereits mit 23 Jahren zum Divisions-General aufgerückt, welche 
Charge er seit nunmehr 20 Jahren bekleidete; er war ein feuriger 
und höchst befähigter, trotz seiner Schärfe bei seinen Truppen 
äusserst beliebter Führer, dessen glänzende, echt kriegerische Er- 
scheinung mit seiner ganzen Beanlagung im harmonischen Ein- 
klänge stand. 

Das II. — Victor'sche — Corps, welches von Rothenburg nach 
Zittau gerückt war, bestand aus den 3 Divisionen Dubreton, Dufour 
und Vial-Stall 48 Bataillone, welche das Corps hätte haben sollen, 
zahlte es nur 43; die fehlenden 5 Bataillone gehörten möglicher 
Weise entweder zu der aus Teilen der Garnison von Magdeburg 
gebildeten Division Lanusse, bei der sich 6 Bataillone von Regimentern 
des II. Corps befanden, oder zu der an der Weser stehenden Ab- 
teilung des General Lemoine, die aus 7 Bataillonen von Regimentern 
desselben Corps gebildet war. Die Bataillone waren bei weitem 
nicht so vollzählig als diejenigen des I. Corps, denen sie auch an 
innerem Werte nachstanden. An Kavallerie erhielt der Marschall 
Victor die höchst unzuverlässige westfälische Husaren-Brigade über- 
wiesen, einschliefelich derer sein Corps in 43 Bataillonen, 6 Schwa- 
dronen, 10 Batterien ob 25,158 Mann, 76 Geschütze zählte. 

Bei dem III. Armee-Corps, welches in der Umgegend von 
Liegnitz stand, waren aufser den bereits allgemein angedeuteten 
keine wesentlichen Formations- Veränderungen vorgenommen worden. 
Die 5 Divisionen des Corps wurden jetzt von den Generalen Souham, 
Delmas, Albert, Ricard und Marchand befehligt. Die grofsen Ver- 
luste der französischen Infanterie waren nur unvollkommen gedeckt, 
der Krankenbestand des Corps noch immer ein sehr hoher — 
22,141 Mann; — von den als Ersatz nachgeschickten 3 badischen 
nnd 2 hessischen Bataillonen hatte nur ein hessisches Marsch- 
Bataillon das Corps erreicht, das andere war nach Torgau geschickt, 
während die badischen Bataillone dem General Margaron in Leipzig 
überwiesen waren. Das Frankfurter Bataillon, welches sich bei dem 



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Die französische Armee im Jahre 1818. 



Corps befunden hatte, war ebenso wie ein anderes nachgeschicktes 
Bataillon desselben Gebietes zur Verstärkung der Glogauer Garnison 
verwaudt worden. In 62 Bataillonen, 11 Schwadronen, 16 Batterien 
hatte das Corps beim Scblufs des Waffenstillstandes eine Stärke von 
40,006 Mann, 122 Geschützen. 

Bei dem IV. Corps, welches am 17. August von Sprottau her 
die Gegend von Peitz erreichte, war die so übel zugerichtete 
italienische Division, welche jetzt von dem General Fontaneiii be- 
fehligt wurde, vollständig reorganisiert worden, aber sowohl bei ihr 
als auch bei der französischen Division Morand waren die grofsen 
Verluste dem Werte uach sehr schlecht ersetzt worden. Beim 
Ablauf des Waffenstillstandes 21,217 Mann, 66 Geschütze stark, 
wurde das Corps kurz nach Eröffnung der Feindseligkeiten am 
20. August durch eine dritte württembergische Infanterie-Brigade, 
welche 2446 Mann, 6 Geschütze zählte, verstärkt, so dafe seine 
Stärke auf 23,663 Mann, 72 Geschütze — 36 Bataillone, 8 Schwa- 
dronen, 10 Batterien — berechnet werden mufs. 

Bei dem in und um Goldberg stehenden V. Corps des General 
Lauristou, hatte die Auflösung fast aller vierten Bataillone auch die 
der vom General Lagrange befehligten 18. Division zur Folge 
gehabt. Nach Heranziehung des ursprünglich au der Nieder- 
Elbe belassenen 152. Regiments, sowie auscheiuend auch der seiner 
Zeit in Magdeburg zurückgelassenen beiden Bataillone der Division 
Puthod zählte die Infanterie des Corps ohne ein nach Glogau ge- 
legtes Bataillon des 151. Regiments 37 Bataillone. An Kavallerie 
war dem General Lauriston endgültig eine Brigade der 3. leichten 
Division zugeteilt worden. Demnach betrug die Stärke des Corps 
37 Bataillone, 7 Schwadronen, 11 Batterien = 27.905 Mann, 74 Ge- 
schütze. Übrigens ist es nicht ausgeschlossen, dafs dieses Corps, 
wie Th. v. Bernhardi ausführt, noch einige tausend Mann stärker 
gewesen ist, doch lädst sich dies nicht mit Gewifsheit nachweisen. 

Das von Marmont befehligte VI. Armee-Corps, dessen Haupt- 
quartier sich in Buuzlau befand, war durch 2 Marine-Bataillone und 
die bereits früher erwähnte württembergische Reiter-Brigade Nor- 
mann verstärkt worden und zählte jetzt in 42 Bataillonen, 8 Schwa- 
dronen, 12 Batterien = 27,754 Mann, 84 Geschütze. Die Aus- 
bildung der Infanterie dieses Corps war sehr gefordert worden, so 
dafs die Bataillone allen berechtigten Anforderungen gewachsen 
waren. Die Division Teste, welche ursprünglich zu diesem Corps 
gehört hatte, war zu Marmont's lebhaftem Müsvergnügen endgültig 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



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abgezweigt und teils dem I. Armee-Corps, teils dem Obscrvations- 
Corps des Marschall Augereau überwiesen worden. 

Bei dem VII. Armee-Corps, Reynier, welches am 17. August 
von Görlitz und Hoyerswerda her Kalau erreichte, waren vier in 
Regensburg neugebildete Bataillone der Division Durutte eingetroffen. 
Aufeer dieser Division zählte das Corps jetzt 2 sächsische Infanterie- 
Divisionen und eine leichte sächsische Kavallerie-Brigade, so dafs 
seine Gesamtstarke 33'/ 4 Bataillone, 13 Schwadronen, 9 Batterien = 
21,283 Mann, 68 Geschütze betrug. Vier andere, für die Division 
Durutte bestimmte Bataillone wurden dem General Margaron in 
Leipzig überwiesen. 

Das bei Ostritz stehende, lediglich aus Polen gebildete, VIII. Armee- 
Corps unter dem Fürsten Poniatowski zählte nur 10 Bataillone, 
6 Schwadronen, 6 7, Batterien = 7573 Mann, 44 Geschütze. Ein 
tapferer Soldat und bewährter Führer, war der Fürst seiner hohen 
Stellung würdig, welche er wohl vornehmlich seiner Abkunft ver- 
dankte; übrigens war er ein treuer Anhänger Napoleons und hatte 
alle Anerbietnngen der Verbündeten ausgeschlagen. Auf dem Papiere 
gehörte zu dem Corps auch noch die von dem General Dombrowski 
gebildete Division, einschließlich einer dem 4. Kavallerie-Corps zu- 
gezählten Kavallerie-Brigade 4 Bataillone, 8 Schwadronen, 1 Batterie 
= 4000 Mann, 6 Geschütze; thatsächlich ist diese Division in- 
dessen nicht mit dem VIII. Corps vereinigt worden, sonderu auf 
einem ganz anderen Kriegsschauplatz zur Verwendung gekommen. 

Dem Macdonald'schen — XI. — Armee-Corps mit dem Haupt- 
quartier Löwenberg war aufser dem neapolitanischen Trappencorps 
auch noch eine westfälische Infanterie- Brigade zugeteilt worden. 
Die Stärke des Corps betrug 38 Bataillone, 7 Schwadronen, 12 Bat- 
terien = 24,418 Mann, 90 Geschütze. Die 3 Infanterie- Divisionen 
des Corps wurden jetzt von den Generalen Ledru, Gerard und 
Cbarpentier geführt. 

Das XII. Corps hatte bei Bautzen und durch den nachherigen 
Feldzug gegen Bülow sehr gelitten, der Ersatz war nach Zahl und 
Beschaffenheit durchaus unzureichend gewesen, so dafs das Corps 
nur schwach war und viele sehr junge Soldaten zählte. Die bayerische 
Division Raglowich hatte überhaupt keinen Ersatz erhalten und 
zählte im Ganzen nur 5800 Mann, 12 Geschütze. Die beiden fran- 
zösischen Divisionen wurden jetzt von den Generalen Pactod und 
Guilleminot geführt. Von der Kavallerie, welche sich bei diesem 
Corps befunden, war die Dragoner-Brigade zum 1. Kavallerie-Corps 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



zurückgekehrt, auch die westfälische Husaren-Brigade hatte ab- 
gegeben werden müssen, so dafs nur noch die bayerischen, west- 
fälischen und hessischen Chevaulegers zurückgeblieben waren, zu 
welchen letzteren am 16. August noch die beiden fehlenden Schwa- 
dronen stiefsen. Die Stärke des Oudinot'schen Corps, welches sich 
in der Gegend von Dahme uud Baruth befand, betrug 30 Bataillone, 
14 Schwadronen, 9 Batterien = 19,324 Mann, 58 Geschütze. 

Das an der Nieder-Elbe stehende, von Davout befehligte 
XIII. Armee-Corps war durch Teilung des bisherigen I. Armee- 
Corps entstanden. Zu den 28 Bataillonen, welche nach Abzug 
Vandamme's von den ursprünglich für Davout bestimmt gewesenen 
64 Bataillonen noch verblieben, waren die 3 Regimenter der Ham- 
burger Brigade, deren 5 Bataillone auf 15 angewachsen waren, 
hinzugekommen, sowie 2 neu organisierte Bataillone des au der 
Beresina vernichteten 44. Linien-Regiments vom ehemaligen Victor- 
schen Corps, welche anfänglich zur Division Teste gehört hatten. 
Aus diesen 45 Bataillonen waren 3 Divisionen gebildet worden, die 
3., welche von Anfang an für das Davout'sche Corps bestimmt 
gewesen war, die 40. — anfanglich Nr. 3 bis — und die 50., deren 
Nummer neu war. Die Nr. 40 war, wie schon gesagt, ursprünglich 
für die neuzubildende Weichsel- Legion offen gehalten, indessen 
frei geworden, da man wegen Mangels an polnischen Soldaten nur 
ein — in Wittenberg befindliches — Weichsel- Regiment hatte 
bilden können. Befehligt wurden die 3 Divisionen von den Generalen 
Loisou, Thiebault und Vichery. Da 11 Bataillone*) als Besatzung 
iu Hamburg belassen wurden, zählte Davout's franzosische Infanterie 
im freien Felde uur 34 Bataillone. Einschließlich der Artillerie 
und einer leichten Kavallerie-Brigade, welche gebildet war aus einem 
ursprünglich für das 3. Kavallerie-Corps bestimmt gewesenen 
Chasseur-Regiment und einem — anscheinend von dem General 
Dombrowski organisierten — polnischen Regiment, zahlte das Corps 
34 Bataillone, 5 Schwadronen, 7 Batterien — 27,034 Mann, 52 Ge- 
schütze. Hierzu stiefs nun noch das von dem Prinzen Friedrich 
von Hessen befehligte dänische Hülfscorps — 13 Bataillone, 10 Schwa- 
dronen, 3 Batterien = 10,480 Mann, 24 Geschützen — so dafs 

♦) Nach Bernhardi hatte die französische Infanterie Davout's nur 48 Bataillone 
geilhlt, von denen 10 in Hamburg verblieben wären; die Geschichte der Nord- 
Armee fuhrt 45 beziehungsweise 7 Bataillone an-, Rousset giebt nur die Zahl der 
ausgerückten Bataillone, und zwar berechnet er dieselbe auf 34. Letztere Zahl 
sowie die wahrscheinliche Gesamtzahl von 46 Bataillonen als richtig angenommen, 
giebt für die Besatzung U Bataillone. 



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Die französische Arme« im Jahre 1818. 



137 



Davout im freien Felde im Ganzen über 47 Bataillone, 16 Schwa- 
dronen, 10 Batterien = 37,514 Mann, 76 Geschütze verfügte. 
Die Infanterie des XIII. Armee-Corps, welche mit derjenigen de« 
I. Armee-Corps eigentlich auf einer Stufe hätte stehen müssen, 
stand dieser doch an Güte nach, sie hatte teilweise schwächere 
Stamme und bestand überdies zum grofsen Teil aus Ausgehobenen 
der 32. Militär-Division d. h. der aufständischen Gebiete an der 
Nieder-Elbe; die Kavallerie und Artillerie waren namentlich in An- 
betracht der besonderen Verwendung des Corps nummerisch sehr 
schwach, das Kaliber der dänischen Geschütze überdies sehr leicht. 

Das im Lager von Pirna stehende XIV. Armee-Corps unter dem 
Marschall Gouvion St.Cyr, einem, wie schon erwähnt, hochbedentenden 
Offizier, bestand aus den in der gröfeten Eile aus Franken herbei- 
gezogenen 4 zusammengewürfelten Divisionen der Generale Mouton- 
Duvernet, Claparede, Berthezene und Razout, welche der Marschall 
Augereau hatte abgeben müssen. An Kavallerie erhielt das Corps 
das aus Polen gebildete 7. Chevauleger-Reginient, sowie die 14. Hu- 
saren und die 2. italienischen Jäger, welche letztere beiden Regimenter 
mit übertriebener Hast in Italien neu gebildet beziehungsweise 
reorganisiert worden waren und eine nur aufseist bedingte Ver- 
wendungsfähigkeit besafsen. In 51 Bataillonen, 12 Schwadronen, 
12 Batterien zählte das Corps 26,149 Mann, 92 Geschütze, darunter 
22,000 blutjunge Ausgehobene ohne jegliche Ausbildung. 

An der Spitze der Reserve-Kavallerie stand wie in früheren 
Jahren wiederum der König von Neapel. Zur Zeit erst 42 Jahre 
alt, ein ausgezeichneter Reiter und sehr tapferer Soldat, aber ohne 
den Mut der Verantwortung und überdies schou schwankend in 
seiner Anhänglichkeit an Napoleon, genofs Murat einen seine Fähig- 
keiten weit überragenden Ruf; wie der Rückzug aus Russland seine 
Unfähigkeit zum Armeeführer bewiesen, so sollte der kommende 
Feldzug ihm auch den Nimbus des Reiterführers rauben. Übrigens 
war seine Unfähigkeit von den meisten französischen Generalen 
längst erkannt, die Befehlshaber der Armee-Corps suchten ihre 
Reiter-Brigaden seinen Blicken zu entziehen, damit er sie nicht zu 
ihrem Verderben irgend einer sinnlosen Rauferei aussetze, und die 
tüchtigeren Kavallerieführer, wie Latour-Maubourg und Nansouty, 
halfen sich, indem sie die Befehle des »Kavallerie-Verderbers« in 
ihrer Weise oder garnicht zur Ausführung brachten. 

Die bei Görlitz und Freystadt stehendeu beiden ernten Kavallerie- 
Corps unter Latour-Maubourg und Sebastiani waren durch die von 
dem General Bourcier in Hannover aufgestellten Reiter, sowie durch 



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138 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



den vom General Lebrun in Frankreich organisierten zweiten 
Nachschub verstärkt worden. Es zahlte jetzt das 1. Corps 78 Schwa- 
dronen, 6 Batterien = 16,537 Mann, 36 Geschütze, während das 
2. 52 Schwadronen, 3 Batterien = 10,304 Mann, 18 Geschütze 
stark war. 

Dagegen war die Formation des aus Schwadronen der in 
Spanien kämpfenden Regimenter gebildeten 3. Kavallerie-Corps unter 
dem General Arrighi, das am 17. August von Leipzig her in Dahme 
eintraf, sehr hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Da überdies 
aus einem Teil der für dieses Corps bestimmten Schwadronen ein 
neues, 5., Kavallerie-Corps gebildet war, so zählte es statt 74 nur 
27 Schwadronen mit 4 Batterien und dürfte daher auch wohl kaum 
stärker als 6000 Mann, 24 Geschütze gewesen sein. Die Ausbildung 
dieser Kavallerie war noch immer eine überaus mangelhafte, ihre 
Verwendungsfähigkeit daher auch eine sehr beschränkte; alle Mängel 
einer improvisierten Kavallerie traten hier zu Tage, wiewohl Pferde 
und Ausrüstung gut waren. Es kam hinzu, dafs der Befehlshaber 
des Corps nur ein äufserst mittelmäfciger Reiterführer war, der 
seine Stellung ansschliefslich seiner Verwandtschaft mit dem Kaiser 
verdankte. 

Das bei Zittau stehende 4. Kavallerie-tJorps war aus der Masse 
der polnischen Kavallerie gebildet, welche mit Foniatowski nach 
Sachsen gekommen war. Wiewohl ebenfalls meist aus Rekruten 
bestehend, bildete es doch in Folge der natürlichen Beanlagung der 
Poleu einen sehr brauchbaren Truppenkörper. Einschliefslich der 
von dem General Dombrowski formierten und bei dessen Division 
mitaufgeführten Brigade zählte das Corps in 32 Schwadronen, 
2 Batterien 4831 Mann, 12 Geschützen, ohne diese Brigade 
24 Schwadronen, 2 Batterien == 3923 Mann, 12 Geschütze. In 
dem General Kellermann, dem Sohne des Marschall Kellermann, 
besafe das Corps einen bewährten Führer, der sich schon bei Marengo 
in glänzender Weise hervorgethan hatte. 

Das bereits erwähnte, noch im Marsch auf Dresden befindliche 
5. Kavallerie-Corps des General L'Heritier war, wie schon gesagt, 
aus 20 Schwadronen der Regimenter des spanischen Kriegsschauplatzes 
gebildet. Von diesem Corps gilt in verstärktem Mafsstabe, was von 
dem dritten gesagt wurde, es bestand wohl aus den schlechtesten 
Schwadronen der ganzen französischen Kavallerie. Die Stärke mochte 
etwa 3000 Manu, 6 Geschütze betragen. 

Der allgemeine Artillerie- und Ingenieur -Wesen-Reservepark 



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Die frani&ische Armee im Jahre 1813. 139 

der Armee zahlte 8010 Mann. Derselbe bildete nicht etwa eine 
Reserve-Artillerie, wie vielfach angenommen ist, — als solche verwandte 
Napoleon die Artillerie seiner Garde — sondern bestand vielmehr nur 
aus einer Anzahl von Artillerie-Compagnien, bestimmt zum Ersatz 
der entstehenden Lucken sowie zur Bedienung von Positions-Batterien 
und zum Dienste in den Parks, und ferner aus einer Anzahl von 
Ingenieur -Truppen, sowie den nötigen Handwerker-Formationen für 
beide Waffen. 

Endlich verfügte der Kaiser Napoleon auf dem Hauptkriegs- 
theater noch über zwei aufserhalb jedeu Corps -Verbandes stehende 
Heerteile, denen besondere Rollen zugedacht wareu; es waren dies 
die Abteilungen der Generale Girard und Margaron. 

Was erstere Abteilung betrifft, so sollte sie sich aus den 
Divisionen Dombrowski und Lanusse zusammensetzen. Die schon 
mehrfach erwähnte Division Dombrowski zählte in 4 Bataillonen, 
8 Schwadronen, 1 Batterie etwa 4000 Mann, 6 Geschütze, ohne die 
bei dem 4. Kavallerie-Corps bereits erwähnte leichte Kavallerie- 
Brigade höchstens 3000 Mann, G Geschütze. Die Division Lanusse 
war zum überwiegenden Teile aus Truppen der Garnison von 
Magdeburg gebildet; genaue Angaben über Starke und Zusammen- 
setzung fehlen, wahrscheinlich zählte sie in 12 Bataillonen, 8 Schwa- 
dronen, 3 Batterien = 11,000 Mann, 22 Geschütze. Die Truppen 
bestanden zum überwiegenden Teile aus Deutschen, Italienern und 
Kroaten und waren durchweg ueugebildet; ihr Führer, der General 
Girard, war ein junger, höchst energischer und sehr tüchtiger 
Offizier. 

Das zur Deckung von Leipzig, dem Hauptdepotplatz im Rücken 
der französischen Armee, bestimmte Übservations-Corps des General 
Margaron war beim Ablauf des Waffenstillstandes noch in der 
Formation begriffen. Gebildet war das Corps aus den erwähnten 
3 Bataillonen Badener, 4 Bataillonen der Division Durutte und 
einigen provisorischen Truppenteilen und zählte in 10 Bataillonen, 
2 provisorischen Regimentern und l'/j Batterien — 7800 Mann, 
10 Geschütze. 

Die Gesamtstarke der auf dem norddeutschen Kriegsschauplatz 
verfügbaren Armee betrug demnach in 

559'/« Bataillonen, 395 Schwadronen, 178 Batterien = 
442,818 Mann, 1284 Geschütze 
oder ohne 3333 Manu, welche der Armee-Verwaltung angehörten, 
in runden Zahlen 

JlkrbUW Ar dl« OvotKh« imii Ud Mut»«. Bd. LXVIII. 3. IQ 



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140 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



332,000 Mann Infanterie, 70,500 Reiter, 33,500 Mann Artillerie, 
4000 Mann Ingenieur-Trappen 

im Ganzen etwa 

440,000 Mann.*) 

*) Für die Zusammensetzung der grofsen Armee ist die Ordre de bataille 
zu Grunde gelegt, welche C. Rousset giebt. Dieselbe stimmt mit der von Th 
v. Bernhardi in den Denkwürdigkeiten Toll's gegebenen im Wesentlichen uberein, 
doch finden sich immerhin mehrere Abweichungen vor. Die Erklärung hierfür 
liegt darin, dafs Rousset die Archive benutzen und nach ihnen die Einteilung 
für August geben konnte, während Bernhardi auf die Zusammenstellung angewiesen 
war, welche der General Pelet für September und Oktober veröffentlicht hat, und 
aus ihr die Zusammensetzung der Armee beim Beginn der Feindseligkeiten zurück- 
gebildet hat. Die gröfsten Verschiedenheiten finden sich bei der Garde und dem 
3. und 5 Kavallerie-Corps, w&hrend es sich sonst meist nur um einzelne Bataillone 
und Schwadronen handelt Die von Bernhardi gegebene Einteilung der Garde 
trat erst in der zweiten Hälfte des September in Kraft, bis dahin gab es nur 
eine Division alter Garde. Was das 8. Kavallerie-Corps anbetrifft, so hatte das- 
selbe von Anfang an nur 27 Schwadronen, nicht 87, wie Bernhardi auf Grund 
älterer Quellen anführt. Das 5. Kavallerie-Corps wird von Bernhardi überhaupt 
nicht aufgeführt, derselbe spricht vielmehr nur von der Division L'Heritier dieses 
Corps, welche im August nach Sachsen gelangt sei. wahrend die beiden anderen 
Divisionen erst im Oktober nachgerückt seien; es ist dies ein Irrtum, die be- 
reitesten Teile aller 3 Divisionen rückten unter dem General L'Heritier im August 
nach Sachsen, und wurde bei ihnen der Corps-, Divisions- und Brigade- Verband 
völlig aufrecht erhalten; der zum gröfsten Teil aus Spanien herbeigezogene Rest 
der 3 Divisionen stiefs im Oktober zur Armee. Für die Heerteile Girard's und 
Margaron's giebt Rousset keine Zusammensetzung an, hier waren also die Angaben 
Bemhardi's beziehungsweise der Geschichte der Nord -Armee bestimmend. Für 
die Truppen Girard's ist die Zusammensetzung gewählt, welche in letzterem Werke 
enthalten ist; dieselbe erscheint genauer als die von Bernhardi gegebene, welche 
auB Plotho entnommen zu sein scheint, da Bernhardi erstlich das 13. Husaren- 
Regiment, welches am 19. August zu Girard stiefs, überhaupt nicht erwähnt und 
zweitens das 4. westfälische Infanterie-Regiment aufführt, welches sich in Cüstrin 
befand. Die Truppen Margaron's anlangend, so sind die Angaben Bernhardi'a 
wiedergegeben desgleichen bei dem grofsen Artillerie- und Ingenieur -Wesen- 
Reservepark, den Rousset ebenfalls nicht aufführt. 

Die Zahlen anlangend, so giebt Rousset nur die Gesamtstärke an, während 
Bernhardi auf Grund der Veröffentlichungen des General Pelet die 8tärken der 
einzelnen Corps auffuhrt. Die von Pelet gegebenen Zahlen sind entnommen den 
von Berthier für Napoleon gefertigten Zusammenstellungen vom 6. August, nach 
welchen die Stärke der Armee an diesem Tage ungerechnet 3333 Hann, welche 
zur Armee -Verwaltung gehörten, 

418,628 Mann 

betragen haben soll, nämlich 312,306 Mann Infanterie, 69,707 Reiter, 89,528 Mann 
Artillerie, 4087 Mann Ingenieur-Truppen. Nicht enthalten sind in diesen Zahlen 
die Heerteile Girard's, d. h. die Divisionen Lanusse und Dombrowski, und Mar- 
garon's, durch deren Zuzählung Bemhardi auf die Zahl von 

440.000 Mann 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



141 



Es war dies die Starke der Feld-Armee beim Beginn der Feind- 
seligkeiten, aufeerdeni befanden sich noch gegen 90,000 Mann in 
den Lazaretten. 



kommt, ton denen 830,000 Mann Infanterie, 72,600 Reiter, 33,500 Mann Artillerie und 
4000 Mann Ingenieur -Trappen, wobei die 3333 Mann, welche zur Armee -Verwaltung 
gehörten, ebenfalls nicht gerechnet Rind. 

Wie wohl der General Pelet selbst versucht, den Wert seiner eigenen Zahlen 
herabzusetzen, — dieselben enthielten, sagt er, nur die Effectivstärke , nicht den 
Präsenzstand, es sei noch ein anderer Rapport vorhanden, in dem von 301,000 Mann 
Infanterie und 55,000 Reitern die Rede sei, aber selbst das sei zu viel, wahr- 
scheinlich seien die Angaben Fain's und Vaudoncourt's richtig, dafs die Armee 
nur 300,000 Mann gezahlt habe, — so gelingt ihm dies doch nicht, denn es steht 
Napoleons eigenes Zeugnis sowie das seiner Marschälle St Cyr und Marmont 
entgegen, daher denn auch selbst Thiers nicht unter 360,000 Mann heruntergeht. 

Zu obigen Zahlen müssen nun aber noch einige Verstärkungen gerechnet 
werden, die bei Beginn der Feindseligkeiten eintrafeu, 

1. die 3. württembergische Infanterie-Brigade mit 2446 Mann, 6 Geschützen. 

2. 2 Schwadronen hessischer Chevaulegers mit 338 Mann. 

3. Das 5. Kavallerie-Corps mit 3000 Mann, 6 Geschützen. 

Rechnet man diese, von Bcrnhardi zwar aufgeführten aber nicht mit eingerechneten 
Truppen sowie das Personal der Armee- Verwaltung hinzu, so kommt man auf die 
von Marmont gegebene Zahl von 

460,000 Mann. 

Dafs die Pelet'schen Zahlen die Präsenzstärke und nicht den Effectivstand 
geben, ist in neuster Zeit durch das Werk von C. Ruusset bestätigt worden. Nach 
Rousset betrug die Stärke der französischen Armee ohne Lanusse und Margarou 
425,000 Mann, mit beiden sowie den Truppen Augereau's und Milhaud's aber 

460,000 Mann, 

ungerechnet 90,000 Kranke. Diese Zahlen kommen also ungefähr auf dasselbe 
Ergebnis heraus. 

Hier ist von den Bernhard i'schen Zahlen nur insofern abgewichen, als die 
erwähnten Verstärkungen mitberechnet, und als das 3. Kavallerie-Corps uur zu 
6O0O Mann berechnet, aufserdem bei der Abteilung des General Margarou auch 
noch 200 Mann Artillerie hinzugerechnet sind. Bei einer Stärke von 27 Schwa- 
dronen, 4 Batterien hätte das 3. Kavallerie-Corps ohne die Artillerie eine Stärke 
von 6200 Reitern haben müssen, man wird dasselbe Alles in Allem also kaum 
viel höher als 6000 Mann berechnen können; in der Geschichte der Nord-Armee 
ist als mittlere Zahl für dieses Corps eine Stärke von 7000 Manu angenommen, 
was entschieden auch noch zu hoch gegriffen ist 

Darin, dafs die Rapporte vom 6. August für die Berechnung der Stärken am 
17. August zu Grunde gelegt sind, dürfte kaum eine wesentliche Fehlerquelle liegen, 
keinesfalls dürfte der Stand der Armee an letzterem Tage geringer gewesen sein 
als an ersterem; die auf Grund der Akten des französischen Kriegsministeriums 
in der Geschichte der Nord -Armee für das IV. und XIII. Corps gegebenen Zahlen 
für den 16. beziehungsweise 15. August, — für das VII. Corps und 3. Kavallerie- 
Corpa sind in dem erwähnten Werke nur ungefähre Stärke -Angaben, für das 
XU Corps die vom 1. August gegeben — zeigen gegen die hier angeführten nur 

10* 



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142 



Die französische Armee im Jahre 1818. 



Die Stärke der national-franzosischen Truppen, welche fast vier 
Fünftel der Infanterie und zwei Drittel der Kavallerie bildeten, 
betrug 444 Bataillonen, 255 Schwadronen, 143 Batterien, der Rest 
— 115 V 4 Bataillone, 140 Schwadronen, 35 Batterien — bestand aus 
den Gestellungen der Bundesgenossen. Von letzteren bestand mehr 
als die Hälfte, uäralich 64 ■/« Bataillone, 74 Schwadronen, 16*/ a Batterie, 
aus Deutscheu, während die andere Hälfte sich aus Italienern, Polen, 
Dänen, Kroaten und Spaniern zusammensetzte. Aber auch unter 
den dem Namen nach französischen Truppen befanden sich aufeer 
den früher erwähnten in den Verband der französischen Armee 
aufgenommenen polnischen Reiter - Regimentern noch zahlreiche 
Deutsche, Niederländer und Italiener, umfaiste doch das unmittelbare 
französische Gebiet einen grofeen Teil von Ober- und Mittel-Italien, 
ganz Holland, das linke Rheinufer und die deutsche Nordseeküste. 



so geringe Abweichungen, dafs dieselben einfach durch die Verschiedenheit des 
Datums der Rapporte zu erklären sind. In derselben Quelle findet sich noch ein 
Beweis dafür, dafs die bezüglichen Zahlen die Präsenzstärken geben und nicht 
etwa die Sollstärken, wie u. a. auch der Verfasser von „Napoleon als Feldherr* 
annimmt, der die Präsenzstärke auf nur 850,000 Mann schätzt, denn es ist bei 
den betreffenden Corps aufser derselben auch noch die Effektivstärke gegeben 
d. h. der Stand der Corps einschliefslich der Kranken, Entsendeten u. s. w. Was 
die Letzteren anbetrifft, so sind dieselben weder in einem älteren Werke noch 
auch hier in Anrechnung gebracht, wiewohl sie nach Tausenden zählten, z. B. 
beim XIII. Corps 1500 Mann, und voraussichtlich später zum groben Teil zu 
ihren Truppen gestoben sind. Der Grund hierfür liegt in der Lückenhaftigkeit 
der vorhandenen Quellen. Es sei dies zum Beweise dafür angeführt, dafs die in 
Obigem gegebenen Zahlen für die Stärke der groben Armee nicht zu hoch ge- 
griffen sind. 

Die Geschützzahlen sind im allgemeinen nach der von Rousset gegebenen 
Zahl der Batterien berechnet, wobei zu bemerken ist, dafs die bayerischen, westr 
fälischen und württembergischen Fufe-Batterien sowie alle reitenden zu 6, die 
übrigen Batterien mit Ausnahme eines Teiles der polnischen sowie einer Anzahl 
französischer Fufs- Batterien beim III., V., VI. und XII. Corps, welche nachweislich 
— d. h. gefolgert aus der bekannten Geschützzabl der betreffenden Corps — eben- 
falls nur 6 Geschütze hatten, zu 8 Geschützen berechnet sind. In dieser letzteren 
Ausnahme liegt schon, dafs die Angabe des Geschutzstandes der Armee keine 
vollständig genaue sein kann, sondern vielmehr als höchste Zahl gelten raufs. Für 
das I., III., IV.. V., VI., VII., VIII. und XII. Corps ist die Geschützzahl genau 
bekannt. Die Artillerie Girard's wird meist nur zu 18 Geschützen gerechnet, da 
aber 7 Geschütze verloren gingen und 15 gerettet wurden, mufs sie 22 Geschütze 
gezählt haben. Im Ganzen rechnen Bernbardi und Pelet 1200, Fain 1250, Ode- 
leben, Thiers und der Verfasser des „precia militaire" 1300 Geschütze. In der 
Geschichte der Nord* Armee ist die Artillerie des 3. Kavallerie-Corps wohl irrtüm- 
licher Weise mit nur 9 Geschützen, die dänische Artillerie bei Davout dagegen 
zu hoch berechnet. 



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Di« französische Armee im Jahre 1813. 



143 



Hierzu kamen nun noch zahlreiche in zweiter und dritter Linie 
befindliche Streitkräfte. 

Ea ist bereite früher gesagt worden, dafs die bayerische 
Regierang ein Corps von 25,000 Mann aufgestellt hatte, welches 
jetzt unter Wrede am Inn stand. Wenn dieses Corps nun auch 
thatsächlich im Oktober seine Rolle wechselte und in den Reihen 
des Feindes erschien, so wurden augenblicklich immerhin doch 
durch dasselbe nicht unerhebliche feindliche Streitkräfte in Schach 
gehalten. 

Auch die westfälische Regierung verfugte, trotzdem sie ihre 
Truppen erheblich verstärkt hatte, noch über ungefähr 10,000 Mann, 
welche indessen zu ihrem eigenen Schutze erforderlich und überdies 
so ungeübt und widerwillig waren, dafs der König Jerome sich mit 
einer französischen Leibwache umgeben mulste. 

Teils ebenfalls zum Schutz der westfälischen Regierung, teils 
auch zur Verhütung von Einfallen feindlicher Parteigänger war bei 
Minden ein Observations-Corps unter dem General Lemoine zu- 
sammengezogen. Zusammengesetzt war diese Abteilung aus 7 Ba- 
taillonen,*) welche eigentlich zu Regimentern des II. Corps gehörten, 
sowie aus 500 Pferden verschiedener Kavallerie-Regimenter und 
einer Batterie, im Ganzen vielleicht 5000 Mann, 8 Geschütze stark. 
Als der General Lemoine im September nach Magdeburg gezogen 
wurde, um dort die Division Lanusse zu ersetzen, rückte in seine 
bisherige Stelle bei Minden der General Amey mit 3 Bataillonen 
Schweizer. 

Zu all diesen Streitkräften kamen nun noch die Besatzungen 
einer grofsen Zahl von Festungen, welche sich in den Händen der 
Franzosen befanden. Abgesehen von den 45,000 Mann der Garnisonen 
von Danzig und derjenigen Festungen, die Napoleon noch in Polen 
und an der Oder besais, welche immerhin zwar vorläufig noch einen 
Teil der feindlichen Streitkräfte fesselten, über die er indessen nicht 
verfugen konnte, da die genannten Festungen ausserhalb seiner 
Machtsphäre lagen, standen in den deutschen Festungen gegen 
30,000 Mann — in Hamburg 12,000 Mann, Bremen 1500 Mann, 
Magdeburg 3250 Mann,**) Wittenberg 2318 Mann, Torgau 2000 Mann, 
Dresden 4500 Mann, Erfurt 1874 Mann und Würzburg 2500 Mann. 

Sodann hatte noch die Reiterei der grofsen Armee in Deutsch- 
land drei dem General Bourcier unterstellte Depots, welche sich in 



*) Nach anderen Angaben 6 oder auch 8 Bataillone. 
••) Nach Abzug der Division Lanuwe. 



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144 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Magdeburg, Haniburg und Frankfurt a/M. befanden und anfänglich 
zusammen 7800 Mann zählten, später aber stärker waren. Im 
September wurden diese Depots nach Frankreich gezogen. 

Die Feld -Armee erhielt aus all diesen Truppen keinen unmittel- 
baren Zuwachs, es waren aber aufserdem nicht unerhebliche Ver- 
stärkungen und Ersatzmannschaften vorhauden, welche derselben 
im Laufe des Feldzuges zufliefsen sollten, darunter auch die einst- 
weilen noch fehlenden 4 Bataillone junger Garde uud 8 Schwadronen 
Ehrengarde, welche erst im September beziehungsweise Oktober bei 
der Armee anlangten. 

Den hauptsächlichsten Bestandteil dieser Verstärkungen bildete 
das zur Zeit noch in der Formation begriffene Observations-Corps 
des Marschall Augereau, das spätere IX. Armee-Corps. Nach Abgabe 
von 4 Divisionen an den Marschall St. Cyr bestand dieses Corps 
nur noch aus 2 Divisionen, welche 23 Bataillone, 46 Geschütze 
zählen sollten. Hierzu sollte nun noch eine bayerische Division 
stofsen, doren Gestellung indessen, wie erwähnt, unterblieb. Beim 
Ablauf des Waffenstillstandes war das Corps, welches sich mit Aus- 
nahme des 113. Regiments, das ursprünglich zur Division Teste 
gehört hatte, aus lauter provisorischen Regimentern zusammensetzte, 
noch im Werden begriffen. Als das Corps später — Anfang Oktober 
— von Franken durch Thüringen nach Sachsen rückte, scheint es 
23 Bataillone, 2 Batterien = 12,000 Mann, 16 Geschütze stark 
gewesen zu sein. Zwei zur Verstärkung dieses Corps bestimmte, 
aiiHschliefslich aus jungen Ausgehobenen gebildete Divisionen, welche 
in der Folge 20 Bataillone mit ungefähr 10,000 bis 12,000 Mann 
stark gewesen sein mögen, befanden sich zur Zeit erst in den aller- 
ersten Anfängen ihrer Organisation; gegen Ende des Feldzuges 
gingen sie als Marsch- Bataillone zur Armee, bei der sie zum gröfsteu 
Teil aufgelöst wurden. 

Mit Augereau zusammen wurde seiner Zeit auch noch das zur 
Zeit im Marsch auf Würzburg befindliche Kavallerie -Corps des 
General Milhaud nach Sachsen gezogen. Aus 17 Schwadronen 
gebildet, von denen 16 denselben Regimentern wie diejenigen des 
5. Kavallerie-Cor})8 angehörten, sollte es mit diesem nach seiner 
Ankunft bei der Armee verschmolzen werden, daher es eigentlich 
nur eine Verstärkung für dasselbe war und demgemäXs auch die 
Nummer 5 bis führte. Diese unmittelbar aus Spanien kommenden 
3000 alten Reiter bildeten nach ihrer Ankunft bei der Arme« 
zweifellos den besten Bestandteil der französischen Kavallerie. 

Aufser durch diese geschlossenen Verbände erhielt die Armee 



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Di« französische Armee im Jahre 1813. 



145 



in der Folge im Laufe des Feldzuges noch mannigfachen Zuwachs 
durch das Eintreffen von Ersatzmannschaften, welche als Marsch- 
truppen formiert in gröfseren, meist aus allen Waffen bestehenden 
Abteilungen ihr nachrückten. Es war die Furcht vor den Partei- 
gängern der Verbündeten, welche das Nachsenden kleinerer Ersatz- 
Abteilungen ausschlofs und zur Bildung grösserer Verbände zwang, 
deren Schutz die für die Armee erforderlichen Transporte anver- 
traut wurden. Bei der Armee angelangt, wurden diese Marsch- 
truppen teilweise aufgelöst, teilweise aber auch wie z. B. diejenigen 
des General Lefol in ihren provisorischen Verbänden verwandt. 
Vielfach gelangten diese Marschtruppen übrigens garnicht zur 
Armee, sondern wurden als Besatzungen in die Etappenplätze 
gelegt. 

Wie grofs die Gesamtstärke aller dieser der Armee zufliefsenden 
Verstärkungen gewesen sein mag, ist kaum festzustellen, nach einer 
Angabe bei Thiers, die gewife nicht zu hoch gegriffen sein dürfte, 
scheint dieselbe mindestens 50,000 Mann*) betragen zu haben. 

Einschliefslich der für die Feld -Armee in der Bildung begriffeuen 
Verstärkungen, sowio der Kranken und Verwundeten und ein- 
schliefslich der Besatzungen und zwar auch derer der preufsischen 
und polnischen Festungen, sowie endlich noch der bayerischen und 
westfälischen Truppen, über welche der Kaiser nur bedingt verfügte, 
betrug demnach die Gesamtstärke aller auf dem nordischen Kriegs- 
schauplatz vorhandenen napoleonischen Streitkräfte über 

700,000 Mann. 

Um das von Napoleons organisatorischen Mafsnahmen gegebene 
Bild zu vervollständigen, mufs in der Kürze noch der in Italien 
gebildeten Armee Erwähnung gethan werden. Trotzdem während 
des Waffenstillstandes nicht nur die nötigen Ersatzmannschaften 
namentlich für die bei Königswartha so übel zugerichtete italienische 
Division, sondern auch noch 4 Reiter-Regimenter — die 13. und 
14. Husaren, die italienischen Napoleon-Dragoner und die 2. italie- 
nischen Jäger — nach Deutschland gezogen worden waren, hatte 
Napoleon es dennoch möglich gemacht, auf dem italienischen Kriegs- 
schauplatz 85 Bataillone, 26 Schwadronen**) = 60,000 Mann auf- 



*) Ohne 15,000 Mann Ereatitrnppen, welche erst nach der Schlacht von 
Leipiig hei der Armee eintrafen heriebnngBweise teilweise nach Kassel röckten. 

•*) Franiosen 48 Bataillone, 10 Schwadronen, Fremden-Regimenter 3 Ba- 
taillone, Italiener 24 Bataillone, 12 8chwadronen, Illyrier 4 Bataillone, Neapolitaner 
6 Bataillone, 4 Schwadronen. 



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146 Die franröeische Arme« im Jahre 1813. 

zustellen, welche in 7 Divisionen*) eingeteilt waren. Den Haupt- 
bestandteil dieser von dem Vicekönig befehligten Armee bildeten 
die reorganisierten französischen und italienischen Truppen des ehe- 
maligen IV. Armee-Corps der grofsen Armee von 1812. Hieran 
waren dann noch mehrere provisorische Halbbrigaden, ferner einige 
neuformierte beziehungsweise ergänzte franzosische, italienische und 
illyrische Truppen, einige Bataillone der Fremden-Regimenter und 
eine neapolitanische Abteilung gestofsen. Napoleon hoffte, dafs das 
Gros der neapolitanischen Armee, noch über 25,000 Mann, die 
Streitkräfte des Vicekönigs verstärken würde, allein er sollte sich 
hierbei ebenso verrechnen, wie bei den bayerischen Truppen des 
General Wrede. 

Die auf dem spanischen Kriegsschauplatz stehenden Armeen 
hatten unter den fortwährenden Abgaben an die Neuformationen 
natürlich in einem hohen Grade leiden müssen, und dazu waren 
dann noch die grofsen Verluste gekommen, welche sie namentlich 
in der Schlacht bei Vittoria erlitten hatten. Dank dem Eifer des 
Marschall Soult, der in Folge dieser Schlacht als Stellvertreter des 
Kaisers nach Spanien geschickt worden, war es aber gelungen, 
diese Verluste einigerraafsen zu ersetzen und die geschlagene Armee 
zu reorganisieren, und so zählten denn die jetzt von ihm und dem 
Marschall Suchet befehligten franzosischen Heere in Spanien zu- 
sammen zur Zeit über 100,000 Mann. 

Im Inneren des Reiches standen freilich nur noch schwache 
Stämme und Depots, deren Stärke kaum einmal schätzungsweise 
angegeben werden kann. Zieht man die für die Ersatzmannschaften 
der grofsen Armee angegebenen und bereits verrechneten Zahlen ab, 
so dürften diese Stämme und Depots ohne dieselben im gegen- 
wärtigen Augenblick kaum mehr als 40 bis 60,000 Mann gezählt 
haben. Hierzu kam nun noch eine Anzahl von Marine-Soldaten, 
sowie sehr bald auch die bereits erwähnte, von dem Senat unter 
dem 24. August genehmigte Aushebung von 30,000 Mann ans den 
3 Klassen von 1812, 1813 und 1814, welche eigentlich zur Füllung 
der Lücken bei der Armee in Spanien bestimmt war. 

Die Gesamtstärke aller von Napoleon und seinen Verbündeten 
aufgestellten Streitkräfte wird demnach im August 1813 kaum 
weniger als 

1,000,000 Soldaten 



*) Aufaer einer Reserve-Division die Divisionen mit den Nummern 46, 47, 
48, 49, 50 und 56. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



147 



betragen haben. Es waren dies gewaltige Massen, und wenn ihre 
Güte nur einigermafsen berechtigten Anforderungen entsprach, so 
konnte ein Napoleon getrost mit ihnen den Kampf gegen das 
gesamte Übrige Europa aufnehmen. 

Wenn man die Verhältnisse der grofsen Armee beim Wieder- 
Ausbruch der Feindseligkeiten kurz schildern will, so kanu man 
sagen, dafe die im Frühjahrsfeldzuge erlittenen Verluste zwar in 
numerischer Beziehung, nicht aber in Bezug auf inneren Wert gedeckt 
waren, dafs die Armee durch eine grofse Anzahl neuer Formationen 
von meist höchst zweifelhaftem Werte verstärkt war, und dafe ein 
Mangel an Kavallerie und Artillerie nicht mehr bestand. 

Bei der Infanterie hatten sich die Verbände mehr in einander 
gelebt und die Ausbildung im grofeen Ganzen sich entschieden ge- 
bessert. Ganz abgesehen von der alten Garde hatten namentlich die 
jnnge Garde und die Infanterie des VI. Corps bedeutende Fort- 
schritte gemacht, so dafs deren Bataillone sogar Bewegungen in 
Linie ausführen konnten. Dafs der letztere Umstand überhaupt 
überliefert ist, mufs für die damalige französische Infanterie als 
höchst bezeichnend angesehen werden. Sehr zurück war dagegen 
die Infanterie des II. und des XIV. Corps, von denen letztere eben 
erst aus Rekruten neugebildet war, während erstere in Folge der 
langen Entsendung des Corps in jeder Beziehung von dem grofsen 
Hauptquartier in einer Weise vernachlässigt worden war, dafe sie 
nach einem Bericht Victor's vom 5. August kaum zu irgend welchen 
Hoffnungen berechtigte. Bei den übrigen Corps sah es abgesehen 
von den zuletzt eingetroffenen Ersatzmannschaften im Allgemeinen 
besser aus, indessen erwarteten fast alle noch weiteren Ersatz. 

Die beiden Hanptnbel der Armee nnd namentlich der Infanterie, 
die Schwäche der Stamme und die grofse Schwächlichkeit der jungen 
Soldaten, hatten natürlich nicht beseitigt werden können, sondern 
hatten vielmehr noch zugenommen. Bei der Unmöglichkeit, die 
erlittenen Verluste au Offizieren und Soldaten auch nur einiger- 
mafsen zu ersetzen, wurde doch so schon jeder ans Spanien kommende 
Soldat zum Unteroffizier befördert, und bei der ununterbrochenen 
Aufstellung neuer Formationen mufeten die denselben zugeteilten 
Stämme natürlich immer spärlicher ausfallen. Und auch die Schwäch- 
lichkeit der Soldaten wurde immer allgemeiner, je mehr die Lücken 
mit Ausgehobenen von 1814 gefüllt wurden; deutschen Augenzeugeu 
schienen diese jungen Soldaten unter der Last ihrer Ausrüstung 
erliegen zu müssen, und der Marschall St. Cyr, dessen Bataillone 
lediglich aus Angehörigen dieses Jahrganges gebildet waren, sagte 



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148 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



von ihuen: »ils etaient d'une faiblesse qui faisait peine ä voir.« 
Für eine energische Kriegführung war die Infanterie fast noch 
weniger angethan, als sie es im Frühjahr gewesen. 

Die Kavallerie war zahlreich und der Stärke der Armee ent- 
sprechend. Dir Garde- Kavallerie mit Ausnahme der Ehrengarden 
und die schwereu Divisionen der beiden ersten Kavallerie-Corps 
waren leidlich, die leichte Kavallerie dagegen mit Ausnahme der 
polnischen Schwadronen so schlecht, dafs Napoleon mit ihr im 
höchsten Grade unzufrieden war. Durchweg die schlechtesten 
Schwadronen befanden sich zweifellos bei dem 5. und demnächst 
dem 3. Kavallerie-Corps, dieselben waren zur Aufklärung gar nicht 
verwendbar und bedurften stets des Schutzes ihrer Infanterie. Was 
insbesondere die deutsche Kavallerie anlangt, so vertrug sich die- 
selbe mit der französischen sehr schlecht und war überdies unzu- 
verlässig, ganz besonders galt dies von den westfälischen Schwadronen, 
welche aufserdem noch eine auffallend grofse Zahl von gedrückten 
Pferden aufwiesen. 

Die Artillerie war stark und im Allgemeinen auch gut; der 
Nachteil der Verschiedenheit und der vielfach übermäfsigen Schwere 
des Materials hatte natürlich nicht abgestellt werden können. 

Von den Bundesgenossen galten die Sachsen und die Polen als 
die zuverlässigsten, dagegen die Westfalen, Spanier, Kroaten und 
nächst ihnen die Italiener als die unzuverlässigsten. 

Der Geist der Armee hatte sich im Allgemeinen nicht gebessert. 
Wenn sich die Soldaten auch während der Zeit der Ruhe etwas 
mehr an die Disziplin gewöhnt hatten, so hatte es anderseits doch 
auch nicht an zersetzenden Einflüssen und Eindrücken gefehlt, und 
so war dieselbe noch immer überaus mangelhaft, ihre Stichhaltigkeit 
daher im höchsten Grade zweifelhaft ; es kam hinzu, dafs diejenigen 
unter ihnen, welche den Frühjahrsfeldzug mitgemacht, statt der 
erhofften und ihnen vorgespiegelten Genüsse nur Entbehrungen und 
Anstrengungen und zwar in einer Weise kennen gelernt hatten, 
dafs ihnen der Geschmack am Kriege vergangen war. Die Rück- 
wirkung auf den jungen Nachschub war natürlich nicht ausgeblieben. 
Mit Ausnahme eines Teils der Subaltern-Offiziere und vielleicht auch 
der wenigen alten Soldaten wünschte in der Armee jeder — nament- 
lich aber die höheren Offiziere — den Frieden. 

Es zeigte sich jetzt, wie sehr Frankreich durch die voran- 
gegangene eiuundzwauzigjährige Kriegs-Periode ermattet war, so dafs 
selbst nicht einmal die Armee oder auch nur ihre Führer die 
Energie Napoleons teilten, welcher ausschließlich mit der Herstellung 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 149 

der Grundlagen seiner Macht d. h. der Verstärkung seiner Streit- 
mittel beschäftigt war. Aufser bei ihm, der als Usurpator einen 
glücklichen Krieg gebrauchte, war das Bedflrfnis nach Frieden all- 
gemein, und jedem sagte sein Gefühl, der Kaiser hätte den Frieden 
haben können, es aber nicht gewollt oder bestenfalls don richtigen 
Augenblick verpafet. Hierzu kam, dafs in Folge des Beitritts 
Österreichs zu den Verbündeten jeder bis zum letzten Trainsoldaten 
herab von dem Gedanken an die bevorstehende ungeheure Kriegs- 
arbeit überwältigt war, namentlich aber die Marschälle und Generale, 
welche sich des Gedankens nicht erwehren konnten, dafs sie es mit 
einer erdrückenden Übermacht zu thun haben würden. »Ce qu'il y 
a de fächeux dans la position des choses,« schreibt Napoleon am 
22. August an Maret, »c'est le peu de confiance qu'ont les generaux 
en eux-memes. Les forces de l'ennemi leur paraissent cousiderables 
partout oü je ne suis pas.« Dies mufste verhängnisvoll werden bei 
den zu selbststandigen Stellen berufenen Führern, welche mit der 
Zuversicht auf den guten Ausgang auch einen grofsen Teil der Aus- 
sichten auf Erfolg einbn&ten; so machte denn nicht nur Macdonald 
seine Unthätigkeit von 1812 nicht wieder gut, sondern auch selbst 
Ney, der Tapferste der Tapferen, und Oudinot, der noch bei Bautzen 
neue Lorbeeren zu seinen an der Beresina erworbenen hinzugefügt 
hatte, ja selbst sogar der eiserne Davout, der bis dahin so recht 
eigentlich Napoleons Schlachtschwert gewesen, sie alle waren gegen 
früher wie verwandelt. Napoleon hat sich in der Folge in dem 
Memorial von St. Helena über seine Marschälle bitter beklagt. Er 
hätte sie mit Ehren und Reichtümern vollgestopft, so heifst es dort, 
sie aber hatten den Becher des Genusses getrunken und nach Ruhe 
verlangt; das heilige Feuer sei bei ihnen erloschen gewesen, sie 
wären lieber Marschälle Ludwigs XV. gewesen. »La fatigue et le 
de'couragement,« so fährt er wörtlich fort, »gagnaient le plus grand 
nombre; mes lieutenants devenaient mous, gauches, malad roits, 
consequemment malheureux.« Zu verwundern war dies freilich 
nicht, denn wenn die französischen Generale durchschnittlich vielleicht 
auch 10 Jahre jünger sein mochten als diejenigen der Verbündeten, 
so hatten sie dafür 2 Jahrzehnte im Feldlager zugebracht, und 
Nichts zehrt mehr am Lebensnerv als fortwährender Krieg, wie 
denn ja auch die meisten von ihnen in verhältnismässig jungen 
Jahren starben. 

Anderes kam hinzu. Durch Gunst und Umtriebe mannigfachster 
Art waren zahlreiche Personen untergeordneten Geistes bis in die 
höchsten Stellen hinaufgelangt, und vielfach hatten ihnen tüchtige 



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150 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Leute weichen müssen, weil sie nicht immer ihr Milsfallen hatten 
verbergen können, oder weil sie zu selbstständig gewesen. Überhaupt 
hatte Napoleon während seiner ganzen Laufbahn seine Generale 
planmäfsig zur Unselbständigkeit erzogen, 80 dafe selbst die hervor- 
ragenderen unter ihnen wie Macdonald, Marmont, Ney und Oudinot 
zwar gute Unterführer, aber nur mittelmäfeige Feldherren waren; 
diu hervorragendsten unter ihnen befanden sich aber entweder wie 
Soult und Suchet in Spanien oder waren wie Massena und Davout 
ganz oder teilweise in Ungnade gefallen, so dafs jener überhaupt 
nicht, dieser auch nur auf einem Nebenschauplatz Verwendung fand. 

Ein anderer Umstand, der sich im höchsten Grade fühlbar 
machen sollte, war endlich noch die schon erwähnte Indisziplin 
unter den höheren Führern. Wohl gehorchten alle diese stolzen 
Marschälle und Generale noch unbedingt ihrem Kaiser, der wie 
wenige es verstand, sich Gehorsam zu verschaffen, aber untereinander 
war von Subordination nicht die Rede, das hatte Ney in Spanien, 
Oudinot in Russland und ganz neuerdings auch Reynier bewiesen, 
dessen kaum zu bezeichnendes Benehmen gegen Davout im März 
1813 schon erwähnt wurde. »Personne dans l'armee,« so schreibt 
Marmont, »n'avait Tautorite ne'cessaire pour Commander plusieurs 
corps d'armee ä la tete desquels etaient des marechaux. Napoleon 
seul pouvait se servir de semblables £l£ments.c 

Dies alles waren Umstände, welche um so schwerer ins Gewicht 
fallen mufsten, je mehr die Gröfee des Heeres und die räumliche 
Ausdehnung des Kriegsschauplatzes eine Teilung der Streitkräfte 
erforderten und es Napoleon unmöglich machten, überall zu sein. 
Es war ein prophetisches Wort, welches ihm Marmont am 15. August 
schrieb: »Je crains bieu que le jour oü Votre Majeste aura remporte 
une victoire et cru gagner une bataille decisive, eile n'apprenne 
qu'elle en a perdu deux.« (Fortaetsong folgt) 



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IX. 



Der Feldzug von 1809 in Tirol, 
im salzburgisclien und an der bayerischen 

Sftdgrenze. 

Mit besonderer Bezugnahme auf den Anteil der bayerischen Trappen bearbeitet 

TM 

J. y. Heilmann, 




(Fortsetzung ) 
I. 

Die Katastrophe in Tirol am 13. April 1809. 

Major Zoller war inzwischen genötigt worden, die Stellung an 
der Innbrücke zu verlassen. Er warf sich in die oberhalb der 
Innbrücke befindliche Innkaserne. Als sich auch Major März an 
die Triumphpforte zurückgezogen hatte, liefe Oberst Ditfurth die 
dort entbehrlichen Truppen durch den Oberstlieutenant Spansky 
an die Hauptwache fuhren, wohin er selber mit einigen Dragonern 
vorauseilte. Als er dort anlangte, mufste er sich zu seinem Er- 
staunen uberzeugen, dafs die dort zurückgelassenen Compagnien von 
dem Geuerallieutenant Kinkel inzwischen abteilungsweise nach 
allen Richtungen ausgeschickt worden waren, um den gerüchtweise 
in die Stadt eingedrungenen Aufständigen entgegenzutreten. Dit- 
furth entsandte sofort Dragoner-Ordonnanzen, um diese Abteilungen 
aufzusuchen und wieder an die Hauptwache zurückzuführen. Das 
war nun nicht so leicht durchzuführen, da doch einzelne Schwärme 
der Aufstand igen über die Innbrücke in die Stadt eingedrungen 
waren,*) was zu verschiedenen Einzel-Gefechten führte. Ungeduldig 

*) Es war 8'/t Uhr Vormittags, als der Schwall der am Unken Innofer 
stehenden Bauern sich ober den Ursulinergraben und das goldene Dichel in die 
Stadt zu ergieben begann. 



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152 



Der Fel<hug von 1809 in Tirol, 



hierüber ritt Ditfurth selbst umher, um die herankommenden 
Truppen zur gröfeten Eile anzuspornen. Als er bei dieser Gelegenheit 
auf einen Haufen Bauern stiefe, den er zum Auseinandergehen auf- 
forderte, erhielt er einen Schüfe, der ihm den Knöchel des linken 
Fufses zerschmetterte. Bei der Hauptwache angelangt, mufete Dit- 
furth aus dem Sattel gehoben werden. 

Die Aufstandigen hatten sich mittlerweile der Spitalkirche und 
der Spitalgebäude bemächtigt. Da hierdurch die Verbindung mit 
dem an der Triumphpforte stehenden Major März unterbrochen war, 
beschlofo Ditfurth die Aufständigen zunächst aus der Spitalkirche 
zu vertreiben, hierauf den in der Inukaserne eingeschlossene Major 
Zoller zu entsetzen und dann mit diesem vereint die Aufständigen 
über den Inn zurückzuwerfen. 

Da Ditfurth in Folge seiner mannigfachen Verwundungen weder 
murschiereu noch reiten konnte, so liefe er sich auf einer Tragbahre, 
welche von Dragonern, die ihre Pferde verloren hatten, getragen 
wurde, in die Nähe des Gefechtes bringen. Der Avantgarde, welche 
Lieutenant Martini führte und aus Freiwilligen bestand, waren 
Zimmerleute des Regiments zugeteilt, um die Thore der Spitalkirche 
aufzusprengen, dann folgte Oberstlieutenant Spansky mit einer 
Abteilung, welche in die Spitalkirche eindringen und dieselbe vom 
Feinde säubern sollte. Unerschrocken gingen die Zimmerleute, unter 
einem heftigen feindlichen Feuer, an die Arbeit. Schon begannen 
die Thorflügel unter ihren Axthieben zu wanken, als gleichzeitig 
Lieutenant Martini und Oberstlieutenant Spansky getötet wurden. 
Dem Oberst Ditfurth wurde die Kinnlade zerschmettert und ein 
Teil seiner Träger getötet und verwundet. Ditfurth stürzte zur 
Erde. Als dies die Aufstäudigen sahen, gerieten sie in unbändigen 
Jubel und stürmten unter den Huf: »Der Ditfurth ist hin! Der 
Ditfurth ist hin! alleweil d'rauflc mit wütendem Ungestüm auf 
die Truppen ein. Der Hingebung und Aufopferung mehrerer Unter- 
offiziere und Soldaten gelang es, den Oberst nach der Hauptwache 
zu schaffen, wohin alle Truppen zurückgingen. Auch Major Zoller 
aus der Innkaserne und Major März von der Triumphpforte fanden 
sich gleichfalls dort ein, so dafe sich mit den Dragonern unter 
Major Erbach, etwas mehr als 500 Mann dort befanden. Alles 
übrige war tot, verwundet und gefangen oder leistete in kleinen 
vereinzelten Abteilungen verzweif lungsvolleu und rühmlichen Wider- 
stand. Ditfurth hatte seinen Soldaten den ganzen Tag über mit 
einer solchen Todesverachtung und einem Heldenmut vorangeleuchtet, 



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im sahtburgiachen und an der bayerischen Sudgrenze. 153 

dafs ein Tiroler hierbei in die Worte auabricht:*) »Der Hais der 
Tiroler ob der Fleimsergeschichte (wo Ditfurth die Widerspänati geu 
zn Paaren trieb) milderte sich beim Anblick solcher Tapfer- 
keit, die so lange leben wird, als der Kampf der Tiroler 
selbst.« Solcher Heldenmut fand Nachahmung. Soldat Gang - 
hofer,**) der die Fahne aus der Hand eines Sterbenden genommen, 
sprang mit ihr in einen Ziehbrunnen, um dieses Kleinod nicht lebend 
dem Feinde überlassen zu müssen. Die andere Fahne wurde nicht 
aufgefunden, vermutlich hat auch ihr Träger sein Leben zum Opfer 
gebracht und das ihm anvertraute Panier vernichtet. Die Tiroler 
rühmen sich zwei bayerische Fahnen erobert zu haben, was insoweit 
richtig ist, als sie aufeer der oben erwähnten Fahne, die sie unter 
dem zerschmetterten Leibe des braven Ganghofer hervorholten, 
auch die alte, nicht mehr im Dienstgebrauch befindliche, in der 
Wohnung des Oberst Ditfurth aufgefunden haben.***) 

Statt den schwachen Rest der zusammengedrängten Besatzung 
vollends zu vernichten, durchzogen die Aufständigen jubelnd und 
jauchzend die Strafsen, feuerten ihre Stutzen in die Luft und trieben 
eine Menge thörichter Dinge. Es war 9 Uhr Vormittags, als die 
au der Hauptwache versammelten Majore Zoller, März und Erbach 
den Entschluß fafaten, sich nach der eine Viertelstunde unterhalb 
Innsbruck gelegeue Muhlauer Brücke durchzuschlagen, daun auf 
dem linken Ufer des Inn nach Hall zu marschieren und hierauf 
vereint mit dem dort stehenden Oberstlieutenant Bereu clau durch 
das Achenthai nach Bayern zu entkommen. Als die drei Majore 
nach Muhlau aufbrachen, wurde Oberst Ditfurth von der Haupt- 
wache durch Seitengassen in das Stadtspital gebracht, wo sich seiner 
der Hospitalverwalter Cornelii in menschenfreundlichster Weise, ja 
mit Gefahr seines Lebens, annahm. Ehre dem trefflichen Mann! 
Unangefochten erreichte die Kolonne die St. Lorettokapelle, wo sie 
unglücklicherweise Halt machte, um zu rasten, statt ohne Aufenthalt 
auf Hall zu marschieren. Dieser Aufenthalt brachte ihr Verderben. 
Übrigens hatte sich auch die Lage bei Hall und Volders verändert. 
Als am 11. der Aufruhr in Innsbruck ausbrach, wurde die in 
Büi gerquartieren untergebrachte Compagnie in leere Kasernen zu- 
sammengezogen. Die ausgeschickten Patrouillen merkten »nicht die 

•) Bei Weber, Andreas Hofer, 87. 

*•) 8tapp, die Emmerlinge, 8. Annage, 46, 46. Der heldenmütige Gang- 
hofer hatte vorher im 4. Regiment« gedient. 

••«) Ditfurth, Aus dem Leben des bayerischen Obersten v. Ditfurth, 
84, 85. 



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IM 



Der Feldzag von 1809 in Tirol, 



geringste zweideutige Bewegung, giugen eben über den Inn auf den 
sogenannten Ellenbogen«, der Weg, der über Matrey und Sterzing 
nach dem Brenner führt; ausgeschickte Patrouillen muteten zu 
Amba8 wieder umkehren, weil der Weg und die Berge mit be- 
waffneten Bauern besetzt waren. Der Posten an der Innbrücke 
wurde verstärkt und die Fürthen Innsbrucks besetzt. Der Posten 
zu Volders wurde durch die bei Müs stehende Mannschaft ver- 
stärkt. Die Verbindung mit Major Theobald war unterbrochen. 
Vom Generalkommando in Innsbruck traf der Befehl in Hall 
ein: Eiue Compagnie zum Abschicken immer iu Bereitschaft zu 
halten und von zwei zu zwei Stunden Patrouillen nach Innsbruck 
zu schicken. Um Mitternacht wurde der Posten von Volders von 
den Bauern aufgehoben. Die Nacht über war der Weg von Hall 
nach Innsbruck offen; die am 12. April früh 4 Uhr abgeschickte 
Patrouille kam nicht mehr zurück. Als sich überall bewaffnete 
Bauern blicken Helsen, wurde die in Bereitschaft gehaltene Coni- 
pagnie verteilt und alle Zugänge in die Stadt besetzt, um das 
Eindringen der Bauern zu verhindern und sie zu rück zujage u. Der 
Hauptaudrang geschah auf das Absamthor, von welchem Lieutenaut 
Besser »sie sehr gut zurückhielt«. Auf anderen Punkten gewannen 
die Bauern die Oberhand, fielen über die Bayern her und ent- 
waffneten sie. Der Posten an der Innbiücke war der letzte, den 
die Bauern überfielen. »So waren in Zeit von drei Stundeu die 
Posten alle durch die ungeheure Menge rasender Menschen über- 
wältigt, und meine schöne Hoffnung vereitelt, diese Stadt den 
Anfallen der Aufrührer, wie es mir zweimal einige Jahre früher 
zu Frankenstein in Schlesien gelungen, zu entreiüseu; glückte 
mir die Behauptung der Stadt nur noch einige Stuuden, so wäre 
nebst meinem Kommando zugleich die sich nach Hall zurück- 
gezogene Garnison von Innsbruck gerettet, und wahrscheinlich 
durch die Vereinigung ein Rückzug nach Kuf stein mittelst durch- 
schlagen möglich gewesen.«*) Major Erbach, der mit seineu 
Dragonern im »allzugrofsen Eifer« vorgegangen war, geriet in einen 
Hinterhalt und wurde gefangen. Beim Abliefern der Pferde drückte 
mancher Dragoner seinem treuen Rofs eine Kugel ins Ohr. Auch 
die Majore Zoller und März m nisten sich kriegsgefangen ergeben. 

•) Relation des 3. leichten BataiUons. Feldlug ton 1809. Tiroler Insurrektion. 
I. Periode. Verloren ging: Bagage wagen mit Kasse und 1553 Fl. 88 Pf. In- 
halt; die Offiziersbagagen; der Schnhwagen mit 156 Paar Schaben und 
71 Paar Sohlen, der Medixinwagen mit chirurgischen Apparaten, Bandagen- 
kasten; Muuitionswagen — Alles mit ganzer Bespannung. 



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im salxburgischen and an der bayerischen Sftdgrenre. 



155 



Nur 2 Conipagnien des 3. leichten Bataillons unter Major 
Theobald gelang es, zu entkommen. Als Theobald am 11. be- 
merkte, dafs es auf der Strafee bei Schwaz merklich lebhafter 
wurde, und besonders sich viel Landvolk anzusammeln begann, gab 
er der halben Compaguie, welche sich bei ihm befand, Befehl, sich 
au der Iunbrücke zu vereinigeu. Kaum war dieses geschehen, als 
ihm mitgeteilt wurde, dafs in der Stadt Sturm geläutet werde. 
Theobald begab sich zu der Truppe, liefe laden, ermahnte seine 
Soldaten zu entschlossener Gegenwehr, jedoch keinen Schuls vorher 
zu thun. Theobald mochte eine Stunde in dieser Stellung zu- 
gebracht haben, als er wahrnahm, dals die Zahl der Bauern wachse. 
Die Sturmglocken tönten durch das Thal, Alarmfeuer brannten auf 
allen Bergen »und ein ganzes Volk stiefe unter gräfelichem Geschrei, 
Drohungen und Verwünschungen gegen uns aus.t Schüsse fielen 
von allen Seiten, es war die Nacht der Trübsale. Theobald be- 
schlofs den Abmarsch. Er trat den Marsch nach Roth holz an, 
um sich mit der andern Hälfte der Compagnie zu vereinigen. Der 
Abmarsch war für die Aufständigen das Zeichen zum Angriff; 
wiederholt prallten brüllende Haufen gegen die Truppen, die ruhige 
Haltung nnd der kalte Mut derselben benahm den Angreifenden 
das Herz, in die Abteilung einzudringen. Nur einige Leute, welche 
nicht fest aufgeschlossen waren und sich in der Dunkelheit verirrten, 
fielen nebst den Bagage wagen mit seiner Bedeckung, 1 Sergeant 
und 12 Mann, in feindliche Hände. Die Offiziere erlitten grofcen 
Schaden, so verlor Major Theobald seine 3 Pferde und in barem 
Gelde 1700 Gulden, welche er in seinem Koffer verwahrt hatte. Am 
12. Morgens 1 Uhr Vereinigung in Roth holz mit der andern 
Compagnie und Marsch ins Achenthai. Eine weitere Compagnie 
des Bataillons, die in Rattenberg und Worgl stand, erhielt von 
Theobald die Weisung, über Brandeu- uud Steuberg sich eiligst 
nach dem Achenthai zu begeben. Die Brücke am Rothholz, 
Bixlegg und Ratten berg wurde abgeworfen. Lieutenant Engler, 
der mit 24 Mann, das Abwerfen der Brücke bei Rothholz zu 
besorgen hatte, und nicht schnell genug anschliefeen konnte, wurde 
in Jenbach von einigen Hundert Bauern überfallen und entwaffnet. 
Abends 4 Uhr traf die Compagnie Syberg ein. »Rührend war 
die Teilnahme, die uns die guten und patriotisch gesinnten Be- 
wohner von Kreut, Gmüud und Tölz bewiesen.« Die Com- 
pagnie vermifste 4 Unteroffiziere, 15 Gefreite und Gemeine 
und 2 Fourierschützen, die Majors- Compagnie Hiepgen in Wörgl 
2 Offiziere, 3 Unteroffiziere, 1 Tambour, 63 Gefreite und Gemeine 



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156 



Der Feldiug ron 1809 in Tirol, 



und 2 Fourieracbützen. Die Haltung der Truppe verdient »ein 
ausgezeichnetes Lob.«*) 

Am 4. Mai 1809 traf Major Theobald mit 7 Offizieren und 
279 Mann in Salzburg ein, wo ein Teil der Mannschaft mit öster- 
reichischer Armatur versehen und mit »grünen Rockein«, die sich 
dort vorfanden, gekleidet wurde. Diese beiden Coropagnien wurden 
ergänzt und vermochten während des weiteren Feldzuges in Tirol 
an verschiedenen Orten tüchtige Dienste zu leisten.**) 

Unterdessen hatten kleinere bayerische Abteilungen den Kampf 
in Innsbruck fortgesetzt. Namentlich leistete eine Truppe in der 
Innkaserne den tapfersten Widerstand. Von Stockwerk zu Stock- 
werk bis unter das Dach verteidigten sich diese Braven Schritt vor 
Schritt gegen die eingedrungenen Aufständigen und streckten erst 
dann die Gewehre, als die letzte Patrone verschossen war. 

Erst kurz vor 12 Uhr Mittags — nach anderen schon um 
10 Uhr Vormittags — war der Kampf mit vollständiger Niederlage 
der Besatzung Innsbrucks beendet. Entkommen war auch nicht 
Einer, allein bei weitem die Mehrzahl hatte erst nach ruhmwürdigsten 
Widerstand den Untergang gefunden und nur ein Einziger war 
beim eigentlichen Kampf unbeteiligt geblieben: Generallieutenant 
v. Kinkel. Es wird erzählt, er habe sich nach jenem verunglückten 
Kapitulationsversuch in seine Wohnung zurückgezogen und sei dort 
im Hauskleide von den Aufständigen gefangen worden. Nur durch 
einen ehrlichen Soldaten tod hätte Kinkel die Schmach sühnen 
können, die er über die braven Truppen gebracht hatte. 

Die Auftritte, welche sich nun in Innsbruck abspielten, über- 
steigen alle Begriffe. Ein Augenzenge***) sagt: »Ich würde zu 
keinem Ende kommen, wenn ich Ihnen die schauerlichen wütenden 
Auftritte dieses Tages einzeln und umständlich beschreiben wollte. 
In der ersten Wut dachte die siegende Horde nur ans Plündern 
und Beutemachen. Nachdem sich die erste Plünderungswuth gelegt, 
so dachten die Sturmer ans Essen und Trinken. Was Anarchie 
nach dem eigentlichen Sinn und Umfang des Wortes sagen will, 
kann nur der begreifen, der den Zustand und die Folgen derselben 
mit eigenen Augen gesehen.« Wo sich ein österreichischer Doppel- 
adler vorfand, wurde er hervorgezogen, mit grünen Reisern bekränzt, 

*) Major v. Theobald an Kronprins Ludwig, Commandern- der 4. Dir. 
Tölz, 14. April 1809. K.-A. Tiroler Insurrektion L Periode. 

**) Ruitb, Das königliche bayerische 12. Infanterie-Regiment Prini Ar- 
nulf, 81. 

*♦♦) Im Cod. germ. 6089 auf der Hof- und Staatsbibliothek in Manchen. 



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im salzbnrgischen und an der bayerischen Sudgrenze. 157 



von Alt und Jung umtanzt und angebrüllt, während der bayerische 
Löwe an der Burg und anderen öffentlichen Gebäuden den Stutzen 
der Landesschützen als Scheibe dienen mufste.*) Hand in Hand mit 
diesen lärmenden Aufserungen der Freude ging das düstere Geschäft 
der Gefangennahme bayerischer Beamten, denen keine Art der 
Demütigung und des Hohnes erspart wurde, welche der Übermut 
siegreicher Rache über den ehemals zu harten, nun machtlos ge- 
wordenen Unterdrücker zu verhängen vermochte. Ein Teil der 
zunächst beheimateten Aufständigen begab sich nach Hause, indes 
der übrige Teil in Innsbruck verblieb und dort ein tolles Leben 
führte bis er dem Schlafe in die Arme sank. 

Da auf einmal gegen 3 Uhr Morgens heulten die Sturmglocken 
aufs neue von den Türmen der Stadt und den umliegenden Dorf- 
kirchen. Ein starkes Corps Bayern und Franzosen, so hiefs es, sei 
von Schönberge im Anmärsche und seine Vortruppen standen bereits 
vor Wilten! Es waren Bisson und Wreden, welche um die 
Mitternachtsstunde von Stein ach aufgebrochen waren, und am 
frühesten Morgen den 13. über Matrey und Schönberg südlich 
von Innsbruck eintrafen. Als der Nachtrupp am Berge Isel an- 
kam, wurde er von allen Seiten beschossen. Um ihm Luft zu 
machen, ging ein Zug zur Vertreibung der Bauern in seinem Rücken 
auf die Berge, was auch seinen Zweck erreichte. In Wilten, wo 
aus den Häusern auf die Kolonne gefeuert wurde, erfuhr Wreden 
nun erst die Gefangennahme der Garnison Innsbruck und der 
2 Compagnien des 3. leichten Bataillons Bernclau. Der Schützen- 
major Straub in Hall war den 13. um 3 Uhr Morgens von Hall 
aufgebrochen und hatte die Sillbrücke und die waldigen Anhöhen 
des rechten Sillufers besetzt. Die Triumphpforte wurde in Eile 
mittelst Barrikaden aus Wagen, Weinfässern, Dünger u. s. w. ge- 
sperrt. »So traf diese ungelehrte Insurrektionsmasse 
Anstalten, welche Tags vorher dem bayerischen Anführer 
wahrscheinlich die Schmach seiner Niederlage erspart 
hatte.«**) Dieses französisch- bayerische Corps befand Rieh übrigens 
in einer verzweiflungsvollen Lage.***) Seit dem Morgen des 11. 



*) Als die österreichischen Adler dem bayerischen Löwen wieder Platz 
machen mufsten, erschien in Österreich der Vers: 

n Vergeblich suchet ihr die Adler auszumerzen, 
Solange sie noch steh'n auf Hunzen und im Herten." 
•*) Geschichte der Kriege in Europa u s. w., 8, 177. 
*•*) Der ganze Weg von Sterzing bis Innsbruck war für die marschierende 
Kolonne ein immerwährender Kampf, sie sah sich von alten Seiten bedroht, 

11* 



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if>8 



Der Feldzug von 1809 in Tirol, 



ununterbrochen auf dem Marsche, ohne einen einzigen längeren 
Ruhehalt zu machen, ohne etwas anderes zu gen i eisen, als die Reste 
aus ihrem Brotbeutel und das an der Strafte fließende Bachwasser, 
hatte es in voller Rüstung mit Gepäck und Waffen, einen durch 
enge Schluchten und über steile Berge führenden Weg von zwanzig 
Stunden Länge im fortwährenden Gefecht zurücklegen müssen, und 
zwar in einem Rückzugsgefecht entmutigendster Art. So waren 
schon seine Kräfte erschöpft, sein Mut erschüttert, seine Ordnung 
gelockert, ehe es vor Innsbruck ankam und die niederschlagende 
Kunde erhielt, dafs auch die Hauptstadt des Landes schon in der 
Gewalt des Feindes sei. Wreden schickte seinen Adjutanten Mark- 
reiter nach Innsbruck voraus, um seine Ankunft zu melden; an 
der Triumphpforte angelangt, wurde Markreiter*) vom Pferde 
geschossen und gefangen. Um Zug in die Sache zu bringen, schlug 
Wreden dem General Bisson vor »entweder auf freien Abzug zu 
kapitulieren oder sich nach Zirl durchzuschlagen.« General 
Bisson, welcher nicht zu jenen Charakteren gehörte, denen un- 
erwartet hereinbrechende Gefahr doppelte Spannkraft verleiht, ent- 
schlofs sich für das erstere. Nachdem Wilten von den Bauern 
gereinigt und die Zugänge und der Kirchhof besetzt worden waren, 
rückte Oberstlieutenant Wreden mit einer starken Abteilung zur 
Beobachtung der verrammelten und besetzten Thore vor; der Rest 
der bayerischen Truppen mit 2 Compaguien Voltigeurs und 1 Zug 
Chassenrs uahm auf der Gall wiese Stellung. Das Feuer ent- 
wickelte sich bald auf allen Seiten, so dafs sich die Abteilung 



beschossen, verfolgt, ohne etwas anderes als passive Tapferkeit entgegensetzen zu 
können, worin denn auch die Bayern, nach allen Zeugnissen, sieb als ausgezeichnete 
Truppen bewiesen haben. Richter, Zeitschrift des Alpenvereins, 6, 170, 171. 
Der Cod. germ. 5029 auf der Hof- und Staatsbibliothek in Mönchen sagt: «Sie 
können sich vorstellen, mit welchen Mühseligkeiten und Elend die retirierenden 
Truppen auf ihrem Marsche von Sterling bis Innsbruck, und besonders Aber 
den rauhen steilen Brennerberg zu kämpfen haben m nisten. Da hatten sie eine 
abgetragene Brücke herzustellen, dort einen untergrabenen Weg auszufüllen. Hier 
wurden von den Bauern halbe Berge herabgerollt, die Mann und Pferd, samt 
Kanonen zusammenschmetterten, dort moisten sie wieder an einer 8trafsen- 
kröuimung einen ihnen von hinter Steinen und Bäumen versteckten Insurgenten 
zugefeuerten Kugelregen mit Sturm passieren. Nun können Sie sich denken, wie 
ermattet und mutlos diese Trappe nach Miltau kam. Zudem hatte sie sich an 
Munition beinahe ganz erschöpft.- (S. 24b und 25a,) 

•) Geschichtliche Darstellung des Schicksals eines Kapitäns königlich bayer. 
Truppen vom Tage seines Ausmarsches bis zur Gefangennehmung des Oberst- 
lieutenant Wreden. Mönchen, 10. 1809. K.-A. Feldzug von 1809. Tiroler 
Insurrektion. 



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> 

im salzburgischen and an der bayerischen Südgrenze. 159 



genötigt sah, mehr gegen die Mitte der Wiese, um dem Feuer im 
Rücken nicht zu sehr ausgesetzt zu sein, vorzurücken, und war sie 
auch wirklich, aufser einigen Kanonenschüssen von der Höttinger 
Höhe her, nicht mehr soviel ausgesetzt. Der Rest des 4. leichten 
Bataillons schlofe sich au das 2. Bataillon an. Der Manu hatte 
höchstens noch 8 10 Patronen. W reden wurde nun nebst einem 
französischen Major zum Parlamentieren nach Innsbruck abgeschickt, 
wobei ihm persönliche Sicherheit zugestanden worden war. »Am 
Thor« — sagt Oberstlieutenaut W reden — »begegnete uns der 
österreichische Major Teimer. Dieser hinderte es nicht, dafs wir 
gefangen und beraubt wurden.« Umringt von einem Haufen be- 
trunkener Bauern wurden beide zum Generallieutenant Kinkel ge- 
führt, in dessen Zimmer sich in kurzem über 50 bewaffnete Bauern 
eingefunden hatten. Man drang auf eine Kapitulation, welcher 
W reden entschieden widersprach. Um ihn unschädlich zu machen, 
wurde er von seiuem Kollegen getrennt und nach Höttingeu 
geführt, wo er eine empörende Behandlung erfuhr. Um 87« Uhr 
Vormittags kam die Kapitulation zu Stande; sie ist von öster- 
reichischer Seite von »Martin Teimer k. k. Major und bevoll- 
mächtigter Kommissär«, von französischer Seite von General Bisson 
u. a. und von bayerischer Seite vom Oberstlieutenant Donners borg 
unterzeichnet. Donnersberg war, als das Parlamentieren begann, 
zu den aufeersten Vorposten geritten um das Feuer einzustellen. Er 
wurde jedoch bei dieser Gelegenheit von einem herbeigeeilten 
ßauernhaufen vom Pferde gerissen; er wäre sicher erschlagen 
worden, wenn ihn nicht der Wirt von Flöttingen in Schutz 
genommen und in die Stadt gebracht hätte. Nach der Kapitulation 
streckten die Truppen bei dem Wolkenstein'schen Schlofs zu Miltau 
die Gewehre und ergaben sich kriegsgefangen. Es waren zusammen 
3600 Mann, darunter etwa 1300 Bayern ; verloreu hatten die Bayern 
auf dem Marsche von Brixen bis Innsbruck 250 Mann an Toten und 
Verwundeten. General Bisson, um die Schmach zu entschuldigen, 
log Napoleon vor, dafs von seinen Leuten 700 Mann ermordet 
worden seien — eine offenbare Lüge, die Bisson vorbrachte, um 
die Tiroler bei Napoleon herabzusetzen und sich selber zu ent- 
schuldigen. Durch solche Übertreibungen auf beiden Seiten, von 
denen selbst Völderndorff nicht ganz frei ist, wurde das ohnehin 
traurige Bild noch mehr verdüstert. 

Teimer, welcher den richtigen Augenblick erfafste und aus eigener 
Machtvollkommenheit die Kapitulation nbschlofs, war am 12., nach 
der Gefangennähme der Besatzung in Innsbruck eingetroffen, mufste 



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160 



Der Feldiag ?on 1809 in Tirol, 



aber, aU er öffentlich auftreten wollte, der Wut der Bauern, welche 
ihn mit dem Tode bedrohte, weichen, worauf er sich versteckte. 
Als Bisson verlangte, nur mit einer österreichischen Militär- 
Autorität unterhandeln zu wollen, wurde Teimer aus seinem Versteck 
hervorgeholt, in eine österreichische Offiziers-Uniform gesteckt, — 
welche bei dem pensionierten Obersten Graf Speur entlehnt worden 
war — und nach Miltau geführt, wo er die Kapitulation mit 
Bisson abschlofe. Dieser Akt brachte Teimer ein seltenes Glück. 
Durch Handbillet des Kaisers aus Neupolla vom 15. Mai 1809 
wurde er zum Major in der Armee, zum Ritter des Maria-Theresia- 
Ordens und zum Freiherrn von Miltau, mit der Anwartschaft auf 
ein Lehengut, ernannt.*) 

Die Gefangenen wurden über Salzburg gleichsam »zur Schau 
durch Österreich nach Szegedin« geführt, wo sie eine schwere Ge- 
fangenschaft durchmachen mufsten. Allen liberalen Grundsätzen 
eines gebildeten Staates zum Hohn war das Verfahren der öster- 
reichischen Regierung mit den gefangenen Offizieren. Zwanzig bis 
dreifsig Offiziere mufsten zusammen in einer Stube wohnen, in 
welcher immer für zwei Mann ein schlechter Strohsack am Boden 
lag. Man benahm ihnen die Freiheit, und nur, wenn wegen ver- 
pesteter Luft Krankheiten einzureifsen begannen, gestattete man 
ihnen, zu gewissen Stunden auf dem Walle, der jedoch jedesmal mit 
Schildwachen umzingelt wurde, frische Luft einzuatmen. Ebenso 
übel war es mit dem Unterhalt bestellt**) u. s. f. Bald richtete das 
Sumpffieber gräfsliche Verheerungen unter ihnen an, so dafs, als der 
Krieg zu Ende ging, nur noch wenige in die Heimat zurückkehrten. 
Und auch von diesen glich die Mehrzahl wandelnden Gespenstern 
und trug den Keim des frühen Todes in sich.***) Von den Ge- 
fangenen, welche überhaupt im Jahre 1809 von den Österreichern 
gemacht wurden, gelangten wegen »übler Behandlung in Ungarn« 
kaum der dritte Teil zu seinen Regimentern, f) 

Am 15. April hielt Feldmarschall-Lieutenant Chasteler mit 
einem Teil seiner Truppen seinen Einzug in Inusbruck, nachdem 
schon früher eine Abteilung unter Major Seppenburg über den 
Breuner gegangen war. Der gröfeere Teil von Chasteler's Truppen 

•) Staffier, Tirol und Vorarlberg, II, 2, 575, 

*•) Oberstlieutenant v. Geldern' $ Bericht aus Salzburg, 6. Notember 1809. 
K.-A. Tiroler Insurrektion. 
•*•) Ditfurth, 107, 108. 
f) Übereicht der Verhältnisse der königlich bayerischen Armee im Jahre 
1809. Feldzug ton 1809. K.-A. 



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im salzbnrgischen and an der bayerischen SOdgrenze. 



161 



blieb auf den Schabser Höhen und bei Brixen stehen. Am 15. traf 
auch die Taxis'sche Abteilung in Innsbruck ein, nachdem sie 
TagB zuvor, aus dem Zillerthal kommend, in Schwaz angelangt 
war. Chasteler liefe sich von der begeistert gestimmten Volks- 
menge als Sieger begrüfeen, obwohl die Bauern das ganze Werk 
allein vollbracht und die regulären Truppen in diesen Tagen that- 
8Ächlich keinen Kampf bestanden hatten. Die Österreicher machten 
demungeachtet den Tirolern ihre Unkenntnis der Taktik zum Vorwurf. 
Ein poetischer Scharfschütze verteidigte dagegen seine Landsleute 
durch folgendes Epigramm: 

»Dem, der von Taktik nichts versteht, 

Darch Zufall nur der Sieg entsteht, 

So schulgerechte Krieger sagen 

Und zu uns Armen Mitleid tragen; 

Doch besser ist's durch Zufall siegen, 

Als Taktik lehrend Schläge kriegen.« 
Die Bayern verloren durch die mörderischen Gefechte vom 10. 
bis 13. April an Toten und Verwundeten: 1 Oberst, 12 Stabs- und 
Oberoffiziere und beinahe 500 Mann; 1 General, 8 Stabs- und 
52 Oberoffiziere, 3350 Mann, 220 Pferde mit 6 Geschützen und 
2 Fahnen fielen von ihnen, etwa 1800 Mann von der französischen 
Armee in Gefangenschaft; nicht ganz 306 Mann entzogen sich unter 
Major Theobald diesem harten Lose durch den Rückzug auf 
bayerisches Gebiet. Oberst v. Ditfurth war am 19. April gestorben. 
Chasteler hatte den sterbenden Helden besucht und hierbei die 
Bemerkung gemacht: »Wie man wohl bayerischerseits habe an- 
nehmen können, mit so geringer Macht Tirol behaupten zu wollen.« 
Da richtete sich Ditfurth, alle seine Kräfte zusammennehmend, 
hoch auf und entgegnete: »Hätten Alle gethan wie ich, 
dann wären Sie nicht hier.« Darauf sank er zurück und schlofs 
erschöpft die Augen: Chasteler durch die stolzen Worte Ditfurth's 
nicht im mindesten verletzt, entfernte sich mit den Worten: » Welch 
ein Mann. 0, wie schade um ihu.«*) 

Der Armeebefehl vom 3. September 1809 widmet dem Oberst 
v. Ditfurth folgenden Nachruf: »Der Oberst und Commandeur des 
11. Infanterie-Regiments Kinkel, Karl v. Ditfurth, ist am 19. April 
in Innsbruck an den Folgen der am 12. dieses Monats in einer 
tapferen Verteidigung gegen den Volksaufstaud erhaltenen Wunden 
gestorben. Dieser würdige Stabsoffizier focht unter den un- 



*) Ditturth, 111. 



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162 



Der Feldzag von 1809 in Tirol, 



günstigsten Verhältnissen mit Geistesgegenwart und einer uner- 
schütterlichen Sündhaftigkeit. Umrungen von den Horden der 
Rehellen, ohne wahrscheinliche Aussicht auf einen glücklichen Erfolg, 
blieb ein glühender Eifer für die Gerechtsame seines Königs und 
die Ehre der bayerischen WafTeu die unabänderliche Richtschnur 
seiner Handlungen. Nur nach einer Reihe mutvoller Anstrengungen, 
durch mehrere Wunden entkräftet, unterlag er, eines besseren 
Schicksals würdig, einem bösen Verhängnis.« Die Thaten Dit- 
furth's in Innsbruck und des Hauptmanns Fahrbeck des 13. In- 
fanterie-Regiment* in Danzig sind die schönsten, welche die nenere 
bayerische Kriegsgeschichte kennt. Nirgends gelangt die eigene 
Persönlichkeit zu solch mächtigem Ausdruck. 

Dies war der Verlauf einer Revolution, welche seit Monaten der 
Mitwissenschaft eines ganzen Volkes anvertraut, mit keinem Worte 
verraten wurde und in der beispiellos kurzen Zeit von nur vier Tagen, 
ohne Beihülfe einer bewaffneten Macht, ein ganzes Land von fremder 
Abhängigkeit befreite, genau nach dem Plane, welcher hundert 
Stunden entfernt, von einem Hofrate, einem Kanzelisten und zwei 
Landwirten entworfen worden war. Die Wirkung, welche die 
Nachricht von dieser verhängnisvollen Katastrophe auf Deutschland, 
auf ganz Europa übte, war eine ungeheuere. Als sie Napoleon mit- 
geteilt wurde, wollte er anfangs nicht daran glauben; dann aber 
stampfte er wütend mit dem Fuf9e und stiefs eine Flut von Ver- 
wünschungen über Chasteler aus. Im südlichen Bayern begriff man 
augenblicklich, welchen Gefahren direkten Angriffes man von nun 
an ausgesetzt sein werde, und die Bildung von Freicorps, zum 
Schutze der Grenzbezirke während der Abwesenheit des Heeres, 
machte sich geltend. Längere Zeit blieb auch die Hut des Königs 
und seiner Residenztdadt der Tapferkeit seiner bürgerlichen Unter- 
thiinen überlassen, welche hierbei mit nicht geringerem Eifer ihre 
patriotischen Pflichten erfüllten, als die Söhne der Tiroler Berge 
den ihrigen gegen ihr altes geliebtes Kaiserhaus nachgekommen 
waren. 

Nur die unansehnliche, von den l>enachbarten Höhen eingesehene 
Veste Kufstein, deren Verteidigung seit 1806 ein tapferer Soldat, 
Major D' Aich er*) leitete, war in bayerischen Händen geblieben. 

*) So unterzeichnete sich der wackere Mann, der es noch bis zum General- 
major brachte. Er starb im Jahre 1831 zu München in Pension im Alter Ton 
78 Jahren. Er war im Jahre 1815 auch Kommandant Ton Eichst&dt und 1817 
Kommandant von Rosenberg gewesen. 1796 hatte er sich das Militir-Ehren- 
zeicheu erworben, für welche« er im Jahre 1806 das Ritterkreuz den Militär- 
Max-Joseforden erhielt. 



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im sahbnrgiscben nnd an der bayerischen Södgrenxe. 



163 



Sie besafs 64 Geschütze, war auf drei Monate verproviantiert und hatte 
einschlüssig der Artillerie eine Besatzung von 576 Mann. Sie war 
seitdem 13. April 1809 durch Oberstlieutenant Reissenfeid mit 3 Com- 
pagnien vom Regiment Devaux, 4 bayerischen Geschützen und dem 
Aufgebot der Landgerichte Kufstein, Kitzbuhel und Ratten- 
berg eingeschlossen. An demselben Tage fand sich der französische 
aide de camp und Kammerherr Napoleons St. Germain auf der 
Veste ein. Major D'Aicher verlangte sofort von ihm zu wissen, 
in welcher Eigenschaft und mit welchen Auftragen er sich nach 
Kufstein begeben? St. Germain erklärte darauf: »Dafs er 
beauftragt sei, die feindlichen Positionen aufzunehmen, Tirol zu 
bereisen, um die Gesinnungen der Bewohner zu erforschen und 
da sich nun schon die Rebellen vor der Festung zeigten, so 
bleibe er hier, nm Zeuge der Verteidigung zu sein; keineswegs aber 
in der Eigenschaft als Kommandant; er ersnche daher diesen auf 
das freundschaftlichste, in seinem Geschäfte fortzufahren. c Sein 
kaiserliches Kreditiv bestätigte Alles, was er hier gesagt hatte. Am 
21. Mai verliefs St. Germain die Veste, nachdem er zuvor dem 
Kommandanten und der ganzen Garnison über ihr höchst tapferes 
und musterhaftes Benehmen die schönsten Lobsprüche erteilt hatte. 
Nach dem von Hormeyr entworfenen Plan hätte die Veste durch 
Uberfall genommen werden sollen, was an dem mangelhaften Zu- 
sammenwirken der österreichischen Befehlshaber scheiterte. Feld- 
marschall-Lieutenant Jellacic, zur Mitwirkung aufgefordert, weigerte 
sich Befehle von dem jüngeren Chasteler anzunehmen. Als endlich 
Oberstlieutenant Reissenfeid vor der Veste erschien, war ihre 
Wegnahme durch einen Handstreich zu einer Unmöglichkeit geworden. 
Znr Übergabe aufgefordert, erwiderte D'Aicher: »Dafs er mit 
Bauern nur mit dem Degen und Kanone, aber nie mit der Feder 
correspondieren werde.« Und so geschah es auch. Nachdem die 
Brücke zwischen Stadt und Veste zerstört und einige Geschütze auf 
eine der Höhen des Kaiserberges gebracht waren, war die völlige 
Einschliefsung bewerkstelligt und der Besatzung die Verbindung mit 
der Stadt abgeschnitten. Am 25. April begann zwar die Beschiefsnng 
der Veste, jedoch mit sehr geringem, ja lächerlichem Erfolg. Bei 
dem Mangel an Belagerungsgeschütz war keine Hoffnung vorhanden, 
dieselbe durch Waffengewalt zu bezwingen. Am 26. April sprengten 
die Belagerten ein österreichisches Pulvermagazin in die Luft, wobei 
einige Mannschaft umkam. Am 4. Mai machte die Besatzung einen 
kühnen uud erfolgreichen Ausfall, wobei die Hoch wacht erstürmt 
und dort mehrere österreichische Geschütze unbrauchbar gemacht 



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164 



Der Feiding Ton 1809 in Tirol, 



wurden. Schliefelich mutete ein grofeer Teil der Einschlielsungs- 
truppen gegen Ebs, Windhausen und Wildbüchel abziehen, um dort 
das Eindriugen der Bayern (Brigade Minucci von der 3. Division) 
zu verhindern, was auch vollkommen gelang. 

Nachdem Chasteler am 20. April das Kommando von Nordtirol 
dem Generalmajor Buol übertragen hatte, verliefser mit 2 Bataillonen 
Lusignan und einer Abteilung Kavallerie Innsbruck um zur Er- 
oberung Wälschtirols abzugehen. Chasteler hatte die Zeit vom 15. bis 
20. April zur Civilorganisation und zur Ordnung der Landes- 
verteidigung benutzt. Die wichtigsten Punkte des Innthaies wurden 
besetzt. Oberstlieutenant Taxis wurd«? mit 6 Compagnien und 
V 3 Schwadron Chevaulegers nach der Schweiz entsandt — wohin 
am 29. April eine neugebildete Studenteu-Compaguie, über 200 Mann 
stark, unter Hauptmann Mersy folgte. Zur Unterstützung des 
Oberstlieutenant Taxis — welcher Befehl erhielt Excursionen nach 
Bayern zu machen, um Neuigkeiten von der Armee in Deutschland 
zu erhalten — wurden die Landesverteidiger der Gerichte H Orten- 
berg und Petersberg entboten. Nach Reute kam eine Abteilung 
Jäger und Hohenzollern - Chevaulegers, nach dem Arlberg eine 
kleine Abteilung Jäger und Laudesverteidiger unter Temier. Alle 
diese Abteilungen, sowie Oberstlieutenant Reissenfeid bei Kufstein 
wurden angewiesen, Streifzüge uach Bayern zu machen. In Innsbruck 
verblieben 2 Bataillone Lusignan und 2 Schwadronen Chevaulegers. 
Es gebrach an Munition und Gewehren. Das Landsturm patent vom 
Jahre 1803 wurde in Kraft gesetzt und zur Bildung einer Land- 
wehr nach dem Beispiele der übrigen Provinzen aufgefordert. 
Nebenbei lief die Organisation der Landesverteidigung und die Be- 
setzung der Grenzen.' 1 ') 

Nachdem der Siegesrausch etwas verraucht war, unternahmen 
Oberstlieutenant Taxis und Major Teimer Streifzüge aus Tirol in 
der Richtung gegen Landsberg, München, Schongau und 
Augsburg, auf welchen Kritgskon tri butionen erhoben, Lebensmittel 
und Munition erbeutet, nach Tirol geschafft nnd geheime Einver- 
ständnisse in Schwaben (Mergentheim, Kempten und a. 0.) angeknüpft 
wurden, denen man die nachmalige Befreiuug mehrerer tausend 
Kriegsgefangene zu danken hatte. Garraisch und Partenkirchen 
mufsten jedes 10,000 Gulden, 12 Ochsen, 500 Centner Heu u. s. w. 
abliefern. Die Vorarlberger boten nun auch, von dem eindringlichen 
Raubsystem ihrer östlichen Nachbarn angesteckt, diesen die Hände 



*) Egger, Geschichte von Tirol, 8, 566—569. 



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1 

im sahburgischen und an der bayerischen Südgrenze. 165 



zum brüderlichen Hunde. Sehr zu statten kamen ihnen hierbei, dafs 
die ganze Strecke vom Bodensee bis zum Inn ohne jeglichen mili- 
tärischen Schutz war. Um diesen räuberischen Einfällen zu begegnen, 
wurde in Eile aus den Depots, aus Förstern und ausgedienten 
Soldaten Abteilungen gebildet, welche unter Führung von Offizieren 
und Civilbeamten manchem Bauernhaufen die Lust zum Rauben und 
Zerstören gründlich benahmen. Dann sammelten sich badische, 
württembergische, franzosische und bayerische Truppen — 1 kom- 
biniertes Bataillon unter Major Pi Herne nt — zwischen Lindau und 
Kempten. Letzteres, sowie Landsberg und Schongau wurden 
besetzt und mobile Kolonnen aufgestellt. Der französische Divisions- 
general Beaumont übernahm die Leitung dieser Verteidigungs- 
anstalten im südwestlichen Deutschland, mit dem Sitz in Augsburg. 
Demungeachtet kehrte Major Teimer erst nach dem 11. Mai, also 
nachdem Generallieutenant Wrede bereits gegen den Posten Strub 
vorrückte, nach Tirol zurück, nachdem er die Städte Kempten, 
Günzburg und Memmingen überfallen und gebrandschatzt, sowie 
die königlichen Kassen geraubt hatte. Bei gröfserer Kühnheit 
Teimer's wäre Augsburg, welches ganz von Soldaten entblödst 
war, mit der Königlichen Familie in seine Hände gefallen. 

In Altbayern wurde zum Schutze der Südgrenze, in der zweiten 
Hälfte April, der Oberstlieutenant Graf Seyssel d'Aix, welcher 
die Reserve des 2. Chevaulegers-Regimentes befehligte und in 
München stand, nach Miesbach entsandt, um den dortigen Land- 
sturm zur Verteidigung der Grenze gegen Tirol zu organisieren. 
Er fand sowohl die Behörden wie die Gebirgsbewohner vom besten 
Geiste beseelt. Auf seinen Aufruf stellte sich hinreichende, meist 
ausgediente Mannschaft; allein es fehlte durchaus an Führern. 
Seyssel liefe daher diejenigen, die früher als Unteroffiziere gedient 
hatten, vortreten, welche er dann, wie die Mannschaft compagnie- 
weise abteilte und deren ältesten er zu Kommandanten bestimmte. 
Er besetzte dann die Grenze, indem er längs derselben eine Posten- 
Huie aufstellte, und führte einen ganz geregelten Felddienst ein. 

Am 29. April hatte das Generalkommando München folgende 
Avisoposten zum Schutze Münchens gegen Tirol und Salzburg 
ausgestellt. 

1. Pfaffenhofen, Inning und Landsberg 1 Lieutenant, 
2 Unteroffiziere, 21 Pferde, 

2. Forstenried, Starnberg und Weilheim 1 Lieutenant, 
2 Unteroffiziere, 21 Pferde, 

3. Schäftlarn, Wolfrathshausen und Tölz 1 Lieutenant, 
2 Unteroffiziere, 21 Pferde, 



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166 



Der Feldzug tou 1809 in Tirol, 



4. Sauerlach, Holzkirchen u. Tegernsee 1 Wachtm., 21 Pf. 

5. Hohenkirchen, Feldkirchen und Aibling 1 Lieutenant, 
2 Unteroffiziere, 24 Pferde. 

Von Muruau aus versetzten die Tiroler die umliegende Gegend 
in Kontribution und erlaubten sich Ausschreitungen aller Art. 
Schongau wurde von ihnen am 2. Mai besetzt. Am 3. Mai fiel 
eine bayerische Patrouille, 3 Chevaulegers und 8 Mann Infanterie, 
in einen feindlichen Hinterhalt und wurde aufgehoben; die Feinde 
zogen sich hierauf nach Starnberg. Der Avisoposten Weilheini 
wurde nach Starnberg zurückgenommen, worauf Weil heim vor- 
übergehend von den Tirolern besetzt wurde. Der Avisoposten Tölz, 
Oberlieutenant v. Hagen vom 3. (nun 5.) Chevaulegers- Regiment 
überfiel eine Tiroler Raubhorde, die Aber Kahl und Benedikt- 
beuern eingefallen war, jagte ihr 8 Stücke Rindvieh ab und nahm 
ihren Nachtrupp, bestehend aus 11 Mann, gefangen. Der Aviso- 
posten Tegernsee wurde nach Miesbach verlegt. 

Im Mai kam erst das rechte Leben in die Landesverteidignngs- 
anstalten. Am 7. und 8. Mai wurde, wie im Jahre 1805, die Auf- 
stellung eines Gebirgsschützen- und eines freiwilligen Jäger-Corps 
zu Fnfs und zu Pferde angeordnet; letzteres befehligte der Forst- 
Inspektor von München Graf v. Obern dorf als Oberst »en chefc 
Das Gebirgsschützen-Corps bestand aus drei Abteilungen, deren 
jede von dem einschlägigen Forst-Inspektor geführt wurde. Die 
erste Abteilung bestand aus den Einwohnern der Gerichte Reichen- 
hall, Traunstein und Trost berg unter Leitung der Forst- 
Inspektion Traunstein; die zweite Abteilung aus den Bewohnern 
der Gerichte Rosenheim, Miesbach, Tölz und Wolfraths- 
hausen unter der Leitung des Forst-Inspektors in Rosenheim; die 
dritte au» den Gerichten Werden feld, Wielheim und Schongau, 
unter der Leitung der Forst-Inspektion G armisch. Die erste Ab- 
teilung stellte 500 Schützen, die zweite und dritte Abteilung je 
1000 Mann zum beständigen Dienst; hierzu kam noch das Doppelte 
als Reserve, so dafR das ganze Corps zu 7000 Mann angeschlagen 
worden ist. *) Das freiwillige Jäger-Corps bildete sich aus frei- 

*) Übersicht, wie die Gebirgsscbutzen-Compagnien aus den 
Landgeri chts-Sammelplätzen in die erste Verteidigungslinie und 
von da nach Urastinden weiter vorzurücken haben: 

Landgericht Compagnien Erste Verteidigungslinie 

Rechter 
PlöH 



Schongau 


1 


Steingaden 




2 


Saulgrub, 


Murnau 


1 


Murnau, 




2 


Murnau, 




3 





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im salzburgischen und an der bayerischen SiiJgrenze. 



1G7 



willigen Jägeru und Forstleuten; diejenigen, welche zu Pferde 
dienen wollten und ein brauchbares Pferd mitbrachten, bildeten eine 
Abteilung reitender Feldjäger. Die Bewaffnung der Gebirgsschützen 
bestand aus Stutzen, welche sie selbst mitbringen mufsten, jene der 
freiwilligen Jäger in einem Stutzen oder in einer kurzen Flinte mit 
gezogenem Rohr. Den Befehl über das ganze Corps übertrug der 
König dem Obersten Max Grafen v. Arco, welchem gestattet wurde, 
die Uniform des General- Adjutanten zu tragen. Als Generalstabs- 
Offizier wurde demselben der Hauptmann Baur, Lehrer der Kriegs- 
wissenschaften am k. Kadetten-Corps beigegeben. Von ihm stammt 
jenes klassische Buch, welches den Titel führt: »Der Krieg in Tirol 
während des Feldzuges von 1809 mit besonderer Hinsicht auf das 
Corps des Obersten Graf v. Arco.t München 1812. 

Aus Depot-Compagnien wurde ein Bataillon unter dem Kommando 
des Platzmajor von München Hamel gebildet und gemeinschaftlich 
mit den Gebirgsschützen unter die Befehle des Obersten Arco ge- 
stellt. »Man versprach sich von dieser Mischung der mit dem 
Lokale bekannten Schützen und den an Ordnung und genauen 
Dienst gewöhnten Soldaten, sehr viel.« Es zeigte sich aber gar 
bald, dafs man sich hierin vollständig getäuscht hatte. Diese 
Mischung führte zu Streitigkeiten und Zänkereien; der Landkapitulant 
wollte sich von Forstleuten als Offizier nicht befehlen lassen, und 
diesen standen zu wenig Mittel zu Gebote, unbedingten Gehorsam 
zu erzwingen. Je weiter sich der Gebirgsschütze von seiner Heimat 
entfernte, desto mehr gab es Ausreifser. Die Mischung der bürger- 
lichen Autoritäten und der Militärgewalt wollte durchaus nicht 
gedeihen. Nur allein in den Gebirgsgegenden selbst, wie in Tölz 
und Miesbach, besiegte die Vaterlandsliebe alle Schwierigkeiten. 
Bis auf den letzten Augenblick, selbst in den gefahrvollsten Zeiten, 



Landgericht Compagnien Erste Verteidigungslinie 

Gartnisch 1 Mittenwald, 

Tölz 1 Kochel, 

2 L&nggries, 

Miesbach 1 Tegernsee, 

S Schüeraee, 
Fischbacb, 

Hohenheim 1 Auerdorf, \ 

9 Neubeuern, ] 

Traunstein 1 Aschau, > 

2 MarquardsU'in, 

Reichenball Reicbenhall, ) 




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168 



Der Feldiug Ton 1809 in Tirol o. s. w. 



konnte man sich auf diese kühnen Bergbewohner beinahe mehr als 
auf den Linien-Soldaten verlassen.*) 

Am 14. Mai 1809 übernahm Oberst Arco in Tölz das Kommando 
von dem für den ersten Angenblick mit lf>0 Manu Infanterie und 
60 Pferden nach dieser Gegend entsendeten Oberstlieutenant Grafen 
Seyssel. Tags darauf trafen das Linien- Bataillon zu 400 Mann, 
100 Pferde und gegen 250 Schützen, erstere beide aus München, 
letztere aus Tölz und Miesbach in Benediktbeuern ein. Ferner 
waren von den drei Abteilungen des Gebirgsschützen-Corps beisammen 
1100 Mann, so dafs im Ganzen vorhanden waren: 

1350 Schützen, 
500 Mann Infanterie und 
140 Mann Kavallerie. 

Oberstlieuteuant Seyssel rückte wieder bei der Reserve des 
2. (nun 4.) Chevaulegers-Regiments in München ein. 

Eine wesentliche Vermehrung aber erhielt die Landes- 
verteidigung durch die Errichtung von 12 Reserve- Bataillone, von 
denen 6 am 8. Mai und weitere 6 am 25. Juni 1809 zu 
errichten angeordnet wurde. Wer die schöne Haltung dieser Ba- 
taillone, ihre musterhafte Kleidung und Bewaffnung im Oktober des 
nämlichen Jahres, zu welcher Zeit dieselben bereits in Tirol oder an 
den Grenzen desselben sehr gute Dienste leisteten, sah — wer bedenkt, 
daüa die Schöpfung dieser 12,000 Mann, ihre Bildnng zu Soldaten, 
das Werk von nicht vollen fünf Monaten war, der mms wirklich 
erstaunen über die Hülfsmittel, welche die Nationalkraft eines ener- 
gischen Volkes darbietet, und über die Art, mit welcher dieselben 
von der Regierung benutzt wurden.**) — (Wird fortgwetit) 



•) Baur, 18, 43, 44. 
••) Baur, 51. 



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X. 



Zur Frage des kleinen Kalibers 
bei Infanterie-&ewebren.*) 



Ale Frankreich für seine Infanterie ein neues Gewehr unter 
dem Namen Infanterie-Gewehr M/86 einführte und die französische 
Tageslitteratur von den ballistischen Fähigkeiten dieses Kleinkaliber- 
Gewehres so Vorzügliches rühmte, erregte das in Deutschland kein 
geringes Aufsehen, und in weitesten Kreisen begann man sich mit 
der Kaliber-Frage zu beschäftigen und die Frage zu stellen: Warum 
nimmt nicht auch Deutschland, wie dies unser Erbfeind und Nachbar 
im Westen bereits gethan, für seine Infanterie ein neues Gewehr 
kleinen Kalibers an? — Wir finden dies Interesse sehr begreiflich, 
da naturgemäß die Gewehrfrage für die militärische Welt und somit 
auch für das ganze deutsche Volk, von höchster Wichtigkeit ist. 
Wir glauben deshalb mit Fug und Recht behaupten zu dürfen, dafs 
tdie Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren« ein all- 
gemeines Interesse hat, und wollen in Nachstehendem die allmählige 
En t wickelung des kleinen, oder besser kleinsten, Kalibers klarzulegen 
versuchen. Es ist jedoch nicht unsere Absicht hierbei die ganze 
Geschichte der Handfeuerwaffen vor Augen zu führen, sondern 
lediglich dasjenige ins Gedächtnis zurückzurufen, was auf die Kaliber- 
frage Bezug hat. 

Die ersten, sogenannten Knallbüchsen (1364) hatten ein 
Kaliber von 22 mm, bei einer Rohrlänge von 87 cm. Nach und 
nach trat immer mehr das Bestreben hervor, das Kaliber zu ver- 
ringern, und so finden wir im Jahre 1525 bereits 1,5 — 2 m lange 
Musketen in allgemeinem Gebrauche, von anfangs 21 mm, später 
ungefähr 17 mm Kaliber, mit kugelförmigen Bleigeschossen und 



*) Vorliegende Abhandlang ist hauptsächlich nach einem Aufsätze der „Rirista 
militare italiana" verfafet. 



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170 Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 

einem Gewicht der ganzen Waffe von 8—10 kg. Man blieb nun 
volle drei Jahrhunderte bei diesem Kaliber stehen und richtete 
sein Augenmerk lediglich auf die Verbesserung der Feuer- 
geschwindigkeit der Waffe. Die Erfindung des Luutenschlosses 
(1423), des Radschlosses (1517), des Steinschlosses (1640), die 
Anwendung der Patrone (Gustav Adolf, 1630), der Perkussions- 
züuduug (Frankreich 1822) bezeichnen ebensoviel Halte-Stufeu des 
allgemeinen Fortschritts in der Bewaffnung der Heere, doch er- 
reichte man hierbei nie eine gröfsere wirksame Schulsweite als 
diejenige bis 400 m. Es stellte Rieh nun nach und nach das 
Bedürfnis eiuer grösseren Treffgenauigkeit (Präzisiousleistu ng 
der Feuerwaffe) ein, und das führte zur allmählichen Ausbildung 
des gezogenen Infanterie-Gewehres. 

Anfangs suchte man unter Beibehaltung der Kugelform eine 
bessere Führung des Geschosses dadurch zu erreichen, dafe man 
dieses mit Spielraum von oben in den Gewehrlauf einführte und 
durch Klopfen mit dem Stofsteil des Ladestockes und Auftreiben 
des Geschosses auf einen Absatz (Delvigne 1827) oder Dorn (Thou- 
veniu 1844) der Pulverkammer auszudehnen suchte, wodurch sieb 
das Geschofs seitlich in die Züge prefste (Compressionsgeschosse). 
Der Umstand, dafs dadurch das Kugelgeschofs seine Form verlor 
und au Länge einbüfste, führte alluiählig zur Anwendung von 
Lauggeschossen (und zwar Expansionsgeschossen). Von nun 
au tritt wieder das Bestreben der Kaliber -Verringerung in den 
Vordergrund. Vor Delvigne bedurfte man zur Erzielung einer 
gröTseren Durchschlagskraft eines greiseren Geschofegewichtes und 
damit auch einer stärkeren Pulverladung, was einen sehr starken 
HückNtofs zur Folge hatte. Daher behielt man bis zur Erfindung 
der Langgeschosse das frühere Kaliber bei. Mit diesen Lang- 
geschossen erreichte man bald, ohne das Kaliber vergrößern zu 
müssen, ein Geschofegewicht von 48 gr, wodurch man Durchschlags- 
kraft und Treffgenauigkeit bedeutend erhöhte. 

Alle bisherigen Bestrebungen waren darauf gerichtet, das 
Vorderladungs-Gewehr zu vervollkommenen, bis Preufsen im Jahre 
1841 für seine Infanterie das Dreyse'sche Zündnadelgewehr mit 
Hinterladung annahm. Dasselbe hatte einen gezogenen Lauf 
16,43 mm Kaliber und eine Eiuheits-Patrone mit Papierhfllse. Um 
die Zündpille und damit die Pulverladuug zur Entzündung zu 
bringen, mutete die Nadel die Pulverladung durchstechen. Im 
Jahre 1855 wurde das Geschofskaliber bei Einführung des eiförmigen 
Langblei-Geschosses von 31 gr Gewicht auf 13,6 mm verringert, 



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Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewebren. 



171 



wobei das 13,0 mm Geschofs im großkalibrigen Laufe durch den in 
Anwendung gebrachten Zündspiegel sichere Führung erhielt; das 
Zündnadelgewehr hiefs seitdem »Infanterie-Gewehr M 41/55.« Im 
Jahre 1870 ging Preufsen zum erleichterten Langblei M/70 von 
21 gr Gewicht über, wodurch die Taschenmunition des einzelueu 
Infanteristen von 78 auf 98 Stück Patronen erhöht wurde. Somit 
hatte sich das Zündnadelgewehr wiederum den anderen Waffen 
mittleren Kalibers gegenüber behauptet. 

England nahm im Jahre 1853 für sein Enfield-Gewehr ein 
Kaliber von 14,7 min, Österreich im Jahre 1857 für sein Lorenz- 
Gewehr mit (Jompressionsgeschossen ein solches von 13,9 mm an. 
Der Schweiz jedoch gebührt das eigentliche Lob, den ersten Schritt 
in der Einführung eines kleinkalibrigen Gewehres gethan zu haben, 
denn während Preufsen 15,43 mm, England 14,7 mm und Österreich 
13,9 mm Kaliber wählten, nahm die Schweiz für ihre Jäger im 
Jahre 1851 ein 10,5 mm Gewehre an, womit sie im Jahre 1863 
auch ihre Infanterie bewaffnete, nachdem Versuche mit verschiedenen 
Gewehren vorgenommen worden waren, deren Kaliber zwischen 
10 und 12,6 inm schwankte. Das Gewehr M/63 besafs ein bis zu 
1000 Schritt eingeteiltes Visier. 

Wir sehen dafs, wie stets, auch hier wieder die Rücksicht auf 
die Präzisionsleistung mit der auf die Feuergeschwindigkeit der 
Waffe abwechselt. Diesmal war erstere im Verein mit der Ver- 
ringerung des Kalibers wieder an der Reihe, doch währte es blofs 
bis zum Jahre 1866, als die taktischen Erfolge des preufsischen 
Hinteriadungs -Zündnadelgewehres gegenüber dem österreichischen 
Lorenz-Vorderlader eintraten. Der Feldzug in Böhmen bewies zur 
Geniige den Vorzug der Feuer -Geschwindigkeit vor der Treff- 
genauigkeit der Schufswaffe. Die Vorderladungs-Gewehre Österreichs 
und der deutschen Südstaaten waren 1866 dem preufsischen Zünd- 
nadelgewehr an ballistischer Leistungsfähigkeit, also au Treff Wirkung, 
weit überlegen. Der grofse Vorzug des letzteren bestand nur in 
der Ladegeschwindigkeit und somit der gröfeeren Feuerbereitschaft 
und Feuergeschwindigkeit des Schützen; der Dreyse'sche Hinter- 
lader schofs eben vier- bis fünfmal rascher als das österreichische 
Lorenz-Gewehr, und trotz dessen besseren ballistischen Eigenschaften 
hatten die Österreicher zum Beispiel in der Schlacht von Königgrätz 
24,000 Kampfunfähige durch Gewehrfeuer, während die Preufsen 
deren nur 9153 hatten. Alle Mächte änderten nun rasch ihre alten 
Vorderlader in Hinterlader um. Doch trat nach Vollzug dieser 

Jthrblcb« Hr dk> Dmtaeta An»M and Mari.« Bd. LXVIII., 3 



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172 



Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



Umänderung die Verringerung des Kalibers wieder in den Vorder- 
grund. 

Frankreich nahm 1866 das Chassepot mit 11 mm Kaliber 
an; nur beging es dabei den Fehler, eine Papierpatrone zu dieser 
Waffe zu wählen, trotzdem die Flobert'sche Metallpatrone bei den 
Remington- und Henry-Gewehren im amerikanischen Secessionskriege 
sich so gut bewährt hatte. 

Die Schweiz wählte (1866) das System Remington mit 12 mm 
Kaliber und (1869) das Vetterli-(Repetier-)Gewehr mit 10,4 nun 
Kaliber; die Schweizer waren somit die ersten, welche durch Annahme 
eines Repetiergewehres auf die Feuergeschwindigkeit ein gröfseres 
Gewicht legten, als alle übrigen Nationen; das Vetterli-Repetier- 
Gewehr besafs ein festes (Rohren-)Magazin mit 11 Patronen im 
Vorderschaft, die Patronen waren Metall-Einheitspatronen mit Rand- 
zündung. — Belgien wählte das System Albini mit 11 mm (1867); 
Dänemark das System Remington mit 11,44 mm (1867); Oster- 
reich das System Werndl mit 11 mm (1867); Italien das System 
Vetterli mit 10,40 mm (1870); England das System Martini mit 
11,43 mm (1871); Holland das System Beaumont mit 11 mm 
(1871); Preufsen das System Mauser mit 11 mm (1871); Russ- 
land das System Berdan (II) mit 10,66 mm (1872) und Frank- 
reich das System Gras (aptiertes Chassepot) mit 11 mm (1874). 
Als Geschofsmaterial wählte man Weichblei oder Hartblei (Zusatz 
von Zinn oder Antimon). Letzteres hatte wegen gröfserer Härte 
den Vorteil, dals die Züge schwerer verbleiten, hingegen den Nach- 
teil, dafs die Hartblei-Geschosse an Stauchungsfähigkeit und Gewicht 
verloren. Die Geschosse, welche bei all diesen Gewehren verwendet 
wurden, waren entweder Pressions- oder Stauchungs-Geschosse. 
Bei ersteren war der Durchmesser gröfeer als das Kaliber nebst 
Zugtiefe (Führung durch Pression), bei letzteren war der Durch- 
messer gleich dem Kaliber (Führung durch Stauchung), wobei durch 
die Stauchung eine Verkürzung der Geschofslänge eintrat. 

Als Vorteile des kleineren Kalibers ergaben sich: 

Verringerung des Munitionsgewichtes, also grofsere Patronen- 
ausrüstung des einzelnen Soldaten ; 

es erlaubt eiu gröfseres Ladungsverhältnis daher grofsere Anfangs- 
geschwindigkeit; 

grofsere Gestrecktheit der Flugbahn, sowohl infolge der gröfseren 
Anfangsgeschwindigkeit, als auch wegen des geringeren Luftwider- 
standes infolge der gröberen Belastung des Querschnitts; 



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Zur Frage de« kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. J73 

gröfsere Durchschlagskraft (geringerer Verlust an Perkussions- 
kraft) trotz des geringeren Geschofsgewichts. 

Der Hauptwert des kleineren Kalibers besteht jedoch darin, 
dafe es gestattet, den einzelnen Schützen ohne Mehrbelastung, mit 
einer gröfeeren Patronenzahl auszurüsten oder, bei gleichbleibender 
Patronenzabi, die Zahl der Fahrzeuge und dadurch die übermäfsige 
Lange der Kolonnen zu vermindern, ein Vorteil, der jetzt, nach 
Einfuhrung der Repetiergewehre, von unschätzbarem Werte ist. 

Derjenige, welchem das Verdienst gebührt, auf die grofsen 
ballistischen Vorteile des kleinen Kalibers aufmerksam gemacht 
zu haben, ist der groliaherzoglich hessische Major Wilhelm v. Plönnies, 
der durch sein Werk: »Neue Studien über die gezogene Feuerwaffe 
der Infanterie« der Ballistik der Handfeuerwaffen die vorzüglichsten 
Dienste geleistet hat. 

Man besafs nun Gewehre, die mit der gewünschten Treff- 
genauigkeit auch eine gute Feuergeschwindigkeit verbanden, und 
mit allen zuletzt genannten Waffen konnte ein guter Schütze auf 
200 m Entfernung in einer Minute innerhalb eines Streuungskreises 
von 40 cm Durchmesser 4 Treffer erhalten. Man hatte so haupt- 
sächlich in Bezug auf die Präzisions-Leistung der Feuerwaffe Gutes 
erreicht, und richtete sein Hauptaugenmerk wieder auf die Feuer- 
Geschwindigkeit, wobei man zur Herstellung von Magazinwaffen 
gelangte. Die Schweiz nahm, wie bereits erwähnt zuerst (im 
Jahre 1869) für ihre Infanterie ein Magazingewehr nach dem 
System Vetterli an, dann Frankreich (1878), welches seiner Marine, 
unter Beibehaltung der Verschlufe- und Schlofeeinrichtung des 
Einladergewehres Gras M/74, ein Gewehr gab mit einem Repetier- 
mechanismus nach der Erfindung des österreichischen Artillerie- 
Oberst Ritter v. Kropatschek; dieses Gewehr führte den offiziellen 
Namen: M/78 marine. 

Trotz der Überlegenheit ihrer Infanterie-Bewaffnung setzten 
die Schweizer ihre Thätigkeit auf dem Gebiete der Vervoll- 
kommnung der Handfeuerwaffen eifrigst fort und sie waren stets 
bestrebt, die Leistungen ihres Infanterie-Gewehres in Bezug auf 
Bahn-Rasanz und Geschofs-Wirkung zu heben. An der Spitze 
dieses Fortschrittes stehen der Major Rubin, Direktor der Eid- 
genössischen Patronenfabrik in Thun, und der frühere Artillerie- 
Offizier und Maschinen-Ingenieur, Professor Hebler in Zürich. 

Man suchte durch Vermehrung der Pulverladung und An- 
wendung brisanteren Pulvers mit nicht zu starkem Maximal-Gasdruck 

12* 



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174 



Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



die Anfangsgeschwindigkeit und durch Vermehrung des Geschofs- 
Gewichts durch Verlängerung des Geschosses dessen lebendige Kraft 
und Endgeschwindigkeit zu steigern, stief« dabei aber auf zwei 
Obelstande: 

1. zu starker Rückstofe (durch Vermehrung der Pul Verladung) 
und 

2. ein Aufreihen des Geschosses. 

Letzteres hatte seinen Grund in Folgendem: Je länger man 
das Geschofs machte (zur Erzielung eines grofseren Gewichtes), desto 
mehr bedurfte dies zur Erhaltung der Festigkeit (Stabilität) seiner 
Umdrehungsachse für die ganze Länge der Bahn einer energischeren 
Rotation, erreicht durch stärkeren Drall. Man verkürzte demgemäß* 
die absolute*) Dralllänge auf 55 — 60 cm, wodurch ein Aufreifeen 
des weichmetalligen Geschofees, verbunden mit Verbleien der Züge, 
eintrat; hierdurch wiederum entstand eine Verminderung der Präzi- 
sionsleistung der Waffe. Es ergab sich, dafs die Papierumhüllung 
des Geschosses nicht geuügte, um dies Verbleien zu hindern, und 
Rubin umgab deshalb das Geschofs mit einem Mantel aus härterem 
Metall und wählte hierzu Kupfer, welches genügend weich ist, um 
Rieh den Zügen vollkommen anzuschmiegen, aber auch genügend 
widerstandsfähig, dafs ein Aufreifsen des Geschosses, wie dies bei 
den Blei geschossen der Fall, ausgeschlossen bleibt. 

Um nun den Rückstofs zu verringern, ging Rubin zur Ver- 
ringerung des Kalibers über. — Bezeichnet man mit m die Masse 
des Geschosses (plus einem gewissen Teil der Masse des Pulvers), 
und mit v die Anfangsgeschwindigkeit, ho ergiebt das Produkt m v 
das Mals der Bewegung, welche dem Geschofs zu teil wird. Dieses 
Mafs der Bewegung macht sich in entgegengesetzter Richtung der 
Schulter des Schützen als Rückstofs fühlbar, es darf also m v eine 
gewisse Grenze nicht überschreiten. Will man aber die ballistische 
Leistungsfähigkeit einer Waffe durch Vergröfeerung der Anfangs- 
geschwindigkeit erhöheu, hier durch Vergröfserung des Faktors v, 
so mufs man füglich, damit das Produkt das gleiche bleibt, m ver- 
ringern, also die Masse des Geschosses, was man durch eine Ver- 
ringerung des Kalibers erreicht. 

Im Frühjahr 1881 wies Rubin dem schweizer Kriegsminister 
die Ergebnisse seiner Versuche vor, die er mit einem Gewehr von 
9 mm Kaliber, 20 gr Geschofegewicht, 3% Kaliber Geschofslänge 



•) Bekanntlich unterscheidet man zwischen absoluter und relativer Drall- 
länge; erstere wird in Metern, letitere in Kalibern ausgedruckt. 



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Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 175 

und 4,7 gr Ladung vorgenommen hatte. Die Präzisionsleistung 
dieses Gewehres war eine sehr gute, aber der Rfickstofs, den es 
hatte, wurde noch als zu stark und die Gestrecktheit der Flugbahn 
noch als ungenügend erachtet; immerhin konnte man von günstigen 
Ergebnissen sprechen. 

So war man wieder in der Vervollkommnung der Handfeuer- 
waffen um einen guten Schritt vorwärts gekommen. Man hatte 
eingesehen, dafs die Papierumhüllung, wie sie bei allen Heeren im 
Gebrauche, nicht geeignet war, das Verbleien der Züge zu hindern. 
Sie war aufserdem der Feuchtigkeit (in den Magazinen) unter- 
worfen, und man machte die Beobachtung, dafs oft beim Verlassen 
des Rohres durch das Geschofe die Papierumhüllung sich von diesem 
nicht loslöste, und daraus ergaben sich Unregelmäfsigkeiten in der 
Schufsleistung, aber besonders bei andauerndem Schiefsen, bei 
Anwendung der schnelleren Feuerarten, erwies sich die Papier- 
umhüllung als vollständig nutzlos. Bei Geschossen aus Hartblei 
mit Fettung, von 11 mm Kaliber und mit einer Anfangs- 
geschwindigkeit von 450 m leistete die Papierumhüllung ja immer- 
hin gute Dienste, aber bei Gewehren von 8 mm Kaliber und 600 m 
Anfangsgeschwindigkeit ist ihre Anwendung vollständig unnütz. 
Auch die Fettung ist hierbei von wenig Nutzeu, denn es entwickelt 
sich bei diesen Gewehren durch Reibung infolge des starken Dralls 
eine solche Wärme, dafs eine derartige Verbleiung eintritt, dafs 
weder Papierumhüllung noch Fettung im Stande sind, daran etwas 
zu ändern. 

Ein härterer Metallmantel hingegen erwies sich als besonders 
vorteilhaft, beim kleineren Kaliber (unter 10 mm) sogar als un- 
umgänglich notwendig. Ein Verbleien war hierbei natürlich voll- 
ständig ausgeschlossen, die Durchschlagskraft der Mantelgeschosse 
erwies sich mindestens sechsmal gröfser als bei den 11 mm Blei- 
geschossen, sowohl infolge des widerstandsfähigeren, härteren Mate- 
rials des Geschofsruantels als wegen der erzielten grofsen Anfangs- 
geschwindigkeit. Auch stellte sich heraus, dafe Aufschläger sich hier 
wegen des härteren Materials nicht so leicht deformierten wie die 
Bleigeschosse beim Aufschlag, welche durch letzteren viel mehr 
Einbuße an Durchschlagskraft erlitten, als die Mantelgeschosse. 
Allerdings stellten sich bei diesen auch zwei Nachteile ein und zwar 
ergab sich: 

1. eine raschere Abnutzung der Züge und 

2. Oxydation bei Vorräten. 



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176 Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 

Es bandelte sich nun darum, eine möglichst kurze Patrone zu 
finden, welche dazu geeignet war, bei Repetiergewehren angewendet 
zu werden. Das Geschofs durfte man nicht verkürzen, weil sonst 
die Querschnittsbelastung, somit auch Schufsweite und Treffwahr- 
scbeinlichkeit geringer geworden wären. Auch die Wirkung durch 
die Pulverladung mutete die gleiche bleiben. Man suchte nun 
anfangs nach einem brisanteren Treibmittel und machte Versuche 
mit Schiefsbaumwolle, wobei diese eine zu unregelmäßige Wirkung 
zeigte, um bei Handfeuerwaffen Anwendung finden zu können. 
Hierauf nahm man an Stelle des gekörnten Pulvers comprimierte« 
Pulver und erhielt ganz vorzügliche Ergebnisse. Durch die 
Verwendung dieses Pulvers war man in der Vervollkommnung der 
Handfeuerwaffen wieder um ein gutes Stück fortgeschritten und 
hatte endlich jene Elemente erlangt, um zu einer weiteren Ver- 
ringerung des Kalibers schreiten zu können, zur Erreichung des 
Kalibers, das man heutzutage als »kleines Kaliber« zu bezeichnen 
pflegt, das man aber richtiger »kleinstes oder Minimal-Kaliber« 
nennt. 

Die mit 9 mm Kaliber erzielten günstigen Ergebnisse ver- 
anlafsten Rubin noch zu einer weiteren Kaliber-Verkleinerung zu 
schreiten, er machte Versuche mit einem Kaliber von 8,5 mm, 8 mm, 
7,5 mm und selbst 7 mm, doch schien hiermit die günstigste Grenze 
überschritten, und die Versuche zeigten, dafs man unter 8 mm 
nicht heruntergehen dürfe. Unter dieser Grenze wird das Geschofs 
zu leicht, seine Durchschlagskraft zu gering (sie reicht nicht mehr 
aus, um z. B. Pferde kampfunfähig zu machen), und die Waffe 
verliert an Kriegsbrauchbarkeit. Wenn auch gröfsere Treff- 
genauigkeit, Bahnrasanz und Anfangsgeschwindigkeit erzielt wurden, 
so wurden doch Anfertigung, Reinigung und Revision der Waffe 
zu schwierig. 

Um den durch Rubin 1883 erzielten Fortschritt zu er- 
sehen, diene hier eine vergleichende Tabelle*) der Schulsleistungen 
seines Gewehres mit denen eines schweizer Gewehres mit 10,4 mm 
Kaliber. 



•) Rmsta militare italiana. Januar 1888. 



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Zur Frage de« kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



177 



Entfernungen 
in Metern. 


Bestrichene Kaume 
(Zielhöhe = 1,80 m) 


Radius dcs50%igen Streuungs- 
Kreises beim 


10.4 mm Gew. 


8 mm Gewehr. 


10,4 mm Gew. 


8 mm Gewehr. 




m 


m 


m 


m 


300 






U, lb 


U,10« 


400 


ÜQ 

Oa 


I/O 


n 91 
u,^4 




600 






U,ou 




600 


47,0 


BIS 


U,4o 




700 


ort n 




f\ CQ 

U,b» 




800 


M 
o\j 




O 77 




900 


24,5 


43 


0,98 


0,54 


1000 


21 




1,10 




1100 


18 




1,28 




1200 


15,5 


25 


1,47 


1,18 


1300 


13,5 








1400 


12 


18 






1500 


10,5 








1600 


9,4 


14 




1,69 


Patronengewicht 


des 


10,4 mm Gewehres 30,5 gr [43 grl *) 


Patronengewicht 


» 


8 mm 


» 32 gr 





Bestrichener Raum 
Bestrichener Raum 
Eindringnngstiefe auf 20 ni 

in Tannenholz 

in Tannenholz 
Anfangs-Geschwindigkeit 
Anfangs-Geschwindigkeit 
Dralllänge 
Dralllänge 



> 



10,4 mm » 346 m 

8 mm > 436 m 

10,4 mm • 15 cm 

8 mm f 28 cm 

10,4 mm » 435 ra [435 mj 

8 mm » 552 m 

10,4 mm » 66 cm [55 cm] 

> 30 cm. 



8 mm 

Aus diesen Angaben ist leicht zu ersehen, welche praktischen 
Vorteile ein kleines Kaliber von 8 mm bringen würde, denn die 
Schufsleistungeu unseres Infanterie-Gewehrs M 71/84 sind annähernd 
die gleichen, wie die des schweizer Gewehres mit 10,4 mm Kaliber. 

Diese Vorteile wären: 

1. ein um ungefähr 100 m grösserer bestrichener Raum, wegen 
der gröberen Bahnrasanz, und die Möglichkeit, der An- 
wendung nur eines Visieres bis 400 m (Stand visier); 

2. eine Vermehrung der Treffgenauigkeit, die mit der Ent- 
fernung wächst, denn während sie auf 300 m für beide 
Kaliber die gleiche ist, ist sie auf 600 und 900 m fast die 



*) Die Zahlen in Klammern bezeichnen das Patronengewicht, die Anfangs- 
geschwindigkeit und Dralllange unseres Infant«rie-Gewehre« M 71/84. 



- 



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178 Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie- Gewehren. 



Doppelt«; bezüglich der Anfangsgeschwindigkeit ergäbe sich 
ein Zuwachs um 117 m, da die unseres Infanterie-Gewehrs, 
wie beim schweizer 10,4 mm Gewehr, 435 m beträgt; 
3. eine beträchtliche Vergrößerung der Durchschlagskraft des 
Geschosses. 

Die Dralllänge unseres Infanterie-Gewehrs müfste, da dieselbe 
55 cm beträgt, um 25 cm verkürzt werden. 

Bezüglich des Patronengewichts ergäbe sich für die Schweizer 
eher ein Zuwachs als eine Abnahme desselben, denn, wenn auch 
das Gewicht des Geschosses um 3,5 gr geringer würde, müfste man 
doch das der Ladung und der Hülse, welch letztere widerstands- 
fähiger gemacht werden müfste, vermehren. Für uns lägen die 
Verhältnisse anders und günstiger, denn da unsere Patrone 43 gr 
wiegt, hätten wir den Vorteil einer Gewichtsverminderung der ein- 
zelnen Patrone um 11 gr. 

Die erzielten Ergebnisse schienen den schweizer Behörden jedoch 
nicht bedeutend genug, um einen Wechsel in der Infanterie- 
Bewaffnung zu rechtfertigen, und wurden die Arbeiten zur Herstellung 
eines noch besseren Kleinkaliber-Gewehrs in ausgedehnterem Make 
fortgesetzt. Möglich auch, dafs sich bei Versehung des Rubin- 
Gewehrs mit einem Repetier-Mechanismus Schwierigkeiten eingestellt 
haben. Jedenfalls wurde die Unterlassung einer endgültigen Ent- 
scheidung auch durch die Erfindung der Stahlmantel-Geschosse 
veranlafst. Diese sogenannten Compound- oder Verbund- 
geschosse wurden nach Angaben des verstorbenen preufsischen 
Oberstlieutenants der Artillerie Bode in der Lorenz'scheu Patronen- 
fabrik zu Karlsruhe hergestellt, an welche sich Hebler gewandt 
hatte, um für sein 7,5 mm Gewehr ein passendes Geschofs zu er- 
halten. Hebler erzählt in Bezug hierauf, dafs, als er die Dralllänge 
seiues Gewehres unter 24 cm verkürzen wollte, durch die sich ent- 
wickelnde Centrifugalkraft der Kupfermantel in Stücke zerrissen sei, 
auch wenn er mit dem Gescbofskern zusammengesch weifst wurde. 
Deshalb nahm er seine Zuflucht zu einem widerstandsfähigeren 
Metall, dem Stahl. 

Zur Herstellung der Geschosse wurde der aus Stahl gezogene 
und geprefste Mantel, welcher, aufser vorne, wo er eine gröfsere 
Stärke hat, überall so dünn ist wie ein Blatt Papier, auf warmem 
Wege verzinnt und mit Hartblei (96 Teile Blei, 4 Teile Antimon) 
ausgegossen. Diese auf eben beschriebene Art hergestellten Geschosse 
bezeichnet man zum Unterschied von den auf mechanischem Wege 
hergestellten Mautel-Geschossen als » Verbund-(Compound-)Geschosse.€ 



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Zur Frage de» kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 179 

Die Vorteile all dieser Mantel- und Verbundgeschosse be- 
stehen in: 

1. Vermeidung unnötiger zerstörender Wirkungen im mensch- 
lichen Körper (die Bleigeschosse verursachen durch Spritzen 
auf Knochen schmerzhaftere Wunden); 

2. besserer Führung des Geschosses im Laufe; 

3. Umgehung des Verbleiens der Züge; 

4. vermehrter Durchschlagskraft und damit Möglichkeit, mehrere 
hintereinander stehende Gegner kampfunfähig zu machen. 

So erhielt Hebler für sein Gewehr mit 12 cm Dralllänge Geschosse, 
die einer Anfangsgeschwindigkeit von 600 m gut widerstanden und 
mit einer Durchdriugnngsfähigkeit viermal gröfser, als die der 
Rubin'schen Kupfermantel- Geschosse. Aufserdem hat Hebler die 
Humanität auf seiner Seite, denn, wenn auch Rubin seine Kupfer- 
mantel-Geschosse gut eingefettet aufbewahrte, so bildete sich bei 
ihnen doch häufig das unter dem Namen »Grünspäne bekannte 
giftige Kupferoxyd, welches die schmerzhaftesten, beinahe unheilbaren 
Wunden erzeugt,*) während die Stahlmantel-Geschosse, wenn sie 
auch unter Umständen mehr Leute kampfunfähig machen, doch 
weniger schmerzliche, wenigstens oft heilbare Wunden hervorbringen. 
Dementgegen haben die harten Compound-Geschosse allerdings den 
Übelstand, dafs sie die Läufe mehr angreifen, indem die Felder 
eher abgeschliffen werden. 

Schließlich erregten noch grofses Aufsehen die Versuche des 
französischen Hauptmanns Pralon, welcher in Bourges in Gegenwart 
des französischen Kriegsministers mit einem von ihm hergestellten 
Gewehre mit Stahlgeschols und kupfernem Führungsring auf eine 
Entfernung von 100 m noch eine 30 mm starke Stahlplatte durch- 
bohrte. 

Soweit die Entwicklungsgeschichte der Handfeuerwaffen. Möge 
es uns nun auch gestattet sein, klarzulegen, wie weit — abgesehen 

*) Nach dem dänischen „Vort Forsvar* sollen jedoch Blutvergiftungen durch 
die Kupferhuben nur höchst selten vorkommen, da sich der menschliche Organismus 
gegen den schädlichen Einflufs fremder, in denselben gelangter, Stoffe durch Ein- 
kapselung in das Zellengewebe zu wehren sucht, sodafs ein Oxydieren des Metalls, 
wozu eine starke Einwirkung der atmosphärischen Luft erforderlich ist, nur sehr 
selten stattfinden kann. Auch ein zweiter Einwurf, dafs die Kupferhülsen im 
Körper zerspringen sollen (durch Aufschlagen auf Knochenteile), wurde durch an 
einem Pferdekadaver vorgenommene Versuche glänzend widerlegt. Eine Zer- 
sprengung der Kupferhülsen fand nur beim Auftreffen auf die stärksten Gelenk- 
knochen des Pferdekörpers statt, unter welchen Umständen jedoch auch Blei- 
geschosse zerspringen. 



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180 Zar Frage de« kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 

von den uns ja bekannten deutschen Verhältnissen — einzelne 
Mächte mit dem kleinen Kaliber gekommen sind. Da die ver- 
wendeten Quellen nicht samtlich amtliche sind, ist es möglich, dafs 
einzelne Angaben nicht unbedingt genau sind, doch ist immerhin 
darauf Bedacht genommen, unter den nichtamtlichen diejenigen zu 
wählen, die am meisten Beachtung verdienen. 

Vorerst sei jedoch eine kurze Bemerkung gestattet. Bekanntlich 
unterscheidet man zwischen Repetiergewehren mit festem Magazin, 
mit Lage des Magazins längs dem Lauf (Schweiz 1869 beim System 
Vetterli, Deutschland 1884 beim System Mauser, die Magazinröhre 
befindet sich hierbei im Vorderschaft, unterhalb des Laufes) oder 
im Kolben (Spencer, Hotchkifs u. A.) und solchen mit anhäng- 
barem Magazin oder Schnellladern. Bei letzteren unter- 
scheidet mau: 

1. am Gewehr zeitweise anhängbare, aber nicht selbst- 
thätig wirkende Magazine (oder auch nur Patronen- 
schachtel-Halter); durch diese wird nur ein besseres Bereit- 
stellen einer Anzahl Patronen zum Einführen mit der 
Hand erreicht, sie befähigen also den einfachen Einlader 
zum Gelegenheit«- Repetiergewehr (solche sogenannte chargeurs 
rapides, System Krnka, wurden bereits im letzten russisch- 
türkischen Kriege angewendet); 

2. am Gewehr anfügbare, aber selbstthätig wirkende 
Magazine (Dänemark 1886 beim System Lee, Osterreich 
1886 beim System Mannlicher, Italien 1887 beim System 
Vitali); diesem System wird der Vorzug vor allen übrigen 
Repetier-Systemen zuerkannt. 

Dänemark hat ein Kleinkaliber-Gewehr mit anfügbarem, selbst- 
thätigem Magazine angenommen. Dieses vom Amerikaner Lee er- 
fundene Gewehr führt den Namen M/1886; es hat 6 Züge, 8 mm 
Kaliber und ein Kupfermantel-Geschols. Die 77 mm lange Patrone, 
mit Centraizündung, wiegt 33 gr, sodals 13 Stück solche Patronen 
nicht mehr wiegen als 10 Stück Mauser-Patronen; es kann demnach 
der mit dem 8 mm Gewehr bewaffnete dänische Infanterist etwa 
ein Dritteil Patronen mehr mit sich führen als der mit dem Mauser- 
Gewehr bewaffnete deutsche Soldat bei gleicher Belastung. Die 
beim dänischen 8 mm Gewehr verwendete Pulverladung wiegt 5,2 gr 
und besteht aus gewöhnlichem komprimiertem Pulver. Das anfüg- 
bare, selbstthätige Magazin fafet 5 Patronen und besteht aus starkem 
Stahlblech. Jeder Soldat führt 3 solcher Patronenmagazine oder 
Patronenpakete mit sich; eine im Magazin enthaltene Feder hebt 



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Zur Frage dos kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewebren. 



181 



die einzelnen Patronen nach einander in die Patroneneinlage, und 
in 3 Sekunden kann ein verschossenes Magazin durch ein gefüllte« 
ersetzt werden. Die Präzisionsleistung des Lee-Gewehres ist eine 
solche, dafs man mit ihm auf 375 m in einem 16 cm hohen und 
21 cm breiten Rechteck und auf 1000 m in einem 86 cm hohen 
und 89 cm breiten Rechteck 50% Treffer erhält. Nach dem »Army 
and navy journal« ergab ein Vergleichsschiefsen zwischen dem Lee- 
Gewehr und dem dänischen Remington-Gewehr M/67 folgende Er- 
gebnisse: Die Anfangs-Geschwindigkeit beim Remington-Gewehr 
betrug 377 m, beim Lee-Gewehr 634 m ; bei ersterem erhielt man 
einen bestrichenen Raum von 325 m, bei letzterem einen solchen 
von 465 m. Das Patronengewicht ist für beide Waffen das gleiche 
und beträgt 33 gr, die Feuergeschwindigkeiten verhalten sich da- 
gegen wie 3 beim Remington- zu 5 beim Lee-Gewehr. 

Interessant ist das vom dänischen Artillerie-Hauptmann Madsen 
und dem Rüstmeißter Rasmussen erfundene selbstladende Gewehr 
(Selbstlader oder automatisches Gewehr), welches nach der halb- 
amtlichen »Berlingsken Tidendec in der dänischen Armee eingeführt 
werden sollte. Der Lauf sitzt bei diesem Gewehr nicht fest am 
Schaft, sondern wird daran nnr durch eine Feder festgehalten. Beim 
Abfeuern wird das Rohr durch den Rückstofs zu einer rückläufigen 
Bewegung gezwungen, dadurch das Bodenstück geöffnet, die leere 
Patronenhülse ausgeworfen und eine neue Patrone an ihren Platz 
befördert. Sobald ein Schnfs abgefeuert worden, ladet sich das 
Gewehr selbstthätig, wobei der Schütze in der Anschlagsstellung 
verbleiben kann. Der Patronen-Behälter enthält 6 Patronen, sind 
diese verfeuert, so wird ein neuer eingesetzt. Die Feuergeschwindigkeit 
wird auf diese Weise natürlich bedeutend vermehrt; fraglich ist es 
immerhin, welchen Grad von Kriegsbrauchbarkeit ein solches Gewehr 
besitzt. 

Portugal hat 40,000 Repetiergewehre, System Kropatschek, 
mit 8 mm Kaliber bei der Waffenfabrik in Steyr (Österreich) bestellt. 
Dieses Gewehr führt den Namen M/86, hat, wie unser Mauser- 
Gewehr, ein festes Magazin unter dem Lauf im Vorderschaft zu 
8 Patronen und ein Kupfermantel-Geschofe. Die Patrone wiegt 
35 gr, die Pulverladung 4,5 gr. (Für seine Karallerie bestellte 
Portugal 6000 Repetiergewehre bei Gebrüder Mauser in Oberndorf.) 

Anfangs beabsichtigte man bei der Infanterie ein Gewehr ein- 
zuführen, welches von einem portugiesischen Offizier Namens Guedes 
erfunden worden war; da jedoch der Repetier-Mechauismus dieses 



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182 



Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



Gewehres zu Störungen Veranlassung gab, zog man das System 
Kropatschek vor. 

Das dänische und portugiesische Gewehr haben aufeer in Bezug 
auf das Gewicht, welches bei letzterem viel gröfeer ist als bei 
ersterem (das portugiesische Kropatschek-Gewehr wiegt geladen 
4,867 kg), fast die nämlichen Eigenschaften. Beide haben eine 
Anfangs-Geschwindigkeit von ungefähr 5150 m und einen bestrichenen 
Raum (bei 1,60 m Zielhöhe) von 370 m; die Treffgenauigkeit ist 
fast die gleiche wie beim Rubin-Gewehr, auch in Bezug auf die 
Durchschlagskraft der Geschosse soll das gleiche der Fall sein. Das 
däuische und portugiesische Kleiukaliber-Gewehr sind die einzigen 
bisher eingeführten Gewehre, welche ein Kupfermantel-Geschofs 
besitzen. 

Österreich- Ungarn erprobte in Anbetracht dessen, dafs die 
Adaptieruug des Werndl-Gewehres M/67 zum Repetiergewehr sehr 
grofse Schwierigkeiten ergeben hätte, da sich der Wellenverschlufs 
des Werndl-Gewehres hierzu nicht eignete — beim deutschen 
Mauser-Gewehr mit Cylinder-Verschlufe lagen die Verhältnisse wesent- 
lich anders — folgende Systeme: das Mannlicher-, Krnka-, Scbulhof- 
und Jurnitschek-Gewehr, und wurde schließlich dem vom Ingenieur 
Mannlicher erfundenen Gewehre der Vorzug gegeben. Im Frühjahr 
1887 wurde mit der Herstellung dieses Gewehres, welches die 
amtliche Bezeichnung »Repetiergewehr M/1886c fuhrt, begonnen. 

Der Kolben- Verschlufs dieses Gewehres ist derart eingerichtet, 
dafs das Öffnen und Schliefsen desselben durch ein einfaches gerad- 
liniges Vor- und Zurückführen der Handhabe erfolgt und dadurch 
das Repetier-Werk in Thätigkeit gesetzt wird. Der Kolben (Knopf) 
wird also nur gezogen, nicht gedreht; daher erhielt das Gewehr in 
Österreich den Namen »Gradzug-Gewehr«. 

Die Anordnung des Magazins, für Patronenpäcke und Laden 
durch die Funktion des Verschlusses — selbstthätiges Magazin — 
gestattet, die ganze Munition des Soldaten in leichten Magazinen 
mit je 5 Patronen zu verpacken, sodafs dieselbe im Bedarfsfalle 
vollständig verschossen werden kann. Mithin findet hier das Paket- 
lad ungs- System Anwendung. Unterhalb des Verschlusses ist ein 
festes (iehäuse angebracht, welches ein Kästchen umschliefet, das 
unten (oder auch oben) geschlitzt ist, sodafs ein Zubringer durch 
Federkraft nach und nach ins Kästchen tritt uud die Patronen 
heben kann. Das mit Patroneu gefüllte Kästchen kann auch von 
oben oder unten eingesteckt werden, durch einen Druck auf einen 



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Zur Frage de* kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



183 



rechts seitlich am Gewehr befindlichen Daumenstollen wird das 
Kästchen (bei geöffnetem Verschlufs) nach oben ausgeworfen. 

Die Österreicher rühmen dies Gewehr sehr, und ihr früherer 
Kriegsmiuister, Graf Bylandt-Rheidt, sprach sich dahin aus, dafe 
nach seiner Überzeugung das Mannlicher-Gewehr da» entsprechendste 
unter allen bisherigen Systemen sei. Manche behaupten zwar, die 
Ladegeschwindigkeit habe eine grofee Munitions-Versehwendung zur 
Folge, — nun für einen unvollkommen ausgebildeten Soldaten ist 
das Gewehr — und das wird bei allen Repetiergewehren der Fall 
sein — allerdings gefährlich, aber in der Hand eines besonders in 
der Feuerdisziplin gut ausgebildeten Soldaten, wird diese Waffe 
einen ungemein höhereu Wert haben als der langsam feuernde 
Einzellader. — Ein Grund mehr, auf die Erziehung der Feuer- 
disziplin ein erhöhtes Gewicht zu legen. 

Andere behaupten, dafs der mit dem Mannlicher-Gewehr be- 
waffnete Soldat vielleicht gerade weun es darauf ankommt, wenn 
das Kommando zum Magazinfeuer ertönt, keiu gefülltes Magazin 
besitzt, d. h. es werden dem anstürmenden Geguer nicht soviel 
Geschosse entgegengeschleudert, als der Verteidiger Gewehre besitzt 
mal fünf — soviel Patronen enthält ein Magazin-Paket — sondern 
weniger, vielleicht nur die Hälfte dieser Zahl, da das Magazinfeuer 
stets auf das Schützenfeuer folgt und zu letzterem die Patronen des 
Magazins verwendet werden. Dieser Nachteil wird aber glänzend 
aufgewogen und aufgehobeu durch den Vorteil der grofeeu Lade- 
geschwindigkeit, und macht sich ersterer nur durch eine augenblick- 
liche geringere Feuer-Intensität bemerkbar; es ist dies also eiu 
Nachteil von äufeerst geringem Belang, der durch die Lade- 
geschwindigkeit der Waffe in tiberreichem Mafse ersetzt wird. 

Sicherlich wäre man in Osterreich bei Einführung des Mannliclnr- 
Gewehrs auch gleich zur Annahme eines kleinen Kalibers geschritten 
— wenn dies möglich gewesen wäre. Der Unterlassungsgrund ist 
eben in der in Osterreich seiner Zeit noch ungelösten Pulverfrage 
zu suchen; nur im Verein mit dieser Frage hätte die Kleinkaliber- 
Frage zum Austrag gebracht werden können, die Herstellung einer 
passenden Patrone war mit den gröfsten Schwierigkeiten verbunden. 
Man behielt infolgedessen das Kaliber des Werndl-Gewehrs M/G7 
(mit der deutsch-österreichischen Einheitspatrone zu 11 mm Kaliber) 
bei. Nachdem jedoch im vergangenen November von den in der 
Waffenfabrik Steyr bestellten 143,000 Mannlicher-Gewehren zu 11 mm 
Kaliber 90,000 Stück fertiggestellt waren, wurde die weitere 



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18-1 



Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



Fabrikation eingestellt, um solche Gewehre mit 8 mm Kaliber anzu- 

Ä 1 * 

Die durch die Versuche mit kleinem Kaliber (8 mm) gemachten 
Erfahrungen hatten zur Folge, dafe die Einführung eines Mannlicher- 
Gewehrs mit 8 mm Kaliber als Ordonnanzwaffe endgültig beschlossen 
wurde. Die österreichische Waffenfabrik-Gesellschaft zu Steyr wurde 
mit der schleunigsten Herstellung von Gewehren neuen Modells 
beauftragt. Hiermit sollte im März 1888 begonnen werden. Auch 
das Pulver, welches erst die Anwendung des kleinen Kalibers er- 
möglichte, ist bereits hergestellt. Bis Ende dieses Jahres sollen 
fünf Divisionen mit diesem neuen Gewehr versehen sein. 

Das neue Gewehr ist mindestens ein halbes Kilogramm leichter 
als das 11 mm Gewehr. Das Pulver besitzt bei geringem Volumen 
eine Triebkraft von 590 m Anfangs-Geschwindigkeit (anstatt 487 m 
beim alten Gewehr). Das neue Gewehr hat ein Standvisier bis 
400 Schritt und einen bestrichenen Raum von 480 Schritt, auf 

15 Schritt durchbohrt es eine 6 mm starke Stahlplatte. Das 
Gewicht der Patrone beträgt 30,6 gr (Pulverladung 4 gr, Geschofs 

16 gr). Aufser in Bezug auf die ballistischen Leistungen (Anfangs- 
geschwindigkeit, flache Bahn, Schufsgenauigkeit und Durchschlags- 
kraft), welche beim neuen 8 mm Gewehr besser sind, sind die 
beiden Gewehre einander völlig gleich, sodafs auch auf eine probe- 
weise Einführung verzichtet werden konnte. 

Russland, welches in seinem Berdan-Gewehr eine vorzügliche 
Waffe besitzt, blieb der ganzen Neubewaffnungsfrage ziemlich kühl 
gegenüber. Man will in Russland mit der Einführung eines Repetier- 
gewehres warten, bis sich diese mehr lohnt, bis man dort ein 
rauchloses Pulver und ein selbstthätiges Gewehr erfunden hat. Ein 
Vergleichsschiefsen zwischen dem Infanterie-Gewehr M/72, System 
Berdau II (Einzellader), und dem Magazin-Gewehr, System Mossin, 
ergab für letzteres so geringe Vorteile, dals Generalmajor Wasmundt, 
welcher in Rnssland in allen das Schiefswesen betreffenden Fragen 
als Gewährsmann gilt, die Beibehaltung des Berdan-Gewehrs befür- 
wortete. 

Italien machte seit 1878 Versuche mit Mehrladern, und es 
wurden nacheinander erprobt: Das Repetiergewehr Bertoldo, das 
modifizierte Repetiergewehr, die Schnellladung nach Vitali und nach 
Carcano, die Gendarmerie-Karabiner der Systeme Bertoldo und 
Vitali, die Repetiergewehre Bertoldo und Vitali, der Kavallerie- 
Repetierkarabiner Vitali, die Schnelllader nach den Systemen von 
Bertoldo, Vitali und Arnaldi, bis endlich das modifizierte System 



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Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



185 



Vitali den Sieg davon trug. Im Ganzen wurden 4087 Repetier- 
waffen geprüft und aus denselben 400,000 Schüsse abgegeben.*) 

Italien änderte also seinen Vetterli-Einlader M/70 von 10,35 mm 
Kaliber nach dem System des Majors Vitali zum Repetiergewehr 
um. Die italienische Armee- Verwaltung beabsichtigt jedoch später 
die umgestalteten Gewehre Vitali- Vetterli der Landwehr (milizia 
mobile) und dem Landsturm (milizia territoriale) zu geben und das 
stehende Heer (exercito permanente) mit neuen Repetiergewehren 
zu bewaffnen. Das Gewehr fuhrt die amtliche Bezeichnung M 70/87 
und hat ein Gewicht von nur 4,3 kg. Der Lauf ist mit 4 Zügen 
versehen und hat eine Dralllänge von 66 cm. Das Gewehr kann, 
wie das österreichische Mannlicher-Gewebr, mit einem anfngbaren, 
8elb8tthätigen Magazin versehen werden. Jeder Mann führt 6 solche 
Magazine zu je 4 Patronen mit sich, aufser den übrigen 72 Einzel- 
Patronen, sodafs die Taschen munition des einzelnen Soldaten 96 Schüsse 
zählt. Die Einzel-Patrone wiegt 37 gr (Geschofs 20 gr, Pulverladung 
4 gr), die Magazin-Patrone 46,5 gr. Die Geschofs- Ladung der letzteren, 
welche aus einem kleinen Geschosse und neun aus Blei gegossenen 
Segmenten besteht, hat ein Gesamtgewicht von 30,3 gr; die Pulver- 
ladung der Magazin-Patrone hat ein Gewicht von nur 3 gr. Ein 
vollständiges Magazin- Patronen paket wiegt 389 gr. Die hier ver- 
wendeten Kartätsch-Geschosse, von denen jedes einzelne Geschofs 
eine genügende Verwundungawirknng hervorbringt, sind nicht zu 
verwechseln mit den durch die Petersburger Konvention von 1868 
ausgeschlossenen Sprenggeschossen unter 450 gr Gewicht. — Beim 
italienischen Vitali- Vetterli-Gewehr M 70/87 ist ein besonderes Magazin 
unter dem Verschlufsgehäuse angebracht; in dieses wird von oben 
eine Patronenschachtel zu 4 Patronen eingeschoben, welche durch 
die Bewegung des Verschlusses selbstthätig geladen werden. Mit 
dem Gewehr soll ein gewandter Schütze in der Minute 30 Schufs 
abgeben können. 

Frankreich blieb lange Zeit unschlüssig, ob es seinen Gras- 
Einlader unter Beibehaltung des Kalibers von 11 mm in ein Repetier- 
gewehr umwandeln solle, wie dies Deutschland mit seinem Mauser- 
Einlader gethan hatte, oder ob es nicht besser sei, eine völlig neue 
Waffe einzuführen. Doch bevor man zu irgend einem Entschlufs 
gekommen war, erfuhr man, dals Deutschland bereits 600,000 Mauser- 
Repetiergewehre besitze. Es war also keine Zeit mehr zur Über- 
legung, und entschied man sich schleunigst für Einführung des 



*) Rivifta militare italiana, Februar 1887. 



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18G 



Zur Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



8 mm Lehel-Gewehrs. — Da plötzlich erschien Pralon mit seiner 
Erfindung (Stahlgeschofs mit kupfernem Führungsring) und es hatte 
den Anschein, als müsse Alles wieder rückgangig gemacht werden. 
Das währte jedoch nur kurze Zeit, denn bald wurde durch eine 
Mitteilung der französischen Regierung jeder Zweifel gehoben. 
Diese Mitteilung lautete: »La fabrication du fusil, modele 1886, se 
poursuit activement. A l'heure actuelle cinq corps d'armee sont 
pourvus- de fusil de petit calibre. Apres pen de temps les appro- 
visionnements seront complets.«*) Nach dem »Progres militairec 
sind diese 5 Armee-Corps das 1., 2., G., 7. und 8., von denen das 
6. und 7. an der Ostgrenze stehen. 

Das französische Infanterie-Gewehr M/86 ist ein Repetiergewehr 
mit festem Magazin im Vorderschaft unterhalb des Laufes; das 
Magazin kann 8 Patronen aufnehmen. Das Normalgewicht des 
Lebel-Gewehres ist geringer als das des Gras- und Kropatschek- 
Gewehres und beträgt 4 kg. Die Windung der Züge ist um mehr 
als das Doppelte schärfer als beim System Gras, die Drall länge 
beträgt 25 cm (beim Gras-Gewehr 55 cm). Das Gewehr hat einen 
Gradzug-Cylinderverschluls mit centralem Rückstofs und doppeltem 
Abzug, die Visiereinteilung reicht bis 2000 m. Das vierkantige 
Bajonett kann ohne Anstrengung bis zur Parierstange in die Brust 
des Gegners gestoüsen werden. Die 32 gr schwere Patrone hat eine 
Messinghülse und ist für Centraizündung eingerichtet. Das Geschofs 
ist ein Stahlmantel-Geschofs mit innerem Kern aus geprefstem Blei, 
der Mantel besteht aus Hartmetall mit Nickel als Grundlage (ver- 
nickelter Stahlmantel). Das verwendete Pulver soll bei seiner Ver- 
brennung nicht einmal den Rauch eines Wachs-Zündhölzchens er- 
zeugen; nach der italienischen Militär-Zeitung »Pro victoria« ist es 
vom Pulver- und Salpeter-Ingenieur M. Vieille erfunden und besteht 
aus Collodium und Schiefswollpulver (polvere-cotone), dessen physi- 
kalische Zustände vor und während der Anfertigung Geheimnis sind, 
wie überhaupt in dem Pulver das wahre Geheimnis des Lebel- 
Gewehres beruht. Dasselbe soll ein sogenanutes Progressiv-Pulver 
sein, d. h. es werden ihm während der ganzen Bewegung im Laufe 
bis zum Austritt neue Antriebe erteilt, und wird durch die fort- 
schreitende Wirkung des Pulvers der Rückstofs beinahe aufgehoben. 
Mit diesem Pulver sollen schon Anfangs-Geschwindigkeiten von 
600—700 m erreicht worden sein. Das Lehel-Gewehr soll allen 
bisherigen Gewehren in Bezug auf die Ausdehnung der bestrichenen 



♦) Avemr militaire, 25. November 1887. 



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Zar Frage des kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



187 



Räume, Durchschlagskraft und Trefffähigkeit überlegen seiu (man 
spricht von einem bestrichenen Räume von Über 400 m bei 1,80 m 
Zielhobe); gute Schützen sollen auf die Ordonnanz-Scheiben mehr als 
90% Treffer erhalten; so soll angeblich die Schule vou Saint-Cyr 
auf dem Felde von Chälons im verflossenen Sommer auf 1000 m 
gegen eine durch Scheiben dargestellte Compagnie-Kolonne 98,8'/o (?) 
Treffer erhalten haben, mit welcher Feuerart ist nicht gesagt. 

Das Gewicht der Patrone ist ein so geringes, dafs dadurch eine 
Erhöhnng der Munitionsausrtistung des einzelnen Soldaten um 30 Stück 
Patronen möglich wurde; trotzdem konnte das Munitionsgewicht 
um 270 gr verringert werden. — Man wird gut thun, in die vou 
den Franzosen gerühmte Vorzü glich keit ihres Gewehrpulvers einigen 
Zweifel zu setzen, besonders nach den Erfahrungen, die sie mit 
ihrem Melinit gemacht haben, das ihnen soviel Enttäuschungen 
brachte. Wenn das Pulver des Lehel-Gewehres auch fast rauchlos 
ist,*) so ist es immerhin doch zweifelhaft, ob es sich in den Magazinen 
und beim Fortschaffen gut erhält. 

Besitzt jedoch das bei den Patronen des Lebel-Gewehres ver- 
wendete Pulver wirklich die vou ihm gerühmten Eigenschaften, sowie 
auch die Fähigkeit eines geringen Maximal-Gasdruckes, dann hat 
Frankreich sicherlich auf dem Gebiete der Vervollkommnung der 
Handfeuerwaffen einen grofsen Fortschritt gemacht. 

Zusammengefaßt lassen wir hier die wichtigsten Eigenschaften 
der bisher eingeführten Kleinkaliber-Gewehre folgen, die sämtlich die 
amtliche Bezeichnung führen: M/1886: 



Name 
des 
Erfinders 


eingeführt 
in 


Gewicht 

des 
Gewehres 


Kaliber 


Material 

des 
Geschofn- 
Mantels 


Gewicht 
d. Patrone 


s l 
1* 
5 1 


6 ! 






kg 


mm 






m 


m 




Dänemark 


4,100 


8 


Kupfer 


33 


530 


387 


Kropatschek 


Portugal 


4,550 


8 


Kupfer 


35 


532 


380? 


Mannlicher 


Osterreich 


4,500 


8 


vernickelt 


30,6 


590 


360 










Stahl 








Lebel 


Frankreich 


4,000? 


8 


vernickelt. 


32 


550 


400? 










Stahl 









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Stahl 



m 

50 
11 



165 
6 

15 



Das portugiesische Kropatschek- und das französische Lebel- 
Gewehr haben ihr Magazin im Vorderschaft (feste Röhren-Magazine); 

•) Nach dem „Fränkischen Kurier" hat übrigens auch die Pulverfabrik Rottweil- 
Hamburg bereit« ein rauchloses Pulver erfunden. Es sollen deshalb dort die 
Versuchswerke *ur fabrikmalsigen Herstellung umgewandelt und vergrößert werden. 
Jakitbter Itt dte Douueb. Ion und MariM. Bd. liviii., 9. 13 



188 



Zur Frage de« kleinen Kalibers bei Infanterie-Gewehren. 



das dänische Lee- und das österreichische Mannlicher-Gewehr besitzen 
anfügbare, selbstthätige Magazine; entschieden mufe letzterer Art 
der Magazinsvorrichtung vor allen übrigen Repetier-Systemen der 
Vorzug gegeben werden. 

Der Ersatz eines leeren durch ein gefülltes Magazin-Paket läfst 
sich in 2—3 Sekunden vornehmen, während die Füllung eines Röhren- 
Magazins schon für jede einzelne Patrone durchschnittlich eine 
Zeitdauer von 2—3 Sekunden erfordert. Angenommen, ein Röhreu- 
Magaziu kann 8, ein anftigbares 4 (die Zahl ist hier nicht von 
Wichtigkeit) Patronen aufnehmen, so erfordert beim festen Magazin 
das Laden von 8 Patronen 16 — 24 (also durchschnittlich 20) Se- 
kunden, beim anfügbaren 4 — G (also durchschnittlich 5) Sekunden. 
Somit stehen bei einer Waffe mit anfügbarem Magazin in der näm- 
lichen Zeit zum Schiefsen 15 Sekunden mehr zur Verfügung, als bei 
einer solchen mit festem Magazin; mit ersterer kann also eine 
bedeutend höhere Feuergeschwindigkeit erzielt werden als mit 
letzterer. 

Es scheint mithin, dafs bei dem zukünftigen Kleiukaliber-Gewehr 
die Verwendung eines anfügbaren, selbstthätigen Magazins an die 
Stelle des festen Röhren-Magazins unseres jetzigen Iufanterie- 
Gewehres M 71/84 treten dürfte. Dafs man sich für ein solches 
Kleinkaliber-Gewehr in Deutschland noch uicht endgültig entschieden 
hat, hängt unmittelbar mit der doch wohl noch nicht endgültig 
gelösten Pulverfrage zusammen. Es ist entschieden besser, zu 
warten und etwas dauernd Gutes zu schaff en, als Übereilt- 
Unfertiges. Mögen das namentlich diejenigen bedenken, welche 
— wie man das vor Kurzem in der Tageslitteratur ziemlich häufig 
lesen konnte — ohne tiefere Sachkenntnis die Frage stellten: Warum 
ist man in Deutschland mit der Einführung des Magazin-Gewehres 
nicht gleichzeitig zur Annahme des kleinen Kalibers geschritten? — 
Ausdrücklich sei daher betont unser jetziges Gewehr möge man in 
seinem Werte ja nicht unterschätzen, in der Hand gutausgebildeter 
Soldaten, wie solche anerkannter Mafsen bei uns erzogen werden, 
ist es eine ganz vorzügliche Waffe, auch im Verhältnis zu anderen 
Ordonnanz-Gewehren, selbst zum französischen Lehel-Gewehr M/86, 
bei dessen Munition ein so ausgezeichnetes (??) Pulver Verwendung 
findet. 

Mitte Mai 1888. H. B. 



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XL 



Ziele der Festungs -Artillerie 
wfthrend der Bedrohung und Einschliefsung 

einer Fortsfestung. 

Die Ziele, welche der Festungs -Artillerist wahrend der Bedrohung 
nnd Einschliefsung einer Festung zu bekämpfen hat, kommen während 
der Übungen der Truppen im Festungskriege nur wenig oder gar 
nicht zur Darstellung. Es hat dies seinen Grund darin, dafs bei 
diesen Gelegenheiten die einschlägigen Mafsnahmen des Belagerers 
keine Verwirklichung finden können, weil diejenigen Waffen, d. h. 
Infanterie, Kavallerie und Feld -Artillerie, dem Übungsfelde fern 
bleiben, welche die Bedrohung und Einschliefsung der Festung zu 
bewerkstelligen haben würden. Infolge dessen lassen sich diese 
Abschnitte der Belagerung nur theoretisch behandeln und bilden 
daher sozusagen ein Phantasiegebilde, aus dem die zugehörigen Ge- 
fechtsaufgaben und Zielverhältnisse ebenso entwickelt werden müssen. 
Soll nun das Verständnis Seitens der unteren Führer für die von 
ihnen selbstständig zu lösenden taktischen Aufgaben in genügendem 
Grade vorhanden sein, so ist dazu eine entsprechende Unterweisung 
derselben vor Beginn der Übung eine unerläßliche Bedingung. Da 
jedoch die Lehrbücher und sonstigen Vorschriften nur den allge- 
meinen Verlauf des Angriffes während der Bedrohung und Ein- 
schließung einer Festung schildern, die in Betracht kommenden 
Ziele nnd Zielverhältnisse dagegen nicht besonders behaudeln, so ist 
für jene Unterweisung erforderlich, das Vorzutragende zuvorderst 
aus gedachten Quellen zu einem Gesamtbilde zusammenzutragen. 

Eine dementsprechende Abhandlung gestatten wir uns in dem 
Nachstehenden folgen zu lassen. 

Dieselbe enthält: 
I. Entwickelung der hauptsächlichsten Ziele. 
II. Darlegung der Zielverhältnisse. 

III. Allgemeines über das Schieisverfahren. 

13* 



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Ziele der Festange -Artillerie 



I. Entwicklung der hauptsächlichsten Ziele. 

Die Bedrohung einer Festung besteht in einer allgemeinen 
Erkundung derselben durch Offiziere des Generalstabes, der 
Artillerie uud Ingenieure. Kavallerie wird auf den nach der Festung 
führenden Hauptanmarschstrafeen vorgeschoben. An solchen Paukten, 
deren Bewachung der Angreifer für wichtig hält, nehmen geschlossene 
Abteilungen Aufstellung. Diese bestehen aus gemischten Waffen, 
insbesondere Infanterie, Feld-Artillerie und Pionieren. In der Regel 
wird das Beobachtungscorps der Wirkung der weittragendsten 
Fe8tung8ge8chütze sich fern halten. Nur die auskundenden Offiziere 
desselben müssen sich der Festung so weit nähern, dafe sie das, 
was sie erkunden sollen, auch sehen können. Liegen aber die durch 
das Beobachtungscorps besonders zu bewachenden Punkte innerhalb 
des Wirkungsbereichs der Festungsgeschütze, so sollen diese dem 
Feinde den Aufenthalt daselbst unmöglich machen. 

Ferner soll der Verteidiger Alles aufbieten, den gegnerischen 
Anmarsch durch schwierig zu beseitigende Hindernisse zu erschweren. 
Dazu gehört- das Unbenntzbarmachen von Verkehrswegen, namentlich 
an solchen Stellen, wo die Beschaffenheit des Nebengeländes ein 
Ausweichen nicht gestattet, wie in Sumpfgegenden, Tbälem, Hohl- 
wegen u. s. w. Ist es nun aus bestimmten Gründen nicht angängig 
oder wenigstens nicht ratsam, gedachte Verkehrsstörungen aus 
nächster Nähe durch die Festungsbesatzung verteidigen zu lassen, 
so kann es Aufgabe genügend weitschiefeender Festungsgeschütze 
werden, das Wegräumen oder die Wiederherstellung von Verkehrs- 
störungen dem Gegner zu untersagen. Sodann kann es unter 
Umständen auch Sache der Festungs- Artillerie werden, Brücken, 
welche der Gegner zum Überschreiten von Gewässern für seinen 
Vormarsch hergestellt, durch Geschosse wieder unbrauchbar zu 
machen. Endlich fällt den Festungsgeschntzen noch die Beschießung 
der für sie erreichbaren und von den Truppen des Beobachtungscorps 
besetzten Örtlichkeiten und Gehöften zu. 

Nach beendeter Beobachtung hat der Angreifer dahin zu 
streben, die Festuug von allen Seiten mit einem Gürtel von Truppen 
zu umgeben, um den Verkehr ihrer Besatzung mit der Aufeenwelt 
so vollständig als möglich abzuschneiden. Eine solche Einschliefsung 
kann nur dadurch bewirkt werden, dafs das mittlerweile verstärkte 
Beobachtungscorps Märsche um die Festung herum ausfuhrt, um 
die der Hanptanmarschrichtung gegenüberliegende Umgebung des 
Platzes zu erreichen. Da diese Märsche, wenn die Festung als im 



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wfthrend der Bedrohung a. Einschliefsung einer Fortsfeetang. 



101 



Mittelpuukte eines Kreises gelegen angesehen wird, nicht nur auf 
dessen Halbmesser, sondern auch auf seiner Kreislinie selbst zu 
erfolgen haben, so gestalten sie sich zu Flankenmärschen. 

Ein mutiger Verteidiger soll die völlige Einschliefsnng des 
Platzes nicht ohne weiteres gestatten, dem Gegner vielmehr den 
gröfetmöglichsten Widerstand dabei entgegenstellen. Hierdurch ent- 
stehen Kämpfe der Festungsbesatzung — vornehmlich der Infanterie 
— mit den Einschliefsungstruppen, wenn diese Stellungen im Gelände 
oder Ortschaften in Besitz zu nehmen, versuchen, welche jene nicht 
freigeben will. Liegen diese Streitpunkte iunerhalb des Wirkungs- 
bereichs der Festungsgeschütze, so haben diese die eigenen Truppen 
dabei zu unterstützen. Gelingt aber dem Belagerer trotz der hart- 
näckigsten Gegenwehr der Festlingsbesatzung die Eroberung der 
fraglichen Punkte und Stellungen dennoch, so mufs er auch ferner 
im Stande sein, etwaigen Ausfällen der Besatzung gewachsen zu 
sein, insbesondere dann, wenn sie mit überlegenen Kräfteu gegen 
einzelne Teile der Einschliefsungslinie vorstofsen sollte. Zur Er- 
höhung ihrer Verteidigungsfähigkeit mufs Letztere daher mit Mitteln 
der Feldbefestigung thunlichst verstärkt werden. Hierzu werden 
die in der Einschliefisungslinie befindlichen Ortschaften, Gehöfte, 
Waldungen, Abhänge 0. dergl. m. befestigt nud zur Verteidigung 
eingerichtet. Die Einschliefsungslinie ist mittlerweile in Abschnitte 
eingeteilt worden. Die Besatzung der einzelnen Abschnitte wird in 
Vorposten und Gros der Absehn ittsbesatzuug gegliedert. 

Die Vorposten gliedern sich in Vorposten-Gros und Vorposten- 
Compagnien. Von Letzteren werden die nötigen Feldwachen, und 
von diesen die Doppelposten und erforderlichenfalls Unteroffizier- 
posten ausgesetzt. Das Gros der Vorposten ist bestimmt, Ausfällen 
der Festungsbesatzung hartnäckigsten Widerstand zu leisten, wenn 
die Vorposten-Compagnien beziehungsweise Feldwachen der Unter- 
stützung bedürfen. Das Gros der Vorposten steht daher entweder 
in der befestigten Einschliefsungsstellung selbst, oder in unmittel- 
barer Nähe hinter derselben bereit und ist, soweit als möglich, in 
den daselbst vorhandenen Ortlichkeiten untergebracht, oder es ist 
in Ermangelung solcher durch Anlage feldraäfsiger Unterkunftsräume 
für ihre Unterbringung Sorge zu tragen. 

Vorwärts des Gros der Vorposten stehen weiter die Vorposten- 
Compagnien und noch weiter vorwärts die Feldwachen mit ihren 
Posten. 

Die zum Gros der Abschnittsbesatzung gehörigen Truppen ver- 
bleiben in nicht befestigten Ortschaftsquartieren und Lagern rückwärts 



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192 



Ziele der Feitangs -Artillerie 



des Gros der Vorposten. Die beiderseitige Entfernung mufs jedoch 
zulassen, dafs das Erstere im gegebenen Augenblick zur Unter- 
stützung des Letzteren die befestigte Einschliefsungsstellung eher 
erreicht hat, als ein überraschender Ausfall der Festungsbesatzung. 
Um endlich noch eine Ablösung oder erforderliche Verstärkung des 
Gros der Abschnittsbesatzung zeitweise eintreten lassen zu* können, 
wird eine Hauptreserve abgeteilt, welche in dritter Linie, also 
rückwärts jenes, bereit gehalten wird. Infolge letztberegter Mafs- 
nahmen des Angreifers wird eine zu Unternehmungen ins Vor- 
gelände befähigte Besatzung das Möglichste aufbieten, selbst nach 
vollzogener Einschliefsung den Feind in den von ihm eroberten und 
besetzten Stellungen fortgesetzt zu beunruhigen um ihn aus denselben 
wieder zu verdrängen. Diese Beunruhigung wird bewirkt, entweder 
durch unmittelbare Infanterie -Angriffe, das sind die erwähnten 
Ausfälle gegen die Einschlielsungslinie, unterstützt durch weittragende 
Geschütze, oder durch alleinige Beschiefsung der Stellungen und 
Ortschaftsquartiere des Feindes Seitens der Festuugs -Artillerie. 

Die Einschliefsungsstellung bildet die Grundlage für die auf 
das weitere Angriffsverfahren — den förmlichen Angriff — bezug- 
habenden Mafsnahmen. Dazu gehört in erster Linie eine gründ- 
lichere Erkundung der Festung, als dies während der Beobachtungs- 
zeit insbesondere den taktischen Verhältnissen nach möglich war. 
Hierbei mufs vor allem festgestellt werden, welche Front sich am besten 
zu einem förmlichen Angriff eignet. Demnach kommt nicht nur 
die Beschaffenheit des Geländes, in dem die bezüglichen Angriffs- 
arbeiten des Artilleristen und Ingenieurs ausgeführt werden sollen 
zur Sprache, sondern auch die Beschaffenheit und Widerstands- 
fähigkeit der permanenten Festungswerke und der feldmäfsig befestigten 
Stellungen im Vor- und Zwischengelände der Forts. Zur Erkundung 
alles dessen werdeu sich Offiziere und kleinere Trupps in dem un- 
mittelbaren Wirkungsbereich der Festungsgeschütze zeigen und von 
diesen beschossen werden; sei es auch nur zu dem Zweck, den 
Gegner damit zur Vorsicht zu zwingen. — 

Fassen wir das Gesagte noch einmal kurz zusammen, so sind 
demnach während der Beobachtung und bis nach erfolgter Ein- 
schliefsung der Festung die hauptsächlichsten Ziele für die Festungs- 
Artillerie folgende: 

1. Während der Beobachtung. 

a) Punkte im Gelände, besetzt vom Gegner zur Sicherung 
seines Vormarsches gegen die Festung; mithin u. a. Punkte, 
wo Strafsen und Eisenbahnen aus Thälern, Tunnels, Hohl- 



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während der Bedrohung u. Einschließung einer Fortsfestung. 



193 



wegen und Waldungen austreten, ferner Brücken und 
Dämme zur Überführung von Eisenbahnen und Landstrafsen 
über Gewässer und sonst ungangbare Stellen, wie Sümpfe. 

b) Hindernisse als Verkehrsstörungen zur Erschwerung des 
Anmarsches des Feindes, bewirkt vom Verteidiger durch 
Anlage von Baumverhauen, Barrikaden oder durch Abbrechen 
beziehungsweise Sprengen von Brücken und Tunnels, oder 
durch Aufreifsen von Straten und Eisenbahnlinien. 

c) Hauptanmarschstrafsen und vom Angreifer hergestellte 
Kriegsbrücken. 

d) Uuterkunftsstattcn des Beobachtungscorps, wie Örtlichkeiten 
und Gehöfte. 

2. Während der Einschliefsung. 

a) Truppen des Einschliefsungscorps bei ihrem Vor- und 
Flankenmarsch in die Einschliefeungslinie ; ferner Gefechts- 
stelluugen des Gegners zur Bekämpfung und Zurückweisung 
der ihm zur Gegenwehr sich setzenden Festuugsbesatzung. 

b) Feindliche Vorpostenstellungen. 

c) Die befestigte Einschliefsungsstellung zu Wiedereroberungs- 
versuchen und fortgesetzten Belästigungen der Truppen des 
Belagerers in derselben. 

d) Quartiere des Gros der Abschnittsbesatzung und der Haupt- 
reserve hinter der Einschliefsungslinie. 

e) Auskundende Offiziere und Trupps. 

II. Zielverhältnisse. 

1. Während der Beobachtung. 

Allgemeines. Die Ziele während dieser Zeit liegen, wenn 
ül>erhaupt erreichbar, dann jedenfalls an der iiufsersten Schufsgrenze 
der weittragendsten Festungsgeschütze. Ihrer Lage nach sind sie 
der Sicht der Festung in der Regel entzogen. 

Als Ziele sind unter I. insbesondere genannt: 

a) Vom Beobachtungscorps besetzte Punkte im Gelände zur 
Sicherung des Vormarsches des Einschliefsungscorps. Diesbezüglich 
ist eine für alle Fälle zutreffende Annahme hinsichtlich der Be- 
schaffenheit des Ziels nicht möglich, weil die jedesmaligen örtlicheu 
Verhältnisse die Sachlage zu ändern pflegen. Dieser Umstand will 
aber für die dem Artilleristen darüber erwünschte Kenntnis nicht 
viel besagen, weil diejenigen Punkte in der Umgebung einer Festung, 
deren rechtzeitige Besetzung das Beobachtungscorps für wichtig 



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Ziel« der Festanga-Artillerie 



halten könnte, meist im Voraus bekannt sind und daher schon zur 
Friedenszeit von ihm erkundet sein werden. Wo aber diese Vor- 
aussetzung nicht zutrifft, und gedachte Punkte von den Werken 
aus unmittelbar nicht einzusehen sind, da ist der Artillerist mit 
Hülfe der ihm im Ernstfall zur Verfugung stehenden Pläne in der 
Lage, sich über die den einschlägigen Schiefsaufgaben zu Grunde zu 
legenden Ziel Verhältnisse Klarheit zu verschaffen. 

Der taktischen Sachlage entsprechend bilden Truppen des 
Beobachtungscorps das zu bekämpfende Ziel. Dieselben werden 
voraussichtlich Ortschaften und Gehöfte besetzen, welche in der 
Nähe des Austritts von Anmarschwegen, aus sogenannten Defileen 
liegen. 

Sind jedoch Wohngebäude an den fraglichen Punkten nicht vor- 
handen, so suchen die Abteilungen im Gelände selbst Schutz gfgen 
Witterung, Sicht und Geschützfeuer von der Festung her und 
machen sich dazu soweit als angängig die Gestaltung beziehungs- 
weise die Bedeckung des Geländes zu Nutzen, wie Erhebungen, 
Senkungen beziehungsweise Waldränder, kleinere Geholze, Hecken 
u. dergl. m. Da nun der Belagerer gewärtig sein mufs, von Truppen 
der Festung in seinen Stellungen angegriffen zu werden, so kann 
hieraus die Notwendigkeit für ihn entstehen, eine zur Abwehr 
solcher Angriffe geeignete Gefechtsstellung einzunehmen. Trotzdem 
hat der Festungs-Artillerist für seine Zwecke den ihm zunächst- 
liegenden Austritt fraglicher Defileen als Hauptziel anzusehen, um 
die Benutzung desselben dem zu erwartenden Einschliefsungscorps 
zu untersagen und dieses so behufs Vermeidung von schweren Ver- 
lusten zu zeitraubenden Umwegen zu zwingen. 

Zur bestmöglichsten Lösung dieser Aufgabe mufs hinsichtlich 
der Beschaffenheit des Ziels zweierlei berücksichtigt werden: 

Ist die letzte Wegestrecke bis zu ihrem Austritt aus dem 
Defilee von den Wällen aus in ihrer Längsrichtung zu fassen, oder 
liegt die eigene Schufsrichtung senkrecht zu derselben. 

Im ersteren Fall bietet das Ziel eine gröfsere Längen- als 
Breitenausdehnung dar, im letzteren dagegen umgekehrt. Bestimmte 
Mafse dafür lassen sich nicht angeben, weil sie von den örtlichen 
Verhältnissen abhängig sind. 

Für gewöhnlich wird die Breite des Ziels der einspuriger 
Landwege oder 12 — 14 m breiter Strafsen gleich kommen. Schneidet 
dagegen, wie zweitens angenommen, die Schufsrichtung das Defilee 
in seiner Breite, so ist jetzt die Ziellänge gleich jener Breite. 
Aufscrdem mufs die Beschaffenheit des Geländes seitlich der Verkehrs- 



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während der Bedrohung n. Einschliefaung einer Fortefestung. 195 

strafse Beachtung finden. Gestaltet sich dasselbe beispielsweise bei 
Thälern und Hohlwegen zu unbedeckten, hochflächeartigen Erhebungen, 
dann bilden die das Defilee begrenzenden Erdränder eine mehr oder 
weniger hohe Schulterwehr, und es stellen daher die auf der ein- 
geschnittenen Anmarschstrafse sich bewegenden Truppen ein Ziel 
hinter Deckungen dar, dessen erfolgreiche Bescbiefsung von der 
Gröfse des Einfallwinkels der Geschosse abhängt Dies tritt in noch 
höherem Grade in die Erscheinung, wenn fragliches Nebengelände 
dazu mit Wald bedeckt ist 

b) Vom Verteidiger bewirkte Verkehrsstörungen für den geg- 
nerischen Anmarsch. 

Das vorstehend unter a Gesagte findet auch hier sinngeraäfse 
Anwendung, indem fragliche Verkehrsstörungen an solchen Punkten 
der Anmarschstrafsen des Feindes vorgenommen werden, wo ein 
seitliches Ausweichen ohne vorausgegangene Mafsregeln nicht möglich 
sein darf. Hinsichtlich der Beschaffenheit des Hindernisses handelt 
es sich weniger darum, seine Abmessungen als seine Lage zu kennen, 
weil es nicht auf eine Zerstörung desselben ankommt, sondern auf 
ein Unterfeuerhalten seiner nächsten Umgebung Zwecks Verhinderung 
einer Beseitigung desselben durch den Feind. Demnach ist nach 
Möglichkeit darauf Bedacht zu nehmen, die Annäherung an die 
Wegesperrung soweit nach vor- und seitwärts zu bestreichen, dafs 
der Anmarsch des Feindes schon aufgehalten wird, bevor er das 
Hindernis erreicht hat. Da nun Letzteres vom Verteidiger her- 
gestellt wird, so kann es dem Artilleristen auch keine Schwierig- 
keiten bereiten, Über Lage und Beschaffenheit des Ziels und seiner 
Umgebung die genaueste Auskunft zu erhalten, um seinen Schiefsplan 
darauf zu gründen. 

c) Vom Angreifer hergestellte Kriegsbrücken. 

Es sind zu unterscheiden: Brückenstege von wenigstens 1, 
Laufbrücken von 3 und Kolonnenbrücken von mindestens 5 Manns- 
breiten. Diese Arten werden wieder eingeteilt in Brücken aus 
vorbereitetem und solche aus unvorbereitetem Material. 

Jede Brücke zerfallt in den Oberbau, bestehend aus der Brücken- 
decke und dem Geländer, sowie dem Unterbau, d. h. die Unter- 
stntzungen der Brückendecke. 

Brücken aus vorbereitetem Material sind in der Ausrüstung 
eines mobilen Armee-Corps enthalten. Man bezeichnet sie allgemein 
mit Brückentrain. Jeder Train führt Ponton- und Bockbrücken- 
Material mit sich. Das Erstere dient zum Überbrücken von Ge- 
wässern von wenigstens 0,60 m Tiefe. Das Letztere wird zum 



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196 



Ziele der Festungs-Artillerie 



Übergaug über trockene Einschnitte, sumpfige Stellen und Gewässer 
bis höchstens 2,50 m Tiefe benutzt. 

Pontonbrücken verwenden Pontons aus verzinntem Eisenblech 
als schwimmende Unterstützung. Auf diesen wird ein aus Balken 
und Bretterbelag hergestellter Oberbau befestigt. 

Bei Bockbrücken bilden aus Holz gefertigte Böcke die Unter- 
stützung, welche einen ebenfalls aus Balken und Bretterbelag zusammen- 
gefügten Oberbau zu tragen hat. Jeder Bock besteht aus zwei 
Bockbeinen, in denen in zwei Ketten ein Holm hängt. Bei fertiger 
Brücke beträgt die Entfernung zweier Pontons gewöhnlich 4,50 m, 
d. h. die Spannung zweier Böcke 5 m. 

Brücken aus unvorbereitetem Material werden in allen ihren 
Teilen aus in der Nähe oder an Ort und Stelle ihrer Verwendung 
entweder vorgefundenem oder zubereitetem Material hergestellt. 
Zu unterscheiden sind zwei Hauptarten, nämlich: Uferbrücken, 
deren Streckbalken von einem Ufer zum anderen reichen, und 
Brücken mit Unterstützungen. Je nach der Art der Letzteren 
werden sie bezeichnet als: Bock-, Pfahljoch-, Schiff-, FloCs-, Tonneu- 
brücken und dergl. mehr. 

Dasjenige, was über diese Ziele sonst noch anzuführen wäre 
ist unter a bereits erwähnt worden. Es erstreckt sich im Wesent- 
lichsten auf die Schufsrichtung, ob sie in der Längen- oder Breiten- 
ausdehnung der Brücke streicht, und auf die Beschaffenheit und 
Gestaltung des Geländes, wo der Brückenschlag ausgeführt werden 
soll, ob nämlich derselbe das Ziel als freiliegendes oder als gedecktes 
erscheinen läfet. 

d) Anmarschstrafsen des Feindes. 

Auch bezüglich dieser Ziele ist das Hauptsächlichste unter a 
schon berührt worden. Da es sich aber daselbst ausschliefslich um 
Engstrafsen, also um Wege mit ungangbarem Nebengelände handelte, 
so erübrigen hier nur solche, deren anstofsendes Gelände ein Betreten 
gestattet. Letzteres ändert die Sachlage insofern, als es dem Gegner 
hierdurch ermöglicht wird, durch Geschosse der Festungsgeschütze 
besondere gefährdete Strecken seiner Anniarschstrafsen auf so- 
genannten Kolonnen- oder Hilfswegen zu umgehen. Zu solchen 
Stellen gehören namentlich diejenigen, welche ihrer Länge nach von 
den Geschossen wirksam bestrichen werden können. Es bildet nun- 
mehr die Breite der Stralse nicht die des ganzen Ziels, sondern es 
tritt das Nebcngelände in einer den örtlichen Verhältnissen ent- 
sprechenden Ausdehnung hinzu. In welchem Umfange dies statt- 
finden mufs, ist danach zu bemessen, dafs eine gründliche Schädigung 



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wlhrend der Bedrohung u. Einschließung einer Fortsfestung. 197 

des Feindes für den Fall seines etwaigen Ausweichens von der 
Anmarschstrafse, um den Vormarsch in gesicherter Entfernung seit- 
lich derselben fortzusetzen, gewährleistet bleibt. Hinsichtlich der 
zu erwartenden Wirkung ist es auch hier von wesentlicher Bedeutung, 
dafe die Schulsrichtung die Anmarschstrafse thunlichst ihrer Länge 
nach bestreiche, weil sich hierdurch eine für die Trefffahigkeit 
günstigere Zielfläche ergiebt, als wenn die Schufsrichtung die Strafse 
senkrecht schneidet. 

e) Von den Truppen des Beobachtungscorps besetzte Ortschaften 
und Gehöfte. 

Anlasslich der hier in Betracht kommenden grofsen Entfernungen 
und der damit verbundenen ungenügenden Trefffähigkeit der Ge- 
schütze gegen Ziele von geringer Ausdehnung, wie einzelne Gehöfte 
und dergleichen Baulichkeiten, hat sich die Thätigkeit der Festungs- 
Artillerie lediglich auf die Beschiefsung gröfserer Ortschaften zu 
beschränken. Für den Erfolg hierbei ist es wesentlich, ob die Ort- 
schaft in ihrer gröfseren Ausdehnung die Zielbreite oder Ziellänge 
darstellt und welcher Schutz derselben durch die Beschaffenheit und 
Gestaltung ihres benachbarten Geländes gewährt wird. Breitet sich 
beispielsweise ein Dorf am jenseitigen Abhänge einer Anhöhe aus, 
oder ist es nach der Festung hin durch Wald geschützt, so beein- 
flussen diese Umstände die Trefffähigkeit im höchsten Grade. Ins- 
besondere trifft dies bei Waldungen zu, in deren hohen Baum- 
gipfeln Granaten frühzeitig zum Zerspringen gebracht werden, und 
deren Wirkung so gegen das eigentliche Ziel verloren geht. Wie 
dem aber auch sei, als Zielfläche gilt nicht die Ortschaft allein, 
sondern es mufs aufserdem die nächste Umgebung derselben mit 
veranschlagt werden, weil in derselben der unausbleibliche Verkehr 
der im Orte befindlichen feindlichen Truppen zur Handhabung des 
notwendigen Sicherheitsdienstes nach Aufsen hin stattfindet. 

2. Zielverhältnisse während der Einschliefsung. 

Unter I. sind für die Einschliefsungszeit folgende Ziele ent- 
wickelt worden: 

a) Truppenbewegungen zur Vollziehung der Einschliefsung der 
Festung und Gefechtsstellungen gegen die dabei zur Gegenwehr sich 
setzende Festungsbesatzung. 

Der Vormarsch des Einschliefsungscorps gegen die Festung 
findet bis zu den Punkten, wo dasselbe zu Flankenmärschen über- 
geht, hauptsächlich auf den nach der Festung hinführenden Verkehrs- 
wegen statt. Die früher bereits dargelegten, einschlägigen Ziel- 



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19* 



Ziele der Festungs-Arrillerie 



Verhältnisse ändern sich daher nur insofern, als die Zielentfernungen 
sich naturgemäfs nach Mafsgabe des Näherrückens des Gegners 
verringern und somit allmählich in den Wirkungsbereich der Ge- 
schütze mit mittlerer Tragweite eintreten. 

Gleichwie zur Zeit der Bedrohung der Festung, bilden, während 
die Einschliefsung derselben sich vollzieht, Truppen das Hauptziel. 
Die Unterfeuernahme der von diesen benutzten Anmarschstrafsen 
hat aber nicht nur den alleinigen Zweck, die auf denselben that- 
sächlich im Vormarsch begriffenen feindlichen Truppen zu beschiefsen, 
sondern behält auch eine allgemeine Beunruhigung der Strafsen 
selbst im Auge, um den Feind an der beabsichtigten Benutzung 
derselben unausgesetzt zu hindern. 

Betreffs der Flankenmärsche liegen die Verhältnisse in frag- 
licher Beziehung etwas anders. Es ist anzunehmen, dafs sie der 
Sicht der Festung möglichst entzogen ausgeführt werden, und dazu 
Wege gewählt werden, welche nach der Festung hin durch Höhen- 
ränder oder Waldungen gedeckt und daher nicht einzusehen sind. 
Dazu kommt noch, dafs die feindlichen Truppen bei Flankenmärschen 
ein Ziel von nur geringer Tiefe darstellen, gegen welches die Treff- 
wahrscheinlichkeit der Festungsgeschütze im Hinblick auf die GrÖfse 
der Entfernung starke Einbufse erleidet. Der Artillerist wird daher 
zur beregten Belästigung des Gegners namentlich auf solche Punkte 
im Vorfelde sein Augenmerk richten müssen, welche dieser zur Voll- 
ziehung seiner Absicht unbedingt betreten mufs. Dahin gehören: 
Überführungen von Strafsen über Gewässer und ungangbare Gegenden 
vermittelst Brücken und Dämme, ferner Knoten- und Gabelpunkte 
von Strafsen, sodann in Richtung der Festung streichende Thäler 
und Thalerweiterungen, Höhenrücken, Waldblöfsen und endlich 
auch Landungsstellen bei Überfahrten von einem Ufer nach dem 
anderen. 

Zweitens sind als Ziele: Gefechtsstellungen genannt worden, 
zu deren Besetzung der Angreifer infolge Gegenunternehmungen der 
Festungsbesatzung genötigt werden kann. Als solche kommen in 
Betracht: Höhen, Ortschaften, Waldungen, sowie das Gelände in 
der nächsten Umgebung von Übergängen über Gewässer. Sind 
diese Punkte von den Wällen aus sichtbar, so hat der Artillerist 
das Möglichste aufzubieten, Ausfälle der eigenen Truppen dagegen 
zu unterstützen. 

Hat der Feind Anhöhen besetzt, so liegt das Ziel für die 
Festungsgeschütze nicht in der vordersten Gefechtslinie jenes, sondern 
da, wo seine Unterstiitzungstrupps beziehungsweise Reserven ver- 



während der Bedrohung u. Kinschliefsung einer Fortsfestung. 



199 



mutet werden, wodurch auch vermieden wird, dafs die zum Angriff 
vorschreitenden eigenen Truppen durch die Geschosse der in den 
Kampf eingreifenden Festungsgeschütze gefährdet werden. Dagegen 
bilden von feindlichen Truppen behauptete Ortschaften so lange in 
ihrem ganzen Umfange das Ziel für die Artillerie bis die Festungs- 
truppen zum Sturm dagegen schreiten. Jedenfalls mute auch darauf 
gerücksichtigt werden, die hinter oder seitwärts der Ortschaft 
bereit stehenden Reserven des Gegners rechtzeitig zu beunruhigen, 
um ihre Reihen so zu lichten, dafs sie ihre Stofskraft bereits 
eingebüfst haben, wenn der Eutscheidungskampf ausgeführt wer- 
den soll. 

Bei Waldungen endlich liegt das Ziel einesteils in dem dies- 
seitigen Rande, also in der vordersten Linie der gegnerischen Ge- 
fechtsentwickelung, anderenteils auch seitlich derselben, weil die 
feindlichen Reserven im gegebenen Augenblick von dort hervor- 
zubrechen pflegen, um den Angriff abzuschlagen. 

Die über die Lage letzterwähnter Ziele hingestellten Grundsätze 
erfahren selbstredend eine den jedesmaligen Verhältnissen ent- 
sprechende Änderung, wenn der Gefechtszweck der Festungstruppen 
nicht, wie im Obigen unterstellt worden, offensiver sondern defensiver 
Natur ist. In diesem Fall hat der Festungs -Artillerist das Ziel so 
zu wählen, dafs die Annäherung der Einschliefsungstruppen an die 
von den Festungstruppen zu behauptenden Stellungen erschwert wird. 

b) Vorpostenstellungen des Einschliefsungscorps. 

Das Festsetzen des Angreifers in der Einschliefsungslinie bedingt 
die sofortige Einrichtung besonderer Gefechtsstellungen, Befestigung 
von Örtlichkeiten u. dergl. m M um das Angriffsmaterial zu decken 
und Ausfällen zu begegnen. 

Die Vorpostenlinie liegt entweder vor dieser befestigten Stellung, 
meist aber wird sie sich in derselben befinden, jedenfalls die des 
Vorposten-Gros. 

Da Letzteres den Vorposten-Corapagnien zum Rückhalt dient 
und, im Falle eines Angriffs des Feindes, die zunächst verwend- 
baren Verstärkungen bietet, so ist dementsprechend die Entfernung 
zwischen Vorposten-Gros und Vorposten-Compagnien zu bestimmen. 

Beide werden möglichst in Gebäuden untergebracht, welche für 
schnelle Bereitschaft, bequeme Bewachung und zur Verteidigung 
einzurichten sind. 

Die Vorposten-Compagnien sichern sich ihrerseits durch die 
von ihnen vorzuschiebenden Feldwachen beziehungsweise selbst- 
ständige Unteroffizierposten. Den beiden Letzteren fällt die Sicherung 



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200 



Ziele der FeattmgB-Artillerie 



wichtiger Wege und Punkte zu, wonach sich ihre Aufstellung zu 
richten hat. Als Feldwachen werden möglichst geschlossene Züge 
oder Halbzüge verwendet und, wenn angängig, in bedeckten Räumen 
untergebracht, wobei durch Vermehrung oder Verbreiterung der 
Ausgänge eine schnelle Gefechtsbereitschaft ermöglicht werden mufs. 

Die von den Feldwachen auszustellende Postenkette, aus ein- 
zelnen Doppelposten bestehend, wird so eng aufgestellt, dafs Niemand 
sie unbemerkt oder ohne beschossen zu werden durchschreiten kann. 
Sie wird danach unter Umständen bei Dunkelheit verdichtet Auch 
für die Posten werden Deckungen ausgesucht oder geschaffen. Die 
Postenkette zieht sich demnach vielfach durch bedecktes Gelände, 
wie mitten durch Ortschaften, Wälder und Gräben. 

Die von den Feldwachen aus abzulösenden Doppelposten sollen 
im Allgemeinen nicht weiter als 400 m vor denselben aufgestellt 
werden. 

Nach der allgemeinen Gliederung der Vorposten bieten die- 
selben Ziele von verschiedener Ausdehnung dar. Dieselbe nimmt, 
vom Vorposten-Gros bis zu der Linie der Doppelposten gerechnet, 
von grofsen Zielflächen, wie Dörfern, bis sozusagen Zielpunkten, 
wie Doppelposten, ab. In Anbetracht der einstweilen noch grofsen 
Entfernung der Vorpostenstellung von den Werken während der 
Zeit der Einschliefsung der Festung werden gehörig gedeckte Feld- 
wachen und Doppelposten wegen Mangels an hinreichender Treff- 
fähigkeit dagegen vom Festungsgeschütz einstweilen noch unberück- 
sichtigt bleiben müssen. Ein Gleiches gilt mehr oder weniger hin- 
sichtlich der im Gelände gedeckt auftretenden Vorposten-Compagnien. 

Dagegen bilden Dörfer und sonstige Stellungen des Vorposten- 
Gros beachtenswerte Ziele, indem bei einiger Ausdehnung, selbst 
bei verdeckter Lage, ein Beschiefsen derselben sich meist verlohnt. 

Die Ziel Verhältnisse gestalten sich aber etwas anders, als es 
den vorigen Erörterungen nach den Anschein haben möchte, wenn 
die Schiefsaufgabe eine allgemeine Beunruhigung der feindlichen 
Vorpostenstellung bezweckt. Näheres hierüber wird bei der Be- 
sprechung des einschlägigen Schiefsverfahrens später noch ausgeführt 
werden. Es soll daher an dieser Stelle nur mit dem Hinweis sein 
Bewenden haben, dafs hinsichtlich der Zielverhältnisse im Grofsen 
und Ganzen die gesamte Vorpostenstellung, soweit sie in jedem 
einzelnen Fall in Betracht kommt, ins Auge zu fassen ist, indem 
namentlich auch auf den Verkehr gerücksichtigt werden mufs, 
den der Dienst in der Vorpostenstellung nach Tiefe und Breite 
erheischt. 



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während der Bedrohung n. Einschliefsnng einer Fortofestnng. 201 



c) Die befestigte Einschliefsungsstellung. 

Mit der Befestigung der Einschliefsungsstellung bezweckt der 
Belagerer, das gewonnene Gelände so einzurichten, dafs er im Stande 
ist, etwaigen Angriffen der Festungsbesatzung gegen dieselbe auch 
mit einer Minderzahl von Truppen gegenüber einer Überlegenheit 
an solchen sich nachdrücklich behaupten zu können. Die dazu 
erforderlichen feldmäfsigen Befestigungsanlagen müssen sich daher 
in ihrer Gesamtheit zu einer wohl eingerichteten Gefechtsstellung 
gestalten. 

Hierzu gehört: 

Befestigung der in der gewählten Stellung vorhandenen natür- 
lichen Stützpunkte, wie: Höhen, Wälder, Dörfer, Gehöfte u. dergl. m. 

Sicherung der verbleibenden Zwischenräume durch Schützen- 
gräben für einzelne Schützen und Schützenlinien, durch künstliche 
Stützpunkte — Feldschanzen — für geschlossene Infanterie -Ab- 
teilungen, und endlich durch Deckungen für Feldgsechiitze und deren 
Protzen — Geschütz und Protzen-Deckungen. — 

Herstellung von Laufgräben und Brücken; erstere zur Erlangung 
einer gedeckten Verbindung der vorgenannten Einrichtungen, 
letztere zur Vermittelung eines fortlaufenden Verkehrs in der ganzen 
Stellung, da wo dieselbe durch Bäche und unwegsames Gelände 
unterbrochen ist. 

Anlage von Hindernissen verschiedenster Arten, um dem Feinde 
vor der befestigten Stellung Halt zu gebieten und zur Schliefsung 
von Lücken in derselben. 

Einrichtung von Beobachtungsposten. 

Die Darlegung der Zielverhältnisse für die genannten Ein- 
richtungen erfordert einige allgemeine Angaben über die Art ihrer 
Herstellung. 

Befestigung von Höhen. Es wird gewöhnlich ihr vorderer 
Hand mit Schützengräben durchzogen. Geschützeinschnitte für Feld- 
geschütze werden so angelegt, dafs an den Abhängen hinaufführende 
Schluchten, Mulden und Hohlwege, sowie das nächste Vorfeld be- 
strichen werden können. Zum Schutz der Truppen werden nötigen- 
falls gegen Shrapnelfeuer schützende Deckungen hergestellt. Breiten 
sich auf der Höhe oder auf den vorderen Abhängen derselben 
Wälder, Dörfer oder Gehöfte aus, so werden sie gleichfalls zur 
Verteidigung eingerichtet. 

Befestigung von Wäldern. Um den Gegner die Erstürmung 
des Saumes zu erschweren, wird dieser so zur Verteidigung ein- 
gerichtet, dafs etwa 10 — 25 m waldwärts Bäumchen, starke Äste, 



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202 



Ziele der Festungs-ArtiUerie 



starke Sträucher und dergleichen Gehölz abgehauen, am Waldrande 
zwischen Baumen oder eingeschlagenen Pfählen aufgezackt und bis 
zur Anschlaghöhe 1,30 m mit Erde beschüttet werden. Bei älterem 
Waldbestande pflegt man auch starke Bäume zu fällen, abzuästen, 
in der Richtung des Saumes zu legen und durch Erdnachfüllung 
als Brustwehr einzurichten. Kann vom Walde aus das Vorfeld 
nicht gehörig übersehen werden, so schiebt man verstärkte Schützen- 
gräben vor und verbindet sie durch Deckungsgräben mit dem 
Waldrande. An den Stellen, wo es sich um Flankierung längerer 
gerader Linien vor dem Waldsaume, oder um Deckung des Aus- 
trittes wichtiger Wege handelt, werden Schützengraben über den 
Waldrand vorgeschoben. Für Unterstützungstrupps und Reserven, 
welche rückwärts des vorderen Waldrandes bereit zu halten sind, 
werden zum Schutz gegen Shrapnel-, Granat- und Holzsplitter Unter- 
stände einfachster Art hergerichtet. 

Befestigung von Dörfern. Dieselbe besteht in der ver- 
teidigungsfähigen Einrichtung der äufseren Dorfbegrenzung, unter 
Benutzung von Hecken, Zäunen, Mauern und Häusern hinter dem 
Dorfrande, im Verbarrikadieren von Strafsen, sowie im Schutz 
der Einfriedigungen gegen Geschützfeuer und in der Anbringung 
von Unterständen innerhalb des befestigten Dorfrandes. Die Be- 
festigung einzelner Gehöfte erfolgt ähnlich wie bei Dörfern, indem 
der Saum derselben verteidigungsfahig eingerichtet wird. Zur Ver- 
längerung der Feuerfront werden nötigenfalls Schützengräben seit- 
wärts angehängt. Bei grofsen Gutshöfen, Fabriken und Schlössern, 
welche mit Parks und Gartenanlagen umgeben sind, befestigt man 
die Gebäude zur Verhinderung eines gewaltsamen Eindringens des 
Gegners und zur Verteidigung durch entsprechendes Einschneiden 
von Scharten in die Umfassungsmauern, Thüren und Fensterläden. 

Schützengräben für einzelne Schützen und Schützenlinien 
behufs Sicherung der Lücken zwischen natürlichen und künst- 
lichen Stützpunkten. Es kommen vier Profile vor: das für liegende 
Fig. 1, knieende Fig. 2 und stehende Schützen Fig. 3, sowie das für 
verstärkte Schützen- und Deckungsgräben Fig. 4. 




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w&hrend der Bedrohung n. Einschliefeung einer Portafestung. 203 



Fig. 3. Fig. 4. 




Künstliche Stützpunkte. Es giebt dafür drei Profile: Profil 
für verstärkte Schützengräben Fig. 4, oder zur besseren Übersicht 
für den Verteidiger desselben über das Vorfeld Fig. 5. Schliefslich 
zur Erlangung eines noch besseren Überblicks und grösseren Wider- 
standes der Brustwehr als bei Profil Fig. 5, das Feldschanzen- 
profil Fig. 6. 

Fig. 5. 




Geschütze und Protzendeckungen. Foldgeschütze werden 
wie in Fig. 7 dargestellt, mit Abständen einzeln eingeschnitten. Die 
Zwischenräume der einzelnen Geschützstände werden durch Gräben 
mit einander verbunden und in diesen zum besseren Schutz der 
Bedienungsmannschaften Unterstandsräume erbaut. Nach Zeit und 
Bedarf wird die Widerstandsfähigkeit der Deckungen durch eine 
gröfsere Brustwehrstärke vermehrt. 

Protzendeckungen, Fig. 8, werden nur dann angelegt, wenn es 
nicht möglich ist, die Protzen im Gelände gedeckt aufzustellen. 
Erfolgt die Aufstellung ohne Gespanne, so stehen die Protzen mit 
der Deichsel senkrecht zur aufgeworfenen Brustwehr. Soll indes 
die Bespannung ebenfalls gedeckt werden, so ist dieselbe nebst 
Protze gleichlaufend zur Deckung aufzustellen. 

Jtbrbaehtr Iftr die D*atw** AmM u<i Mute*. M. LXVI1I., a. j 4 



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204 



Ziele der Festungs-Artillerie 



Fig. 7. 



Fig. 8. 





Herstellung von Lauf- 
gräben. Ist der Zweck der- 
selben ausscbliefslicb, eine ge- 
deckte Verbindung unter den 
zur Verteidigung hergerichteten 
Punkten der Einsehliefsungs- 
stellung zu erhalten, so reicht 
eine Deckungshohe von 2,00 in 
aus, um die im Laufgraben 
sich bewegenden Truppen gegen 
Sicht zu schützen. Die Breite 
der Sohle beträgt 1,00—2,00 m. 
Die Brustwehrstärke ergiebt sich 
aus diesen Profilsverhältnissen. 
Brücken in der Einschliofsungsstellung. Dieselben 
werden in der Weise hergestellt, wie unter II. 1 c, betreifend Ziel- 
verhältnisse während der Bedrohung der Festung, näher ausgeführt 
worden ist. 

Anlage von Hindernissen vor und in der befestigten 
Einschlicfsungsstellung. Es sind zu unterscheiden natürliche 
und künstliche Hindernisse. Zu Erstercn rechnen: Einfriedigungen 
(Mauern, Hecken und Zäune), steile Abhänge, Einschnitte, Gestrüpp, 
Sümpfe, nasse Wiesen und fliefsende Gewässer, wenn sie nur auf 
vorhandenen Wegen und Brücken zu überschreiten sind. Um 
Letzteres zu verhindern, werden fragliche Stelleu mit entsprechenden 
Mitteln der Feldbefestigung verstärkt beziehungsweise gesperrt. 
Hierbei kommt die zweite Art, nämlich künstliche Hindernisse, zur 
Verwendung, als da sind: Wolfsgruben, Pallisaden, Sturmpfähle, 
Spanische Reiter, Verhaue (Baum- und Astverhaue), Drahtnetze, 
Verpfädung, Eggen und nach Umständen auch Minen. 

Einrichtung von Beobachtungsposten. Dazu werden 
Punkte gewählt, von denen aus ein guter Überblick über das 
Gelände bis zur Festung hin vorhanden ist, ohne von letzterer aus 
leicht entdeckt zu werden. Zu einer geschützten Unterkunft des 



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während der Bedrohung u. Einachliefsung einer Fortefestung. 



205 



Beobacbtungs-Personals werden entweder vorhandene Baulichkeiten 
benutzt, oder besondere Unterstände hergerichtet. Bestimmte Ab- 
messungen hierfür sind nicht gegeben, vielmehr richtet sich die 
Ausfuhrung der Bauten nach örtlichen Verhältnissen, nach der Zahl 
der in ihnen unterzubringenden Beobachter sowie nach Zahl und 
Gröfse der »von diesen zum Durchsuchen des Geländes zu ver- 
wendenden Fernrohre und dergleichen Hilfsmittel mehr. 
Weitere Ziele während der Einschlicfsung bilden: 

d) Cantonneinents des Gros der Abschnittsbesatzung. 
Es sind dies Dörfer, Gehöfte und, falls diese in genügender 

Zahl nicht vorhanden sein sollten, auch Zeltlager. Während die 
oben erwähnten, vom Gros der Vorposten besetzten Örtlichkeiten 
and Baulichkeiten befestigt wurdeu, geschieht solches mit den 
Cantonnements in der Regel nicht, weil sie in einer solchen Ent- 
fernung hinter der befestigten Einschliefsungsstelluug gelegen sind, 
dafs auf eine Verteidigung derselben nicht gerücksichtigt wird. 
Dies schliefst aber nicht gänzlich aus, dafs sie, falls hinter der 
EinschlieCsungsstellung eine Aufnahmestellung für nötig befunden 
werden sollte, mit in die zu befestigende zweite Linie hineingezogen 
und ebenfalls zur Verteidigung eingerichtet werden. Aufnahme- 
Stellungen sollen den in vorderster Linie geschlagenen beziehungs- 
weise aus derselben zurückweichenden Truppen einen neueu Stütz- 
punkt bieten. Die Einrichtung solcher Stellungen erfolgt dann in 
gleicher oder ähnlicher Weise, wie die bereits erwähnte Befestigung 
der Einschliefsungsstelluug. — 

e) Auskundende Offiziere und Trupps. 

Das in ihnen sich darbietende Ziel richtet sich in jedem ein- 
zelnen Fall nach der Zahl des auf einem Punkte im Gelände 
erscheinenden Personals. Die Entfernung, in welcher sich dasselbe 
den Festungsgeschützen nähert, mufs bestimmend bleiben, ob sich 
eine Beschiefsung desselben aus Geschützen lohnt, oder eine Ver- 
treibung desselben lediglich den Vorposten überlassen bleiben mufs. 
Nach Möglichkeit suchen gedachte Trupps Deckung im Gelände 
und bieten daher eine schwer zu treffende Zielfläche dar. 

(Schlufe folgt.) 



14* 



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Befestigungs-Ideen. 

Eine Antwort ron K. H. anf die AnsUssnngen des Herrn Majors J. Scheibert 



In dem Juni-Heft der Jahrbücher für die Deutsche Armee und 
Marine hat Herr Major i. D. Scheibert meine Schrift »Ideen über 
Befestigungen« einer Besprechung unterzogen, auf welche ich mich 
um so mehr bewogen finden mufs zu antworten, als Herr M. S. 
am Schlufs die Erwartung einer Antwort ausspricht, und als seine 
Gegenäufserung in so kameradschaftlich wohlwollendem Tone gehalten 
ist, dafs aus einer Fortsetzung dieser Auseinandersetzung nur ein 
er8priefslicher Meinungs-Austausch, niemals ein unliebsamer Feder- 
krieg entstehen kann. 

Herr M. S. sagt S. 318 sehr richtig, dafs vor Allem er und ich 
auf einem verschiedenen Standpunkte stehen. Er wollte nur Prinzipien- 
Fragen lösen, ich aber setze mich im Geiste an die Stelle der 
obersten Heeresleitung und zöge dann die praktischen Folgerungen. 

Hierin hat Herr M. S. nicht nur sehr Recht, sondern es sind 
auch durch die Verschiedenheit dieser Standpunkte ganz allein die 
scheinbaren Verschiedenheiten in unseren grundsätzlichen Ansichten 
entstanden. 

Ehe ich hierauf näher eingehe, mufs ich vorerst darauf auf- 
merksam macheu, dafs beide Standpunkte der vollkommenen Festig- 
keit entbehren. Prinzipien-Fragen lassen sich im Befestigungswesen 
nicht endgültig lösen. Ihre Beantwortung wird sich immer nach 
dem wechselnden Standpunkte der Technik richten. Wie die Fort- 
schritte in der Technik der Angriffsmittel und des Eisenbahnwesens 
die Bedeutung permanenter Befestigungen herabgedrückt haben, so 
können Fortschritte in der Technik der Schutzmittel diese Bedeutung 
wieder erhöhen. Noch weit unsicherer ist aber der Standpunkt 
der praktischen Lösung, wenn man sich im Geiste an die Stelle 
der oberston Heeresleitung setzt und mit seiner Ansicht vor die 
Öffentlichkeit tritt. Denn die praktische Lösung ist noch mehr 



BefestigungB-Ideen. 



207 



von der Angriffs- wie Verteidigungs-Technik abhängig, und die 
öffentliche Besprechung darüber kann derselben nicht einmal voll 
Rechnung tragen. Die Staaten halten ja ihre neuesten Erfindungen 
geheim, und wer über diese Frage öffentlich redet, hat entweder 
keine genaue Kenntnis von den Einzelheiten dieser Erfindungen, 
oder er darf, wenn er sie kennt, schon aus Patriotismus nicht davon 
sprechen. Deshalb gebe ich zu, dafs ich mich auf weit schwanken- 
deren glatteren Boden begeben habe, als Herr M. S. Das soll 
mich aber nicht davon abhalten, ihm in seinen Ausführungen zu 
folgen, obgleich ich hier einem Manne vom Spezialfache, einem 
Sachverständigen gegenüberstehe, und selbst kein Solcher bin. In- 
dessen bedürfen alle Erfindungen, wie Grundsätze der Techniker 
und Sachverständigen auch noch einer Prüfung durch solche Militärs, 
welche nicht Sachverständige sind, aber in den Fall kommen könnten, 
die Grundsätze oder Erfindungen anzuwenden. 

Dabei mufs ich mich gegen den etwaigen Verdacht verwahren, 
als ob ich etwas unanfechtbar Richtiges, Unumstöfsliches vorzu- 
bringen meinte. Der Boden, auf den ich mich stellen mufe, ist 
ja nicht nur mit den Fortschritten der Technik wechselnd, sondern 
auch für den augenblicklichen Standpunkt der Technik unsicher, 
weil dieser letztere eben, wie vorstehend angedeutet, der Öffent- 
lichkeit nicht vollständig bekannt gegeben werden kann. Die 
Brisanz-Geschosse haben viel von sich reden gemacht, dann drangen 
Nachrichten in die Öffentlichkeit, dafs das vielbesprochene Melinit 
nicht aufbewahrungsfahig sei und sich binnen kurzer Zeit verzuckere. 
Von anderen Versuchen mit Brisanz-Geschossen wurde erzählt, dafs 
sie eine vernichtende Wirkung äufeerten, und ihnen Nichts wider- 
stehen könne; wieder von anderen, dafs sie den Erwartungen gar 
nicht entsprochen hätten und eine sehr geringe "Wirkung erzeugten, 
ja sogar die eigene Mannschaft gefährdeten. Weiterhin ist in die 
Öffentlichkeit gedrungen, dafs Eindeckungen innerhalb der Festungs- 
werke, sei es durch Panzer, sei es durch Cement, gegen die neuere 
Geschofswirkung verstärkt seien oder würden. Es ist doch nicht 
denkbar, dafs vernünftig handelnde Heeresleitungen derartige Ver- 
stärkungen mit grofsem Aufwände an Geld- und Arbeitsmitteln 
hergestellt haben würden, wenn sie sich nicht vorher durch Schiefs- 
versuche davon überzeugt hätten, dafs diese Verstärkungen auch 
gegen die neuesten Angriffsmittel Schutz gewährten. Nur in diesem 
Sinne ist die Anforderung zu verstehen, die ich in meiner Schrift 
» Ideen über Befestigungen t S.67 unter 12 stellte, dafs die permanenten 
Befestigungen mit denjenigeu Schutzmitteln zu versehen seien, 



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208 



Befest ipung»-Ideen. 



welche den Fortschritten der Bei agerungs- A rtil 1 erie ent- 
sprechen. In diesem letzten Nachsatze ist enthalten, dafs, wenn 
Panzertürme diesen Fortscliritten nicht entsprechen, dieselben fort- 
zulassen sind. Nur gründliche Schiefs- Versuche können darthun, 
ob solche Panzertürme oder Verstärkungen durch Beton-Deckungen, 
von denen Herr M. S. spricht, ausreichenden Schutz gewahren. 
Sofern diese Versuche ergeben, dafs sie keinen Schutz gewähren, 
wird eine einsichtsvoll«» Heeresleitung dafür nicht Hunderte von 
Millionen verausgaben. Jedenfalls können wir zu unserer obersten 
Heeresleitung das Vertrauen hegen, dafs sie hierin verständig ver- 
fahren wird; dies Vertrauen hat sie durch die bisherigen Erfolge 
verdient. 

Herr M. S. spricht auf S. 319 von leichten, fahrbaren, provi- 
sorischen Anlagen mit eisernen Schirmen, die in Buckau gefertigt 
und für Rumänien bestimmt sind, und in den Fortzwischenräumen 
Verwendung finden sollen. Es wird von ihnen gesagt, dafs sie 
gegen die Wirkung von Feldgeschützen Deckung gewähren und 
durch ihre geringe Sicht- und Trennbarkeit fast völlig gegen die 
schweren Geschosse schützen. 

Wenn sich diese Schirme praktisch bewähren, so können sie 
den Vorzug der provisorischen Befestigungen vor den permanenten 
bedeutend erhöhen. Um dieses festzustellen, sind nicht nur aus- 
gedehnte Schiefs versuche notwendig, sondern auch Aufstellungs- 
versuebe, um festzustellen, wie viel Zeit und Arbeitskräfte dazu 
gehören, um einen zu verteidigenden Platz (Eisenbahnknotenpunkt) 
von einer bestimmten Ausdehnung verteidigungsfähig zu machen. 
Von dem Ausfall dieser Versuche wird es abhängen, ob man diese 
Schirme zwischen den vorgeschobenen Forts bereit zu halten gut 
thun wird. Im günstigen Falle könnte man ganze Festungen per- 
manenten Stils eingehen lassen, und sie durch Bereithaltung der 
erforderlichen Schirme in Lagerungsplätzen ersetzen, aus denen sie 
nach Bedarf an diesen oder jenen Platz geschafft werden müfsten. 
Eine kühne Phantasie wird sogar behaupten, Technik, Gewandheit 
und Schnelligkeit müfsten soweit vervollkommnet werden können, 
dafs auf diesem Wege eine Festung binnen 24 Stunden her- 
zustellen ist. Daun allerdings könnten auch die Grenzfestungen 
entbehrt werden. 

Ich hege zu einer verständigen Heeresleitung das Vertrauen, 
dafs sie diese Erfindung, wie eine jede neue im Auge behält, und 
die erforderlichen Versuche anstellt. Aber ich glaube nicht, dafs 
tlie Ergebnisse solcher Versuche so bald gedruckt zu lesen sein 



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Befestigungs-Ideen. 



209 



werden, und erst auf Grund solcher Veröffentlichungen wird man 
öffentlich darüber verhandeln können, in wie weit diesen neuen 
Erfindungen gegenüber die permanenten Befestigungen in den 
Hintergrund zu treten haben. 

Jedenfalls darf man sich mit solcher Änderung der Grundsätze 
nicht übereilen. Denn wenn sich diese neuen Erfindungen der pro- 
visorischen Fortifikatiou nicht so bewähren sollten, wie man es 
erwartet hatte, und man dafür voreilig Festungen eingehen liefse, 
die bis dahin notwendig waren, so würde man im Ernstfallo die 
bittersten Enttäuschungen mit den übelsten Folgen erleben. 

Zu gleicher Zeit wird die Heeresleitung in Erwägung ziehen, 
wie hoch sich die Kosten für die Herstellung und dauernde Unter- 
haltung dieser vorrätig zu haltenden Schirme belaufen. Die Kosten 
für einzelne solcher Schirme, welche Herr M. S. angiebt, sind ja 
nicht hoch. Man mufs nur in Rechnung ziehen, dafs es nicht genügen 
würde, die Schirme für Zwischenstellungen zwischen zwei Forts 
vorrätig zu halten. Wollte man sich ganz auf diese Erfindung 
verlassen, so könnte man in den Fall kommen, auf der Front des 
Kriegstheaters 4, 5 oder mehr solcher »befestigten Stellungen«, wie 
sie Herr M. S. nennt, herstellen zu müssen. Dann wächst das vor- 
rätig zu haltende Material, und weil man vorher nicht immer weifs, 
wo sich der Bedarf nach provisorischer Stellung herausstellen wird, 
auch das der dafür bereit zu haltenden Fortschaffungsmittel be- 
deutend. Die Anschaffung von alledem veranlafst nicht zu unter- 
schätzende einmalige Kosten, ebenso die Unterhaltung laufende 
Ausgaben. Die Heeresleitung wird nicht unterlassen können, diese 
Ausgaben mit denjenigen zu vergleichen, die durch den Bau und 
die Unterhaltung von Festungen verursacht werden, und das Er- 
gebnis dieses Vergleichs als einen wichtigen Umstand hei der Ent- 
scheidung für die praktische Befolgung der einen oder der anderen 
Grundsätze mitsprechen lassen. Uns aber fehlen die Grundlagen, 
um eine solche Frage bis zur Beschlußfähigkeit zu lösen. 

Ich will durchaus nicht alle diese Einwände gemacht haben, 
um die praktische Anwendbarkeit der in Rede stehenden Erfindungen 
zu bestreiten. Im Gegenteil! Wenn diese leichten, fahrbaren pro- 
visorischen Anlagen sich vollkommen bewähren sollten, so würde 
mein Ideal einer Kriegführung sich der Art gestalten, dafs man 
dem Feinde offensiv ins Land fiele, und den Fortschritten der 
Heere mit der »beweglichen Befestigung» -Anlage« und den »fahr- 
baren provisorischen Anlagen« unmittelbar folgte, so dafs dasjenige 
Heer, welches einen Milserfolg erfahren sollte, stets unmittelbar 



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210 



Ikfeetigungs-Ideen. 



hinter sich in nächster Nähe einen Halt fände, der dem nach- 
dringenden Feinde die Ausbeutung des Erfolges vorläufig unter- 
sagte. 

Wir können indessen nicht unberücksichtigt lassen, dafs nicht 
jeder Krieg nur nach einer einzigen Front hin geführt werden wird. 
Sobald es sich darum handelt, mit zwei Feinden zugleich zu kämpfen, 
kann man nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen, gegen alle Beide 
offensiv beginnen zu können. Man wird sich vielleicht damit be- 
gnügen müssen, gegen den Einen mit aller Kraft offensiv aufzu- 
treten, um ihn schnell nieder zu werfen, und dem Anderen unter- 
dessen durch eine hinhaltende Defensive zu begegnen. Gegen 
welchen dieser Gegner die Offensive, gegen welchen die Defensive 
am Platze ist, weifs man vorher nicht. Der Entschlufs hierzu ist 
von zu vielen augenblicklichen Umständen abhängig. Gewifs wird 
man nach der Front hin, in der man zuerst offensiv aufzutreten 
gedenkt, die fahrbaren provisorischen Anlagen und die bewegliche 
Befestigungs-Anlage am Meisten benutzen, um sich schnell in 
Feindes Land festsetzen zu können. In der anderen Front macht 
sich dann das Bedürfnis von richtig angelegten permanenten Festungen 
geltend, welche, wenn geschickt ausgebeutet, einem schwächeren 
Heere gestatten, auch dem überlegenen Feinde gegenüber mit 
Glück zu operieren und die Gelegenheit zu offensiven Schlägen auch 
in der allgemeinen Defensive zu erfassen. 

Durch Vorstehendes glaube ich genügend dargethan zu haben, 
dafs die Grundgedanken, die mich in meiner Schrift leiteten, wohl 
nicht von denen des Herrn M. S. verschieden sind. Die Ver- 
schiedenheit der zu ziehenden Folgerungen wird aber bestehen 
bleiben, wenn Einer von uns nur Grundsätze aufstellt, der Andere 
die praktische Anwendung bespricht. Weil aber, wie vorbemerkt, 
uns Beiden der ganz sichere Grund fehlt, auf dem wir aufbauen 
mtlfsten, so würde eine Fortsetzung der Besprechung kein erspriefe- 
liches Ergebnis mehr liefern, sondern mehr der phantastischen 
Hunnenschlacht in den Lüften gleichen, welche Kaulbach ge- 
malt hat. 

Es sei mir nur erlaubt, noch einzelne Sätze aus der Kritik des 
Herrn M. S. herauszugreifen, welche ich nach meiner Ansicht nicht 
unbesprochen lassen kann, nachdem er die Erwartung geäufsert, 
ich werde seine Darlegungen nicht ohne Antwort lassen: 

1. Im Eingange, wo Herr M. S. die Sätze meiner Schrift 
anführt, denen er zustimmt, lautet nach ihm (S. 309) der 
Eine: > Festungen, welche nicht rechtzeitig armiert werden 



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BefestigTinffB-Ideen. 



können, sind wortlos.« Ich habe mich entschiedener aus- 
gesprochen und lege Wert darauf, dafs ich (S. 64 der 
»Ideen«) hinzusetzte: »ja schädlich«. 

2. Ich habe (zu S. 310 und 311 der Kritik) weder die Wirkung 
der Brisanz-Geschosse noch die Fortschritte des Feld- 
Eisenbahnwesens unterschätzt. Über den ersteren Gegen- 
stand habe ich mich vorstehend wohl genügend ausgesprochen. 
Es bleibt mir nur noch übrig darauf aufmerksam zu machen, 
welchen Wert ich in jener Schrift auf die Wirkung der 
Brisanz-Geschosse auch von Seiten des Verteidigers 
legte. 

Was die Fortschritte des Eisenbahnwesens betrifft, so 
beschränkt Herr M. S. (S. 311) die Möglichkeit, den Bau 
von Bahnen mit vormarschierenden Armeen fast gleichen 
Schritt halten zu lassen, auf das ebene Gelände. Das Be- 
festigungswesen sucht sich aber meistens nach Stromläufen 
oder beherrschenden Höhenzügen, ja Gebirgen zu richten. 
Da wird auch das jetzige Feld-Eisenbahnwesen grofsen 
Aufenthalt erfahren. Die Aufgabe, z. B. Metz oder Verduu 
zu umgehen, würde 'auch jetzt noch viel Zeit kosten, wenn 
auch nicht ganz so viel, wie 1870. 

3. Der Satz (S. 312 der Kritik): »Festungen, welche nicht 
wichtige Bahnen sperren, oder die nicht an natürlichen 
Hindernissen liegen, welche den Bau einer Umgehungsbahn 
sehr schwierig machen, möchten wohl kaum der Besatzung 
wert sein, welche man dort vergräbt; denn der Angreifer 
wird sie einfach bei Seite lassen,« ist demnach keine Ent- 
gegnung auf meine Ansichten, sondern eine Bestätigung 
derselben. 

4. HeiT M. S. will (S. 312) Festungen, die man liegen lassen 
will, durch eine ebenso geringe Truppenmacht unschädlich 
machen, als die ist, welche die Festung zu einem Ausfalle 
zu verwenden im Stande ist (von ihm Ausspeiungs-Coeffizient 
genannt). Hierin kann ich ihm nicht beistimmen. Wird 
das Vorterrain der Festung durch die Natur in Abschnitte 
geteilt, zwischen denen die Verbindung schwierig ist, so 
mufs man zur Unschädlichmachung der Festung auf jedem 
Abschnitte eine Macht verwenden, die dem »Ausspeiungs- 
Coeffizienten« fast gleich kommt 

5. Auch der (auf S. 314 der Besprechung ausgesprochenen) 
Meinung des Herrn M. S. bin ich nicht, dafs ein sogenanntes 



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212 



BefestigungB-Ideen. 



offenes Paris militärisch eine Null wäre. Taktik und 
Strategie sind ohne Politik nicht denkbar. So lange Paris 
in den Augen der Franzosen Frankreich ist, so lange ist 
auch ein offenes Paris militärisch keine Null, denn Frank- 
reich widersteht dann nicht mehr, wenn Paris genommen ist. 

6. Herr M. S. legt (S. 320 der Kritik) wiederholt grofsen 
Wert darauf, dafs die Befestigungen rückwärts offen seien, 
so dafs sie verlassen werden können, ohne die Ehre der 
Armee zu schädigen. Vielleicht verstehe ich nicht ganz, 
wie er das meint, und könnte eine genauere Auseinander- 
setzung mich belehren, dafs ich auch hierin im Grunde 
derselben Meinung bin, wie er. Wenn er aber verlangt, 
dafs die stärkeren Schanzen, welche die Stützen einer 
Stellung bilden, und die Forts einer Festungslinie, wie er 
sie auf dem linken Moselufer bei Metz bestehen lassen will, 
hinten ganz frei und jedem Überfalle zugänglich bleiben 
sollen, so kann ich ihm darin nicht beistimmen. Wenn sie 
hinten nicht mindestens provisorisch geschlossen sind, so 
könnten sie ja durch einen kühnen nächtlichen Handstreich 
sogar vou Kavallerie genommen werden. 

7. Auf derselben Seite schlägt Herr M. S. für Metz vor, nur 
die Werke des linken Mosel-Ufers bestehen zu lassen, wo- 
gegen er meint, bei einigen Kheinfestungen würde die Be- 
festigung des rechten Ufers genügen. Wenn hier zuletzt 
nicht ein Druckfehler vorliegt, so kann ich ihm nicht bei- 
stimmen. Ich würde bei der Befestigung eines Strom- 
Übergangs-Punktes den gröfsten Wert auf die Befestigungen 
nach der feindlichen Seite zu legen, wenn ich die Festung 
zu operativen Zwecken benutzen wollte. Denn die Be- 
schränkung auf die Befestigung des anderen Ufers mit dem 
Strome vor der Front verdammt uns dort zur starreu 
Defensive, weil wir dann den Strom-Üborgang nicht frei 
haben. 

8. In denselben Sätzen ist der militärische Wert der »Stadt« 
Metz wohl zu gering angeschlagen. Ganz abgesehen von 
dem moralischen Wert, den wir darauf würden legen 
müssen, diese Stadt^ die so viel deutsches Blut gekostet 
hat, nicht leichten Kaufs in Feindes Hand zu lassen, dürfte 
doch die »Stadt« Metz der Hülfsquellen aller Art genug 
enthalten, die man nicht gern Preis geben würde. An ein 



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BefestignngB-Ideen. 



213 



rechtzeitiges Zurückschaffen wäre wohl bei der Näho der 
Grenze nicht zu denken. 
9. Wenn Herr M. S. (ebenfalls S. 320) dafür ist, diejenigen 
Festungen zu erhalten, welche auf der Hauptstralse von 
Mainz bis Berlin liegen, so wechseln wir hier die Rollen. 
Ich halte für einen Krieg gegen Westen zwischon Mainz 
uud Berlin keine Festung für nötig. Warum gerade Mainz? 
Warum gerade Berlin? Berlin ist ja nicht Deutscldand, 
wie etwa Paris Frankreich ist. Aber selbst, wenn dies 
der Fall wäre, läge keine Notwendigkeit vor, den Feind 
durch eine Festung aufzuhalten. Ehe derselbe die wohl 
400 Kilometer von Mainz bis Berlin zurücklegt, kann die 
vor ihm zurückweichende Armee bei unserer Organisation 
durch Landwehr und Landsturm derart verstärkt werden, 
dafs ein Umschlag erfolgen mufs. 
10. Am Ende von S. 320 schlägt Herr M. S. vor, in den zu 
erhaltenden Festungen Lagerungsplätze von eisernen Deck- 
schirmen zu errichten, nicht nur zum Bedarfe der Festung 
selbst, sondern auch um »in und aufserhalb des Landes 
leicht herstellbare und doch starke Stellungen schatten zu 
können«. Hierbei hat er wohl ganz aufser Acht gelassen, 
dafs er sich früher selbst (uuter 4.) dahin aussprach, die 
Festungen könnten nicht mehr als geeignete Lagerungs- 
plätze dienen, weil die Leistungen der Eisenbahnen diese 
Aufgabe übernommen haben. Ich scblofs mich (S. 25 der 
»Ideen«) dieser Ansicht an und führte des Weiteren aus, 
dafs Lagerungsplätze in Festungen nur in solcher Masse 
anzulegen seien, wie das Material zur Verteidigung der 
Festung selbst erforderlich ist. Die Lagerungsplätze der 
beweglichen Festungs-Anlage schlug ich vor an offnen 
Orten niederzulegen, welche Eisenbahn-Knotenpunkte seien, 
und Herr M. S. hatte in seiner Besprechung (S. 317) seiner 
Freude darüber Ausdruck gegeben, dafs ich mit ihm in 
der Behauptung, Festungen seien keine geeigneten Lagerungs- 
plätze, übereinstimme. Ich kanu deshalb nicht umhin, diese 
Ansicht auch betreffs der Deckschinne, sofern sie sich be- 
währen sollten, aufrecht zu erhalten, und schlage vor, davon 
in den Festungen nur so viel vorrätig zu halten, als tu r 
dieselben zu ihrer eigenen Verteidigung für nötig erachtet 
werden. Alle für die »bewegliche Festungs- Anlage« nötigen 



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214 



B«fe«tigungs-Id*en. 



Deckschirme würde ich aber vorziehen, an offnen Orten, an 
Eisenbahn-Knotenpunkten niederzulegen. 

Herr M. S. wird mir nicht grollen, dafs ich diese im Einzelnen 
bestehenden Verschiedenheiten noch hervorgehoben habe. Es wurde 
mir von besonderem Werte sein, wenn ich auch in Einzelheiten eine 
Übereinstimmung unserer Ansichten bestätigen könnte. Denn die 
freundliche und kameradschaftliche Art und Weise, in welcher er 
mir gegenüber aufgetreten ist, wo er glaubte, dafs unsere Ansichten 
auseinander gingen, verpflichtet mich zu personlichem Danke. Noch 
mehr aber bin ich ihm im Interesse der Sache dankbar dafür, dafs 
er auf meinen im Vorwort zu den »Ideen« ausgedrückten Wunsch 
eingegangen ist und sich die Mühe gegeben hat, auch entgegen- 
stehende Ansichten zu veröffentlichen, damit die Angelegenheit 
recht vielseitig beleuchtet werde. 

Juni 1888. 



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xm. 

Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 

Wm 

Spiridion Gopcevic. 



(Fortoetiung.) 

Grofsbritannien hat natürlich in den letzten Jahren gewaltige 
Anstrengungen gemacht, seine Seeherrschaft zu bewahren, obschon 
ihm dies nach unserem Dafürhalten nicht gelungen ist. Was zu- 
nächst die Schlachtschiffe betrifft, so liefen von 1881 bis jetzt deren 
14 vom Stapel. Sechs davon (VICTORIA, SANSP AREIL, EDINBURGH, 
COLOSSUS, HERO und CONQUEROR) sind Turmschiffe, die übrigen 
Barbetteturm- und Citadelschiffe. Keines dieser Schiffe ist voll- 
standig gepanzert; bei HERO und CONQUEROR ist ein Viertel, bei 
den anderen gar zwei Drittel der Schiffslänge ungepanzert. Da 
wir dem Panzerdeck kein fibermäfsiges Vertrauen entgegenbringen, 
sind wir entschiedene Gegner der halben oder Drittelpanzerung. 

Aus nachstehender Tabelle ersieht der Leser, wie beschaffen 
die neuesten 14 Schlachtschiffe sind: 



Namen. 


Bewaffnung. 


Pan- 
zer- 
starke 

in mm 


De- 
place- 


Pferdekraft bei 
natürl. | kflnstl. 
Zug. 


Schnelligkeit b. 

natQrl. | kunstl. 
Zug. 


Jahr 

des 
Stapel- 
laufs 


EDINBURGH . f 
COLOSSÜS . .| 

COUWGWOOO . .| 


4- 43 Tons 

5- 5 „ 
14 Rev.-Kan. 

4-45 Tons 

6- 5 . 
16 Rev.-Kan. 


\ 457 
1406 
J355 

»> 


9146 
9150 

9162 


7520 
7096 

8009 


8002(?) 
7488(?) 

9578 


15.5 
15.448 

16.4 


16.999(7 
16.53 (?) 

16.844 


J 1882 
1882 


RODNEY . . A 
HOWE ■ { 


4-67 Tons 
6-5 „ 
16-20 Rev.-K. 


ii 


9700 


8262 
7788 


11157 
11729 


16 

15.872 


16.9 
16.936 


1884 
1886 


ANSON I 

CAMPE«»** . .1 


4-68 Tons 
6-5 . 
22 Rey.-Kan. 




10162 


8319 
8421 


12568 
11741 


16.523 
16.305 


17.486 
17.144 


1886 
1886 



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216 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



Namen. 





Pan- 


Bewaffnung. 


Tpr- 
stärke 
in mm 


2-1 1U lons 


I *0 1 


10-5 


[406 


23 Rcv.-Kan. 


J 355 


2-111 Tons 




1-30 „ 




12-5 


»» 


24 Rcv.-Kan. 




4-67 Tons 


i «>UÖ 
1 A. "»7 


8-5 

25 Rev.-Kan. 


1 I.W 
% dt Mi 

1 BOO 


2-45 Tons 


305 


4-4 ,. 

18 Rev.-Kan. 


291 


2-43 Tons 




4-4 „ 


i« 


20 Rev.-Kan. 





De- 
place- 
ment. 



Pferdekraft bei 

natürl. künstl. 

Zug. 



Schnelligkeit b. ^ 

natürl. | künstl. stapel- 
Zug. laufs. 



BENBOW . 



VICTORIA . . 
SANS-PAREIL 



NILE 

TRAFALGAR 



CONQUEROR 



HERO . 



10016 8614 



10470 (8500) 



11940 (8500) 



6260 4658 



6200 



10852 



H244 



(12000) 
11836 



5842 



6160 



16.3 



(16- 

165) 



15.5 



14.75 



17.5 



17.4 

(17) 



16.5 



15.25 



1885 



1887 



1888 
1887 



1881 



15.5 1885 



An Panzerkreuzern 
9 vom Stapel gelassen; 

4-22 Tons 



hat England 
nämlich: 



seit 1883 nieht weniger als 



IMPKR1EUSE . 
WARSP1TE . . 



AURORA . . . 
AUSTRALIA 
GALATHEA . 
IMMORTAUTE . . 

NARCISSUS . 
ORLANDO . 
UNDAUNTED 



6-4 „ 
19-23 R.-K .*) 



2-22 Tons 
10-4 „ 

25 Rev.-Kan. 



( 



254 
208 



8540 




7858 


9915 


15.5 


15.9 


7451 


10242 


15.8 


16.25 


5670 


8862 




18.53 


5800 


8876 


17.25 


18.8 


5858 


9206 


17.397 


19.008 


6979 


? 


18 


19.5 


5300 


? 


17 


18.5 


5617 


8622 


17.28 


19 


5640 


8602 


16.78 


18.9 



1884 



1>S7 



5000 
(bei 
Zulad 
von 
mehr 

Kohlen 5617 8622 17.28 19 }l886 
6000) 

IMPERIEUSE und WARSPITE sind als mißglückte Kreuzer 
zu betrachten. Planmäfsig sollten sie nur 7390 Tons grofs werden 
und bei der diesem Deplacement entsprechenden Tauchung er- 
reichten sie auch 17.213 und 17.25 Knoten mit künstlichem und 
10.(584 Knoten mit natürlichem Zug. Als sie aber vollständig aus- 
gerüstet waren, stellte sich heraus, dafs sie bedeutend tiefer tauchten, 
als erwartet war, was eine Vergrößerung des Deplacements von 
1150 Tons und demgemäfs eine Verminderung der Schnelligkeit, 
um IV4 — IV» Knoten zur folge hatte. Überdies kam der Pauzer- 

*) In den beiden Tabellen (wie überall) sind sämtliche leichte Geschütze (also 
auch Schnellfcuerkanoncn, Mitraillensen, Gatlings n. s. w.) der Kürze halber als 
„Revolverkauonen" zusamujengefafst 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



217 



görtel dadurch gänzlich unter Wasser, so dafs der Schutz der Seiten 
mithin bedeutend verloren hat. Eudlich sah man sich genötigt, 
auch die Bemastung zu entfernen, da hei Beibehaltung derselbeu 
das Deplacement noch gröfeer und die Schnelligkeit noch ge- 
ringer geworden wäre und zudem die Bemastung die Schüfe zu 
stark rollen machte. 

Die 7 Panzerkreuzer von der AURORA-Klasse scheinen dagegen 
vorzügliche Schiffe zu sein. Die Wasserlinie ist durch einen Gürtel 
von 254 mra Compound-Panzer genügend geschützt, besonders da 
sich im Innern ein Panzerdeck von 51—76 mm Stärke befindet. 
Dagegen glauben wir, dafs man schlecht gethan hat, die beiden 
schweren Geschütze nicht hinter Panzertürmen (en barbette) auf- 
zustellen (sie stehen ganz ungeschützt am Bug und Heck), sowie 
die 10 Sechszöller nicht durch Panzerschilde zu schützen. Denn 
von diesen stehen vier in ganz uugeschützteu Schwalbennestern und 
die übrigen auf Drehscheiben hinter den eingezogenen Bordwänden 
der Mittelbatterie. Erscheint es also auch schwierig die AURORA 
durch Schüsse zum Sinken zu bringen — gegen Rammstöfse und 
Torpedos halten wir sie nicht für gefeit — so ist es dagegen um 
so wahrscheinlicher, dafs sie (vorausgesetzt die Schnelligkeit des 
Gegners erlaube ihr nicht die Flucht) vor dem Gegner die Flagge 
wird streichen müssen, sobald dieser ihre Bedienungsmannschaft 
durch das verheerende Feuer seiner leichten Artillerie (insbesondere 
der Revolver- und Schnellfeuerkanonen) sowie durch die furchtbare 
Wirkung seiner schweren Granaten aufser Gefecht gesetzt hat Gut 
ist dagegen die Idee, den Kommandoturm mit 305 mm starken 
Compoundplatten zu panzern. In der Seeschlacht hängt der Ausgang 
weniger von der Gescliieklichkeit des Admirals ab (der nach den 
ersten Schüssen schwerlich in die Lage kommen dürfte, irgend 
welche Befehle zu erteilen), als von der Kühnheit und Geschick- 
lichkeit der Kapitäne. Es ist aber ebenso erwiesen, dafs ein Kom- 
mandant besonders dann recht kühn ist und seine Geschicklichkeit 
am schönsten zeigt, wenn er sein Leben sicher weifs. Die Geschichte 
lehrt uns, dafs es in den meisten Seeschlachten Kapitäne gegeben 
hat, welche aus Besorgnis für ihr eigenes Ich dem Kampfgetümmel 
fern geblieben sind oder zu bleiben suchten. Da nun keine See- 
macht ausschliefslich Helden in den Reihen ihrer Offiziere besitzt, 
so ist es jedenfalls von grofsem Vorteil, wenn die gröfsereu Schiffe 
Rutgepanzerte Kommandotürme besitzen. Denn dann entfällt für 
den Kapitän jede Besorgnis, und er wird sein Schiff kühner und 
ruhiger lenken, als in den meisten Fällen der nicht geschützte 



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218 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



Kapitän eines anderen Schiffes. Wenn wir dagegen an der Bauart 
der AURORA etwas zu tadeln hätten, wäre es der Umstand, dafs 
man (nach dem Plane zu urteilen) dem für schnelle Schiffe ohnehin 
unmöglichen Unterwasserlancieren der Torpedos den Rammsporn 
geopfert hat; auch scheint uns die runde Form des Mittelspants und 
die merkwürdige Form des achteren lebenden Werks (wodurch der 
Tiefgang achter bedeutend geringer ist als mittschiffs!) gerade nicht 
geeignet, aus dem Typ AURORA gute Seeschiffe zu machen — 
und das sollen Kreuzer doch in erster Linie sein! 

An Küstenverteidigern ist in den letzten Jahren der englischen 
Flotte nur der Torpedowiddor POLYPHEMUS zugewachsen. Dieser 
kann als mifsgluckter Versuch eines cigarren förmigen Schiffes be- 
trachtet werden. Die Idee zu der eigentümlichen Form hatte dem 
Admira) Sartorius offenbar der in den fünfziger Jahren von Winan 
ersonnene OCEAN gegeben, ein Schiff, von dem man sich einbildete, 
es werde den Occan in vier Tagea durchschneiden können (was 
also eine Schnelligkeit von ungefähr 32 Knoten bedingt hätte), das 
aber nur 12 Knoten erreichte. Auch der POLYPHEMUS bereitete 
dem Erbauer eine Enttäuschung. Seine Schnelligkeit betrug statt 
19 nur 17 Knoten, seine Hauptwaffe, den Torpedo kann er bei 
mehr als 14 Knoten Fahrt nicht lancieren, als Widder ist sein 
Gebrauch für ihn selbst ebenso gefährlich wie für den Gegner, bei 
schlechtem Wetter kann er die See nicht halten — kurz der 
POLYPHEMUS (2640 Tons, 5523 Pferdekraft) ist wohl als Küsten- 
verteidiger verwendbar, aber sonst nicht zu gebrauchen. 

An Panzerdeckkreuzern hat England in den letzten Jahren 
folgende Fahrzeuge gebaut: 



Namen. 


Bewaffnung. 


Tons. 


l'ferdekraft bei 
natürl. | kirnst!. 
Zug. 


Schnelligkeit b. 

natiu-l. | künstl. 
Zug. 


Jabr 
(!••* 
Stapel- 
lauf«. 


MERSEY .... 
SEVERN . . . 
THAMES. ... 
FÖRTH .... 
AMPH10N . . . 
ARETHUSA . . 
LEANDER . . 
l'HAETON. . . 


\ 8-13 Tons 
• 10-4 , 
j 13-18 Rev.-K. 

\ 10-4 Tons 
| 8-14 
J Rev.-KBn. 


jaööO 
3748 


(5500) 
? 

4262 

? 
? 
? 
? 

4773 


6648 
6158 
5871 
5744 

5550 
5600 
5577 
5511 


? 
? 

17.2 

? 
? 

14 

? 

15.3 


18 

17.6 

18.2 

17.32 

15.2 

16.7 

16 

16.5 


| 1885 

1886 
1883 

| 1882 

1888 


CALLIUPE . .J 
CALYPSO . . .f 


4-4 Tons 
12« „ 
6 Rev.-Kan. 


J2765 


3000 


4020 
3720 


13.76 

18 


15 
13.9 


1884 
1883 



oy Google 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbaaten. 



219 



Pferdekraft bei 

natürl. künstl. 
Zug. 


Schnelligkeit b. j 

natürl. künstl. j 
Zug. 


Jahr 
des 
Stapel- 
laufs. 


«ouo 


«4oo 


1 Q 


1^1 ii 

14.1 i < 


1 1881 






»» 


1 ii OS. 

14. -50 




(5500) 


(9000) 


17 


(19.5) 


\ 1888 


? 


9000 


17 


(20) 


1 


1440 


1900 


13.1 


14 


1882 


1137 


1470 


? 


13.11 


1881 


1195 


1445 


? 


13.1 


1881 


? 


1640 


11.5 


13 


1884 


? 


1400 


11.125 


12.484 


1882 


1160 


1610 


12.5 


13 


1883 


610 


1397 


10.2 


12.5 


1881 



CANADA . . 
CORDELIA . 

MARATHON 
MAGICIENNE 
M ELPOMEN E 



MEDUSA . 
CAROLINE 
HEROINE . 
HYACINTH 
PYLADES . 
RAPID . . . 
ROYAL IST 
SATELLITE 



I 



2-4 Tons 
10-2 „ 
6 Rer.-Kan. 
6-4 Tons 
9-6 pfd. 
(u. wahrsch. 
noch andere 
Rev.-Kan.) 
Teils 14-2 Tns. 
i u 5 Rev.-Kan., 
teils 8-4 Tns. 
2-4 Rev.-Kan., 
teils 2-4 Tons, 
12-2 Tons u. 
5 Rev.-Kan. 



2«J50 



2800 



1420 



Zu bemerken wäre indes, dafs nur die 4 Schiffe vom Typ 
MERSEY und die 5 vom Typ MARATHON als vollkommene Panzer- 
deckkreuzer zu bezeichnen sind, denn bei allen andern beschränkt 
sich das Panzerdeck auf den Schutz der Mascliinen und Pulver- 
kammern und ist von geringer Stärke: 38 mm bei den Typen 
AMPHION und SATELLITE, 51 mm bei den Typen CALLIOPE, 
CANADA und HEROINE. Die sieben letztgenannten Sloops konuen 
übrigens gar nicht als Kreuzer betrachtet weiden, da ihre Schnellig- 
keit eine viel zu geringe ist. Als Stationsschiffe sind sie wieder zu 
kostspielig. Von dem Typ MARATHON bleibt erst abzuwarten, ob 
es die erwartete Schnelligkeit von 19'/»— 20 Knoten auch erreichen 
wird. Der Typ AMPHION ist insofern mifslungen, als es ihm 
unmöglich ist, mit künstlichem Zug zu fahren ohne zusammen- 
zubrechen. Der PHAETON z. B. machte bei seiner ersten Probe- 
fahrt 18.684 Knoten, während er es jetzt über 15.3 nicht hinaus 
bringt. Die Typen CALLIOPE und CANADA sind wegen ihrer 
geringen Schnelligkeit auch keine brauchbaren Kreuzer, dagegen 
scheint der Typ MERSEY allen Anforderungen so ziemlich zu 
entsprechen. Freilieh bleibt die wirkliche Schnelligkeit hinter den 
Probefahrtsergebnissen weit zurück, da das Deplacement bei den 
Probefahrten von 500—800 Tons geringer war. 

An Torpedofahrzeugen hat England in den letzten Jahren 
erworben: 



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220 



Der gegenwärtige Stand der Kriegaschiffbauten. 









Pferdekraft bei 


Schnelligkeit b. 


Jahr 
des 
Stepel- 
laufs. 


Namen. 


Bewaffnung. 


Tons. 


natürl. [ künstl. 
Zug. 


natürl | künstl. 
Zug. 



10 Torpedokreuzer: 



SCOÖT . . . 
FEARLESS 
ARCHER. . 
BRISK . . . 
COSSACK . 
MOHAWK . 
PORPOISE 
TARTAR 
RACOON 
SERPENT 



:::}' 



4-5" 


1430 


2139 


3194 


15 


169 


10 Rev.-Kan. 


2169 


3302 


15.281 


17.27 




1630 


2404 


3829 


15 


17.8 




(bei 


2617 


3807 


15.75 


17.65 


6-6" 


Zula- 


2557 


3640 


16.25 


17.7 


8 Rev.-Kan 


dung 


? 


3898 


? 


16.87 




v.Kohl 


2477 


8943 


16 


17.57 




1810) 


? 


3824 


? 


17.28 


6-6* 




? 


4487 


? 


17.4 


11 Rev.-Kan. 




2549 


4059 


14.57 


16 



1885 
1886 



> 1886 



1 



CÜRLEW . 
LANDRAI L 



I 



2 Torpedokanonen boote: 
1-6" 

785 



3-5" 
4-8 Rev.-Kan 



800 
901 



1452 
1500 



10.5 
12.8 



15 
15 



1887 



188f) 
1886 



12 Torpedojätfer: 



RATTLfSNAKE . . . 

GRASHOPPKR 
SANDFLY . . . 
SPIDER 

N 

SHARPSHOOTER . . 
SKIPJACK . . 
SHELDRAKE . 
SEAGCLL . . . 
SALAMANDER 
SPEEDWELL . 
SPANKER . . . 



1-4" 

Rev.-Kan. 



590 



735 



1800 



2718 



(2700) 



(45i »U.. 



18 779 I 1886 



17 



(18.5) 



21 



) 



1887 



i.Bau 



i. Bau 



61 Torpedoboote: 

Von letzteren wurden Nr. 21—22 (je 50 Tons, 711 Pferdekraft, 
19'/ 4 Knoten), Nr. 26—29, 41—60 und 66 ( je 62 Tons, 750 Pferde- 
kraft, 197, Knoten) von Thornycroft, Nr. 23—24 (je 50 Tons, 
750 Pferdekraft, 21 Knoten), Nr. 30-33, 61—63 und 70—72 (je 
62 Tons, 750 Pferdekraft, 197,-20'/, Knoten, Nr. 79 (69 Tons, 
950 Pferdekraft, 22.39 Knoten) und Nr. 80 (130 Tons, 1660 Pferde- 
kraft, 23 Knoten) von Yarrow, Nr. 34—38 (je 62 Tons, 750 Pferde- 
kraft, 197, Knoten) und Nr. 81 (125 Tons, 1387 Pferdekraft, 
20.79 Knoten) von White beigestellt. 

Bezüglich der übrigen Schiffe sei bemerkt, dafs sich fast keines 
von ihnen bewährt hat. Die ineisten brechen bei der Fahrt mit 
künstlichem Zuge schon nach kurzer Zeit zusammen, so dafs sich 



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Der gegenwärtige Stand der KriegRschiffbauten. 



221 



die Admiralität kürzlich genötigt sah anzuordnen, dafs der künst- 
liche Zug nicht mehr anzuwenden sei. »Broad Arrow« bemerkte 
dazu mit Recht, dafs dann die Fahrzeuge — weil zu langsam — 
ihrer eigentlichen Bestimmung nicht entsprechen würden. Die 
Torpedokanonenboote haben sich als ganz mifslungener Typ heraus- 
gestellt, und auch die Torpedojäger sind nicht im Stande längere 
Zeit bei künstlichem Zuge zu fahren. Aufserdem zeigten sie sich 
als schlechte Seeschiffe. 

Bei den Torpedokreuzern niufs man berücksichtigen, dafs sie 
im Kriegsfall jedenfalls volle Kohlenladung einnehmen und somit 
1810 Tons Wasser verdrängen werden. In diesem Falle verlieren 
sie jedoch abermals über 1 Knoten Schnelligkeit. Der BRISK z. B., 
dessen Schnelligkeit bei der Probefahrt 17.65 Knoten betrug, sah 
diese bei einem Deplacement von 1810 Tons auf 16.5 sinken, also 
um 1.24 Knoten. Bei natürlichem Zuge würde er demnach höchsteus 
14 ! /a Knoten laufen, was heutzutage für einen Kreuzer (noch dazu 
für einen Torpedokreuzer), viel zu gering ist. 

Bezüglich der Torpedoboote sei bemerkt, dafs sie sich mit den 
trefflichen Torpedobooten von Deutschland, Frankreich und Russland 
nicht messen können. Nicht nur dafs sie viel langsamer sind als 
diese, scheint auch ihre Bauart keine besondere zu sein, da be- 
kanntlich bei den vorjährigen Ubungsfahrten, die Hälfte kampf- 
unfähig wurde! Und dies im Frieden bei ruhiger See! 

An sonstigen Fahrzeugen stiefsen in den letzten Jahren zur 
englischen Flotte: 

5 Schraubenjachten: FIRE QUEEN, DART, IMOGENE, 
ALACRITY und SURPRISE. Von diesen verdienen nur die beiden 
letzteren Erwähnung. Sie liefen 1885 vom Stapel, sind 1400 Tons 
grofs, mit je 6 Fünfzöllern und 4 Revolverkanonen bewaffnet, ent- 
wickelten 2157 beziehungsweise 2104 Pferdekraft bei natürlichem 
und 3173 beziehungsweise 3018 Pferdekraft bei künstlichem Zug. 
Die Schnelligkeit betrug in diesen Fällen 16.143 und 16.49, be- 
ziehungsweise 17.956 und 17.846 Knoten. 

4 Raddampfer (WAVB, ALECTO, TRITON, SPHINX). 

11 Sloops (i)APHNE, BUZZARD, NYMPHE, BARRACOUTA, 
BARROSA, BARHAM, BEAOLE, BELLONA, BLANCHE, BASILISK, 
BLONDE). Die drei erstgenannten haben 1080 Tons und sollen 
bei künstlichem Zug 15 Knoten mit 2000 Pferdekraft, und bei nat ür- 
lichem 13.5 Knoten mit 1400 Pferdekraft laufen; doch erreichte 
BUZZARD nur 14.1 Knoten bei 2092 Pferdekraft. Sie liefen 1887 
bis 1888 vom Stapel und sind mit 8 Fünfzöllern und 8 Revolver- 

15* 



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222 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



kanouen bewaffnet. BASILISK und BEAGLE haben 1170 Tons; 
HARHAM und BELLOXA werden 1800 Tons, die übrigen 1580 Ton» 
grofs. Letztere sollen bei natürlichem Zuge 15 Knoten, bei künst- 
lichem mit 3000Pferdckraft, 16.5 Knoten laufen und 6 sechsunddreifsig- 
pfündige und 4 dreipfündige Schnellfeuergcsehütze erhalten. Stahl- 
schutzdeck von 25 — 51 nun bei allen gleich. 

30 Kanonenboote(DOLPHIN,W ANDERER, ACORN, MARINER, 
RACER, REIN DE ER, MELITA, ICARUS, SWALLOW von 925 bis 
1070 Tons, 532— 1500 Pferdekraft und 7— 13.5 Knotm liefen 1883 
bis 1888 vom Stapel; REDBREAST,REDPOLE,MAGPIE,GOLDFINCH, 
THRUSH, LAPWIXG, RINGDOVE, SPARROW, WIDGEOX von 
805 oder 850 Tons, 6 Vierzöllern und 3 Revolverkaiionen von denen 
man 15 Knoten Fahrt erwartet, wurden erst kürzlich in Bau gelegt; 
MISTLETOK, WATCHFUL, ALBACORE von 560Tons, 10— 11 Knoten, 
650— 770 Pferdekraft, liefen 1883 vom Stapel; PIGEON, PEACOCK, 
PLOVER, PIGMY, PHEASANT, PARTRIDGE, von denen die drei 
letztgenannten kürzlich vom Stapel liefen, während sich die anderen 
noch in Bau befinden. Sie führen 6 Vier/oller und 6 Revolver- 
kauonen, haben 755 Tons und sollen mit 1 200 Pferdekraft, 13.5Knoten 
laufen; BRAMBLE, LIZARD, RATTLER und WASP sind 670 Tons 
grofs und mit je 6 Vierzöllern und 4—6 Revolverkanonen bewaffnet. 
Die Maschinen entwickeln bei natürlichem Zug 566 — 685 Pferde- 
kraft (11.5—12.2 Knoten), bei künstlichem Zug 1025—1291 Pferde- 
kralt (13.2—14.08 Knoten). Alle vier Kanonenboote liefen 1886 
vom Stapel, doch ging WASP bereits auf seiner ersten Reise 1887 
spurlos zugrunde — wie es heilst, wegen schlechter Bauart d. h. 
geringer Stabilität dieses Typs. 

12 Hafendampfer u. dergl. m., von denen nur der HEARTY 
(130O Tons, 1800 Pferdekraft) wegen seiner Schnelligkeit (15 Knoten) 
bemerkenswert ist. 

Was die englische Manne in eigentümlicher Weise von den 
übrigen unterscheidet, ist das starre Beibehalten des Althergebrachten 
— dieser Grundzug des englischen Charakters! — wodurch jeder 
Fortschritt sich nur mühsam Bahn bricht. Gegen die Dampfschiffe, 
Panzerschiffe, Torpedoboote, Hinterlader und aufserordentlich schnellen 
Kreuzer hat sich England bekanntlich so lange als möglich ab- 
lehnend verhalten, dann allerdings gewöhnlich in fieberhafter Hast 
das Versäumte einzubringen gesucht und dabei keine Geldopfer 
gescheut. Im Allgemeinen wird jedoch in der englischen Marine 
viel zu viel versucht und dies erklärt die bedeutende Anzahl mifs- 
lungener Schiffe, sowie die grofse Verschiedenheit der Typen. 

Auffallend ist ferner die rührende Sorgfalt, mit welcher die 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



223 



Briten ihre ältesten und unbrauchbarsten Schiffe ausflicken und 
aufbewahren — eine Eigenschaft, welche sie mit den Russen und 
Nordamerikanern teilen, die nber bei diesen allerdings einen anderen 
Beweggrund hat.*) In England ist man nämlich nicht im Stande, 
angesichts der grofsen Rüstungen in allen anderen Seestaaten mit 
diesen gleichen Schritt zu halten, d. h. die englische Flotte derart 
zu vermehren, dafs sie einer möglichen gegen-englisehen Verbindung 
gewachsen sei. Man klammert sich daher an die alten Schiffe in 
der Hoffnung, die Lücken wenigstens numerisch auszufüllen. Man 
läfst aber hierbei ganz aufser Acht, dafs heutzutage ein den An- 
forderungen entsprechendes Schiff weit zweck niäfsiger und vorteil- 
hafter ist, als vier veraltete. Die Franzosen begreifen dies recht 
gut und haben daher in den letzten Jahren nicht weniger als 
27 Panzerschiffe, von denen die Hälfte - nach englischen Begriffen 
— ganz gut noch weitere 10 Jahre hätte Dienst thun können, aus 
der Flottenliste gestrichen, während in derselben Zeit nur 6 eng- 
lische Panzerschiffe aus der Flottenliste schieden, obschon weitere 
14 zur Abbrechung oder Veräufserung mehr als reif wären. 

Wie mit den Panzerschiffen so verhält es wich auch mit den 
ungepanzerteu, von denen 44 (engliche) die Kosten ihrer Erhaltung 
nicht wert sind. Für den Altertumsforscher mögen allerdings die 
hunderte von Schiffsrümpfen und sonstigen alten Fahr/.euge recht 
interessant sein, aber ihre Erhaltung kostet gn fse Summen, welche 
zu ihrem Nutzen in keinem Verhältnisse stehen. Wenn man Schiffe 
von geschichtlichein Interesse aufbewahrt (wie z. B. die 123 Jahre 
alte VICTORY, auf welcher Nelson fiel, oder den 67 Jahre alten 
MONKEY, welcher der erste Dampfer der englischen Kriegsmarine 
war), so ist dagegen nichts einzuwenden, aber welchen Nutzen kann 
der 65 Jahre alte SPRIGHTLY gewähren, welcher heute noch als 
Hafendampfer Dienst thut, oder die 28 jährigen Breitseitpanzer- 
fregatten, welche weder Panzerschiffe noch Kreuzer sind und durch 
einen einzigen Schufs unter der Wasserlinie mit Mann und Maus 
zum Sinken gebracht wurden? 

Italien hat trotz seiner ungünstigen finanziellen Lage, Dank 
der Opferwilligkeit der Bevölkerung, Welche die Schmach von Lissa 
gesühnt wissen will, in den letzten Jahren grofse Anstrengungen 

*) Es ist bekannt, dafs in Bussland und Amerika die alten unbrauchbaren 
8chiffe nur deshalb so lange aufbewahrt werden, weil sie beständig Ausbesserungen 
benötigen, bei welchen die betreffenden Persönlichkeiten auf Kosten des Staates 
ihren Vorteil finden. Denn die Vereinigten Staaten besitzen tatsächlich 50, Russ- 
land gar 84 unbrauchbare Fahrzeuge (Segelschiffe u. dergl. nicht berück- 
sichtigt), welche kein besseres Loos verdienten als abgebrochen oder verkauft zu werden. 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



zur Hebung seiner Seemacht gemacht. Leider ist man dabei von 
dem ganz und gar verfehlten Grundsätze ausgegangen, dafs eine 
kleine Flotte von Schiffsungeheuern einer grofsen Flotte von 
kleineren Schiffen vorzuziehen sei. Obendrein beging man den 
schweren Fehler, die Schiffsun geheuer derart zu bauen, dafs sie 
weder Schlachtschiffe noch Kreuzer sind. Schlachtschiffe sind sie 
nicht, weil ihre Seiten ganz ungopanzert sind (wenn auch die 
offenen Türme mit ungeheuren Panzerplatten bekleidet sind), und 
Kreuzer sind sie nicht, weil sie nicht die genügende Menge von 
Kohlen mitführen und für Kreuzer überhaupt zu kostspielig sind. 
Die italienische Panzerflotte zerfällt in zwei scharf gegen einander 
abstechende Teile: 11 Schiffe darunter 3 hölzerne, sind 16 — 27 Jahre 
alt, mit 47a — 8 7s zölligen Panzer versehen, ungenügend bewaffnet, 
sehr langsam (7 — 12 Knoten) und so veraltet, dafs ihre Verwendung 
gegen zeitgemäfse Schiffe gefährlich erscheint. Die übrigen 10 Schiffe 
sind noch neu oder gar noch im Bau, entsprechen den heutigen 
Anforderungen in den meisten Punkten, kosten aber 22 — 27 Millionen 
Francs jedes Stück. Für diese ungeheueren Summen hätte mau 
eine ganz andere Flotte herstellen können! Zur Zeit als noch die 
Artillerie die einzige Waffe bildete, hatte es einen Sinn, jedes Schiff 
recht grofs und stark zu machen; seitdem aber die Artillerie der 
Ramme und dem Torpedo untergeordnet wurde, spielt weniger die 
Gröfse und Macht des einzelnen Schiffes, als die Anzahl der ver- 
fügbaren Rammen und Torpedorohre die Hauptrolle. Die IT ALI A 
z. B. hat 27 Millionen Francs gekostet, für welches Geld man vier 
geradeso schnelle und ebenso eingerichtete Schiffe von je 3500 Tons 
erhalten hätte, welche zusammen eine ebenso starke Artillerie 
geführt hätten wie die ITALIA. Diese vier Schiffe zusammen 
hätten nur das eine Ziel gehabt die ITALIA entweder durch Schüsse 
oder durch Rammstofs oder durch Torpedos zu vernichten. Die 
ITALIA hingegen hätte vier Schiffe nacheinander zu zerstören 
gehabt. Giebt es einen vernünftigen Menschen, welcher glaubt, dafs 
die ITALIA aus diesem Kampfe als Sieger hervorgegangen wäre? 
— dafs sie sich des gleichzeitigen Angriffes vierer Schiffe (also von 
vier Rammen!) erwehrt hätte V — dafs es ihr geglückt wäre, vier 
glückliche Torpedos zu entsenden, bevor die vier Gegner zu- 
sammen einen einzigen entsendet hätten? Zu diesen Fragen 
kommen aber noch eine Menge anderer, welche zu Ungunsten der 
Riesenschiffe sprechen: Letztere können sich nicht teilen und an 
vier verschiedenen Orten gleichzeitig sein, können also auch nur 
ein viermal kleineres Gebiet blockieren; ihr grofser Tiefgang schliefst 



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Der gegenwärtige St and der Kriegsschiff bauten. 



225 



sie von vielen Häfen und Gewässern aus; sie finden auch nicht 
überall entsprechend grofse Docks; ihre Hauzeit währt viermal 
länger als jene der kleineren Schiffe; bei ihrem Untergang ist ein 
viermal gröfscrer Verlust zu beklagen; wenn sie ausbesserungs- 
bedürftig sind, ist eine viermal gröfsere Macht lahmgelegt; wenn 
die 1TALIA verfolgt wird, kann sie eingeholt und zerstört werden; 
von den vier in auseinandergehender Richtung fliehenden 
kleineren Schiffen würden mindestens drei entkommen; eine Maschinen- 
oder Steuerhavarie kann die ITALIA lahmlegen und der Tod ihres 
Capitäns ihre Ergebung herbeiführen; behufs Erzielung der gleichen 
Wirkungen bei ihren Gegnern wären vier Havarien und der Tod 
aller vier Kapitäne erforderlich; oft wird zu irgend einer Bestimmung 
der viermal kleinere Gegner genügen, während andererseits die 
ITALIA jenen Auftrag übernehmen müfste und dadurch viermal 
grössere Kosten verursachen würde u. s. w., u. s. w. 

Wie man sieht, hat es seinen Grund, wenn wir entschiedene 
Gegner der Riesensehiffe sind. Unsere diesbezüglichen Ansichten 
haben wir übrigens bereits in der »Studie über moderne Schifls- 
typent (»Deutsche Heeres-Zeitung« 19. Januar — 13. Februar 1884) 
dargelegt. Hier eine Übersicht der 10 modernen italienischen 
Panzerschiffe : 







Pan- 




Pfer- 
de- 
kraft. 


Kno- 
ten. 


Jahr d. 


Namen. 


Bewaffnung. 


rer- 
stärku 
in mm. 


Tons. 


Stapel- 

fanfc 


Vollen- 
dung. 


DUILIO 


4-100 Tons 
6-7.5 cm 
12 Rev.-Kaa. 

4-100 Tons 


/ 550 
1 450 
| 430 
' 400 


11138 

U2U2 


7710 
8150 


15.04 

15.55 


1876 
1S7S 


1880 
1881 


ITALIA 


8-4»/, . 


480 


13398 


1350U 


17.86 


1880 


1885 


LEPANTO 


♦5-7 5 cm 


75 


13550 


18000 


18 


1883 


1887 




14 Rev -Kau. 














RUGGIERO DI LAURIA 
FRANCESCO MOBOS1NI 
ANDRA DORIA 


4-101 Tons 

2-47. - 
4-7.5 cm 
12 Rev.- K an. 


i:.n 

360 
75 


11000 


(10000) 


(16) 


1884 
1885 
1885 


1888 
1888 
1888 


RE UMBERTO 

SICILIA 

8ARDEGNA 


4-106 Tons 

12-4»/, ■ 
6-7.5 cm 
10Rev.-Kan. 


\ 480 
/ 76 


13298 


J(19600) 
(22800) 


(19) 
(20) 


1888 
1889 
1890 


1892 
1893 
1894 



Auch der Bau von Panzerdeck kreuzeru wurde nicht vernach- 
lässigt wie nachstehende Liste zeigt. (Genau genommen hätten wir 



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226 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



die acht zuletzt genannten Schlachtschiffe viel richtiger in die Reihe 
der Panzerdeckkreuzer aufnehmen sollen, welche sie ja thatsächlich 
sind). Italien besitzt jetzt deren neun, nämlich: 



Namen. 



GIOVANNI BAUSAN . 

ETNA 

VESÜVIO 

STKOMBOLI 

ETTORE FIERAMOSCA 

DOGALI 

FLAVIO GlOJA 

AMERIGO VESPUCC1 . 
SAVOIA 



Bewaffnung. 



2-25 cm, 6-15 cm 
8 Rcv.-Kan. 

6-15 cm, l7Ker.-K. 



8-15 cm, 3-7.5 cm 
6 Rev.-Kan. 



1 

Tons 


Pferde- 
kraft. 


Knoten 


Jahr 

*i all i 

des 
Stapel- 
laufs. 


3O20 


6680 


17.5 


1883 


3474 


(7700) 


17.3 


1884 


3530 




J(17.5) 


1886 


3530 


(7700) 


1886 


3745 




(17) 


1888 


2050 


8045 


19.66 


1886 


2524 


40*6 


15.7 


1881 


2533 
2850 


j(5000) 


15 


1882 


14.5 


1883 



Bei den <1rei letztgenannten beschränkt sich jedoch das an sich 
nur dünne Panzerdeck auf den Schutz der Maschinen und Pulver- 
kammern. 

Uber die Ergebnisse der in Italien abgehaltenen Probefahrten 
verlautet selten etwas verläfsliches, da dort die Geheimniskrämerei 
an der Tagesordnung steht. Wir haben daher hier, wie überall in 
diesem Aufsatze, dort wo die Probefahrtsergebnisse mangelten, die 
nlanmäfsigen Zahlen in ( ) eingestellt. 

Von Torpedofahrzeugen besitzt Italien bereits eine beträchtliche 
Zahl, wie aus nachstehender Liste ersichtlich: 









Pferdekraft bei 


Schnelligkeit b. 


Jahr d. 


Namen. 


Bewaffnung. 


Tons. 


tiatürl. künstl. 


natürl. künstl. 


Stapel- 


Vollen- 








Zug. 


Zug. 


laufs. 


dung. 



TRIPOLI . . . . \ 
MONZAMBANO 
MONTEBELLO ) 1 1 : 
CONFIENZA . I 
GOITO I 



5 Torpedokreuzer mit Stahlschutzdeck: 
I 845 



745- 



3058 


4259 


19.8 


228 


1886 


(2800- 
3200) 


(4200) 


(19) 


(21) 


J 1888 
1887 



2 Torpedojäger: 



FOLGORE . 
SAETTA 



; :::}| 



6 ReT.-Kan. 



317 



(?) 



2800 



(?) 



21 



1886 
1887 



1886 
1889 
1888 



1837 
1888 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 



227 



120 Torpedoboote. 

Von letzteren sind Nr. I — IX, 1—21 sowie Nr. 84— 85 solche 
2. Klasse von 11 33 Tons, 150 -420 Pferdekraft, 15—21.3 Knoten; 
die übrigen sind 1. Klasse, 35— 125 Tons grofs, mit 446— 2000 Pferde- 
kraft und von 18—25.5 Knoten. (Siehe unsere Studie »Die Torpedo- 
flottillen aller Seemächte« im August-Heft 1887 der »Jahrbücher 
für die Deutsche Armee und Marine«.) 

An sonstigen Fahrzeugen erwarb die itatienische Flotte in den 
letzten Jahren: 

2 Avisos (ARCIIIMEDE und GALILEO von je 784 Tons, 
1700 Pferdekraft, 15 Knoten); 

4 Kanonenboote (SEBASTIAN V ENI ERC und ANDREA 
PROVANA von je 649 Tons, 1000 Pferdekraft, 13.4— 13.6 Knoten; 
CURTATONE und VOLTURNO von je 1056 Tons, 1000 Pferde- 
kraft, 11.7 Knoten). 

5 Transportdampfer (VOLTA von 2842 Tons, 2500 Pferde- 
kraft, 10 Knoten; ERIDANO von 2970 Tons, 10 Knoten; AMERICA 
von 9550 ["der 6500? J Tons, 7457 Pferdekraft , 18.25 Knoten; 
CITTA DI MILANO von 1247 Tons Gehalt und GARIGL1ANO 
von 2667 Tons, 1500 Pferdekraft. 

19 kleinere Fahrzeuge (ARNO, PAL1NURO, MISENO, GIGLIO 
TEVERE, BISAGNO, MAGRA, TANARO, SEBETO, 4 Schlepp- 
dampfer und 6 Dampfbarken). — 

Japan macht gleich China grofse Anstrengungen eine Flotte 
von zeitgemäfsen Fahrzeugen zu erwerben, durch welche es im Stand 
gesetzt würde, sich der »fremden Eindringlinge« zu erwehren. Ob- 
schon ein Dutzend mal kleiner als China und nicht so reich wie 
dieses, hat Japan doch verhältnismäfsig mehr geleistet. Da überdies 
die Japaner bessere Seeleute sind als die Chinesen, kann man als 
sicher annehmen, dafe Japan, wenn auch vielleicht nicht numerisch 
so doch thatsächlich bald eine weit mächtigere Flotte besitzen wird 
als China. Letzterem nützen die besten Schiffe wenig, sobald sie 
von Chinesen bemannt und befehligt sind. Die Japaner hingegen 
haben bewiesen, dafs sie auch ohne Europäer ihre Flotte bemannen 
und in See stechen lassen können. 

In den letzten Jahren vermehrte sich die japanische Flotte um 
nachstehende Fahrzeuge: 



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228 D « r gegenwärtige Stand der KriegMchiffbaotetf 



Namen. 



Bewaffnung. 



Tons. 



Pferde- 
kraft 



Knoten. 



Jahr 
des 
Stapel- 



6 Panzerdeckkreuzer: 
1-32 cm; 11-12 cm; 
IM Rev.-Kan. (bei Toulon i. B.) 
2 35 Kai. lg 26 cm ; 16 Rev.-K. 

6 35 Kai lg. 15 cm 
4 35 Kai. lg. 24 cm ; 16 Rcv.-K. 

7 35 Kai. lg. 15 cm 
2-26 cm ; 4-12 cm ; 6 R-K. 

5 Kreuzer: 

TAKAO t 4-15 cm ; 1-12 cm 

NA WA ; ? 

KATSURAGI 
JAMAT 
MUSASI 



N 

N 

NANIVA . . . 
TAKAT8CHIH0 

UNEB1*) 

ZUKUSCHI . . 



JRAGI . .\t 
ro . ... |{ 2-17 cm; 
51 II 



5-12 cm , 4 Rev.-K. 



} 1-17 cm, 6-12 cm 149« 



GWAKJ 1 1-15 cm, 2-12 cm 

TENRIU . . . 
KAIMON . . 

? 

TSCH0KA1 . 
MAJA .... 
ATAGO . . . 
AKAGI 



1-21 cm, 1-12 cm, 2 Rev.-K. 
,1-15 cm, 2 ReT.-K. 



| 1 24 



1 



4140 


5400 


16 


1888 
1888 


3650 


7235 


18.72 


1885 


7828 


18.75 


1885 


3651 


7200 


18.5 


1886 


1350 


2887 


16.8 


1882 


1780 


2330 


15 


? 


? 


3800 


? 


1885 
1885 


1476 


1600 


14 


1885 
1887 


• 

600 


650 


10 


1880 


1490 


1250 
1160 


12 

12 


1882 
1882 


750 




? 


1882 


613 


950 


13 


1887 


614 


950 


13 


1886 
1886 


615 


950 


13 


1888 



46 Torpedoboote von 50 -190 Tons, 500—1600 Pferdekraft, 
17 — 19 Knoten, 3 Torpedol'arkassen. 

Die Niederlande, deren grofser Kolonialbesitz den Unterhalt 
einer starken Flotte nötig machen würde, sind trotz ihres Reich- 
tums als Seemacht stark herabgekommen. Geradezu auffallend 
erscheint die Vernachlässigung ihrer Flotte in den letzten Jahren. 
Seit 1880 liefen nur zwei Kreuzer von 13.5 Knoten: VAN SPEIJK 
und JOHAN WILLEM FRISO vom Stapel. Beide sind je 3400 Tons 
grofs. VAN SPEIJK entwickelte 2891 Pferdekraft und die Be- 
waffnung besteht aus je 6— 17 cm und 8- 12 cm Geschfitze nebst 
4 Revolverkauonen. 

Der sonstige Zuwachs zur holländischen Flotte beschränkt sich 
auf folgende Fahrzeuge: 

4 Schooner (JAVA von 1108 Tons, 1020 Pferdekraft, 10.6 Knoten, 
SOMMELSDIJK von 890 Tons, 732 Pferdekraft, 9 Knoten; je 



•) Der ÜNEBI verschwand spurlos auf der Überfahrt nach Japan (1887). 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



229 



1—15 cm und 3—12 cm Geschütz), CERAM, FLORES von je 
550 Tons, 650 Pferdekraft, 11 Knoten. 
4 kleine Lootsendampfer. 

19 Torpedoboote deren gröfste: BATOK, CYKLOOP, ARDJOENO, 
DEMPO und CERBERUS heifsen; sie haben 72 Tons, 750 Pferde- 
kraft, 20 Knoten; HEKLA und ETNA habeu je 46 Tons, 550 Pferde- 
kraft, 21 Knoten. 3 kleinere Fahrzeuge von 140—340 Tons. 

Da während derselben Zeit der Abgang von der holländischen 
Flotte 18 Schiffe betrag (2 Panzerfahrzeuge, 1 Fregatte, 5 Kor- 
vetten [ohne die 1883 am Stapel verbrannten KORTENAAR und 
DOGGERSBANK] , 6 Schooner, 4 Raddampfer) und 15 andere 
Fahrzeuge höchstens wert wäreu abgebrochen zu werden, so läfst sich 
das stete Sinken der holländischen Seemacht nicht wegleugnen. Be- 
zeichnend ist der Umstand, dafs — von den Torpedobooten ab- 
gesehen, — Holland einen einzigen Kreuzer von 14.5 Knoten (DE 
RUYTER) besitzt; die anderen 5 »Kreuzer« machen 13 -14 Knoten, 
alle übrigen Schiffe durchschnittlich 7 — 8 Knoten. Erinnert man 
sich, dafs vor 200 Jahren Hollands Seemacht den Kampf gegen die 
vereinigte englisch-französische aufnahm und glücklich durchführte; 
ruft man sich die Namen Ruyters, der beiden Tromp, Evertsens, 
Wassenaers, Kortenaars u. s. w. ins Gedächtnis: so begreift man 
nicht, wie die holländische Seemacht so herabkommen konnte! 

Norwegen kann bei der Bescheidenheit seiner Mittel an die 
Schaffung einer grofsen Flotte nicht denken; immerhin könnte man 
aber verlangen, dafs es sich wenigstens vor der Landung feindlicher 
Truppen durch eine starke Torpedoflottille stütze. Man verläfst 
sich jedoch in Norwegen auf die Fortdauer des mehr als 70jährigen 
Friedens, dessen sich das Land erfreut und geizt mit den Mitteln 
für die Entwicklung der Seemacht. Demnach kann es nicht wundern, 
wenn sich die norwegische Flotte in den letzten 8 Jahron nur um 
14 kleine Fahrzeuge vermehrte; nämlich: 

7 Kanonenboote TYR, GOR, NOR, BRAGE, KARMÖ, VIDAR, 
SKIIDESNAES von 59—278 Tons. 

8 Torpedoboote von 36—40 Tons. 

1 Kreuzer: ELLIDA von 1006 Tons, 900 Pferdekraft, 12 Knoten, 
5—15 cm und 1 — 12 cm Geschütz, 3 Revolverkanonen. 

Österreich hat seit dem Ableben des Adinirals Pöckh, der es 
verstanden hatte, die österreichische Flotte gründlich herabzubringen, 
wieder Fortschritte auf maritimen Gebiete gemacht. Seitdem Ster- 
neck die Leitung der Seemacht übernommen, durchweht diese ein 



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230 D« r gegenwärtige Stand der Kriegeschi ff bauten. 



neuer Geist und es läfst sich erwarten, dafs binnen wenigen Jahren 
die österreichische Flotte wieder achtunggebietend darstehen werde. 

Die Zahl der Panzerschiffe vermehrte sich im vorigen Jahre 
durch die Turmschiffe RUDOLF und STEFANIE. Ersteres hat 
6867 Tons, 7500 Pferdekraft (6500 bei natürlichem Zug), 279 bis 
305 mm Panzer, 3 35 Kaliber lange 30.5 cm Geschütze (von 
48 Vi Tons), 6 ebensolche 12 cm Geschütze (3 1 /, Tons), 2—7 cm 
Kanonen und 11 Revolverkauonen. Die Schnelligkeit dürfte 15 bis 
16 Knoten betragen. Die STEFANIE ist kleiner (5152 Tons), doch 
sollen ihre Maschinen bei küustlichem Zug 11,000 (?) Pferdekraft 
entwickeln (bei natürlichem Zug 6500), was eine Schnelligkeit von 
nahezu 20 Knoten erwarten liefse. Die Bewaffnung ist um ein 
30.5 cm Geschütz schwächer als jene des RUDOLF; ebenso beträgt 
die Panzerstärke nur 223-229 mm. 

Panzerdeck kreuzer liefs Sterneck 6 in Bau legen; die gröfsten 
sind ERSATZ LISSA und ERSATZ KAISER, ersterer von 3800, 
letzterer von 4200 Tons. Da die zu ersetzenden Schiffe 6080 und 
5810 Tons grofs sind, erscheint es sonderbar, dafs der Admiral 
8000 Tons zum Ersatz von 11.900 für genügend hält. Bestückt 
sollen diese Schiffe mit je 2 — 24 cm und 6 — 15 cm Geschütze 
werden — wahrscheinlich auch 35 Kaliber lange. PANTER, 
LEOPARD, TIGER und N. sind zugleich Torpedokreuzer von 1530 
bis 1675 Tons, welche mit 2—4 35 Kaliber langen 12 cm Geschütze 
und 10 Revolverkanonen bestückt sind. PANTER machte bei 
natürlichein Zug mit 3500 Pferdekraft, 16.25 Knoten, bei künst- 
lichem Zug mit 7080 Pferdekraft, 18.37 Knoten; LEOPARD hin- 
gegen bei natürlichem Zug mit 4600 Pferdekraft, 17.6 Knoten und 
bei künstlichem Zug mit 6984 Pferdekraft, 18.5 Knoten. Beide 
liefen 1885 vom Stapel, TIGER 1887, N. wurde erst kürzlich in 
Bau gelegt. 

An sonstigen Torpedofahrzeugen wuchsen noch zur öster- 
leichischen Flotte dazu: 

3 Torpedojäger: METEOR, BLITZ, KOMET, von denen der 
erstgenannte 1887 vom Stapel lief und hei 6500 Pferdekraft, 
23.4 Knoten zurücklegte, bei 3300 (natürlichem Zug) angeblich 
22 Knoten. Er ist 350 Tons grofs und mit 9 Revolverkanonen be- 
waffnet Die anderen liefen 1888 vom Stapel. 

8 gröfsere Torpedoboote: FALKE, ADLER (ä 88 Tons, 825 Pferde- 
kraft, 22.263-22.4 Knoten), HABICHT, SPERBER (ä 88 Tons, 
900 Pferdekraft, 21.77 — 21.23 Knoten), BUSSARD, CONDOR, 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsacbiffbanten. 



231 



UHU, GEIER (den vorigen ähnlich aber nur 83 Tons; vipr weitere 
sollen gebaut werden). 

26 kleinere Torpedoboote von 40 - 56 Tons, 450—850 Pferde- 
kraft, 21—22 Knoten. 

2 Torpedokanonenboote vom inifslungenenTypZARA: SEBENICO 
und LUSSIN von 880-913 Tons, 1200—1000 Pferdekraft und 
13 Knoten, deren Bewaffnung ans zwei 35 Kaliber langen 15 cm 
Geschütze und 3 Kevolverkanonen besteht. Sonst stiefs noch der 
umgebaute Raddampfer GREIF (1370 Tons, 1000 Pferdekraft, 
11 Knoten) zur Flotte. 

Der jetzige energische Oberkommandant der österreichischen 
Seemacht, Admiral Sterneck, dürfte immerhin Mühe haben, die 
durch seinen Vorgänger unausgefüllt gelassenen Lücken auszufüllen. 
So wurden z. B. die Panzerfregatten DRACHE und SALAMANDER, 
die Fregatten NOVARA, SCHWARZENBERG und ADRIA, die 
Korvette DANDOLO und kleinere Fahrzeuge thatsächlich nicht 
ersetzt; die Panzerfregatte HABSBURG, die Korvette FRIEDRICH, 
die Raddampfer ELISABETH und TRIEST, die Kanonenboote 
HUM, SANSEGO, KERKA, NARENTA, wären aufserdem schon 
reif aus der Flottenliste gestrichen zu werden, da ihr Nutzen zu 
den grofsen Erhaltungs- und Ausbesserungskosten in gar keinem 
Verhältnisse steht. Sterneck hätte daher ganz wohl den Bau von 
weiteren 4 Panzerdeckkreuzern von 4000 Tons, von weiteren 6 eben- 
solchen von 1550 Tons und von einem Dutzend Torpedojägern be- 
antragen können. 

In Portugal beschränken sich die Neubauten letzterer Zeit 
auf den kleinen Kreuzer AFFONSOD'ALBUQUERQUE von 13.5 Knoten 
bei 1362 Pferdekraft (mit künstlichem Zug; 11 Knoten bei 1055 Pferde- 
kraft mit natürlichem Zug) und 1111 Tons. Es ist mit zwei 47a Tons- 
Geschützen, fünf 12 cm Geschützen und 3 Revolverkanonen bewaffnet. 
Ferner auf 8 Kanonenboote (RIO AVE, VOUGA, ZAIRE, LIBERAL, 
DIEGO CÄO, CACONGO, MASSABI, ZAMBEZIA), von 220 bis 
721 Tons, 8 — 11 Knoten; 9 Hafendampfer und 4 Torpedoboote. 

Nachtrag: England hat jüngst die Panzerkreuzer BLAKE und 
BLENHEIM vou je 9000 Tons und 20,000 Pferdekraft in Bau 
gelegt. Sie sollen 22 Knoten laufen und wie AURORA bewaffnet 
werden. Ebenso das Torpedovorratsschiff VULCAN von 6600 Tons, 
25,000 Pferdekraft, 18 — 20 Knoten, 63 — 127 mm Panzerdeck, 
8 sechsunddreifsigpfündige und 12 dreipfündige Schnellfeuerkanonen. 

(Schlafs folgt.) 



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XIV. 

Umschau in der Militär-Litteratur. 



Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte 
im Militärwesen. — XIV. Jahrgang 1887. — Heraus- 
gegeben von H. v. Lobell, Oberst z. D. — Berlin, E. S. 
Mittler & Sohn. — 

Zur gewohnten Zeit, d. h. etwa ein halbes Jahr nach Ablauf des 
Berichtjahres, sind die LöbeH'schen Jahresberichte auch in diesem Jahre 
erschienen. Der verhaltnisinäfsig lange Zeitraum zwischen Ablauf des 
Berichtjahres und der Veröffentlichung bringt es in unserer schnelllebigen, 
erfindungsreichen und neuerungssüchtigen Zeit mit sich, dafs die „Jahres- 
berichte" weniger ein „aktuelles" Interesse haben, indem sie den Belehrung 
Suchenden sagen „so ist es zur Zeit", als ein historisches, das uns mit- 
teilt „so war es im Jahre 1887". Recht merklich tritt diese Eigenschaft 
z. B. hervor, wenn man in dem Berichte über das Heerwesen Frankreichs 
S. 95 betreffs des Lebel-Gewehres liest „Uber dessen Konstruktion u. s. w. 
nur folgende Angaben in die Öffentlichkeit gedrungen sind". Es folgen 
dann einige höchst dürftige Angaben über dieses Gewehr, das zur Zeit ja 
bis ins Kleinste hinein allgemein bekannt ist. Übrigens bringen die 
Jahresberichte selbst dann auf S. 446 in dem Berichte über die Hand- 
feuerwaffen nicht unerheblich mehr Angaben über das Lebel-Gewehr als 
auf S. 95 enthalten sind. Auch widerspricht der letztere Bericht mehrfach 
dem ersteren; wahrend z. B. dieser die Anfangsgeschwindigkeit des Ge- 
schosses mit 600 m angiebt und den General Bruyere als Erfinder des 
verwendeten Pulvers bezeichnet, setzt jener die Anfangsgeschwindigkeit 
auf 680 m fest und nennt richtig den Pulver- und Salpeter-Ingenieur 
Vieille als Erfinder des Pulvers. Solche Widersprüche dürften die Zu- 
verlässigkeit der Jahresberichte nicht besonders günstig hinstellen, um so 
weniger, da der vorliegende Band ziemlich reich an dergleichen ist. So 
finden wir z. B. in dem Berichte Uber das Heerwesen Belgiens auf S. 39 
die Angabe, dafs „die Befestigungen der Maas nicht ausschliefslich für die 
belgischen Truppen bestimmt sind, sie sollen daher nur einem gewaltsamen 
Angriff Widerstand leisten ; ihr Hauptzweck besteht darin, dafs sie derjenigen 
Armee, welche sich mit den belgischen Truppen verbündet, sobald der eine 



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Umschau in der MIlitar-Litteratar. 



oder der andere der Kriegfuhrenden das belgische Gebiet verletzt, ihre 
Thore öffnen und derselben die ihnen innewohnenden strategischen Vor- 
teile zuwendet". Über diese höchst sonderbaren Anschauungen wollen 
wir uns hier nicht weiter aussprechen, sondern nur erwähnen, dafs es im 
vorliegenden Bande in dem Berichte über die Taktik des Pestungskrieges 
auf S. 433 im vollen Widerspruche mit denselben heilst, dafs „diese Be- 
festigung nur zur Verhinderung des Durchzugs fremder Heere geplant 
ist". — In dem Berichte über das Heerwesen Chinas lesen wir dann auf 
S. 60, dafs China sich zwei Luftballons aus Frankreich habe kommen 
lassen, „die unter Leitung eines französischen Luftschiffen; gemachten 
Versuche sind zur allgemeinen Befriedigung ausgefallen". In dem Bericht 
über die Militär-Luftschiffahrt befinden sich hingegen über dieae Ballons 
u. A. auf S. 497 nachstehende Angaben: „Leider hat der Ballonfirnifs, 
wie es scheint, die Tropenhitze nicht vertragen, denn als man in China 
die Ballons auspackte, klebten die einzelnen Falten so fest aneinander 
dafs es nur mit Mühe gelang, den kleineren Ballon auseinander zu be- 
kommen. . . . Die Dampfwinde wurde für zu schwer gehalten, um auf 
jeder Strafse fortbewegt werden zu können." Ob bei den bezopften 
Söhnen des himmlischen Reiches die „allgemeine Befriedigung" in solcher 
Weise zum Ausdruck gelangt?! — Ebenfalls die Luftschiffahrt betreffend 
wird auf S. 68 in dem Berichte über das Heerwesen Dänemarks von 
Kapitlin Juhles' gefesseltem Ballon gesprochen; auf 8. 497 ist dieser 
dänische Kapitän ein französischer Luftschiffer. — In dem Berichte über 
das Heerwesen Frankreichs finden wir dann auch, abgesehen von den 
Kreits erwähnten Widersprüchen betreffs des Lebel-Gewehres, auf S. 104, 
dafs bei dem 90 mm Geschütz beziehungsweise dessen Geschofs 23 1 Spreng- 
teile entständen; auf S. 464 hingegen ist diese Zahl auf 237 festgesetzt. — 
In dem Berichte Uber das Heerwesen Österreich-Ungarns lesen wir auf 
S. 247 Uber das kleinkalibrige Repetiergewehr der österreichischen Armee, 
dafs das Geschofs eine Anfangsgeschwindigkeit von 500 m habe und das 
Gewicht der 11 mm Patrone 42 gr betrage. S. 451 nennt hingegen 
580 — 590 m Anfangsgeschwindigkeit und 42,4 gr Patronengewicht. Gröber 
ist der Widerspruch, der sich auf den S. 336 und 456 befindet; auf 
ersterer wird dem Gewehr der türkischen Infanterie ein Kaliber von 9,5 mm, 
auf letzterer von 8 mm gegeben. Wenn wir schliesslich noch erwähnen, 
dafs die Länge der russischen Eisenbahnen Anfang 1887 nach S. 295 des 
vorliegenden Jahresberichtes 27,647 Werst betrug und 1098 Werst Staats- 
eisenbahnen in Finnland vorhanden waren, während das russische Eisen- 
bahnnetz in der That nach den amtlichen Berichten Ende 1887 nur 
25,276 Werst und die Staatseisenbahnen in Finnland 1884 bereits 1462 Werst 
amfafsten, so schliefen wir hiermit die Aufzählung der Widersprüche 
und Unrichtigkeiten, die uns bei einer oberflächlichen Durchsicht der dies- 
jährigen Jahresberichte in die Augen gefallen sind. Sie dürften zur 
Genüge darthun, dafs, wie gesagt, die Zuverlässigkeit der Jahresberichte 
doch auf recht lockerem Boden zu stehen scheint. Alles Kleinigkeiten — 



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234 



Umschao in der Militär-Litteratar. 



könnte man einwenden. Gewifs! Aber aus einzelnen kleinen Steinen setzt 
sich das Haus zusammen ; sind die einzelnen Steine nicht vollständig tadel- 
los, so darf man auch auf einen mangelhaften Bau des Ganzen schließen. — 
Nur ungern wenden wir uns nunmehr noch mit einigen Worten den schon 
wiederholt als verfehlt und — ein Erzeugnis von Kleistertopf und Papier- 
scheere — als ziemlich wertlos bezeichneten „Nekrologen" zu; die Ver- 
letzung des patriotischen Gefühles drückt uns diesmal die Feder in die 
Hand. Unter den verstorbenen hervorragenden Offizieren finden wir 
u. A. auch den Königlich hannoverschen Oberst a. D. Dammers aufgeführt. 
Nachdem dieser Offizier bis zum Jahre 1866 nur dadurch hervorgeragt 
hatte, dafs er sich im Jahre 1864 bei Gelegenheit der Occupation Hol- 
steins als Kommandant von Rendsburg unmöglich gemacht, ernannte ihn 
sein König, als um diesen alles zusammenbrach, am 17. Juni 1866 zum 
Oberst und Generaladjutanten. Während der 12 Tage, in welchen Oberst 
Dammers diese Stelle bekleidete, wurde er als Parlamentär verwendet und 
hat unter dem Schutz dieser Stellung mit Vorbedacht schnödesten Betrug 
an Preufsen ausgeübt. Heimlich schickte er von Gotha einen vorher mit 
Weisung versehenen Offizier an seinen König zurück, der diesem mit- 
teilen sollte, was der Oberst Dank seiner Stellung in Bezug auf die preußischen 
Trappen gesehen, und der auch zum Angreifen auffordern sollte; der 
Oberst ging inzwischen gleichzeitig leichten Herzens Verpflichtungen be- 
treffs Fortbestand der Waffenruhe ein. Dafs sich seine Pläne nicht 
erfüllten, lag in anderen, von ihm nicht beherrschten Verhältnissen. 
Wer in dieser Weise die hohe und geschützte Ehrenstellung eines Parla- 
mentärs mifsbraucht, darf auf Treue und Glauben keinen Anspruch mehr 
machen, er stempelt sich zum Betrüger. Der vorliegende „Nekrolog" schwächt 
dunh die Behauptung, dafs Uber die diplomatische Sendung des Oberst 
Dammers vollständige Klarheit noch nicht gebracht sei, die überaus klaren 
und bestimmten Angaben Wengen's in seiner „Geschichte der Kriegs- 
ereignisse zwischen Preufsen und Hannover" nicht ab. Für uns liegt jeden- 
falls die Sache so klar, dafs wir uns zu vorstehendem Urteil berechtigt 
glauben. Die Jahresberichte aber haben sich dadurch, dafs sie einen 
Mann in ihre „Nekrologe" aufnahmen, der nicht nur nichts Hervor- 
ragende« geleistet, sondern der auch Preufsen schmählich betrogen hat, 
nach unserer Ansicht geradezu beschmutzt. Für diese Nekrologe ist es 
wohl auch kennzeichnend , dafs ihnen zufolge die musterhafte englische 
Armee, die in den letzten dreifsig Jahren ja durch herrliche Kriegs- 
t baten und außerordentliche inilitür-wissenschaftliehe Leistungen besonders 
hervorgeragt hat, von dem harten Schicksal betroffen wurde, 15 her- 
vorragende Offiziere u. s. w. im Jahre 1887 zu verlieren, das deutsche 
Heer hingegen nur den Verlust von 10 zu beklagen hatte. — Im übrigen 
ist über die diesjährigen Jahresberichte nur noch zu sagen, dafs sie in 
der bekannten bisherigen Art des Guten recht viel bringen, sich aber 
auch mit grofser Hartnäckigkeit einzelnen wiederholt laut gewordenen 
Änderungsvorschlägen vollständig verschliefsen. 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



235 



Friedrich der Grofse bei Collin (18. Juni 1757). Eine Studie 
von Karl Bleibtreu. — Berlin, Friedrich Luckhardt. — 

Ich möchte es als ein recht trauriges Zeichen der Zeit bezeichnen, dafs 
ein phantasiereicher und schwungvoller Roman-Schriftsteller von grofser 
„industrieller Betriebsamkeit", wie es Bleibtreu ist, seit einiger Zeit seine 
Neigungen und Gaben zur romanartigen Darstellung sowohl von Zukunfts- 
seb lachten als auch von wirklich gelieferten benutzt und hierin, wie es 
scheint, noch von gewisser militärischer Seite unterstützt wird. In der 
Phantasie eines Roman-Schriftstellers entstandene Zukunftsächlachten haben 
leicht begreiflicher Weise nicht den geringsten militärischen Wert, und 
habe ich es auch nicht der Mühe für Wert erachtet, in einer militür- 
wissenschaftlichen Zeitschrift wie die Jahrbücher der Schlachten bei Bochnia, 
Beifort und Chalons auch nur mit einem Worte zu gedenken. Auch dafs der 
genannte Schriftsteller in seinem „Napoleon bei Leipzig" und „Napoleon 
bei Wagram" diesen Feldherrn in seiner eben berührten Weise in 
die Mache nahm, konnte mich noch nicht veranlassen, die Feder zu 
ergreifen und solchem Qetreibe entgegenzutreten. Anders liegt die Sache 
jetzt. Bleibtreu versucht in seinem „Friedrich der Grofse bei Collin" den 
ruhmumstrahlten Heros der preufsischen Kriegsgeschichte zu einem 
Phantasie-Gebilde seiner Art umzugestalten und historische Thatsachen 
nach seiner Einbildung und seinen Anschauungen auf Kosten der 
Wahrheit umzumodeln, um so einen recht anregenden Roman zusammen- 
zuflicken. Seine Darstellung der Schlacht bei Collin hat auch nicht den 
geringsten militärischen Wert, im Gegenteil durch Verbreitung falscher 
Thatsachen kann sie verwirrend, also schädlich wirken. — Nach den treff- 
lichen Forschungen von Max Dunker, denen u. A. Taysen und Georg 
Winter mit wertvollen Erweiterungen folgten, ist es wohl über jeden 
Zweifel erhaben, dafs Friedrich der Grofse am 18. Juni die Stellung der 
Österreicher von „Novi Mesto" aus Uberschaute, dafs der König beim 
Ausgeben der Schlacht-Disposition von dem Vorhandensein des für die 
Schlacht so wichtig werdenden „Eichbusches" keine Ahnung hatte, dafs 
der Fürst Moritz von Dessau und nicht der König den Hauptteil des 
Heeres viel zu frühzeitig halten und angreifen liefs, dafs der König sich 
niemals über die Unthätigkeit oder falsches Eingreifen Zietens während 
oder nach der Schlacht tadelnd und hart ausgelassen hat. — Trotzdem 
läfst Bleibtreu, alten, meistens absichtlich entstellten Überlieferungen 
folgend, den König nicht von „Novi Mesto", sondern von der „goldenen 
Sonne" aus die Stellung der Österreicher beobachten; der „Eichbusch", 
trotzdem er, wie gesagt, für den König nieht vorhanden war, spielt in 
der Disposition, die Bleibtreu dem König in den Mund legt, einen besonders 
wichtigen Teil. Bleibtreu tischt dann natürlich auch das AmmenmHrchen 
auf, wie der König dem Fürsten Moritz den Befehl zum Halten giebt, 
wie dieser nicht gehorchen will, wie der König schliefslich den Degen 
zieht. Seitenlang spinnt sich bei Bleibtreu das erregte Gespräch fort, das V 

Jafcrbleaar flr dla Dutect» Ihn and Maria«. Bd. LXVIII„ 8 16 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



der König dieserbalb mit Fürst Moritz führte — kein Wort davon ist 
wahr! Auf den äufserst braven Zieten Uihi Bleibtreu, ohne Verständnis 
für die Aufgabe des Ersteren, seinen Friedrich in erregter Weise weidlich 
schimpfen und fluchen. — Diese Thatsachen weiden wohl genügen, um den 
militärischen Wert des Bleibtreu'schen Collins zu würdigen; leicht würde 
es sonst sein, noch eine grofse Menge von historischen Unrichtigkeiten 
und Ungenauigkeiten seiner Erzählung aufzudecken. Dem Kenner der 
damaligen Heeresorganisation wird es ein Liicheln abzwingen, wenn er 
u. A. von Coiiipagnie-Kolonnen und Compagnie-Befehlen liest. Gaudi, 
der erweislich der Schlacht bei Collin gar nicht beigewohnt, findet bei 
Bleibtreu als Flügeladjutant des Königs einflufsvolle Verwendung! 

Und Friedrich seilet! Wie schrecklich hat ihn Hleibtreu verhunzt! 
Nach ihm ist der König ein unermüdlicher Schwätzer, der seinen Generalen 
mit selbstgefälligem Behagen seine Grundsätze Uber den Krieg, sogar 
während der wichtigsten Augenblicke der Schlacht, des Breitesten aus- 
einanderzusetzen sucht. Diese Grundsätze, wie sie Hleibtreu anführt, 
waren aber schon längst, seit dem Jahre 1753, in den Generalprinzipien 
vom Kriege niedergelegt, Gemeingut der Generalität und dem Geiste des 
Heeres eingeimpft. Der König hatte wahrlich nicht nötig, hierüber ein 
Wort an seine Generale zu richten. Aber Hleibtreu mufste doch seine 
eigene Weisheit leuchten lassen. Anderenteils wird uns der Bleibt reu'sche 
Friedrich recht wie ein launenhafter Tyrann dargestellt, der mit seiner Um- 
gebung wie die Katze mit der Maus, gerade/u brutal spielt. Bleibtreu 
läfst den Köni^ in ernster Lage sogar „Österreichern". — 

Nun noch einige wenige Proben von der Bleibtreu'schen Schreibweise 
und seinen Bildern. Auf S. 4 sagt er vom Konig: „Die tiefgefurthte 
Falte von der Nase herab krümmte sich zu jenem Liicheln tätlicher Ver- 
achtung, vor dein die Seinen zitterten. ... In dem Auge ein ruhiges, 
unwiderstehliches Feuer. . . . Jeder Zoll nicht blofs ein König, jeder Zoll 
ein Genie." S. 60 und Gl heifst es: „Schnell schwand die kurze Sommer- 
nacht! Das tiefe Schnarchen all der übermüdeten Tausende, gleich dem 
ununterbrochenen Murmeln eines Wasserfalls, starb mählich dahin im 

Morgengrauen Die Hiinde falteten sich zum Gebet, die Waffen 

klirrton nieder, bald vielleicht rot vom vergossenen Blute." S. 63: „Der 
Himmel wölbte sich wolkenlos und die Sommersonne gofs ihren goldigen 
Nimbus Über die spiegelblanken Waffenlinien dieser tadellosen Bataillone 
und Schwadronen, deren Banner nicht der leichte Morgenwind, sondern der 
eigene Jiuhmesstolz zu blähen schien." S. 72 und 73: „Die Treffen 
schoben sich hin und her, dann aneinander. Ordonnanzen schwärmten 
Uberall wie fleifsige Bienen. Die Haubitzen summten mit ihren Rädern 
die Kuppen hinauf, wie dicke Hummeln mit metallisch flimmernden 
Flügeln. . . . Und die Schlacht hebt sich gleichsam wie eine schwefel- 
gelbe Gewitterwand am Horizont emi»or. Langsam, langsam. Bald wird 
sie die Sonnenscheibe verdunkeln mit düsterem braust igem Hot. — Die 
Armee zieht sich in eine lange gerade Zeile auseinander. Dann spannt sie 



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Umschau iu der Militar-Litteratur. 



sich schräg über das Gofild wie eine straffe schwante Schnur." S. 75: 
„Die blechernen Mützenschilde und Bajonette der Grenadiere glitzerten 
fröhlich." S. 113: „In buntem Gemenge, so weit das Auge blickte, wogte 
und brodelte und tischte die Schlacht wie eine hochgehende See. Wie 
Leuchttürme dazwischen die umbrandeten Batterien. Wie Leuchtschiffe 
auf- und niedertauchond, die Fahnen. Die Adjutanten wie Rettungsboote 
Schieten hin und her, und mitten im Gischt schwimmen die Wraks der 
stolzen Linienschiffe." S. 149: „Ein fürchterliches Gebrüll barbarischer 
Mordlust brach los, als ob die Würgengel der Apokalypse daherbrausten, 
um die Menschheit niederzumachen. Das preufsischo Feldgeschrei ant- 
wortete voll Wut und Ingiimm." — Genug auch hiervon. Dafs Bleibtreu 
den „General en chef der Kavallerie" Zieten mit goldenem Scepter und 
AdlerÜügel auf dem Kolpak, dann an einer anderen Stelle auch noch mit 
dem Reiherbusch, der von einem Säbelhieb geknickt wird, in die Schlacht 
ziehen lttfst, dafs er die Generale mit breiten Ordensbändern schlafen zu 
lassen scheint — wenigstens hal>en sie Morgen* um 3 Uhr am Scblacht- 
tage diese Bander schon angelegt — dafs er dio Schlacht bei Kesselsdorf in 
das Jahr 1744 verlegt (natürlich ein Druckfehler), sei nur nebenbei 
bemerkt. 

Treitschke sagt in seiner trefflichen „Deutschen Geschiebte im neun- 
zehnten Jahrhundert" über die Schriften von Amadeus Hoffmann: „Der 
wüste Spuk drängte sich so nahe, so sinnlich greifbar auf, dafs der Leser, 
wie vom Alpdruck gelähmt, still halten mufste und dem kecken Humor, 
der diabolischen Grazie des meisterhaften Erzählers Alles glaubte. Znletzt 
blieb von dem tollen Spiele freilich nichts zurück als die dumpfe Be- 
täubung des physischen Schreckens." Diesen letzten Satz möchte ich auf 
das Bleibtrcu'sche Collin anwenden. Das Ganze ein wirres Phantasiogebild, 
ein Gemengsei von Unrichtigkeiten und Übertreibungen! Tolles Spiel und 
dumpfe Betäubung! In militärischen Kreisen kann das wertlose Buch 
unmöglich Anhänger finden! Aber wo dann? Gott weifs es! 

Anhaltspunkte für die Kritik taktischer Maßnahmen von 

A. Falkner v. Sonnenburg, Hauptmann ä 1. s. des Guncral- 
stabes, Lehrer der Taktik an der k. Kriegs -Akademie. — 
München, Frau/Asche Verlagshaudlung. 
Wenn es richtig ist — und das wird wohl zugegeben werden müssen 
— dafs auf dem Gebiete der Taktik in weiten Kreisen ein unheilbar 
scheinender Zustand der Unsicherheit herrscht, dann müssen „Anhalts- 
punkte" gewifs als willkommen togrüTst werden; sie müssen um so will- 
kommener sein, als sie die Aussicht eröffnen, die vielfach auseinander- 
gehenden und sich durchkreuzenden Eindrücke der taktischen Schriften, 
wie durch eine Linse gesammelt, zu klaren Bildern zusaramengefafst zu 
sehen. 

Dies die Erwartung, welche der Titel der vorwürfigen Schrift weckt, 
und — gegenüber mancher raschen und herben Besprechung mag das 

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238 



Umschau in der Militlr-Litteratur. 



gleich anfangs hervorgehoben sein — in dieser Erwartung wird der auf- 
merksame Leser nicht ganz getäuscht. Das in dem vorangeschickten 
friedericianischen Motto vorgezeichnete Ziel: „Klarheit über jene Dinge, 
für welche wir zu sorgen haben" ist in der ganzen Arbeit scharf fest- 
gehalten, diese Anerkennung darf dem Verfasser nicht versagt werden. 

Andererseits sind freilich die Ausstellungen, welche sich aufdrangen, 
so zahlreich, dafs man sich unwillkührlich nach „Anhaltspunkten für die 
Kritik" umsieht. Nicht sowohl den Inhalt soll diese Bemerkung treffen, 
mit dessen Richtung wir im Wesentlichen uns vorstehend schon einver- 
standen erkliirt haben und dessen Einzelheiten dem Leser anheimgegeben 
werden möchten, — als die Form der Bearbeitung: Titel, Anlage und 
Sprache. 

Es kann im allgemeinen kaum tibersehen werden, dafs die Arbeit — 
und damit sollen nicht die Gedanken, sondern nur deren schriftliche 
Niederlegung gemeint sein — sehr rasch entstanden sein mufs; sie hat 
vermutlich gar nicht, und gewifs nicht lange genug im Inneren des 
Schreibtisches sich zu erholen Gelegenheit gehabt, und mufs nun den 
Vorwurf tragen, dafs sie Unebenheiten enthalt, welche selbst der rasch- 
lebigen Tagespresse nicht zu verzeihen wären. Wir meinen, jemehr Technik 
und Verkehr die Veröffentlichung erleichtern, desto mehr mtifste ein 
„Buch" sich durch Genauigkeit und Sorgfalt auszeichnen, wenn auch das 
„nonnm prematur in annum" heute nicht mehr buchstäblich anwendbar 
erscheinen sollte. 

Zum Titel möchten wir noch bemerken, dafs es uns nicht ganz ein- 
leuchten will, warum die Anhaltspunkte besonders der „Kritik", und nicht 
unmittelbar den „taktischen Mafsnahmen" dienen sollen? Dem Titel nach 
glaubt man vorher das Signal Commandeurruf gehört zu haben, und doch 
hat der Verfasser kaum beabsichtigt, gerade die höheren Führer über die 
Kritik zu belehren. Das Vorwort sieht sich auch genötigt, einen Teil des 
Titels zurückzunehmen. Wir vermuten, dafs bei der Zwischenschiebung 
der „Kritik" etwa der Gedanke an Kriterien vorgeschwebt haben mag. 

Nur eine Rücksichtnahme auf die Bezeichnung als „Anhaltspunkte" 
scheint uns die Anordnung in fortlaufend numerierte Sätze -zu sein. Von 
den 600 Thesen ist eigentlich nur die 1. ganz unabhängig von einem Vorder- 
sätze, die übrigen sind fast alle ausgesprochen konjunktiv gehalten, und 
die Numerierung, welche doch den einzelnen Sätzen eine gewisse Selbst- 
ständigkeit verleihen soll, wird so zu einem erst zu beseitigenden Hinder- 
nisse des Zusammenhanges. 

Und endlich die Sprache! — Sie mufs schon um deswillen Bedenken 
erregen, weil der Verfasser sie anderwärts entlehnt hat. — Hegt derselbe 
den Wunsch, dafs diese Sprache zum Gemeingut wird und hält er das 
auch nur für möglich? Sollte auch dem Schriftsteller die Sprache dazu 
zu dienen haben, seine Gedanken zu verhüllen? Wir halten es wirklich 
für angezeigt, unseren Lesern zu verraten, dafs der Verfasser ein durch 
und durch praktischer Soldat ist, damit sie nicht von vorneherein vor 



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Umachaa in der Milit&r-Litteratur. 



239 



solcher graner Theorie zurückschrecken. Aber bedauern müssen wir es 
immer, wenn unsere edle Kunst auf den Stelzen der Wissenschaft uns 
vorgeführt wird. — 

Und doch mochten wir dem Buche viele Leser wünschen, Leser, 
welche es langsamer lesen, als es geschrieben zu sein scheint, — dann 
werden sie es nicht, ohne Nutzen aus der Hand legen, vielleicht sogar 
gleich uns, nach einiger Rast neuerdings zur Hand nehmen. Der Schleier 
der Sprache wird sich dann lüften und der Kern zum Vorschein kommen 
— als ein schätzbarer Beitrag zu der „Klarheit über jene Dinge, für 
welche wir zu sorgen haben". 

Der Offizier als Erzieher des Volkes. Berlin, K. S. Mittler 

& Sohn. 

Ein vortreffliches kleines Büchlein, das auf 35 Seiten in belebender 
und erhebender Weise darthut, welche schönen Pflichten den Offizieren 
heutigen Tages bei der Erziehung der Soldaten und .so mittelbar als Er- 
zieher des Volkes zufallen. Es ist ein wahrer Genufs dem Gedankengang 
des Verfassers von Seite zu Seite zu folgen; viele sehr zu beherzigende 
Vorschlage werden dem Leser dabei begegnen. Natürlich handelt es sich 
im Wesentlichen nur um die geistige Erziehung des Soldaten, gestützt auf 
die Tugenden eines tüchtigen Bürgers. Verfasser fafst die Stellung des 
Offiziers sehr ideal auf; aber ob sich in der rauhen und hemmenden Wirk- 
lichkeit des praktischen Dienstes alles so ausfuhren laTst, wie er das aus- 
malt und wünscht, dürfte manchen Zweifel hervorrufen. Er ist zwar 
selbst ein praktischer Soldat, der den Dienst und seine verschiedenen 
Seiten genau kennt, doch scheint bisher ein ganz besonders freundlicher 
Stern seine militärische Laufbahn begleitet zu haben, denn sonst würde er 
mehr den vielen Schwierigkeiten Rechnung tragen, die oft unüber- 
windbar sind und das edelste aufopferndste Streben sehr einengen. Verfasser 
strebt nach Idealen. Wor erreicht sie im Leben?! Aber, wie gesagt, herz- 
erquickend und erfrischend mufs sein Büchlein selbst auf eine verknöcherte 
Soldatenseele wirken, auch wird es gewifs hier und da neuen Antrieb zu 
edlem Streben wecken. Unsere gute deutsche Muttersprache hat übrigens 
Grund sich zu beklagen, dafs Verfasser sie nicht mit gebührenden Ehren 
behandelt hat, obgleich ein tief ernster, christlich-germanischer Standpunkt 
sonst gerade das Büchlein auszeichnet. 



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40 






45 


Armee 


•i 


48 






50 






50 


Eifa*» 




60 






60 


Primas ..... 


• .» 


60 


Americana .... 


• - <t 


75 






75 


Grandeza . 


t. 


80 


Corona conclias 


»» 


80 



Kio Sclla . 
Con.Honativa 
Kecompensa 
Olo»>o . . 
Vielka . 
Carlot a . 
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Salambera Regal ia . 
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Gefällige Bestellungen werden mit grÖHster Sorgfalt ausgeführt. 



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XV. 

Die französische Armee im Jahre 1813.j 

Ein Beitrag zur Geschichte der Befreiungskriege. 

(Fortaetzong.) 
7. 

Dresden — Kulm — Katzbach. 

Beim Ablauf des Waffenstillstandes wufste Napoleon, dafs er 
es mit je einer feindlichen Armee in Böhmen, in Schlesien und in 
der Mark zu thun haben würde; er tauschte sich indessen insofern, 
als er die feindliche Haupt-Armee in Schlesien, in Böhmen aber 
nur die Österreicher vermutete, und als er überdies die Starke der 
feindlichen Nord-Armee unterschätzte. Gegen letztere sollte ein 
Teil seiner Streitkräfte offensiv werden, während er selbst mit der 
Masse seiner Armee zunächst eine abwartende Haltung einnehmen 
wollte, um so seiner Berliner Armee Flanke und Rücken gegen die 
Unternehmungen der beiden anderen feindlichen Heere zu sichern. 

Demgemäß war die Verteilung der französischen Streitkräfte 
bei Beginn der Feindseligkeiten die folgende: 

der sc h lesischen Armee gegenüber standen in erster Linie unter 
Ney 

das III., V., VI., XI. Armee-Corps und das 2. Kavallerie-Corps 
= 130,000 Mann, 388 Geschütze, 
dahinter in zweiter Linie unter Napoleons persönlicher Führung 
die Garden, das IL, VTII. Armee-Corps, das 1., 4. Kavallerie- 
Corps = 112,000 Mann, 386 Geschütze, 
gegen die böhmische Armee 

das I., XIV. Armee-Corps = 60,000 Mann, 168 Geschütze, 

JUrbtcbM ftr dto DaaUcfc« ArmM i»d Marli*. Bd. LXVIII, 3. ^7 



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241 



Die frantönische Armee im Jahre 1813. 



gegen die Nord -Armee 

unter Oudinot das IV., VII., XII. Armee-Corps, das 3. Kavallerie- 
Corps = 70,000 Mann, 222 Geschütze, 

unter Davout das XIII. Armee-Corps = 37,000 Manu, 76 Ge- 
schütze, 

uuter Girard die Divisionen Lanusse und Dombrowski = 
15,000 Mann, 28 Geschütze. 

Rechnet man hierzu noch das im Anmarsch befindliche 
5. Kavallerie-Corps sowie die Truppen Margaron's und den Artillerie- 
und Ingenieur- Wesen-Park, so erhält man die früher errechnete 
Summe von rund 

440,000 Mann,*) 1284 Geschütze. 

Der Beginn der Operationen sollte dem Kaiser sofort den 
unliebsamen Beweis liefern, dafs die innere Linie trotz aller Vorzüge 
eine Zwangslage in sich schliefee, und dafs es bei einiger Energie 
des Gegners schwer sei, demselben die Initiative zu entreifseu; 
gleichzeitig sollte er aber auch sofort erfahren, von welchem seiner 
drei Gegner ihm die gröfete Gefahr drohe. 

Am 14. August — noch drei Tage vor dem für die Eröffnung 
der Feindseligkeiten festgesetzten Zeitpunkt — überschritt nämlich 
der General Blücher die Demarkationslinie und besetzte das die beiden 
Heere trennende neutrale Gebiet. Auf französischer Seite machte 
sich jetzt sofort ein grofser Mangel an einheitlicher Führung be- 
merkbar; Ney, der den Kaiser vertreten sollte, in dieser Eigenschaft 
aber über keinen besonderen Stab verfügte und auüserdem das 
Kommando über sein Corps beibehalten hatte, kümmerte sich aus- 
schließlich um letzteres, und die Folge war, dafo alle Corps- 
Befehlshaber in der bekannten Weise der napoleonischen Marschälle 
völlig unabhängig von einander handelten. Infolge dieser fehler- 
haften Einrichtung wichen denn die französischen Corps auf allen 
Punkten bis hinter den Bober zurück, ohne dies eigentlich nötig 
zu haben. Bei den seit dem 18. August taglich stattfindenden, 
teilweise äufserst lebhaften Gefechten schlugen sich die französischen 
Soldaten und zwar namentlich die Infanterie im allgemeinen nicht 
schlecht; nur das Verhalten seiner leichten Kavallerie gab dem 
General Lauriston Veranlassung zu klagen. 

Um das Vorgehen Blücher's zu strafen und den durch das 
übereilte Zurückweichen seiner Marschälle verursachten Schaden 
wieder gut zu machen, beschlofs Napoleon, sich selber nach Schlesien 



*) Nach Ab«ug der 3333 Mann, welche der Armee -Verwaltung angehörten. 



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Die franiöeische Armee im Jahre 1813. 



242 



zu begeben, indem er dabei die Hoffnung hegte, dort die ge- 
wünschte Entscheidungsschlacht zu finden. Die Garden and die 
Kavallerie Latour-Maubourg's, im Ganzen 75,000 Manu, 254 Ge- 
schütze, mufsten ihn dorthin begleiten. Am 20. August in Lauban 
eingetroffen, liefs er am folgenden Tage sofort auf der ganzen Linie 
die Offensive ergreifen. Sobald indessen Blücher die Anwesenheit 
Napoleon's erkannt hatte, trat er sofort den Rückzug an und ging, 
ohne sich in eine entscheidende Schlacht einzulassen, unter heftigen 
Nachhut-Gefechten, die er den scharf nachdrängenden Franzosen 
an diesem Tage — dem 21. August — bei Löwenberg und am 
23. bei Goldberg lieferte, bis hinter die Katzbach zurück. Den 
französischen Truppen kann das Lob nicht versagt werden, dafs sie 
sich in diesen Gefechten gut geschlagen haben, namentlich die 
Infanterie des V. Armee-Corps, welches letztere an beiden Tagen 
die Hauptlast zu tragen gehabt, hatte eine ausgezeichnete Haltung 
bewiesen, und auch die Kavallerie desselben hatte Gelegenheit 
gefunden, die wenige Tage zuvor erlittene Scharte auszuwetzen. 
Das Verhalten der Truppen hatte den Verbündeten sofort die 
Alles belebende Gegenwart Napoleons verraten, eine Erscheinung, 
die sich im Laufe des ganzen Feldzuges wiederholen sollte. 

Übrigens hatte sich Napoleon nur während des Gefechts bei 
Löwenberg, aber nicht mehr während der Kämpfe bei Goldberg bei 
seiner Bober-Armee befunden; das Vorgehen der böhmischen Armee 
gegen Dresden hatte ihn zur Rückkehr nach dieser Stadt gezwungen, 
von der aus der Marschall St. Cyr ihn um Hülfe angerufen hatte. 
So war denn der Kaiser bereits am Morgen des 23. August mit 
den Garden, dem VI. Armee-Corps und der Kavallerie Latour- 
Maubourg'a dorthin aufgebrochen. Auch der Marschall Ney war 
angewiesen worden, seinem Herrn für seine Person dorthin zu 
folgen, der bezügliche Befehl war aber ganz unglaublicher Weise 
so undeutlich abgefafet gewesen, dafs der Marschall geglaubt hatte, 
sein Corps mitnehmen zu sollen, ein Irrtum, der nicht ohne erheb- 
liche Unzuträglichkeiteu ausgeglichen werden konnte. In Schlesien 
blieben unter Macdonald das III., V., XI. Armee-Corps und das 
2. Kavallerie-Corps zurück, das III. vorläufig jetzt von dem General 
Souham, das XI. ebenso von dem General Gerard befehligt. 

St. Cyr's Hülferufe waren berechtigt gewesen, denn in der 
That war die Gefahr bei Dresden grofs, da sich gegen diese Stadt 
die Haupt-Armee der Verbündeten in Bewegnng gesetzt hatte. 
Dieser erdrückenden Übermacht gegenüber verfügte der Marschall, 
abgesehen von der zum gröfsten Teil aus Westfalen bestehenden, 

17* 



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243 



Die französische Armee im Jahre 1818. 



kaum 4500 Mann starken Besatzung, einzig und allein über das 
XIV. Armee-Corps, 26,000 Mann, darunter an Infanterie 22,000 un- 
ausgebildete »enfans soldats«. Das inzwischen bei Dresden ein- 
getroffene Corps des General L'heritier, dessen Reiter in dem Gefecht 
vor dieser Stadt bereits Gelegenheit gehabt hatten, ihre geringe 
Kriegstüchtigkeit zu beweisen, war jetzt gerade nach Grofsenhain 
entsendet worden. Wie ernst die Lage bei Dresden war, das 
mufste dem Kaiser St. Cyr's Schreiben vom 25. August klar machen. 
»Nous sonimes bien determines, schreibt der Marschall, ä faire tout 
ce qu'il sera possible: je ne puis rien garantir de plus a Votre Majeste 
avec d'aussi jeunes soldats«. 

Aber die Hülfe war nahe. Am 23. Morgens war Napoleon 
mit den oben aufgeführten Corps von Löwenberg aufgebrochen, am 
25. Abends standen dieselben mit den Spitzen bereits bei Rossen- 
dorf, 2 Meilen von Dresden, der Rest bis gegen Grofs-Harthau hin, 
2 Meilen weiter zurück. Hiermit aber nicht genug, hatte Napoleon 
auch noch das I. und II. Corps von Rumburg und Gabel aus 
ebenfalls auf Dresden in Bewegung gesetzt, so dafs an der böhmi- 
schen Grenze nur die Polen verblieben. Zur Sicherung der Ver- 
bindung mit Macdonald gegen die Parteigänger der Nord -Armee 
war L'heritier nach Grofsenhain entsendet worden und hatte Marmont 
eine Truppenabteilung — 2 Bataillone, 5 Schwadronen, 1 Batterie 
— in Hoyerswerda zurücklassen müssen. Wahrend dieses mit 
solchen Massen fast beispiellosen Marsches hatte Napoleon die 
Meldung bekommen, dafs die beiden westfälischen Husaren- Regimenter 
des Victor'schen Corps in der Nacht zum 23. August mit Ausnahme 
von 2 Schwadronen geschlossen zu den Österreichern übergegangen 
seien; es war dies ein schlimmes Vorzeichen, und schlimmer als 
der materielle Verlust war der moralische Eindruck, den dieses 
Ereignis macheu mufste. 

Es ist bekannt, dafe Napoleon am 25. August die Absicht 
gehabt hat, am folgenden Tage mit der ganzen Armee, welche er 
heranführte, die Elbe oberhalb Dresdens zu überschreiten und die 
Verbündeten zwischen sich und diese Stadt zu bringen. Aber die 
immer dringlicher werdenden Hülferufe St. Cyr's, dessen in der 
Nacht eingehende Meldung, dafs er Dresden gegen einen am 26. zu 
erwartenden ernsten Angriff nicht werde behaupten können, und 
die Erkenntnis, dafs der Marschall iu Anbetracht der Beschaffenheit 
seiner Truppen Recht habe, zwangen den Kaiser, diesen großartigen 
Plan, dessen Ausführung unberechenbare Folgen hätte haben können, 
aufzugeben und sich damit zu begnügen, deu General Vandamme 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



244 



mit ungefähr 40,000 Mann bei Königstein über die Elbe zu senden, 
während er sich selbst mit der Masse seines Heeres nach Dresden 
wandte. 

Eis war die höchste Zeit, dafs die Hülfe kam. Nachdem die 
Spitzen der böhmischen Armee bereits am 25. vor Dresden erschienen 
waren, hatten die Kämpfe vor dieser Stadt am frühen Morgen des 
26. begonnen. Da die 42. Division sich bei Königstein befand, so 
verfügte der Marschall zur Verteidigung Dresdens nur über 3 Divi- 
sionen seines Corps, 37 Bataillone, 12 Schwadronen, 10 Batterien 
mit ungefähr 19,000 Mann, 76 Geschütze, im Ganzen einschliefelich 
der Garnison über kaum mehr als 23,000 Mann, wobei höchstens 
20,000 Mann Infanterie. Es war daher ein für die französischen 
Waffen nicht hoch genug zu schätzendes Glück, dafs der eigentliche 
Angriff der Verbündeten erst um 4 Uhr Nachmittags begann. 

Napoleon hatte nicht so lauge gezögert, sondern war für seine 
Person bereits um 9 Uhr früh in Dresden eingetroffen, wo sein 
unerwartetes Erscheinen, wie Beruhardi sagt, eine geradezu be- 
zaubernde Wirkung ausgeübt hatte; von Mittag an hatten dann 
auch die Garden und um 2 Uhr die halbe Division Teste des 
I. Armee-Corps und das 1. Kavallerie-Corps begonnen, die Elbe zu 
überschreiten, so dafs er vorbereitet war, wie er sich ausdrückte, 
den Verbündeten das Geleite zu geben. So verfügte denn der 
Kaiser auf dem linken Elbufer bereits über mehr als 90,000 Mann,*) 

*) Es waren dies aufser der ständigen Garnison von Dresden: 
Die Garden 59 Bat., 49 Schw , 212 Gesch. — 2 Bat., 10 Schw., 6 Gesch. 

waren unter dem General 
Lefebvre-Desnouettes noch 
auf dem rechten Elbufer. 
76 n - die 42. Division stand bei 
Königstein. — 

16 „ - 

30 „ - die Div. Corbineau befand 
sich beim Gen.Vandamme. 

104 Bat., 117 Schw., 334 Gesch" 
Für den 27. kameu als Verstärkungen hinzu: 
Die Kav. des Gen. 

Lefebvrc-Desnouettes — Bat, 10 Schw., 6 Gesch. — die beiden Bat. blieben auf 

dem rechten Elbufer. 

Das II. A.-C. 37 , 2 „ 76 „ — die Brig. Beufs befand sich 

mit Ausnahme eines Bat. 
beim Gen. Vandamme. 
Das VI. A.-C. 40 „ 3 „ 78 „ — 2Bat.,5Schw.,6Gesch. waren 

bei Hoyerswerda zurückgeL 

77 Bat!, - 15 Schw., 160 Gesch. 
Gesaratatärke am 27. 181 Bat., 182 Schwadr., 494 Gesch. 



Das XIV. A.-C. 37 „ 12 „ 

Die halbe Division 

Teste des I. A.-C. 8 . — 

Das l. Kav.-C. — „ 56 „ 



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245 



Die franiöaiscbe Armee im Jahre 1813 



334 Geschütze, als er um 6 Uhr von der Abwehr zum Augriff 
überging und sich durch einen erfolgreichen Gegen stofe für den 
folgenden Tag den nötigen Entwickelungsraum verschaffte. 

Wiewohl Napoleon in der Nacht durch das Eintreffen de« 
II. und VI. Armee-Corps sowie der bisher entsendet gewesenen 
Garde-Kavallerie-Division des General Lefehvre-Desnouettes verstärkt 
worden war, verfügte er am 27. nach den Verlusten des voran- 
gegangenen Tages doch kaum über mehr als 125,000 Mann, 494 Ge- 
schütze. Trotz dieser bedeutenden Minderzahl entschied sich der 
Kaiser aber doch für einen beide feindliche Flügel umfassenden 
Angriff. Während er selbst mit einem Teil der Garde unter Ney 
sowie mit dem VI. und XIV. Corps im Centrum die Verbündeten 
festhielt und durch eine lebhafte Kanonade beschäftigte, muteten 
Mortier und Nansouty mit 24 Bataillonen, 28 Schwadronen der 
Garde den rechten, Murat dagegen mit den Truppen Victor's, 
Teste's, Latour-Maubourg's und — anscheinend auch — der vom 
General Pajol befehligten Reiterei St. Cyr's den feindlichen linken 
Flügel umfassen. Auf dem französischen linken Flügel gelang es 
Mortier zwar, Boden zu gewinnen, doch fiel die eigentliche Ent- 
scheidung nicht hier, sondern auf dem rechten Flügel. Die durch 
den Plauenschen Grund von der Haupt-Armee getrennten 18,000 Öster- 
reicher, welche hier fochten, konnten dem Stöfs der 40,000 Fran- 
zosen Murat's nicht widerstehen; sie wurden völlig geworfen und 
ihr linker Flügel durch die frauzösische Reiterei um so leichter 
vernichtet, als das regnerische Wetter jede Fernsicht sowie den 
Gebrauch der Gewehre erschwerte. 

Die Schlachttage von Dresden sind Ruhmestage nicht nur für 
Napoleon, der sich hier uoch einmal als der grofse Schlachtenkaiser 
zeigte, sondern auch für die französischen Soldaten, die unter seiner 
Führung und seinen Augen hier Grofses geleistet haben. Am 26. 
hatte die Hauptlast des Kampfes auf den jungen Ausgehobenen des 
XIV. Corps und der jungen Garde geruht; der 27. ist einer der 
gröfsten Glanztage der napoleonischen Kavallerie. 

So hatte Napoleon unter den Mauern von Dresden die in 
Schlesien vergeblich gesuchte Schlacht gegen die feindliche Haupt- 
Armee gefunden und mit dem verhältnismäfsig geringen Verlust 
von 10,000 Mann, nach den höchsten Angaben von 15,000 Mann, 
einen Erfolg errungen, welcher hätte entscheidend werden müssen, 
wenn er richtig ausgenutzt worden wäre. Alle Bedingungen hierfür 
waren vorhanden. Schon befand sich Vandamme mit mehr als 
40,000 Mann im Rücken des Feindes, dem di« Garden, Marmout 



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Die franaöeische Anne« im Jahre 1818. 246 

und St. Cyr unmittelbar folgten, ein beispielloses Glück winkte dem 
Kaiser. Aber in diesem, vielleicht dem entscheidendsten Augenblick 
nicht nur des ganzen Krieges sondern seines Lebens überhaupt 
verdunkelte sich Napoleons Stern; die matte Verfolgung wurde ein- 
gestellt, Vandamme seinem Schicksal überlassen. Das Benehmen 
des Kaisers erscheint hier völlig unerfindlich; in dem Zustande 
seiuer Trappen ist für dasselbe eine Begründung nicht zu finden, 
denn dieselben befanden sich in einer Stimmung, dafs trotz der 
grofeen Anstrengungen der letzten Tage Alles von ihnen zu ver- 
langen gewesen wäre. Die einzige zur Erklärung mögliche Annahme 
ist die, dais Napoleon den Feind im Rückzüge über Freiberg, wohin 
Murat folgte, vermutet und selbst nicht geahnt habe, welchen 
Einsatz er hätte gewinnen können, aber auch nicht, in welcher 
Gefahr sein General schwebte. 

Der General Vandamme hatte am 26. August die Elbe bei 
Königstein fiberschritten. Mehr als irgend ein anderer General der 
französischen Armee schien er für den ihm erteilten Auftrag, in 
der Richtung auf das Teplitzer Thal in den Rücken der Verbündeten 
zu operieren, geeignet; seine durch die Aussicht auf den Marschall- 
stab zum Höchsten angefachte Energie schien den Erfolg zu ver- 
bürgen. Sein mit Ausnahme zweier Reiter- Regimenter durchweg 
aus Franzosen bestehender Heerteil zählte wenigstens 40,000 Mann,*) 
82 Geschütze und war zusammengezetzt aus seinem eigenen Corps 
(ohne die halbe Division Teste), aus einer Division des XIV. und 
einer Brigade des II. Corps sowie aus der 1. leichten Division des 
1. Kavallerie-Corps. 

Durch den heldenmütigen Widerstand der ihm entgegen- 
stehenden schwachen russischen Kräfte aufgehalten, hatte Vandamme 
trotz aller Tapferkeit seiner Truppen nur langsam bis Kulm vor- 
dringen können. Hier aber 8 tief« der französische Feldherr auf 
stärkere feindliche Kräfte, denen er am 29. und 30. eine Schlacht 
liefern mufste. Die alte Erfahrung »wer umgeht, ist umgangen« 
erwies sich auch hier wieder als richtig; Napoleon hatte die Ver- 
folgung eingestellt, und so konnten sich diejenigen feindlichen 



*) L Armee-Corps ohne die halbe Div. Teste 34 Bat., 4 Schw., 60 Gesch. 

Brigade Reufs des IL Armee-Corps mit Aus- 
nahme eines Bataillons 6. - „ - ■ 

42. Division des XIV. Armee-Corps mit Aus- 
nahme zweier Bataillone 12 „ — * 16 „ 

1. leichte Kavallerie-Division .... . . — . 22 , 6 , 

52 Bat., 26 Schw., 82 Gesch. 



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247 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Corps, welche das Gebirge noch nicht überschritten hatten, ohne 
gedrängt zu werden gegen Vandamme's Rücken wenden, statt selber 
zwischen zwei Feuer gebracht zu werden. Der Ausgang konnte 
nicht zweifelhaft sein; von allen Seiten gefafet, mulste Vandamme 
erliegen. 

Dafs auch hier die einfachsten Sicherheitsmafsregeln in Flanke 
und Rücken verabsäumt worden waren, ist ein Vorwurf, der mehr 
die Führung trifft als die Trappen, welche sich sehr brav be- 
nommen hatten. Trotz der äufserst kritischen Lage hatten diese 
jungen Soldaten sich bis zum letzten Augenblick meist ausgezeichnet 
geschlagen und zum grofsen Teil den Widerstand erst aufgegeben, 
nachdem die letzte Patrone verschossen war. Dafs sich einzelne 
Truppenteile, welche von den fliehenden Trofsknechten der Artillerie 
niedergeritten worden waren, in der furchtbaren Verwirrung auf- 
gelöst und grobe Handlungen von Zuchtlosigkeit begangen hatten, 
kann eigentlich erklärlich gefunden werden. Grofse Anerkennung 
verdient entschieden die Haltung der Kavallerie, welcher es zum 
grofsen Teil gelang, sich durchzuschlagen. Die Kanoniere hatten 
bis zum letzten Augenblick bei ihren Geschützen ausgehalten, 
während die Fahrer sich zum Teil mit der Kavallerie gerettet hatten. 
Wenn der zweite Schlachttag von Kulm auch zu den unglücklichsten 
der französischen Kriegsgeschichte gehört, und wenn er auch manche 
dunkle Punkte enthält, so mufs doch dem I. Corps nachgerühmt 
werden, dafe es mit Ehren untergegangen ist. 

Die Verluste waren aufserordentliche, gegen 6000 Mann deckten 
das Schlachtfeld, mehr als 10,000 Mann darunter Vandamme selber 
, — waren bereits auf dem Schlachtfelde in Gefangenschaft geraten, 
80 Geschütze d. h. die gesamte Artillerie mit Ausnahme zweier 
nach Aussig entsendeten Kanonen, welche von der dorthin geschickten 
Abteilung bei ihrem eiligen Rückzüge aber auch noch stehen ge- 
lassen werden mufeten, und über 200 Muuitionswagen waren verloren 
gegangen. Was von den Truppen Vandamme's dem Verderben 
entronnen war, bestand nur aus Haufen von Flüchtlinge«, welche 
durch die Wälder und Schluchten des Erzgebirges die franzosische 
Armee zu erreichen suchten, von denen jedoch noch Tausende den 
Verbündeten in die Hände fielen. Diejenigen aber von ihnen, denen 
es wirklich gelang, bis zu dem französischen Heere durchzudringen, 
befanden sich in der denkbar traurigsten Verfassung. Der Marschall 
St. Cyr, der bemüht war, die ersten Anstalten zu ihrer Ordnung zu 
treffen, meldete am 31. August, es möchten ungefähr noch 10,000 Mann 
sein, die immer noch einen brauchbaren Heerteil bilden könnten, 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



248 



aber er fügte den bedenklichen Nachsatz hinzu »s'ils parviennent 
ä se rassurer un peu.c 

Die Ordnung dieser Trümmer wurde dem General Mouton- 
Lobau übertragen, den Napoleon für das Kommando über das zu 
reorganisierende I. Armee-Corps ausersehen hatte. Von den 34 Ba- 
taillonen des L Armee-Corps, welche bei Kulm gefochten, fanden 
sich unmittelbar nach der Schlacht nur 263 Offiziere, 5361 Mann, 
also noch nicht ein Viertel ihrer ursprünglichen Stärke, ein, aus 
denen 18 schwache Bataillone gebildet wurden. Nachdem zu diesen 
Resten die 8 Bataillone des General Teste sowie anscheinend*) 
auch noch 2 Bataillone des XIV. Corps und auch noch eine fernere 
Anzahl Versprengter — etwa 3000 Manu — hinzugekommen waren, 
wurden aus all diesen verschiedenen Bestandteilen 3 Divisionen zu 
10 Bataillonen gebildet, wobei anscheinend 2 neuformierte Bataillone. 
An Artillerie sollte das Corps 60 Geschütze erhalten, aufeer den 
16 Geschützen der Division Teste noch 44 vou anderen Corps 
abzugebende,**) doch scheint diese Zahl nicht erreicht zu sein; die 
Bedienung mufste der Artilleriepark stellen, die Bespannung hatte 
sich dagegen zum grofsen Teil durchgeschlagen, zum Teil wurde sie 
auch mit den Geschützen abgegeben. Sehr schwach aber nur war 
die Kavallerie, welche kaum 300 Pferde zählte. Mit der gröfsten 
Thatkraft vorgehend, gelang es dem General Lobau, in den ersten 
September-Tagen die Neubildung des Corps im Wesentlichen durch- 
zuführen; trotz aller erwähnten Verstärkungen zählte dasselbe aber 
doch kaum 14,000 Mann. 

Etwas besser als den Truppen des I. Corps war es der 42. Di- 
vision des XIV. Corps ergangen, welche auf dem rechten Flügel 
gekämpft, und von der sich viele Soldaten in die Berge gerettet 
hatten; von ihren 6 bis 7000 Manu waren ungefähr 4000 Mann 
davon gekommen. Nach Abzug der beiden an das I. Corps abge- 
gebenen Bataillone mochte die Stärke des XIV. Corps einschliefslich 
der erwähnten Division noch ungefähr 20,000 Mann betragen. 

•) Eine unbedingt zuverlässige Angabe über die Zusammensetzung des 
reorganisierten I. Armee-Corps hat sich nicht auffinden lassen. Selbst das all- 
gemein als Quelle benutzte „tableau de la grande armöe en septembre et octobre 
1813", welches der General Pelet veröffentlicht hat, ist nicht durchaus zu- 
verlässig-, dasselbe giebt für das I. Armee-Corps dieselbe Zusammensetzung, welche 
es vor der Schlacht bei Kulm gehabt hat. Hierauf wird spftter noch zurück- 
gekommen werden. 

**) Von Torgau wurden nach dem 27. August 1 Fufe- und 1 reitende west- 
fälische Batterie zur Armee gezogen, deren Verbleib nicht festzustellen ist, viel- 
leicht sind sie dem 1. Armee-Corps zugeteilt worden. 



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249 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Sehr starke Verluste hatte die Brigade Reufs des IL Corps 
erlitten, welche im Centrum gekämpft hatte. Rechnet man die 
Verluste des Corps bei Dresden sowie den durch den Abfall der 
westfälischen Kavallerie-Brigade verursachten Ausfall, so dürfte 
dasselbe, einschliefslich der Trümmer der gedachten Brigade, zur 
Zeit wohl kaum mehr als 21,000 Mann stark gewesen sein. 

Sonach betrugen die Verluste, welche diese 3 Corps seit Beginn 
des Feldzuges gehabt, gegen 30,000 Mann, und rechnet man hierzu 
noch die Verluste der Garde, des VI. Corps und des 1. Kavallerie- 
Corps, von welchem letzteren Teile ja ebenfalls den unglücklichen 
Zug nach Böhmen mitgemacht hatten, so ergiebt sich hieraus für 
die auf diesem Teile des Kriegsschauplatzes verwandten Truppen 
ein Gesamtverlust von mehr als 36,000 Mann, 82 Geschütze. Waren 
die Verluste der Verbündeten wohl auch noch gröTser, so lag darin 
doch ein grofeer Unterschied, dafe diese über einen reichlichen 
Ersatz verfügten, während die französiscne Armee auf kaum nennens- 
werte Nachschübe zählen konnte. 

Hiermit aber nicht genug, sollte sich Marmont's prophetisches 
Wort noch mehr als bewahrheiten, nicht nur dafs Vandamme ver- 
nichtet war und Oudinot einen Mifserfolg erlitten hatte, der weiter 
unten geschildert werden wird, aus Schlesien kam jetzt auch noch 
die Nachricht von der Niederlage Macdonald's. 

Als Napoleon am 23. August von Löwenberg nach Dresden 
zurückgekehrt war, hatte er in Schlesien den Marschall Macdonald 
mit dem Auftrage zurückgelassen, die sch lesische Armee über Jauer 
zurückzutreiben, sich dann mit dem Hauptteil seiner Kräfte an der 
Bober-Linie zwischen ßunzlau und Hirechberg aufzustellen und von 
hieraus soweit mit dem Feinde Fühlung zu halten, dafs derselbe 
weder nach Böhmen noch nach den Marken abmarschieren könne. 

Die Mittel, über welche Macdonald zur Erfüllung dieser Auf- 
gabe verfügte, waren ansehnlich bemessen und setzten sich aus dem 
HL, V., XL Armee-Corps und dem 2. Kavallerie-Corps zusammen. 
Von den 11 Infanterie-Divisionen, welche die Bober-Armee zählte, 
bestanden 8 Divisionen und 2 Brigaden aus Franzosen, eine Division 
und eine Brigade aus Deutschen — Hessen, Badenern und West- 
falen — und 2 Brigaden aus Italienern; die Kavallerie bestand mit 
Ausnahme von 2 deutschen und 2 italienischen Regimentern durch- 
weg aus Franzosen. Die 3 Infanterie-Corps hatten Lützen und 
Bautzen mitgemacht ; die grofsen Verluste — namentlich des HL Corps 
— waren durch blutjunge Rekruten in jeder Beziehung unzureichend 
ersetzt worden; von den älteren Soldaten hatten diejenigen des 



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Die französische Armee im Jahre 181?». 



250 



V. Armee-Corps sich im Frühjahrefeldzuge durch ihre mangelhafte 
Disziplin hervorgethau. Die Kavallerie stand derjenigen der sohle- 
sischen Armee sowohl an Zahl als an Güte erheblich nach, nament- 
lich was die leichten Schwadronen anbetrifft. In 137 Bataillonen, 
77 Schwadronen, 42 Batterien sollen die 4 Corps beim Beginn der 
Operationen eine Gesamtstarke von 102,600 Mann, 304 Geschütze 
gehabt, in den bisherigen Gefechten hatten sie aber bereit« erheb- 
liche Verluste*) erlitten, so dafs die Armee im gegenwärtigen 
Augenblick kaum mehr als 90 bis 95,000 Mann stark gewesen sein 
dürfte. 

Der an der Spitze der Armee stehende Marschall Macdonald 
war ein tüchtiger und erprobter General, der schon mehrfach selbst- 
ständig geführt hatte, und den, wie schon gesagt, Napoleon sehr 
schätzte; dennoch war die Wahl keine glückliche, da er der allge- 
meinen Schwarzseherei der französischen Generale verfallen war und 
überdies, wie Napoleon selber änfserte, kein (ilück hatte. Von 
seinen Corpsführern waren Souham und Gerard in ihren Stellungen 
neu, beide aber bewährte Divisions-Generale; von Lauriston und 
Sebastiani wurde bereits erwähnt, dafs ihre Verdienste auf einem 
anderen Gebiete als dem der Truppenführung lagen. 

Da Macdonald das Wiedereinrücken des — wie oben erwähnt — 
irrtümlicher Weise zurückgegangenen III. Corps in die Schlacht- 
linie abwarten mufste, so konnte er erst am 26. August die unter- 
brochene Offensiv-Bewegung auf Jauer wieder aufnehmen. Die ihm 
für diese Operation zur Verfügung stehenden Kräfte werden nach 
Zurücklassung der Division Ledru am Bober immer noch über 
80,000 Mann, 288 Geschütze betragen haben, von denen indessen 
auf die zur Umfassung des linken feindlichen Flügels in das Gebirge 
entsendete Division Puthod des V. Armee-Corps am 26. nicht zu 
rechnen war. 

Auch Blücher hatte auf die Kunde von der Umkehr Napoleons 
sofort wieder die Offensive ergriffen, und so kam es schon am 26. 
zur Entscheidung. Da sich beide Teile in der Offensive befanden, 
so ist die Schlacht an der Katzbach, wie sie in der Folge genannt 
wurde, so recht eigentlich eine Rencontre-Schlacht, bei der alle 
Vorteile auf Seiten Blücher's waren, der auf den Zusammenstofs 
4 rechnete, während Macdonald, dessen Truppen überdies im Augen- 
blick des Zusammentreffens in den Engpässen der wütenden Neisse 



*) Allein das V. Armee-Corps hatte laut Meldung Lauriston'» an den Kaiser 
in den Kämpfen vom 19., 21. und 23. August 5000 Mann ?erloren. 



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Die französische Armee im Jahre 1813- 



steckten, den Gegner erst bei Jauer zu treffen erwartete. Der 
Ausgang konnte nicht zweifelhaft sein. 

Während auf seinem rechten FJügel der Marschall selbst mit 
dem V. Corps von Goldberg aus auf dem linken Ufer der wüten- 
den Neisse vorgehend dem russischen General Langeron ein nicht 
ungünstiges Gefecht lieferte, hatten im Centrum die Corps von 
Ge"rard und Sebastiani bei Kroitsch, woselbst der ohne jede Sicherung 
au der Spitze marschierenden Masse der leichten Kavallerie durch 
die preufsischen Vortruppen ein höchst unliebsamer Empfang bereitet 
worden war, die Katzbach überschritten. Nach Überwältigung dieses 
Widerstandes versuchten sie es nun, in mehreren Kolonnen über die 
wütende Neisse gehend, die jenseitige Hochfläche zu erreichen, um 
sich auf derselben mit dem III. Corps zu vereinigen, welches die 
Katzbach weiter unterhalb überschreiten sollte. Ohne die einfachsten 
Vorsichtsmaßregeln vorrückend, wurden hier aber die in Folge der 
höchst mangelhaften Marschanordnung durcheinandergekommenen 
und daher nur vereinzelt und außerdem ohne einheitliche obere 
Leitung zur Verwendung gelangenden Truppen überraschend von 
dem Gros der schlesischen Armee angegriffen. Es kam hinzu, dafs 
Fernsicht und Gebrauch der Gewehre durch Wind, Regen und Hagel 
in hohem Grade erschwert und das Übergewicht der gegnerischen 
Reiterei dadurch noch vermehrt war, während von der eigenen 
Kavallerie die Kürassier-Division in Folge vorheriger Kreuzung mit 
dem III. Corps erst sehr spät eintraf. Die Franzosen erlitten eine 
vollständige Niederlage, die Kavallerie rifs die lufanterie mit fort, 
und in grenzenloser Verwirrung wurden beide unter Verlust aller 
Geschütze die steilen Hänge hinabgeworfen und mufsten über die 
inzwischen stark angeschwollene und jetzt nur noch auf Brücken 
zu überschreitende Neisse zurückgehen, wobei viele von ihnen er- 
tranken. Die Schlacht war bereits verloren, als 2 Divisionen und 
die Kavallerie des durch schlechte Wege und Marschirrtümer auf- 
gehaltenen III. Corps anlangten, welche indessen in Anbetracht der 
Lage und bei der bereits eingetretenen völligen Dunkelheit bald wieder 
zurückgingen, ohne sich in einen ernstlichen Kampf einzulassen. 

Von der französischen Armee waren im Laufe der Schlacht 

6 Infanterie- Divisionen und fast die gesamte Kavallerie auf dem 

Schlachtfelde erschienen, über 50,000 Mann,*) 170 Geschütze, von 

*) Vom III. Armee-Corps die Divisionen Albert und Ricard = 24 Bataillone, 
Das V. Armee-Corps ohne die Division Pnthod =24 » 

Das XI. Armee-Corps ohne die Division Ledru =24 

72 Bataillone. 

Aufserdem die gesamte Kavallerie mit Ausnahme einiger kleineren Abteilangen 
bei den Divisionen Ledru, Puthod und dem Rest des III. Armee-Corps. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



252 



denen aber die Hälfte der Infanterie, nämlich die beiden Divisionen 
des III. und eine des XI. Corps, welche letztere überhaupt nicht 
bis auf die Hochebene gelangt war, garnicht zur Verwendung gelangt 
war. Diese 3 Divisionen waren denn auch ziemlich ungerupft 
davon gekommen, nur daüs die des XI. Corps ihre samtlichen Fahr- 
zeuge verloren hatte. 

Wenn die französische Armee aus lauter kräftigen und geschulten 
Soldaten bestanden hätte, so würde, wie die Verhältnisse nun einmal 
lagen, die Schlacht zwar wohl auch verloren gegangen sein, jeden- 
falls aber wäre die Scharte wieder auszuwetzen gewesen, war doch 
kaum die Hälfte der Infanterie — 6 Divisionen von 11 — ins 
Gefecht gekommen. Und von diesen 6 Divisionen war überhaupt 
nur eine einzige, welche mit der Kavallerie im Centrum gekämpft 
hatte, wirklich scharf mitgenommen worden, während der linke 
Hügel überhaupt kaum zur Verwendung gekommen, der rechte 
Flügel aber sogar vom Erfolg begünstigt gewesen war. Aber diese 
jungen Soldaten, welche die Masse der Infanterie ausmachten, waren 
zu schwach und erst zu kurze Zeit bei der Fahne, als dafs sie die 
Eigenschaften hätten haben können, welche den eigentlichen Soldaten 
erst ausmachen, die physische und moralische Kraft, um den Strapazen 
und Eindrücken einer Niederlage zu widerstehen. So wurde die 
Schlacht, im Grunde genommen ein Reitergefecht, die Veranlassung 
zu einer Katastrophe. 

Der Rückzug der französischen Armee ging teils auf Bunzlau, 
teils über Goldberg auf Löwenberg. Das III. Corps, an dessen 
unversehrte Divisionen sich die Heerteile des Centrums, soweit sie 
die Ordnung bewahrt, angeschlossen hatten, ging mit diesen ver- 
einigt auf Bunzlau zurück, welcher Ort unter grofsen Anstrengungen 
und erheblichen Verlusten, aber in leidlicher Ordnung am 28. August 
erreicht wurde. 

Der Strom der Flüchtlinge hatte sich unterdessen auf Goldberg 
gewandt, wo die ersten von ihnen bereits am Abende des 26. ange- 
langt waren. Im bunten Gemisch folgten dann im Laufe der Nacht 
ununterbrochen gröfsere und kleinere Abteilungen aller Waffen, 
meist vom XI. Corps. Die Verwirrung erreichte den Höhepunkt, 
als in der Frühe des anderen Tages das V. Armee-Corps, bei welchem 
Rieh Macdonald selber befand, eintraf und mit Gewalt Bahn zu 
brechen begann. Wenn dieses Corps am vorhergehenden Tage anch 
nicht unglücklich gekämpft hatte, so waren bei den ehemaligen 
Cohorten-Männern doch jetzt bereits die Wirkungen des nächtlichen 
Rückzuges erkennbar, und so wurde dieses Zusammentreffen für die 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



Truppen Lauristou's im höchsten Grade verhängnisvoll; bald zeigten 
sie die Spureu vollster Auflösung. Vergebens versuchten die Führer, 
die durch das unaufhörliche Regenwetter und die Kälte abgestumpften, 
durch den Marsch in dem knietiefen Schlamm erschöpften und dabei 
hungernden Soldaten in den Gliedern festzuhalten; unter Weg- 
werfung ihres Gepäcks und ihrer durch die Nässe unbrauchbar 
gewordenen Gewehre verliefeen dieselben die Reihen, teils um zu 
marodieren, teils um in den Häusern Schutz gegen die Unbillen 
der Witterung zu finden. Zu Tausenden fielen die Nachzügler in 
die Hände der rastlos verfolgenden feindlichen Kavallerie, vor deren 
schwächsten Abteilungen ganze Schaaren die Flucht ergriffen, 
Geschütz und Gepäck ihnen überlassend. Die Verluste steigerten 
sich, da das Austreten der angeschwollenen Gebirgswasser den 
Marsch in hohem Grade verzögerte. Die Auflösung war eine voll- 
ständige, kaum daüa noch 5000 Mann einige Ordnung hielten, der 
Rest bestand aus einer wirren Masse. Als die ersten Flüchtlinge 
bereits am Morgen des 27. vor Löwen berg erschienen, liefe der 
Kommandant die Thore schliefen , und so grofe war der Eindruck 
der Niederlage, dafs viele von ihnen sich in den angeschwollenen 
Bober warfen und denselben zu durchschwimmen versuchten. Als 
dann die Masse der Flüchtlinge und die schwachen, noch einiger- 
mafsen geordneten Truppenreste vor der Stadt eintrafen, war die 
Bober-Brücke nicht mehr benutzbar, und so mufste der Rückzug 
bis Bunzlau auf dem rechten Flufsufer fortgesetzt werden. Endlich 
wurde letztere Stadt am 29. erreicht und der Bober bei derselben 
überschritten; was Macdoualtl an Truppen noch mit sich führte, 
befand sich im Zustande vollster Auflösung und in der elendesten 
Verfassung und verdiente kaum noch die Bezeichnung als Truppe. 

Bei Bunzlau befand sich jetzt die ganze Macdouald'sche Armee 
auf dem linken Bober-Ufer vereinigt, es fehlte nur noch die in das 
Gebirge entsendet gewesene Division Puthod, von der man keinerlei 
Nachricht hatte. Bei dem entschiedenen Widerspruch der Generale 
Souham, Lauriston und Sebastiani, welche erklärten, der Zustand 
ihrer Truppen erlaube keine Unternehmung zu Gunsten des General 
Puthod, der letzte Rest von Zucht und gutem Willen würde dabei 
verloren gehen, entschlofs sich Macdonald schweren Herzens, die 
Division ihrem Schicksal zu überlassen. 

In noch höherem Grade als der Rest des V. Corps hatte diese 
unglückliche Division die Schrecknisse des Rückzuges durchgemacht, 
auf dem sich auch bei ihr dieselbe Auflösung gezeigt hatte. In 
einer aufgefangenen Meldung Puthod's heifet es: »trotz aller Be- 



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Die franzönische Armee im Jahre 1813. 



254 



mühnngen hätten sich drei Viertel der Soldaten in Häuser und 
Wälder geworfen; weder Güte noch Drohungen oder Schläge hätten 
etwas vermocht, die Antwort wäre stets dieselbe, dafs es besser sei, 
gefangen zu werden, als vor Elend umzukommen.« Nirgends über 
den Bober hinüber könnend und sich selber überlassen, erlagen die 
letzten Reste der Division nach mannhafter Gegenwehr am 29. August 
bei Löwenberg den verfolgenden Russen. Am 15. August hatten 
die 13 Bataillone Puthod's 364 Offiziere, 7491 Mann gezählt, davon 
sollen nur 254 Manu über den Bober zurückgekehrt sein. 

Am letzten Tage des so ereignisreichen Monat August stand 
die Macdonald'sche Armee hinter dem Queis. 7 bis 8000 Flücht- 
linge stiefeen wieder zur Armee, trotzdem fehlte aber noch die 
doppelte Zahl. 

Bei Görlitz wurde die Armee am 1. September durch die Polen 
aufgenommen, welche bisher bei Zittau gestanden hatten. Ein- 
schließlich derselben verfügte Macdonald jetzt wieder über ungefähr 
70,000 Mann, 255 Geschütze, er hatte also seit dem 23. August 
30 bis 35,000 Mann verloren, darunter allein 20,000 Mann*) als 
Gefangene, sowie 105 Geschütze, 300 Munitionswagen und fast 
sämtliche übrigen Trains. Am härtesten war das V. Corps betroffen, 
beim Beginn der Operationen hatte es einschließlich der Division 
Puthod 28,000 Maun, 74 Geschütze gezählt, wahrscheinlich war es 
sogar noch etwas stärker gewesen, am 31. August war seine Starke 
bis auf 6000 Mann, 300 Pferde, 42 Geschütze herabgesunken; durch 
das Eintreffen einzelner Abteilungen und zahlreicher Flüchtlinge 
wuchs es jetzt wieder auf 12,263 Mann an. Bei den anderen Corps 
sah es, wie Lauriston an den Kaiser berichtete, nicht ganz so schlimm 
aus: »das III. Corps hätte die Schlacht nicht mitgemacht, das XI. 
wäre durch die unversehrte Division Ledru verstärkt worden, und 
auch das 2. Kavallerie-Corps, welches sich am 26. unter ungünstigen 
Bedingungen geschlagen hätte, befände sich in einem gutem 
Zustande.« 

Trotz dieser Lauriston'schen Schönfärberei war die Verfassung 
der MacdonakTschen Armee eine trostlose und rechtfertigte des 
Marschalls Meldung: »Sire, votre arnie'e du Bober n'existe plus.« 
Etwa 10,000 Mann waren ohne alle Waffen, der Rest ohne Munition, 
da die vorhanden gewesene verbraucht oder durch die Nässe ver- 
dorben war. Wiewohl keine eigentliche Panik herrschte, war 

*) In dem Armeebefehl Blücher's vom 1. September sind 18,000 Gefangene, 
103 Geschdtse, 250 Munitionswagen angegeben ; diese Zahlen vermehrten sich aber 
in den ersten Tagen des Septembers noch um etwas. 



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255 



Die fratuöfliscbe Armee im Jahre 1813. 



die Entmutigung sowie die Zuchtlosigkeit innerhalb der Armee doch 
grofs, und furchtbar litt dieselbe durch Desertion. Odeleben erzahlt, 
wie Anfang September die mutlosen Versprengten der Macdonaldschen 
Armee verhungert, zerlumpt und waffenlos auf Seitenwegen an 
Dresden vorübergeschlicheu sein, und dafs sie alle versucht hätten, 
den Rhein zu erreichen. Macdonald that alles Mögliche, um wieder 
Ordnung in die Massen zu bringen, aber er fand nur geringe Unter- 
stützung, denn bis in die oberen Stellen hinein herrschte eine völlige 
Gleichgültigkeit, so dafs er an dem Erfolge verzweifelte und um 
Enthebung von seinem Kommando bat. Er sowohl wie Lauriston 
forderten dringend die Anwesenheit Napoleons als das einzige Mittel, 
um die Armee neu zu beleben; der Marschall schlofs seinen Bericht 
mit den Worten: >Si dans ce moment cette armee s'expose ä un 
echec, il y aura dissolution totale, c 

Um wenigstens etwas dem Unheil bei der Bober-Armee zu 
steuern, ordnete Napoleon unter dem 3. September die Absendung 
von Gendarmerie-Kolonnen unter der Führung von Generalstabs- 
Offizieren an, welche die Flüchtlinge aufsammeln und nach Bautzen 
bringen sollten, bis zu welchem Ort Macdonald seinen Rückzug 
fortgesetzt hatte. An demselben Tage wurden ebendahin auch 
4000 Gewehre, 6000 Paar Schuhe und 55 gefüllte Munitionswagen 
gesandt; weitere 5000 Gewehre folgten. Bis zum 7. September 
hatte der General Sorbier bereits 5 bis 6000 Artillerie-Schufe und 
480,000 Patronen au Macdonald gesandt, das wollte aber in Anbe- 
tracht des Bedarfs wenig sagen, und Napoleon tadelte den General 
deshalb auch scharf, indem er hinzufügte, derselbe möge das Vier- 
fache senden. 

Mit all diesen Mafsregeln war es aber noch nicht gethan, -das 
kühne Vordringen Blücher's erforderte gebieterisch Napoleons An- 
wesenheit Während das I., II. und XIV. Armee-Corps gegen die 
böhmische Armee stehen blieben und L'heritier bei Großenhain be- 
lassen wurde, eilte der Kaiser selber mit den Garden und den Corps 
von Marmont und Latour- Mau bourg dem Marschall Macdonald zu 
Hülfe. Am 4. September in Bautzen angelangt, zog er bereits am 
folgenden Tage in Görlitz ein, nachdem an beiden Tagen lebhafte 
Gefechte bei Uochkirch und Reichenbach stattgefunden, in welchen 
die französische Kavallerie in Folge der unvorsichtigen Führung 
Murat's recht bedeutende Verluste erlitten hatte. Da Blücher der 
Schlacht auswich und sich zurückzog, so ging auch Napoleon sehr 
bald wieder nach Dresden zurück. 

Die kurze Anwesenheit des Kaisers genügte nicht, die tiefen 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



2F.il 



Wunden zu heilen, welche die Armee erlitten, und welche er schnellen 
Blickes vollauf erkannt hatte. Macdonald war zwar von Napoleon 
in höchst ehrenvoller Weise behandelt worden und hatte auch das 
Kommando über die Armee behalten müssen, desto übler aber war 
es den übrigen Generalen ergangen, namentlich war Sebastiani von 
dem durch die furchtbare Unordnung in die entsetzlichste Stimmung 
versetzten Kaiser in empörender Weise heruntergemacht worden. 
Das Nachspiel von Napoleons Anwesenheit hei der Bober-Armee 
bildet die nachstehende, so berühmt gewordene Ordre vom 6. Sep- 
tember: 

»Tout soldat qui quitte ses drapeaux, trahit le premier de ses 
devoirs. En consequence, Sa Majeste ordonue: 

Article l ier . Tout soldat qui quitte ses drapeaux sans cause 
legitime sera decime. A cet effet, aussitot que 10 isoles seront 
reunis, les gnueraux commandant les corps d'armee les feront tirer 
au sort, et en feront fnsiller un. 

Article 2. Le major general est charge de l'execntion du 
present ordre. 

Bautzen, le 6 septembre 1813. Napoleon.« 

Unter demselben Tage wurden auch die von dem Kaiser für 
notwendig erachteten Umänderungen in der Formation der einzelnen 
Corps der Macdonald'schen Armee angeordnet. Das III. Corps, von 
Anfang an das stärkste, welches am wenigsten gelitten hatte, mufste 
von seinen 5 Infanterie-Divisiouon zwei abgeben, die Division 
Marchand, um dem schwer erschütterten XI. Corps einen Halt zu 
geben, und die Division Albert, um bei dem V. Corps die Division 
Pnthod zu ersetzen, deren schwache Reste der Division Maison ein- 
verleibt wurden. 

Zwei für die gesamte französische Armee von 1813 im höchsten 
Grade charakteristische Erscheinungen hatte der Feldzug der Bober- 
Annee zum ersten Male in ihrem vollen Umfange zu Tage treten 
lassen, die Folgen des schlechten Verpflegungswesens nnd die Nach- 
wirkungen der Katastrophe von 1812. 

War bereits im Zustande der Ruhe die Verpflegung der Soldaten 
eine durchaus unzureichende gewesen, so blieb dieselbe meist ganz 
aus, sobald die Bewegungen begonnen hatten. Die Truppen waren 
gewöhnt, aus der Hand in den Mund zu leben, und dieses Verfahren 
hatte man trotz der Erfahrungen des russischen Feldzuges bei- 
behalten. Was früher bei den kleinen Heeren im raschen Bewegungs- 
kriege und in reichen Ländern angängig und sogar vorteilhaft 
gewesen, hatte man bei den jetzigen Massenheeren und der an Ort 

Jahrbft«*«» für dl« D«uUek« Am«« ud MatU« Bd. LXV1II., 3. \Q 



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257 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



und Stelle bleibenden Kriegführung in ausgesogenen Gegenden bei- 
behalten; die Soldaten nahmen einen kleinen Vorrat mit nnd er- 
hielten im Übrigen Geld. So konnte es nicht ausbleiben, dafe, wie 
schon früher gesagt, Mord und Brand, Raub und Plünderung das 
Heer begleiteten; selten hat wohl eine Armee in Feindesland der- 
artig gehaust wie die französische in Schlesien im Jahre 1813. 
Die Folgen liefsen nicht lange auf sich warten; bald waren die 
Vorräte des Landes erschöpft, der dringendste Bedarf an Lebens- 
mitteln war nicht mehr aufzutreiben, weite Requisitionen mufsten 
ausgeführt werden, und die jungen Soldaten blieben nicht nur vor 
übennäfsiger Anstrengung sondern auch vor Hunger liegen. So 
war es nur natürlich, dafs bei jedem Marsch Wege und Stege von 
Nachzüglern wimmelten, von denen die wenigsten zur Fahne zurück- 
kehrten, die meisten aber sich entweder verloren und nach Hause 
gingen oder in Gefangenschaft gerieten. Zwar hatte sich dies auch 
schon bemerkbar gemacht, so lange es vorwärts gegangen war, im 
vollen Umfange war es aber doch erst fühlbar geworden, als man 
zurückgehen mufste, verfolgt von einem rastlosen Feinde, der alle 
Nachzügler aufgriff. Aber auch bei denen, welche bei den Fahnen 
ausgehalten, hatte sich die so schon so überaus lose Mannszucht in 
Folge der mangelhaften Verpflegung noch mehr gelockert, und 
haarsträubende Thaten waren in dieser Beziehung vorgekommen. 
Zum grofeen Teil hierin mufs die Ursache dafür gesucht werden, 
dafis der Rückzug der Bober -Armee nach der Schlacht an der Katz- 
bach so verhängnisvoll wurde. 

Auf diesem Rückzüge hatten sich die Nachwirkungen der 
russischen Katastrophe in einer ausserordentlichen Weise fühlbar 
gemacht. Während früher die französischen Truppen mit Lust und 
Zuversicht in den Krieg gezogen waren, zeigten dieselben jetzt 
ihre frühere Tapferkeit nur noch unter dem Einflufs der gewaltigen 
Persönlichkeit Napoleons, und so grots war der Unterschied in ihrem 
Verhalten, dafs aus demselben die Verbündeten stets sofort seine 
Anwesenheit erkennen konnten. Es war dies nicht nur bei den 
jungen Soldaten der Fall, auch die alten vollbrachten im Allgemeinen 
wirklich nennenswerte Thaten nur noch unter den Augen des 
Kaisers. Die" anfänglichen Erfolge hatten die Niederlage von 1812 
aus dem Gedächtnis verdrängt, jetzt nach den Mißerfolgen war die 
Erinnerung an dieselbe um so schärfer hervorgetreten, als der 
Eindruck des persönlich jüngst Erlebten hinzugekommen war, und 
während des ganzen übrigen Feldzuges litt die Armee unter dieser 
Erinnerung, namentlich die Kosaken- Furcht war epidemisch. 



Die franrösische Armee im Jahre 1813. 



258 



8. 

Grofs-Beeren — Dennewitz. 

Auch im Norden hatten die Ereignisse einen für die fran- 
zosischen Waffen höchst ungünstigen Verlauf genommen. 

Hier hatte Napoleon von Anfang an offensiv sein wollen, und, 
wie schon gesagt, in dieser Absicht 3 verschiedene Heerteile gegen 
die feindliche Nord -Armee in Bewegung gesetzt: 

Oudinot, um von Süden her den Hauptschlag zu fuhren, 
Davout, um durch ein Vorgehen von Flamburg aus die Rückzugs- 
linie des Feindes zu bedrohen und dadurch möglichst starke 
feindliche Kräfte von Oudinot abzuziehen, endlich 
Gerard von Magdeburg aus, um zwischen beiden ein Verbindungs- 
Corps zu bilden. 
Von der Ansicht ausgehend, dafs es Oudinot um so leichter 
sein werde, die ihm entgegenstehende »nuee de mauvaises troupes« 
— Landwehren und Kosaken — zu zerstreuen, als er deren Ober- 
befehlshaber nur wenig zutraute, hatte Napoleon die Mittel für 
dieses Unternehmen nur kärglich bemessen. Nur 70,270 Mann, 
222 Geschütze*) — 99 Vi Bataillone, 52 Schwadronen, 32 Batterien — 
darunter etwa 9 bis 10,000 Reiter, waren es, welche das Heer 
Oudinot's bildeten, ein buntes, kaum zur Hälfte aus Franzosen 
bestehendes Volkergemisch, dessen Wert noch hinter seiner Zahl 
zurückstand. Von 9 Infanterie-Divisionen bestanden nur vier ganz 
oder doch überwiegend aus Franzosen, eine aus Italienern, eine aus 
Württembergern, zwei aus Sachsen und eine aus Bayern. Die 
leichten Kavallerie- Brigaden der Armee-Corps bestanden durchweg 
aus Deutschen, das Kavallerie-Corps zwar aus französischen Schwa- 
dronen, aber aus den schlechtesten der ganzen Armee. Die fran- 
zösischen Infanterie-Regimenter des IV. und XII. Corps waren zwar 
gut, hatten aber für die im Frühjahrsfeldzuge erlittenen starken 
Verluste nur den allgemeinen mangelhaften Ersatz der französischen 
Infauterie erhalten; die französischen Regimenter des VII. Corps 
waren, wie früher erwähnt wurde, aus unsicheren Heerespflichtigen, 
eingefangeuen oder zurückgekehrten Deserteuren und sogar aus 
Verbrechern gebildet. Von den Bundesgenossen desertierten die 
Italiener und Westfalen**) bei jeder Gelegenheit haufenweise, die 

*) Einschliefelich der 3. württembergischen Infanterie -Brigade, welche erst 
am 20. August bei der Armee eintraf. 

*•) Bei dem XII. Armee-Corps befand sich ein westfälische* Kavallerie- 
Regiment. 

10* 



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259 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



übrigen Iiielt nur die Furcht und der (Gehorsam gegen ihre Landes- 
herren bei Napoleons verhafsten Fahnen; für die zuverlässigsten 
galten noch die sächsischen Truppen. 

Die Persönlichkeit der Unterführer that das Ihrige, um Oudi- 
not's Aufgabe zu erschweren, zwei militärisch wenig ausgezeichnete 
dafür aber anspruchsvolle kaiserliche Günstlinge und ein tUehtiger 
aber verbitterter Corps-General, der zu den schwierigsten Unter- 
gebenen der ganzen Armee gehörte. Es kam hinzu, dafs Oudiuot, 
ebenso wie Ney bei dem Heginn der Feindseligkeiten in Schlesieu, 
das Kommando über sein Corps hatte behalten müssen, und dafs 
kein besonderer Armeestab gebildet war. Die Folge hiervon war, 
dafs der Marschall, zweifellos gegen Napoleons Meinung, sein Ver- 
hältnis zu den anderen Corps-Generalen mehr als das eines Beraters 
denn eines Vorgesetzten auffafste, was bei der natürlichen Milde seines 
Charakters ein thatkräftiges Auftreten gegen Männer wie Bertrand 
und Reynier ausschlofs. Es waren dies Umstände, welche um so 
mehr in das Gewicht Helen, als Oudinot zwar ein sehr erprobter 
Corps-General war, aber noch niemals ein derartiges selbstständiges 
Kommando gehabt hatte. Der Marschall selbst sah seine Aufgabe 
denn auch nicht so leicht an wie sein Herr, die Erfahrungen seines 
Feldzuges gegen Bülow vor der Wafi'enrnhe, iu welchem er keine 
Lorbeeren gesammelt hatte, so wie die trüben Bilder, welche er 
sich wie die anderen Generale von der Zukunft machte, liefsen ihn 
keinen günstigen Ausgang erwarten; so versuchte er denn, das 
Kommando abzulehnen, doch vergebens. 

Am 17. August hatten die Feindseligkeiten begonnen, am 19. 
trat der Marschall nach vollendeter Versammlung seiner Armee bei 
Baruth seine Operationen an, indem er sich zunächst mit seiner 
Armee links schob, um sich Girard zu nähern und um eiue ge- 
sicherte Operationsba-sis zu gewinnen. Statt nun aber seinen 
Weisungen gemäfs kräftig vorzugehen, blieb er am 20. stehen und 
durchbrach erst an den beiden folgenden Tagen in 3 Kolonnen die 
von den preufsischen Vorposten verteidigte Überschwemmungslinie 
der Nuthe und Notte, sich jedesmal mit einer halben Tagesleistung 
begnügend. Das Verhalten seiner Truppen in diesen ersten Gefechten 
schien im Allgemeinen Oudinot's Befürchtungen nicht rechtfertigen 
zu wollen, dieselben schlugen sich nicht schlecht, und namentlich 
zeigten die Bataillone der Division Durutte am 22. bei Wittstock 
nichl nur viel Mut, sondern auch eine grofse Geschicklichkeit in der 
Benutzung des Geländes und seiner Hülfsmittel. 



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Die französische Armee im Jahre 1818. 



2<;o 



Am folgenden Tage setzte Oudinot seinen Vormarsch durch den 
nördlich der Überachwemmnngaliuie gelegenen Waldstrich in drei 
durch mehr oder minder bedeutende Bodenhindernisse getrennten 
Kolonnen fort, rechts das IV. Corps mit der ihm zugeteilten leichten 
Kavallerie des XII. Corps, in der Mitte das VII., links das XII. Armee- 
Corps und das 3. Kavallerie-Corps; die bayerische Division war an 
der Überschwemmungslinie zurückgeblieben. Das IV. Corps machte 
im Laufe des Vormittags einen zaghaften Versuch, den von 
Tauentzien's Landwehren verteidigten Ausgang von Blankenfelde zu 
öffnen, und als derselbe infolge der schlechten Haltung der Italiener, 
welche allein in das Gefecht kamen, nicht sofort glückte, ging 
Bertrand nach Jühnsdorf zurück, um das Öffnen des Weges durch 
das Vorgehen der mittleren Kolonne abzuwarten. 

Dagegen gelang es der an der Spitze der letzteren marschierenden 
sächsischen Division Sahr in den Nachmittagsstunden den von einer 
schwachen prenfsischen Abteilung verteidigten Waldausgang bei 
Grofe- Beeren zu öffnen. Da letztero zurückging, die Zeit überdies 
auch schon vorgeschritten war und ein sehr heftiger Rsgen fiel, 
glaubte Reynier, der hier sein gauzes Corps mit Ausnahme zweier 
Bataillone*) — etwa 20,000 Mann, 68 Geschütze — zur Stelle 
hatte, dafs für diesen Tag Nichts mehr zu erwarten sei, und liefs 
seine Truppen bei Grofe-Beeren Freilager beziehen. In diesem 
Augenblick, es war gegen 6 Uhr und die Truppen eben mit der 
Einrichtung ihrer Lagerplätze beschäftigt, erfolgte der preufsische 
Angriff. Die trübe Witterung und die deu damaligen französischen 
Truppen eigene Vernachlässigung der einfachsten Sicherheits- 
mafsregeln, welche sich hier auch auf ihre Verbündeten ausgedehnt, 
hatten es den Freufsen ermöglicht, unbemerkt fast auf Kanonen- 
schufe weite heranzukommen. Wiewohl eigentlich überfallen, schlug 
sich die in und unmittelbar bei Grofs- Beeren den rechten Flügel 
bildende Division Sahr, unterstützt von der gesamten Artillerie des 
Corps, ausgezeichnet, aber in der rechten Flanke umfafst, erlag sie 
der Übermacht, wobei 2 Bataillone buchstäblich vernichtet wurden. 
Die Lage der sächsischen Infanterie, war um so schwieriger, als der 
sündflutartige Regen dieselbe auf das Bajonett beschränkte, wodurch 
die grofse Überlegenheit der preufsischen Reiterei um so empfind- 
licher wurde. Reynier hatte, sobald er die Lage erkannt, alles 
Mögliche gethan, seine Bemühungen scheiterten aber jetzt an dem 



*) 1 Bataillon Niesemeuschl bei der Bagage, 1 Bataillon Maximilian ala 
Besatzung in Luckao. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



gänzlichen Versagen der zur Aufnahme der Sachsen vorgeführten 
französischen Bataillone der Division Durntte, welche von panischem 
Schrecken ergriffen sich unter Wegwerfung vieler Gewehre in den 
Wald von Grofs-ßeereu retteten. Das Gefecht hatte sich zu schnell 
abgespielt, als dafs die bei Neu-Beeren den linken Flügel bildende 
sächsische Division Lecoq hätte eingreifen können; dieselbe mufste 
jetzt den Abzng des Corps auf Löwenbruch decken. 

Von der linken Flügel-Kolonne der Armee, welche am Nach- 
mittage ohne Kampf Ahrensdorf erreicht hatte, war die Infanterie- 
Division Guilleminot und die Reiter- Division Fournier auf den 
Kanonendonner hin zur Unterstützung Reynier's vorgegangen, in- 
dessen war nur letztere, aber auch erst nach Beendigung der eigent- 
lichen Schlacht und nach Eintritt völliger Dunkelheit bis auf den 
Kampfplatz gelangt, wo sie teils niedergemacht, teils zersprengt 
worden war. Das XII. Corps ging ebenfalls noch in der Nacht bis 
hinter die Nuthe zurück. 

Wiewohl eigentlich nur die mittlere Kolonne von einer Nieder- 
lage betroffen war, so erzeugte dieselbe dennoch iu der ganzen 
Armee eine überaus gedrückte Stimmung. Es kam hinzu, dafs die 
Verluste des VII. Corps — 3100 Mann, 13 Geschütze, 60 Munitious- 
wagen — anfänglich so erheblich erschienen, dafs Rey iiier nicht 
glaubte, in den nächsten Tagen wieder zur Offensive übergehen zu 
können, und sich bestimmt gegen ein derartiges Beginnen aussprach. 
Zu schwach, um diesen Widerstand und diese Eindrücke zu tiber- 
winden, gab Oudinot nach und trat mit der Armee den Rückzug 
nach Wittenberg an, bei welcher Festung ein verschanztes Lager 
bezogen wurde. Wiewohl eine eigentliche Verfolgung nicht statt- 
fand, daher denn auch die Schlacht bei weitem nicht so verhängnis- 
voll wurde als die an der Katzbach, so war dieser Rückzug doch 
für die französische Armee überaus beschwerlich, da die an sich 
sonst nur kleinen Märsche wegen der grofsen Überlegenheit der 
feindlichen leichten Kavallerie und wegen der schlechten Beschaffen- 
heit der eigenen, von der Infanterie stets in Gefechtsformation 
zurückgelegt werden mufsten. 

Im Lager bei Wittenberg litt die französische Armee aufser- 
ordentlich, namentlich war der Futtermangel grofs, daher die Pferde 
denn auch haufenweise fielen; allein die beiden Divisionen Morand 
und Fontaneiii hülsten 81 Proviantwagen ein und mufsten sogar 
8 Geschütze wegen Mangels an Bespannung nach Wittenberg 
zurückschicken. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 262 

Der Gesamtverlust Oudinot's während seines kurzen Feldzuges 
und im Lager bei Wittenberg dürfte bedeutender gewesen sein, als 
bisher im allgemeinen angenommen wurde. Beim Beginn des 
Feldzuges hatte die Armee in ihren drei Armee-Corps und einem 
Kavallerie-Corps eine Starke von 70,270 Maun gehabt, am 4. Sep- 
tember zählten dieselben Truppen nur noch 61,270 Mann d. h. 
9000 Mann weniger. Der Verlust mufs aber noch gröfser gewesen 
sein, denn nachweislich hatten das IV. und XII. und wahrscheinlich 
auch das VII. Armee-Corps Verstärkungen erhalten, die mit 2000 
bis 3000 Mann wohl kaum zu hoch berechnet sein dürften, so dafs 
der Gesamtverlust auf mindestens 11,000 Mann zu schätzen ist. 
Rechnet man hiervon 4000 Mann auf die Kämpfe des 23. August, 
etwas reichlich 2000 Mann auf die übrigen Gefechte, während in 
Luckau, welches als befestigter Etappenpunkt hergerichtet und mit 
1000 Mann meist vom VII. Corps und 8 schweren Geschützen 
besetzt war, diese weiteren 1000 Mann verloren gingen, so mufe 
der Abgang an Kranken, Deserteuren u. s. w. über 4000 Mann 
betragen haben. 

Ungleich schlimmer als Oudinot erging es dem General Girard. 
Lauter neuformierte und zusammengewürfelte Truppen der ver- 
schiedensten Nationalitäten unter seinem Befehl vereinigend, dabei 
nur schwach mit Kavallerie versehen, sollte dieser General von 
Magdeburg aus in der Richtung auf Berlin vorgehen. Da die 
beabsichtigte Vereinigung mit der zum Vorrücken von Wittenberg 
aus bestimmten Division Dombrowski nicht zu Stande kam, lediglich 
auf sich selber angewiesen, verfugte der General nur über die 
Division Lanusse, 12 Bataillone, 8 Schwadronen, 3 Batterien, 
höchstens 11,000 Mann, 22 Geschütze. Ohne die Möglichkeit einer 
Verbindung mit weit entfernten Heerteilen Oudinot's und Davout's, 
inmitten einer feindseligen Bevölkerung, einem Feinde gegenüber, 
der über eine zahlreiche leichte Reiterei verfügte, war für Girard's 
Vormarsch die gröfste Vorsicht geboten. Sobald dieser General 
daher die erste Kunde von dem Verlust der Schlacht von Grofs- 
Beeren erhielt, trat er denn auch sofort seinen Rückmarsch an, 
fortwährend von Kosaken umschwärmt, auf dem er am 27. August 
von dem preufsischen General v. Hirschfeld angegriffen und aufs 
Haupt geschlagen wurde. Die vornehmste Quelle der Niederlage 
war auch hier die grofse Sorglosigkeit der Franzosen gewesen, 
welche es möglich gemacht, dafs sie am hellen Tage im Lager 
überfallen wurden; in dem darauf folgenden erbitterten Kampfe 
waren die zweckmäfsigsten Maisnahmen Girard's an dem vollständigen 



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283 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Versagen seiner Truppen gescheitert, welche teils niedergemacht, 
teils zersprengt worden waren. Nur 3500 Manu, 15 Geschütze 
sollen sich im elendesten Zustande, ohne Watten, Tornister und 
St ,l *akos nach Magdeburg gerettet haben, davon in einiger Ordnung 
aber nur etwa 1700 Manu Infanterie und 45 Reiter. Dieser Heerteil 
war gänzlich vernichtet und Hei für die Folge aus, seine Trümmer 
konnten nur noch innerhalb der Wälle Magdeburgs Verwendung 
finden. — Der General Doinbrowski war mit seiner Avantgarde 
überhaupt nicht über Jüterbog hinausgekommen. 

Ahnlich wie Girard, wenn auch in gröfseren und daher nicht 
ganz so schwierigen Verhältnissen, befand sich Davout inmitten 
eiuer feindlich gesinnten Bevölkerung, einem an Reiterei sehr über- 
legenen Gegner gegenüber und ohne jede Verbindung mit der 
übrigen Armee. Zwar setzte sich sein Corps abgesehen von der 
dänischen Division mit Ausnahme eines polnischen Reiter-Regiments 
ausschließlich aus französischen Truppen zusammen, aber dieselben 
waren ebenfalls erst neu formiert und bestanden mit Ausnahme der 
notwendigsten Stämme aus neuen Offizieren und jungen, unaus- 
gebildeten Soldaten, von denen über die Hälfte Holländer und 
Niederdeutsche aus den rechtsrheinischen Departements und daher 
im höchsten Grade unzuverlässig waren. So lichteten sich denn 
die Reihen seines Corps durch Desertion in einer Weise, dafs die 
alleretrengsten Mafsnahmen gegen die Truppen notwendig wurden. 
Diese schlechte Beschaffenheit seiner Soldaten ist die einzige Kr- 
klärung für das sonst geradezu unerklärliche Verhalten des »eiserneu 
Marschallst, von dem man nach den glänzenden Leistungen vou 
1806 und 1809 Anderes hätte erwarten sollen, denn er war nicht 
der Mann, der allgemeinen Schwarzseherei der kriegsmüdeu franzö- 
sischen Generale anheim zu fallen. Statt durch ein kräftiges 
Vorgehen feindliche Kräfte von Oudinot abzuziehen, fesselte Davout 
kaum das ihm gegenüber stehende schwächere uud bunt zusammen- 
gewürfelte Wallmodensche Corps und zog sich nach einem schwäch- 
lichen, auf die Kunde von Grofs- Beeren eingestellten Offensiv versuch 
in seine starke Stellung hinter die Stecknitz zurück, um dort 
während des ganzen übrigen Feldzuges einen müfsigen Zuschauer 
abzugeben. 

Napoleon hatte sich auf das Unternehmen gegen Berlin ver- 
bissen und trotz der grofsen Verluste der beiden letzten August- 
wochen beschlossen, dasselbe durch den Marschall Ney wiederholen 
zu lassen. Diese Verluste waren in der That ganz aufserordentliche ; 
im besonderen hatte: 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



264 



Die Oudinot'sche Armee . . etwa 9,000 Mann, 13 Gesch.*) 

General Girard 7,500 » 7 » 

Die Corps der Bober -Armee . gegen 42,000 » 105 » 
Die Corps unter seinem eigenen 

Befehl 36,000 » 82 » 

verloren, im Ganzen über 

94,500 Mann, 207 Geschütze. 
Da die Reste des Girard'schen Heerteils — 3500 Mann, 15 Ge- 
schütze — für den Feldkrieg gänzlich ausfielen, außerdem 8 Ge- 
schütze des IV. Armee-Corps nach Wittenberg zurückgeschickt waren, 
endlich noch in obiger Zahl die Verluste Davout's, L'heritier's und 
der Polen noch nicht einmal enthalteu sind, so zählte die franzö- 
sische Armee jetzt gewifs über 100,000 Mann, 230 Geschütze 
weniger, als sie bei Beginn der Feindseligkeiten gezählt hatte, also 
nur noch etwa 

337,000 Mann, 1054 Geschütze.**) 
Rechnet man von dieser Summe nun noch die Truppen Davout's 
ab, so kommt man zu dem Ergebnis, dafs Anfang September die 
Stärke der französischen Armee in Sachsen nur noch gegen 

302,000 Mann, 978 Geschütze 
betrug. Die Verteilung dieser Truppen war am 4. September die 
folgende: 

gegen die böhmische Armee standen das I., IL, XIV. Armee- 
Corps = 55,000 Mann, 168 Geschütze, 

die Armee Ney's bestand aus dem IV., VII., XII. Armee-Corps, 
dem 3. Kavallerie-Corps und der Division Dombrowski = 
65,000 Mann, 207 Geschütze, 

die Armee Macdonald's umfafste jetzt das III., V., VIII., XI. Armee- 
Corps und das 2., 4. Kavallerie-Corps = 70,000 Mann, 
255 Geschütze, 

unter Napoleons persönlicher Führung trafen in und bei Bautzen 
ein die Garden, das VI. Armee-Corps und das 1. Kavallerie- 
Corps = 95,000 Mann, 332 Geschütze, 

bei Grofsenhain gegen die Parteigänger der Nord-Armee das 
5. Kavallerie-Corps, bei Leipzig der General Margaron, in 
Dresden der grofse Artillerie-Park — 17,000 Mann, 16 Ge- 
schütze. 

*) Die Verluste der Berliner Armee betragen eigentlich 11,000 Mann, waren 
indessen znm geringen Teil gedeckt worden. Die 8 Geschütze, welche in Luckau 
verloren gingen, sind nicht mitgerechnet. 

•*) Ohne das Personal der Heeresverwaltung. 



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265 



Die französische Armee im Jahre 1813 



Die Verschiebung des Machtverhältnisse« zu Ungunsten Napo- 
leons war eine au fserord entliche, denn während er über keinen 
nennenswerten Ersatz verfügte, wurden die an sich schon sehr viel 
geringeren Verluste seiner durch ihre Erfolge gehobenen Gegner 
durch zahlreiche Ersatzmannschaften und das Herannahen der 
russisch-polnischen Reserve -Armee überreich gedeckt. Daher wäre 
er denn auch in der That kaum in der Lage gewesen, die Armee 
Ney 's stärker zu machen, selbst wenn er gewollt hätte, er hielt 
dies aber auch nicht einmal für geboten, da seiner Meinung nach 
der MÜserfolg von Grofe- Beeren Oudinot's Unentschlossenheit nicht 
aber der Unzulänglichkeit von dessen Mitteln zuzuschreiben war. 
Er mag in dieser Annahme bestärkt worden sein durch Bertrand, 
der, um seinem Herren etwas Angenehmes zu sagen, berichtet 
hatte, die Armee sei weit entfernt davon, entmutigt zu sein, das 
IV. Corps sei sogar besser geworden. Es ist früher schon gesagt 
worden, welche Schwierigkeit für Napoleon in dieser wie in den 
anderen Stellen so auch in der Armee allgemeinen Augendienerei 
lag, da er sich nicht einmal auf die Berichte seiner nächsten 
Vertrauten verlassen konnte und dadurch zu mancherlei Mifsgriffen 
veranlafst wurde. Dafs gerade im Gegenteil der Geist der Truppen 
durch die Schlacht von Grofs- Beeren und den folgenden Rückzug 
erheblich gelitten hatte, sollte Ney sehr bald erfahren. Am 3. Sep- 
tember bei der Armee angelangt, musterte der Marschall am folgenden 
Tage die Truppen, um dieselben durch seine glänzende Erscheinung 
und die Aussicht auf die erneute Offensive zu begeistern, wurde 
indessen anscheinend tiberall mit grofser Gleichgültigkeit auf- 
genommen. 

Das so schon nicht übergrofse Vertrauen des neuen Ober- 
befehlshabers auf einen glücklichen Ausgang seines Unternehmens 
mufste durch diesen Empfang natürlich einen neuen Stöfs erhalten. 
Es war dies um so schlimmer, als dem Marschall aufeer dieser 
Zuversicht auch noch andere sehr wichtige Eigenschaften für seine 
neue Stelle fehlten. War Ney auch zweifellos eine der glänzendsten 
Erscheinungen unter den uapoleonischen Generalen, so hatte er 
doch noch niemals eine ähnliche selbstständige Stelluog gehabt, 
sondern sich stets nur als Unterführer, meist unter den Augen 
seines Kaisers hervorgethan, und es fehlte ihm daher die Erfahrung 
eines derartigen Kommandos. Unter diesen Umständen wurde die 
Stelle eines Stabschefs bei ihm um so wichtiger, als er Fremden 
gegenüber ebenso störrisch auf einer vorgefaßten Meinung beharrte, 
wie er von Bekannten leicht sich lenken liefs. Es war daher eine 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



266 



entschieden unglückliche Mafsregel, dafs sein Stab aus ihm mehr 
oder minder unbekannten Offizieren der Corpsstäbe der Berliner 
Armee zusammengesetzt wurde, und dafs er eigentlich nur seinen 
zum Chef bestimmten bisherigen ersten Adjutanten, den Oberst 
le Clouet, kannte; ein erspriefsliches Zusammenwirken war nicht 
möglich. 

Die Armee des Marschalls war im Wesentlichen dieselbe, welche 
Oudinot gegen Berlin geführt hatte, deren Verluste in durchaus 
unzureichender Weise nur durch die Division Dombrowski und 
einige geringe Nachschübe an Ersatzmannschaften und Genesenen 
gedeckt waren. 

Das IV. Armee-Corps hatte in seiner Zusammensetzung keine 
Veränderung erfahren, nur war es sowohl an Kopfzahl als an 
Geschützzahl etwas schwächer, da 8 Stück nach Wittenberg zurück- 
geschickt waren; seine Stärke betrug 19,208 Mann, 66 Geschütze. 

Vom VII. Armee-Corps war in Luckau das Bataillon des Regi- 
ments Maximiliau gefangen genommen worden, ausserdem waren 
die beiden Bataillone des Regiments Low wegen der grofeen Verluste 
bei Grofe-Beeren in eins verschmolzen worden. Dafür wurden nun 
die beiden Bataillone des zur Division Dombrowski gehörenden 
2. polnischen Regiments — 1200 Mann — der Division Durutte 
zugeteilt, so dafe die Zahl der Bataillone unverändert war. 13 Ge- 
schütze waren bei Grofe-Beeren verloren gegangen. Die Starke des 
Corps betrug am 4. September 18,003 Mann, 55 Geschütze. 

Das XII. Armee-Corps hatte Nachschub erhalten und war aufser- 
dem durch die 8 Schwadronen der Brigade Krukowiecki der Division 
Dombrowski verstärkt worden, so dafs es jetzt 20,718 Mann, 58 Ge- 
schütze zählte. 

Das 3. Kavallerie-Corps endlich noch, welches bisher etwas 
über 300 Mann verloren haben mochte, und dessen am 23. August 
zersprengte Division Fournier wieder neugeordnet worden war, mag 
gegen 5700 Mann, 24 Geschütze gezählt haben. 

Der Rest der Division Dombrowski — das 14. polnische In- 
fanterie-Regiment und eine Batterie, etwa 1500 Mann, 6 Geschütze 
— befand sich nicht bei der Feld-Armee, und war möglicher Weise 
in Wittenberg zurückgelassen. 

Die Gesamtstärke der Ney 'sehen Feld -Armee betrug demnach 
63,629 Mann, 201 Geschütze,*) dieselbe war also nicht unerheblich 
schwächer als es die Oudinot'sche Armee gewesen. 



*) In der Geschichte der Nord -Armee ist du 3. Kavallerie-Corps mit 7000 Mann, 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



Die Corps-Generale waren dieselben geblieben, sogar Oadinot 
hatte — ein verhängnisvoller Mifsgriff — das Kommando seines 
Corps behalten, wodurch eine Quelle unaufhörlicher Reibungen mit 
dem neuen Ober-Kommando geschaffen war. 

Am 5. September trat Ney mit seinen 3 Corps, denen je eine 
Division des Kavallerie-Corps zugeteilt war, die Offensive an, indem 
er mit der Armee aus dem Lager von Wittenberg in der Richtung 
auf Jüterbog rechts abmarschierte. Das preußische Corps Tauentzien, 
auf welches die Armee an diesem Tage bei Zahna stiefs, konnte 
dem übermächtigen Angriff nicht widerstehen und mufste nach leb- 
haftem Gefecht zurückgehen. Das XII. französische Corps hätte 
hier einen glänzenden Erfolg erreichen können, doch benutzte Oudinot 
die Gelegenheit nicht, sei es aus übertriebener Vorsicht, sei es aus 
Übelwollen gegen Ney. 

Am folgenden Tage — dem 6. September — setzte Ney den 
Vormarsch mit einer selbst für damalige französische Armeen kaum 
glaublichen Sorglosigkeit fort, ohne Kavallerie vor sich oder in der 
Flanke zu haben, so dafs die Anwesenheit des preußischen Corps 
v. Bülow in der linken Flauke der Armee unbemerkt blieb. Nächst 
der vorgefafsten Meinung Ney's, dafs es nicht zur Schlacht kommen 
werde, iu Folge deren er die Meldung des General Frauquemont, 
aus dessen Lager man die preufsischen Biwaks teilweise hatte sehen 
können, nicht berücksichtigte, war es vornehmlich die schlechte 
Beschaffenheit seiner 9000 Pferde starken Kavallerie, welche den 
Marschall iu Unklarheit liefs; die deutsche Reiterei war unzuverlässig, 
und die französischen Schwadronen hatten einen so geringen Halt 
und wurden von einer solchen Kosakenfurcht beherrscht, dafs sie im 
Gefecht stets des Schutzes ihrer Infanterie bedurften, und dafs 
Patrouillen von ihnen nicht voranbringen waren. 

Das IV. Armee-Corps, bei welchem sich heute auch die polnische 
Kavallerie-Brigade befand, stiefs zuerst auf den Feind; es war dies 
das preufsische Corps Tauentzien, mit welchem jede Fühlung nach 
dem Gefecht des vorangehenden Tages verloren gegangen war, und 
welches jetzt zwischen Denuewitz und Jüterbog dem weiteren Vor- 
dringen der französischen Armee entgegentrat. Die französische 
und württembergische Infanterie schlug sich gut, ebenso auch die 
polnische Kavallerie, welche letztere indessen zu schwach war, um 
die schlechte Haltung der französischen Reiter gut machen zu 



9 Geschütze Derechnet, daher die Starke der Ney'schen Armee in derselben auf 
64,929 Mann, 186 Geschütze angegeben ist 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



268 



können. Fortgerissen von seinem feurigen Temperament, vergafs 
Ney, der hier persönlich zur Stelle war, den Oberfeldherren ganz 
nnd gar, war wieder ausschliefelich Corps-General und nahm Bertrand 
die Führung ganz aus der Hand. Indem er nun mit aller Macht 
die Entscheidung hier auf seinem rechten Flügel suchte, vernach- 
lässigte er ganz die linke Flanke, gegen welche die Masse des 
preufsischen Corps v. Bülow anrückte, während ein Teil des letzteren 
Tauentzien zu Hülfe eilte, wodurch Bertrand geworfen wurde, 
liegen Bülow wandte sich Reynier, der die Division Durutte zu 
Bertrand hatte senden müssen, und versuchte mit seinen beiden 
sächsischen Divisioneu das Vordringen des Feindes aufzuhalten; 
die Sachsen schlugen sich heldenmütig, aber der Übermacht gegen- 
über hatten sie einen schweren Stand. In dieser Krisis machte sich 
auf französischer Seite das Fehlen jeder höheren Leitung im höchsten 
Grade fühlbar; nachdem sich Ney für seine Person mitten in das 
heftigste Gefecht begeben hatte und alles Andere darüber vergafe, 
der Oberst le Clouet aber ziemlich im Anfang der Schlacht gefangen 
genommen war, fehlte in dem so überaus mangelhaft zusammen- 
gesetzten Armeestabe jede geeignete Persönlichkeit, welche hätte 
eingreifen können. Hierzu kam nun noch die feindselige Stimmung 
zwischen Ney und Oudinot, welcher letzterer, sich allzu wörtlich 
an die ihm gewordenen Befehle haltend erst aufgebrochen war, 
nachdem man in seinem Quartier den heftigen Kanonendonner schon 
seit 2 bis 3 Stunden gehört hatte. Vergebens versuchte Reynier 
Oudinot's Unterstützung zu erhalten; zu gehorsam dem von den 
persönlichen Kampfeseindrücken eingegebenen Rufe Ney's folgend, 
marschierte er hinter dem VII. Corps fort nach dem rechten Flügel. 
Ehe das XII. Corps dort ankam, war links aber schon die Ent- 
scheidung gefallen, die Sachsen über den Haufen geworfen und 
das XII. Corps mit fortgerissen, ohne zum Kampf gekommen zu 
sein; die Bayern allein bewahrten ihre Ordnung und deckten den 
Rückzug. 

Die Niederlage war eine vollständige; nur die deutschen und 
polnischen Truppen sowie die Bataillone der Division Morand hielten 
noch zusammen, während die Divisionen Guilleminot, Pactod, Durutte 
und Fontaneiii, von denen erstere beide garnicht, letztere beide 
eigentlich nur wenig ins Gefecht gekommen waren, sich völlig auf- 
lösten. Der Rückzug artete in wilde Flucht aus; die Trainsoldateu 
schnitten die Stränge durch und liefsen die Fahrzeuge stehen, 
Waffen und Gepäck, Verwundete uud Versprengte bedeckten die 



269 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



Felder und liefsen erkennen, in welcher Auflösung sieb die ge- 
schlagene Armee befand, in der jeder Befehl aufgehört hatte. 

In zwei wirren Massen ging der Rückzug auf Torgau beziehungs- 
weise auf Dahme, bei welchem letzteren Orte die Division Morand 
am folgenden Tage noch ein heftiges Gefecht zu bestehen hatte, 
in dem das 23. Linien-Regiment fast aufgerieben wurde. Zucht- 
losigkeit und wilder Schrecken, diese beiden Erbfeinde französischer 
Soldatenehre, traten auf diesem Rückzüge in ihre vollsten Rechte. 
Vor einigen Tausend russischen Reitern, die etwas reitende Artillerie 
mit sich führten, ergriffen das ganze IV. und XII. Corps am 8. Sep- 
tember bei Torgau die Flucht, wobei das 13. Linien-Regiment der 
Division Morand ebenfalls beinahe ganz vernichtet wurde. Die 
Division hatte eine Reihe hervorragender Waffenthaten vollbracht, 
die hier einen wenig würdigen Abschlafs fanden. 

Anfangs schien nicht einmal die Elbe den Rückzug aufhalten 
zu können, viele flohen bis zur Mulde und noch weiter; Ney selber, 
der in Torgau mit seinen Generalen versucht hatte, einige Ordnung 
in die entmutigten und völlig haltlosen Massen zu bringen, ging 
am 10. September bis Würzen zurück, mufste aber auf Napoleon's 
ausdrücklichen Befehl sein Hauptquartier nach Torgau zurück- 
verlegen. 

Die Verluste der Ney 'sehen Armee waren aufserordentliche und 
betrugen 26 bis 27,000 Mann, 80 Geschütze, 412 Wagen. ♦) Un- 
gefähr 13,500 Mann waren in Gefangenschaft geraten, der Rest 



•) In der Geschichte der Nord-Armee sind die Verluste der Ney'schen Armee 
for die Tage vom 5. bis 8. September auf 23,247 Hann, 53 Geschütze, 412 Wagen 
berechnet. Als Quelle haben teilweise Rapporte gedient, teilweise sind Verhältnis- 
wahlen angenommen. Diese Zahlen ändern sich aber, wenn man den Abgang bis 
zum 16. September hinzuzählt, der wohl noch auf Rechnung der Katastrophe vom 
6. gesetzt werden mufs. Bernhardi und mit ihm die meisten und zuverlässigsten 
Schriftsteller nehmen an, dafs die Stärke der Ney'schen Armee gegen Ende der 
zweiten Septemberwoche 86,000 bis 37,000 Mann betragen habe, wie dies auch 
oben angegeben ist, die Armee mufs demnach gegen 26,000 bis 27,000 Mann 
verloren haben. Da 18,500 Mann gefangen waren, 7685 Versprengte in Torgau 
gesammelt wurden, würden bei einem Geaamtverlust von 27,000 Mann nur un- 
gefähr 6000 Mann an Toten, Verwundeten und aolchen Versprengten übrig bleiben, 
welche nicht aufgegriffen wurden, deren Zahl, wie noch gezeigt werden wird, sehr 
grob war. Diese Zahl würde sogar gering erscheinen, wenn man nicht annehmen 
wollte, dafa sich unter den Gefangenen und Versprengten zahlreiche Verwundete 
befunden haben werden, sowie dafs die Zahl der in Torgau aufgegriffeneu Ver- 
sprengten anfänglich vielleicht auch noch geringer gewesen ist Was den Verlust 
an Geschützen anbetrifft, so giebt Pelet denselben auf 53 Stück an, und ist diese 
Zahl auch in die Geschichte der Nord -Armee übernommen worden, wobei noch 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



270 



war tot, verwundet oder versprengt. Wenn anch der gröfete Teil 
der Versprengten sich wieder einfand, so dafs ans ihnen in Torgau 
8 Bataillone für den Festungsdienst gebildet werden konnten, welche 
eine Gesamtstärke von 7635 Mann erreichten, so fielen dieselben 
doch für die Feld -Armee aus. Ney selber schätzte am 15. Sep- 
tember die Starke seiner 3 Infanterie-Corps nur noch auf zusammen 
28,000 Mann Infanterie, die des Kavallerie-Corps auf 4000*) Reiter. 
Rechnet man zu diesen Zahlen die leichten Kavallerie-Brigaden der 
3 Corps sowie die Artillerie und die Division Dombrowski hinzu, so 
dürfte die Gesamtstärke der Ney'schen Armee an diesem Tage 36 bis 
37,000 Mann, 121 Geschütze betragen haben. 

Aber noch schlimmer als die materiellen waren die moralischen 
Folgen der Niederlage. Unter dem 10. September berichtete der 
württembergische General Graf Franquemont an seinen König: 
». . . . Die Retraite vom 6. artete in eine schändliche Flucht aus, 
der Vorfall vorgestern vor Torgau zeugt von der grofeen Demora- 
lisation der Armee; .... Es scheint mir, die französischen Generale 
und Offiziere sind des Krieges überdrüssig, und die Soldaten kann 
blofe die Gegenwart des Kaisers beleben.« In ähnlichem Sinne 

äufeerte sich der General Raglovich unter dem 9. September: » Die 

Stimmung der französischen Armee wird immer ungünstiger .... So 
viel scheint mir gewife, dals wir nicht leicht mehr etwas grofses 
werden ausführen können, und unfähig zu irgend einer offensiven 
Operation sein möchten.« 

Von den Corpsfahrern meldete Oudinot am 7. September, der 
erste Appel seiner Infanterie weise kaum 4000 Mann auf und fügte 
hinzu: »Personne ne sait etre maitre de l'infanterie.« Bertrand, 



bemerkt ist, daüs in derselben eine Anzahl von Geschützen enthalten sein dürfte, 
welche nachweislich in Torgan vorgefunden wurden. In dem Bulletin des Kron- 
prinzen von Schweden ist von 80 eroberten Geschützen die Rede, und diese Zahl 
findet sich anch bei den meisten Schriftstellern. Bernhardi sagt, auf dem 
Schlachtfelde seien bereits 53 Geschütze genommen worden, den Gesamtverlust 
berechnet er aber gelegentlich einer Zusammenstellung aller von den Franzosen 
verlorenen Geschütze auf 80 Stück. Die letztere Zahl ist hier für richtig an- 
genommen und vorausgesetzt, dafs anfordern noch eine Anzahl von Geschützen 
in Torgau zurückgeblieben sein müssen, denn von den 201 8tücken, welche die 
Ney 'sehe Armee am 5. September begab, sind in der Folge nur noch 97 nach- 
zuweisen, es fehlen also noch 24, selbst wenn 80 als verloren angenommen werden. 
Die Artillerie der Division Dombrowski ist in diesen Zahlen nicht einbegriffen. 

•) Hiermit stimmt eine in der Geschichte der Nord -Armee angeführte Meldung 
Ney 's vom selben Tage — den 16. September, - dafs er die Division Lorge auf 
2500 Pferde geschätzt habe, anscheinend nicht überein. 



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271 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



der sich auch hier wieder als der gelehrige Schüler seines Herrn 
zeigte nnd die Schuld von den Franzosen auf die Bundesgenossen 
zu schieben suchte, meldete dem Kaiser, die italienischen Regimenter 
wiesen nur noch 2 bis 300 Mann auf, die Württemberger seien 
fast aufgerieben, nur die Franzosen, von denen allein Verwundete 
dem Feinde in die Hände gefallen seien, hielten noch Ordnung. 
Es war dies eine unverschämte l*üge, denn wenn die Division Morand 
sich auch sehr brav gehalten hatte, so war sie schliefslich doch an 
der Herzberger Brücke der allgemeinen Verwirrung zum Opfer ge- 
fallen, während die schwachen Reste der Württemberger sich brav 
gehalten hatten. Im scharfen Gegensatz zu Bertrand versuchte 
Reynier gegen Ney's Anschuldigungen sich zu wehren, als der 
Marschall die Schuld an der Niederlage den Sachsen zuzuschieben 
suchte. Zu verwundern war es nicht, dafs, wie Ney meldete, 
unter den Truppen des Rheinbundes ein böser Geist sich zu regen 
begann. 

Wie sehr die Armee erschüttert war, davon geben uns auch 
die Meldungen Ney's ausführliche Kunde: »J'ai ete* battu com- 
pletment,« schrieb er am 7. dem Kaiser, »je ne sais point encore, 
si toute mou armee est ralliee,« und wenn er sich zu den Napoleon 
gewifs höchst unliebsamen Zusätzen aufraffte. »Ihre liuke Flanke 
ist offen, wahren Sie Sicht und »Ich glaube, es ist Zeit, die Elbe 
zu verlassen und sich auf die Saale zurückzuziehen,« so liegt hierin 
ein neuer Reweis für die Auflösung seiner Armee. Dasselbe spricht 
sich in noch höherem Grade in der Mitteilung an deu Kommaudauten 
vou Wittenberg aus: »Ich bin nicht mehr Herr der Armee, sie 
versagt mir den Gehorsam und hat sich selbst aufgelöst.« In einem 
vom 12. September herrührenden Bericht Ney's heifst es: »Am 11. 
marschierte das XII. Armee-Corps auf Domitsch, traf hierbei auf 
einige Kosaken und überliefs sich einer solchen Panik, dafs die 
Truppen kaum gesammelt werden konnten. Auf meine Truppen 
kann nur noch gezählt werden, wenn sie sich mit den frischen 
Kräften vereinigen, welche der Kaiser gegen Berlin führen will; 
sollen sie für sich allein aus Torgau vorbrechen und den Übergang 
über die Elster erzwingen, so ist die Entmutigung der Truppen so 
grofs, dafs ein neuer Mifserfolg zu befürchten steht.« 

Die Schwierigkeiten seiner Stellung gegenüber dem Eigenwillen 
der Corps-Generale waren durch Ney's Unglück natürlich noch ver- 
mehrt worden. Bezeichnend für die damalige französische Armee 
ist in dieser Beziehung sein vom 10. September abgefafstes Schreiben 
an Berthier: »11 est impossible de tirer un bon parti des IV., VII. 



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Die französische Armee im Jahre 1813. 



272 



et XII. corps d'arniee dans l'etat actuel de lenr Organisation. Oes 
corps sont reunis par le droit, mais ils ne le sout pas par le fait; 
chacun des geueraux en chef fait ä peu pres ce qu'il juge convenable 
pour sa propre sürete. Les choses en sont au point qu'il m'est 
tres-difficile d'obtenir une Situation. Le moral des generaux, et en 
general des officiers est singnlierement ebranle. Commander ainsi 
n'est que Commander qu'a demi, et j'aimerais mieux d'etre grenadier. 
Je vous prie, Monseigneur, d'obtenir de l'Empereur, ou que je sois 
seul general en chef, ayant sous mes ordres des geneYaux de division 
d'aile, ou que Sa Majeste veuille bien nie retirer de cet enfer.« 
Wie Macdonald so verlaugte auch er die Anwesenheit des Kaisers 
als das einzige Mittel, um all die kleinen Deister vor dessen Genie 
verstummen zu machen. 

Napoleon konnte nicht kommen, und auch Ney wurde nicht 
abberufen, wohl aber Oudinot, während Reynier blieb, trotzdem 
Ney sehr bestimmt dessen Abberufung verlangte uud ihn des Un- 
gehorsams beschuldigte. »Je demande,« schrieb der Marschall am 
24. September, »que ce geueral ou moi recoive une autre destination.« 

Die Verluste der Armee machten es unmöglich, die bisherige 
Einteilung beizubehalten ; viele Truppenteile mufsten aufgelöst werden, 
und unter dem 17. September befahl Napoleon sogar die Auflösung 
des ganzen XII. Armee-Corps. 

Bei dem IV. Armee-Corps konnten aus den 12 württembergischen 
Bataillonen nur 4 gebildet werden; die Division Morand wnrde 
durch das 137. Linien-Infanterie-Regirneut der Division Gnilleminot 
des XII. Armee-Corps verstärkt, desgleichen wurde die westfälische 
Kavallerie sowie die schwachen Reste der auf dem Rückzüge fast 
ganz zu Grunde gegangenen hessischen Chevaulegers dem General 
Bertraud überwiesen. 

Bei dem VTI. Armee-Corps mufste ans den beiden sächsischen 
Divisionen eine einzige gebildet und zu diesem Zweck die 25. Division 
aufgelöst werden. Zum Ersatz erhielt Reynier die 13., jetzt von 
dem General Guilleminot befehligte Division des ehemaligen XII. Corps, 
welche aus den Resten der nach Abgabe des 137. Regiments ver- 
bleibenden französischen Infanterie dieses Corps gebildet wurde. 

Von dem XII. Armee-Corps verblieben nach all diesen Abgaben 
nur noch die Reste der bayerischen Division, welche nach Abgabe 
einiger zurückgesandter Stämme nach Dresden geschickt wurden, 
um die dortige Garnison zu verstärken, später aber von dort ans 
dem Kaiser folgen mufsten. Ebenfalls nach Dresden ging auch der 
Marschall Oudinot, um ein Kommando bei der jungen Garde zu 

JihTbaeber «r dJo Dentietao Armco und M-riao. DJ. LXVUI , 3. 



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273 



Die französische Armee im Jahre 1813. 



übernehmeu; auch der General Pactod wurde dorthin berufen, um 
den General Dumoustier in dem Kommando über die 1. Division 
dieser Truppe zu ersetzen. 

Die Division Dombrowski scheint wieder in ihrer alten Form 
hergestellt und durch das Eintreffen ihres noch fehlenden Teiles 
sowie in der Folge durch 2 Bataillone des 4. polnischen Regiments 
verstärkt worden zu sein, so dafs sie jetzt 6 Bataillone, 8 Schwa- 
dronen, 1 Batterie zählte. 

Bei dem 3. Kavallerie-Corps mufsten ebenfalls mehrere Schwa- 
dronen aufgelöst werden, so dafs sämtliche Regimenter jetzt nur 
noch je eine Schwadron zählten. Die Divisionen wurden in der 
Folge einzeln vorwandt und der General Arrighi sehr bald ab- 
berufen, um das Kommando über die im Rücken der Armee zur 
Verwendung gelangenden Streitkräfte zu übernehmen. 

Sehr schwach war Ney's Armee mit Artillerie versehen, da 
ein Teil der Geschütze, sei es wegen Un brauch barkeit, sei es wegen 
Mangels an Bedienung, Bespannung u. s. w. in Torgau zurück- 
gelassen werden mufste; das IV. Corps zählte nur 32, das VII. 48, 
das 3. Kavallerie-Corps 9 und die Division Dombrowski 6 Geschütze. 
Die Bayern hatten 8 Geschütze gerettet. 

Da das IV. Armee-Corps ungefähr 14 bis 15,000 Mann, das 
VII. 15,000 Mann und das 3. Kavallerie-Corps allerhöcbstens 
4000 Mann zählte, so dürfte nach Abzug der Division Raglovich 
die Stärke der Ney'schen Armee einschliefslich der Division Dom- 
browski ungefähr 36 bis 37,000 Mann, 95 Geschütze betragen 
haben. 

Ehe aber diese so neugebildete Armee wieder operationsfähig 
wurde, mufsten Wochen vergehen, vorläufig war sie nicht einmal 
zu defensiven Aufgaben zu verwenden, sondern bedurfte dringend 
der Ruhe. Und selbst während dieser Zeit der Ruhe litt sie aufser- 
ordentlich durch die Desertion, welche jetzt hier ebenso eiurifs 
wie bei der Macdonald'schen Armee. (Schlufs folgt.) 



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XVI. 

Die Feuerwirkung im G-elände. 



»Ruhige Überlegung, taktische Urteilskraft, Fertigkeit im Ent- 
fernungsschätzen, gute Beobachtung, richtige Würdigung des Ge- 
ländes und Kenntnis der der Waffe innewohnenden Leistungsfähigkeit 
sind notwendige Vorbedingungen,« mit diesen Worten leitet die 
Schiefsvorschrift den Abschnitt über Feuerleitung und Feuerdisziplin 
(§ 40) ein. Von den hier erwähnten »Vorbedingungen« wird die 
Würdigung »des Geländas« — weniger des von der Truppe besetzten, 
sondern vielmehr des von der Truppe unter Feuer zu nehmenden 
Geländestreifens — in der Ausbildung von Führern und Mann- 
schaften am meisten stiefmütterlich behandelt. Die Schiefsvorschrift 
giebt auf Seite 93 Andeutungen über den Einflufs des Geländes auf 
die Feuerwirkung und auf Seite 95 Materialien zur Anwendung des 
indirekten Infanteriefeuers, ohne jedoch zu zeigen, wie die einzelnen 
Angaben zur Ermittelung der Visierstellung benutzt werden können. 
Der Satz eines unseres bedeutendsten Schiefelehrer: »Wer eine für 
die eigene Feuerwirkung ungünstige Position besetzt, begeht meist 
einen doppelten Fehler, für den er unausbleiblich gestraft wird. 
Mangelndes Verständnis bezüglich des Einflusses des Geländes auf 
die Feuerwirkung oder die Nichtberücksichtigung desselben möchte 
sich selten in so empfindlichem Grade und so unmittelbar auf dem 
Fufse folgend rächen, wie hier!« Ferner der Umstand, dafs unsere 
Nachbarn jenseite der Vogesen und im Osten dem Einflüsse des 
Geländes eine grofse, vielleicht zu grofse Bedeutung beimessen, war 
die Veranlassung, eingehender dieser Frage näher zu treten. 

Im ebenen Gelände wird auf Entfernungen über 400 m und 
unter Anwendung von etwa 100 Schufs ein Raum von 100 m Aus- 
dehnung beherrscht und verteilen sich die Geschosse derart, dafs die 
gröfsere Dichtigkeit derselben — im geraden Verhältnis zu der 
Grofse der bestrichenen Räume — sich etwa auf der Visierentfernung 
als »Trefferkern« findet, und dafs die Verteilung der Geschosse von 

19* 



275 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



dem Kerne aus stetig nach beiden Seiten hin abnimmt, wie dieses 
aus der Skizze eines »Trefferberges« zu ersehen ist (Fig. 1 — Beil. I). Bei 
Anwendung von zwei Visieren wird ein Raum von 200 m Länge 
beherrscht und findet sich die gröfste Dichtigkeit an der Stelle, wo 
die beiden Trefferberge ineinander übergreifen. Auf graphischem 
Wege läfst sich somit leicht die Trefferzahl in jeder Scheiben- 
aufstellung auf beliebige Entfernungen ermitteln. Wir erhalten 
somit gegen ein Linienziel auf 5G0 und 620 m mit dem Visier 
600 m : 35 beziehungsweise 55, im Trefferkern 70°/ 0 Treffer. Bei 
Anwendung der Visiere 7 und 800 m gegen eine Scheibenaufstelluug 
auf 750 m : 45% Treffer. 

Während auf Entfernungen nnter 400 m die Länge der be- 
strichenen Räume von Zielhöhe, Einfallwinkel und Anschlagsart 
abhängig, ist auf mittleren und weiteren Entfernuugen für die 
Ausdehnung des vom Feuer beherrschten Raumes nur die Zahl der 
verwandten Patronen (d. h. mindestens 100) und die Böschung des 
Geländes ausschlaggebend. 

Im ebenen Gelände haben zwei sich gegenüberliegende Feupr- 
linien unter sonst gleichen Vorbedingungen auch die gleiche Feuer- 
kraft; dieses wird jedoch wesentlich auders, wenn für die eine Linie 
am Ziel ein Steigen oder ein Fallen des Geländes stattfindet, indem 
hierdurch das Gleichgewicht der beiden Abteilungen wesentlich ver- 
schoben werden kann und es der einen Abteilung möglich sein 
wird, durch Ausnutzung dieses Umstandes die Feuerüberlegenheit zu 
erringen. 

Unabhängig von dem gewöhnlichen Sprachgebrauch ist für den 
vorliegenden Zweck als abfallendes oder ansteigendes Geläude nur 
solches zu bezeichnen, welches sich unter die Visierlinie senkt 
beziehungsweise über dieselbe erhebt. So ist z. B. in Fig. 2 die 
Strecke ab ansteigend, bc abfallend. Im Allgemeinen wird zur 
Visierlinie abfallendes Gelände der Sicht — jedoch nicht dem Feuer 
— des Schützen entzogen sein. Auf mittleren und weiten Ent- 
fernungen mufs man sich gewöhnen, flachgcböschte Wellen nur als 
Masken, jedoch nicht als Deckungen zu betrachten, da bei der 
grofsen Fallhöhe der Gescho&se der Schutz, welchen niedrige Deckungen 
gewähren, leicht verloren geht. 

Die Geschofsgarbe unter Anwendung des Visiers 800 m erreicht 
den horizontalen Erdboden nnter einem Winkel von etwa 3°, bei 
einer Höhe der Geschofsgarbe von etwa 8 m; steigt das Gelände 
aber an, so wird infolge des vergröfserten Einfallwinkels natur- 
gemäß der vom Feuer beherrschte Raum verkürzt, während bei 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



276 



abfallendem Gelände »1er Einfallwinkel verkleinert, der vom Feuer 
beherrschte Raum vergröfsert wird (Fig. 3). Der beherrschte 
Raum nimmt zu, bis die Böschung gleichlaufend mit der Bahn- 
tangente am Einfallpuukte wird, bei noch größerem Falle des 
Abhanges entsteht, wenn die Visierlinie den Kamm trifft, unmittel- 
bar hinter demselben ein toter Winkel. Der Einfallwinkel der 
Geschosse im ansteigenden beziehungsweise fallenden Geläude ist 
gleich dem Fallwiukel in der Ebene, vermehrt beziehungsweise ver- 
mindert um den Unterschied des Bosch ungs- und des Neigungs- 
winkels der Visierlinie zur Wagerechten. Die Kenntnis der Gröfse 
dieser Winkel ist jedoch ohne jeden praktischen Wert. Ist es auch 
im Gelände, namentlich von der Feuerstellung aus, nicht möglich, 
den Grad der Steigung zu schätzen, so sind doch bei geringer 
Übung mit Leichtigkeit jene Funkte zu bezeichnen, wo das Gelände 
mit der Visierlinie gleichlaufend ist, oder zu derselben ansteigt oder 
fällt. Während die Verlängerung oder Verkürzung des vom Feuer 
beherrschten Raumes auf nahen Entfernungen bei geringen Bösehuugs- 
verhältnissen in bedeutendem Mafse sich verändert, ist auf weiten 
Entfernungen schon ein ziemlich grofeer Winkel notwendig, um die 
gleiche Verlängerung hervorzurufen. Bei einem Falle von Vso ( 2 */m 
etwa 1 — lVa°) wird nach französischen Ermittelungen auf nahen 
Entfernungen der vom Feuer beherrschte Raum verdrei- oder ver- 
vierfacht, während auf weiten Entfernungen durch den gleichen Fall 
keine nennenswerte Verlängerung bewirkt wurde. Das gleiche 
Ergebnis würde auf weiten Entfernungen erst bei einem Fall von 
Vu (8,35%. ^wa 5°) eintreten. 

Unter der Annahme, dafs eine Änderung des Böschungswinkels 
im Einschlagepunkt des mittleren Geschosses eintritt, giebt die fran- 
zösische Schiefsvorschrift vom Jahre 1882 (S. 307) Angaben über 
die Ausdehnung der vom Feuer beherrschten Räume für das Visier 
1000 m. Bei fallendem Gelände sind zwei Werte gegeben, je nach- 
dem die Hälfte oder die ganze Masse der Geschosse auf den 
Hang fällt: 

Steigung von Vio : «^0 m von 975— 1025 m, 
V 10 : 65 m von 968—1033 m, 
7„ : 82 m von 960«- 1042 m, 
% : 100 m von 950— 1050 m. 
Hiernach lassen sich leicht die Werte auch für andere Steigungen 
so z. B. für 

7*o : 76 m von 963—1039 m finden. 



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277 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



Fall von 7, 0 : 365—247 m, 
7 30 : 184—96 m, 
7 50 : 124-62 m. 

Die italienische Schiefsinstruktion enthält folgende Angaben: 

400, 500, 600, 800, 1000. 1200, 1400, 1600 m, 
Wagerechtee Gelände: 450, 250, 200, 150, 100, 100, 100, 100 m, 
Steigung von 3° (5%) 85, 76, 78, 78, 62, 69, 75, 80 m, 
Steigung von 10° (16 f / 0 ) 31, 27, 33, 38, 33, 41, 48, 55 m. 

Nicht bekannt ist es, ob diese Zahlen das Ergebnis eines 
gröfeeren Versuches sind oder auf kleineren Versuchen beruhen, da die 
Zuverlässigkeit derartiger Versuche im Verhältnisse der Quadrat- 
wurzeln der aufgewandten Patronenzahl wächst; deutlich ist aber 
zu erkennen, wie auf den weiteren Entfernungen die Flächen sich 
immermehr der Strecke von 100 m nähern. 

Oberst Paquie macht folgende, leicht dem Gedächtnisse einzu- 
prägende Angaben über die Gröfse der vom Feuer beherrschten 
Räume. Ist der Fall gleich dem Fallwinkel der mittleren Flugbahn, 
so findet eine Verlängerung von 27«« hei einem Fall gleich dem 
Fallwinkel der unteren Flugbahn eine Verlängerung von 27a statt, 
erhebt sich aber die untere Flugbahn um Mannshöhe über den 
vorliegenden Kamm, so tritt eine fünffache Verlängerung ein. 
Hierbei rindet die Voraussetzung statt, dafs: der Fall auf 400 m : Viooi 
bei 500 m : 8 /too u,w 80 ^ ot ^ heträgt. Der Fall von 5 /to« (Vit) Rieht 
auf 600 m die vierfache, auf 700 m die dreifache und auf 900 m 
die zweiundeinhalbfache Ausdehnung des vom Feuer beherrschten 
Raumes in der Ebene. Handelt es sich darum, eine Hochfläche 
unter bestreichendes Feuer zu nehmen, so inufe die feuernde Ab- 
teilung sich aufstellen auf 100 m multipliziert mit der Quadrat- 
wurzel aus der relativen Höhe der Hochfläche: Also bei 25 m 
Erhebung zum mindesten auf 500 m. 

Nähere Auskunft über die Feuerwirkung gegen eine Hochfläche 
giebt nachfolgende Tabelle: 



Erhebung 


5 m 

wirk- ifrBM- 
•am« ta 


10 

wirk- 
same 


in 

ertas- 
te 


20 

wirk- 


in 

f rttat- 
u 


30 m 

wirk- frftaa- 
wm | ta 


10 

wirk- 
nrne 


m 

pta 

le 


wirk- fröaa- 
tarne ta 










Feuerwirkung hei 


Visier 










500 




50(1 




700 




900 




! 




1000 




Kbene | 




200 




300 




475 




600 




650 




700 




200 




300 




475 




600 




650 








Abfall ron 5 cm 


900 




1100 




1100 




1100 




1100 




1200 




Anf 1 m 




595 




600 




750 




875 




875 




900 


(5V. - 3«) 


600 




600 




750 




875 




875 




900 




Abfall von 10 cm 


1200 




1200 




ia io 




1300 




1400 




1500 




auf 1 tn 




950 




1000 




1050 




1100 




1150 




1 20 ' 


(10'/ 4 = 7,5*) 


050 




1000 




1050 




1100 




1150 




120«' 





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Die Feuerwirkung im Gelinde. 



278 



Die Gröfse der vom Feuer beherrschten Räume wird erweitert 
durch Aufschläger, welche im abfallenden Gelände durchgehends 
grofeere Flugweiten aufweisen; in der Ebene betragen sie auf nahen 
Entfernungen 3—400 m, auf mittleren 2 — 300 m und auf weiten 
Entfernungen 1 — 200 m. Beim Schicken gegen die reine Ebene 
finden wir beim Visier 1000 m auf 50 m vor dem Kerne noch 13, 
und auf der gleichen Entfernung hinter dem Trefferkern noch 
9% Treffer. Durch Verkürzung der Flugbahn bei ansteigendem 
Gelände werden die Geschofseinschläge auf engstem Räume zu- 
sammengerückt, so dals wir die gleichen Ergebnisse bei 5° Steigung 
für die gleiche Entfernung auf 27 m vor und hinter dem Trefferkern 
finden, sodafs die Tiefe des vom Feuer beherrschten Raumes etwa 
der doppelten Tiefe der Kolonne nach der Mitte entspricht. Dieser 
gesteigerten Geschofs Wirkung im ansteigenden Gelände steht die 
Wirkung bei abfallendem Gelände entgegeu, da hier naturgemäß? 
eine entsprechende Auseinanderzerrung der Geschofseinschläge statt- 
finden mufs, wohingegen in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit 
des Treffens wesentlich gesteigert wird. Auf graphischem Wege 
lassen sich nun ebenfalls für jede beliebige Böschung im ansteigenden 
oder fallenden Gelände Trefferreihen aufstellen, welche auf das 
Deutlichste die Verteilung der Geschosse vor Augen führen (Fig. 3). 

Die Trefferzahlen der Ebene von 10 zu 10 m rücken zu- 
sammen: 

Bei Steigung des Geländes über der verlfingert gedachten Visierlinie 
von bei Visier 400 500 600 700 800 900 1000 1100 1200 1300 1400 1500 1600 m 
2,5 Grad auf Meter 3,4 4 4,9 5,3 5,7 6,3 6,9 7,1 7,5 7,9 8 8,2 8,3 m 
5 Grad auf Meter 2.0 2,5 3,2 3,6 4 4,6 5,2 5,6 5,9 6,2 6,5 6,8 7 in 
10 Grad aufMeter 1,1 1,4 1,9 2,2 2,5 2,9 3,5 3,8 4,1 4,4 4,8 5,2 5,3 m 

Bei Gelände, welches unter die verlängert gedachte Visierlinie 
abfällt, nimmt die Länge der Treffe rreihen in demselben Mafse zu, 
als sie bei steigendem Gelände sich verkürzt. Bei 10°, 5° und 2,5° 
Steigung der zur verlängert gedachten Visierliuie abfallenden Treff- 
fläche würde die Trefffläche 3 mal, 2 mal und 7s ni&l 80 l ftn g sein 
als in der Ebene (Fig. 5 und 6 — Beil. II). 

Die Wirkung gegen Linienziele wird durch die Steigung des 
Geländes in keiner Weise beeinflufst, hingegen werden Kolonnen 
mehr im ansteigenden Gelände leiden, wohingegen dicht hinter der 
ersten Feuerlinie auf abfallendem Hange herangehaltene Unter- 
stützungen in hohem Mafse Verlusteu ausgesetzt sind. In richtiger 
Erkenntnis dieses Umstandes hatten die Türken in der Verteidigungs- 
stellung von Zewin ihre Reserven, welche am rückwärtigen Rande 



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270 



Die Feuerwirkung im GeUnde. 



einer Hochfläche standen, ebenso wie die am vorderen Rande 
fechtende Hauptlinie eingegraben. Beim Feuer gegen abfallendes 
Gelände wird es auf Entfernungen über 600 m nicht immer not- 
wendig sein, mit zwei Visieren zu feuern, man wird ohne Bedenken 
ein einziges Visier verwenden können, wohingegen bei ansteigendem 
Gelände, bei der vergrößerten Schwierigkeit, die Geschofegarben ans 
Ziel zu bringen, falls eine gute Beobachtung nicht möglich, die 
Anwendung von zwei, selbst drei Visierstell ungen ratsam ist, um 
eine Wirkung zu erzielen. Da aber der Hang in seiner ganzen 
Ausdehnung dem Schützen sichtbar ist, die Geschosse auf eugem 
Räume einschlagen, so wird, falls Bewachsung und Bodenart nicht 
dagegen sprechen, ein Einschiefsen mit Salven von Erfolg sein. 

Bei bedeutenden Erhebungen ist für die Wahl der Visier- 
stellung noch zu beachten: »Beim direkten Schusse gegen Ziele, 
welche mehr als 10 — 25° über den Standpunkt der Schützen erhöht 
sind, oder gegen Ziele, die ebensoviel tiefer stehen, müssen wir bis 
10% der Entfernung zugeben oder abziehen, bei noch gröfserem 
positiven Terrain wiukel (25 — 45%) ebensoviel Prozente abziehen 
oder zugeben. Beachten wir diese Regel nicht, was im Gefechte 
vorkommen kann, so gehen unsere Schüsse gegen den Feind auf 
der Höhe zu kurz, während wir die Ziele in der Tiefe überschiefsenc 
(Rothpietz, Infanterie- Feuer S. 85). 

Da auf einem zur Visierlinie ansteigenden Gelände das Ziel 
sichtbar ist, so wird die geringe Wahrscheinlichkeit, das Ziel zu 
treffen, durch die Möglichkeit einer besseren Beobachtung zum Teil 
ausgeglichen. Unter Berücksichtigung dieser Verhältnisse mufs der 
Verteidiger die Besetzung hoch gelegener Punkte vermeiden und 
zur Erzielung gröfserer Trefi wirkung bestrebt sein, eine vom 
Feuer beherrschte Zone auf denjenigen Punkten zu schaffen, in 
denen die Böschung sich möglichst der Visierlinie nähert, (jenseitiger 
Abfall einer vorliegenden Höhe, Kuppen, Terrassen), da beim Feuer 
gegen den gegenüberliegenden Hang, beim Feuer gegen die Thal- 
sohle die Tiefe der Geschofsgarbe erheblich verkürzt wird. Ver- 
hältnismäfsig günstig ist immer noch der Schufs gegen den vor- 
liegenden Hang, falls dicsor nicht zu stark geböscht und nicht zu 
tief unter der Feuerstellung liegt, da hier eine merkliche Verkürzung 
der Geschofsgarbe nur selten eintritt. Die Skizze (Fig. 4) bringt 
die Momente zur Darstellung, welche der Verteidiger zum Einsetzen 
seiner vollen Feuerkraft ausnutzen mufs; meistens wird sich dann 
selbst ein lebhaftes Feuer auf weiten Entfernungen rechtfertigen 
lassen. Zeigt der Feind auf dem Abhang B Kolonnen, so wird 



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Die Feuerwirkung im Gelände. 280 



man nach genauer Ermittelung der Entfernung gute Ergebnisse 
erzielen köunen. Der Augreifer wird seine Schützen nicht auf der 
Höhe, sondern auf dein Abhänge etwa bei 2 halten lassen, so dafs 
die Linie selbst möglichst geringe Verluste erleidet und der ober- 
halb gelegene Hang für die geschlossenen Abteilungen als Kugelfang 
wirkt. Beim weitereu Vorgehen empfiehlt sich für zweite Treffen 
und Unterstützungen die Linienformation und können dieselben 
dicht an die Schützen herangehalten werden. Beim Feuer gegen 
eiu zur Visierlinie abfallendes Gelände wird im Allgemeinen das 
Ziel der Sicht entzogen sein. Es wird daher der Fall eintreten, 
dafs beim Behufs von eiuer Höhe gegen eine tiefer gelegene Höhe, 
deren rückwärtiger Hang bestrichen wird, so dafs Abteilungen, 
welche sich zwischen zwei Bodenwellen befinden, keineswegs gegen 
Feuer gedeckt sind, sodann beim Sehufs von der Tiefe gegen eine 
Höhe (Fig. 7). Das Feuer wird um so wirksamer sein, je aus- 
gedehnter die Kuppe ist; fällt dieselbe steil nach der anderen Seite 
ab (Feuer der 38. Brigade gegen die Division Grenier am 16. August), 
so ist die Wirkung eine geringe, sie wird aber in hohem Mafse 
gesteigert, wenn sich an den Rand A eine Hochfläche unter geringem 
Steigungswinkel anschliefst. Bei einer Tiefe der Hochfläche von 
100 m kann aber eine Bestreichung des rückwärtigen Hanges nicht 
gleichzeitig mit einem Bestreichen der Hochfläche stattfinden. Das 
Feuer gegeu die bei A befindliche, sich in Umrissen abhebende 
Schützenkette wird nicht allein in dieser Verluste herbeirufen, 
sondern auch hinter derselben einen vom Feuer beherrschten Raum 
schaffen, in welchem Bewegungen nicht ohue Verluste vorgenommen 
werden können. Durch die Einwirkung des Geländes gewinnt somit 
das Feuer des Angreifers eine Überlegenheit über das Feuer des 
Verteidigers. Artillerie, welche sich mit Vorliebe hinter der 
Kammlinie aufstellt, ist durch den Kamm der Höhe der Sicht des 
Feindes entzogen, sie wird aber in dieser anscheinend so geschützten 
Stellung doch recht empfind liehe Verluste erleiden können. Wünschens- 
wert ist es, Führer in der Beobachtung der Feuerwirkung gründlich 
auszubilden, da anderenfalls die Wirkung doch immer vom Zufall 
abhängt. Der Angreifer wird beim Überschreiten derartiger Hänge 
dünne Schützenlinien anwenden, denen auf weiten Abständen kleine 
Kolonneu folgen. »Die genaue Kenntnis der Leistungen des 
Gewehres und die häufigen Proben in Auwendung des indirekten 
Feuers bei den Friedenstibungen, in verschiedeneu Gefechtslagen, 
wird uns im Ernstfalle das Blut von manchem braven Soldaten 



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281 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



ersparen, der, nach nutzlosem direktem Feuer, zum Sturrae einer 
unerschütterten Stellung vorwärts gefuhrt wird.« 

»Auf der anderen Seite mufs aber sehr davor gewarnt werden, 
die Theorie des indirekten Feuers nicht in unkriegerischer, spitz- 
finderischer Art in der Praxis zur Anwendung bringen zu wollen.« 
(Rothpietz, Infanterie-Feuer S. 88.) 

Diese Bahnen scheint mau in einigen Kreisen Frankreichs 
wandeln zu wollen, indem Stimmen laut werden, welche beim 
Besetzen von Höhenstellungen das Zurückziehen der Feuerlinie von 
dem vorderen nach dem rückwärtigen Rande und die Durchführung 
der Verteidigung an dieser Stelle fordern. Als Führer dieser 
Richtung gilt der Oberst Paquie, Verfasser der Bücher »Tir incline« 
und »Tir en terrain varie«, welche grundlegend für die französische 
Schiefs Vorschrift vom 11. November 1882 geworden sind. Die 
Anhänger dieser Ansicht suchen dieselbe durch Gefechtsmomente 
der Verteidigungsschlachten des Herzogs v. Wellington zu begründen 
und führen z. B. als Belege Busaco, Vittoria, Pampluna und 
Waterloo an. 

Gegen Besetzung des vorderen Randes einer Höhe wird geltend 
gemacht: 

Die Feuerlinie hebt sich silhouettenartig ab, und ist es leicht, 
dieselbe durch konzentriertes Infauterie- und Artillerie- Feuer zu 
erschüttern. Stützpunkte werden frühzeitig durch das Geschützfeuer 
unhaltbar gemacht, Reserven sind in hohem Grade Verlusten aus- 
gesetzt. — Es wird nun vorgeschlagen, den vorderen Rand der Höhe 
nur als vorgeschobene Stellung zu betrachten, welche man räumt, 
sobald der Angreifer zur Entwickelung gezwungen ist; wenn auch 
rein theoretisch betrachtet, die Truppe bei Besetzung des rück- 
wärtigen Randes am meisten geschützt ist, so sind die rein taktischen 
Verhältnisse, selbst wenn wir eine Hochfläche von entsprechender 
Tiefe finden, doch derart ungünstige, daCs der Verteidiger gern auf 
alle ballistischen Vorteile verzichten wird, um nicht in völliger 
Unkenntnis über die Bewegungen des Gegners die Vorbereitungen 
zur Abwehr treffen zu müssen. 

Schliefslich wird das Feuer, welches gegen einen sichtbaren 
Gegner gerichtet, immer wirksamer wie das Feuer sein, welche« 
aufs Geratewohl gegen eine Kammlinie abgegeben wird, hinter der 
man die Reserven des Gegners vermutet, die fast immer Gelegenheit 
finden werden, sich dem wirksamsten Strichfeuer durch Bewegungen 
zu entziehen, und schliefslich wird der Angreifer uns nur selten 
den Gefallen erweisen, frontal anzulaufen, er wird vielmehr den 



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Die Feuerwirkung im Gelände 



282 



deckenden Rand benutzen, um flankierend und überraschend gegen 
die Stellung des Feindes loszubrechen. 

So treffliche Ergebnisse auch das Feuer gegen der Sicht 
entzogene Ziele haben kann, so können doch derartige Über- 
schätzungen der Theorie nie zum Erfolgß führen; derartige Aus- 
wüchse tragen von vornherein den Keim des Mifserfolges in sich. — 

Um die Feuerwirkung in einem zur Visierlinie geneigten 
Gelände durch ein Beispiel zu erläutern, lassen wir nachstehend 
einen Abschnitt aus der Gesehiehte des Brandenburgischen Füsilier- 
Regiments Nr. 35, geschrieben vom Hauptmann Isenburg, folgen. 
Hier heifst es in Betreff der Thätigkeit des Regiments in den ersten 
Momenten der Schlucht von Vionville wie folgt: 

vl)ie Division (es war die 6.) marschierte bei Buxieres auf, 
vorn die 12., dahinter die 11. Brigade, jede in 2 Treffen.« 

»Halbrechts waren bei Vionville und R6zonville französische 
Lager zu unterscheiden.« 

»Südlich hiervon war ein heftiges Gefecht zu erkennen, es war 
der Kampf der 5. Division gegen das 2. französische Corps.« 

»Um 9 Vi Uhr wurde, da um diese Zeit jenes Gefecht für die 

5. Division günstig stand, und sich annehmen liefs, dafs sich der 
Feind im Rückzüge nach Norden befinde, befohlen, in dieser 
Richtung über Mars la Tour zu marschieren, um dem Gegner jeden 
Ausweg nach Westen zu verlegen.« 

»In der Höhe von Tronville, westlich dieses Ortes angelangt, 
war die Sachlage jedoch soweit aufgeklärt, daßs es nun unthunlich 
erschien, noch weiter nach Norden vorzurücken, der Angriff mufste 
vielmehr in östlicher Richtung erfolgen. Um 10 1 /, Uhr liefs 
Generallieutenant v. Buddenbrock daher brigadeweise rechts ein- 
schwenken, so dafs nun die Brigaden neben einander zu stehen 
kamen, jede mit dem jüngeren Regiment im ersten Treffen.« 

»Der Feind hatte Vionville und Flavigny durch Teile der 
Division Bataille des 2. und der Division la Font de Villiers des 

6. Corps besetzt, der Rest dieser Divisionen stand dahinter in 
Schlachtordnung, während, mit der Front gegen die von Süden 
vorgehende 5. Division, der gröfsere Teil des 2. Corps die Höhen 
südlich Rezonville und Flavigny besetzt hielt.« 

»Vom 35. Regiment hatte sich das 1. Bataillon in Coinpagnie- 
Kolonuen auscinandergezogen und ging so durch Tronville gegen 
Vionville vor.« 

»Nachdem der Gegner die beiden Teten -Compaguien lebhaft 
beschossen, räumte er Vionville, das zugleich nördlich der Chaussee 



Die Feuerwirkung im Gelinde. 



vom 64. Regiment umfassend angegriffen wurde, überschüttete das 
Dorf aber uun von den rückwärts (nordöstlich und östlich) ge- 
legenen Höhen mit eiuem heftigen Artillerie- und Infanterie- Feuer.« 

»Das Dorf wurde im Lauf erreicht, von der 1. wie auch von 
der 2. Compagnie auf der südlichen Dorfstrafse durcheilt und schon 
mit Teilen des 64. Regiments gemischt, die jenseitige Lisiere 
gewonnen.« 

»Die 1. Compagnie hielt den Östlichen, die 2. den südöstlichen 
Ausgang besetzt.« 

»Die 3. und 4. Compagnie, welche zuerst geschlossen gefolgt 
waren, wurden zur selben Zeit halbrechts gegen einen Kirchhof 
dirigiert, welcher auf einer Höhe lag.« 

»Im lebhaften feindlichen Feuer erreichten die 3. und 4. Com- 
pagnie die Kirchhofsmauer, die 4. Compagnie die Kirchhofshöhe 
südlich davon. 

»Es war Uhr.« 

»(Zu dieser Zeit etwa fahren mehrere Batterien auf der Höhe 
westlich Vionville auf und beginnen den Artilleriekampf gegen die 
auf den Höhen nordöstlich stehenden feindlichen Batterien.)« 

»Das 2. Bataillon war gegen Vionville dirigiert, wendete sich 
jedoch, da das Dorf mittlerweile gewonnen worden, rechts am Dorfe 
vorbei, vorn in erster Linie rechts die 6., links die 7. Compagnie, 
die beiden anderen geschlossen dahinter. 

»Vom 3. Bataillon wurde die 10. Compagnie in die Thal- 
seukung südlich der Kirchhofshöhe, die 11. Compagnie links auf 
diese Höhe vorgezogen. (Es standen dort bereits die 3. und 4. Com- 
pagnie). Zum Vormarsch gegen Flavigny folgte in der Thalmulde 
(südlich des Kirchhofs) die 9. und 12. Compagnie als Halbbataillou. 

»Als die Schützen dieser Kolonnen die Aufstellung des 1. Ba- 
taillons erreichten, verliefsen die 3. und 4. Compagnie ihre Deckungen 
und schlössen sich dem weiteren Vorgehen an.« 

»Um 11 Va Uhr wurde der Kamm der Kirchhofshöhe über- 
schritten.« 

»In diesem selben Augenblick eröffnete der Feind von Flavigny 
(Entfernung von dort bis zum Kamm der Kirchhofshöhe 1200 m), 
vom Pappelwäldchen nördlich dieses Weilers (Entfernung von dem- 
selben bis zum Kirchhof 900 m) besonders aber von den Höhen 
(nordöstlich) jenseits der Chaussee nach Rezonville (Entfernung von 
diesen Höhen resp. ihrem Rande bis Vionville 1200 m, bis zum 
Kirchhof über 1600 m) ein solch verheerendes Feuer gegen die 



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Die Feuerwirkung im Gelände. 



284 



vorgehenden Abteilungen, dafs sie alle in den nächsten Minuten die 
schmerzlichsten Verluste erlitteu.« 

»Dieser Angenblick entschied über die taktische Ordnung des 
ganzen Tages.« 

»In diesem Feuer, welches das Verbleiben in der Form irgend 
einer taktischen Einheit vollständig unmöglich machte, war jeder 
Offizier darauf angewiesen, augenblicklich Entschlüsse zu fassen und 
die Abteilung, welche er gerade um sich versammelt sah, so zu 
leiten, wie er es den Umständen entsprechend fand.« 

»Da nun die meisten Offiziere das Ziel, welches ihren Bataillonen 
zugewiesen war, nicht kannten, so richtete sich jetzt ein Teil auf 
Flavigny, ein anderer gegen das Pappelwäldchen, der dritte dahin, 
woher hauptsächlich das Feuer kam, nach (den Höhen nordöstlich) 
der Chaussee halb links.« 

»Vom 1. Bataillon war die 4. Compagnie (in sich) dadurch 
getrennt worden, dafs die Schützen, (als) die (eine) Hälfte der 
Compagnie im Vorstürmen gegen Flavigny blieben, das Soutien 
(die andere Hälfte aber) sich gegen das Pappel wäldchen wandte.« 

»Von der 3. Compaguie hatte der Schützenhalbzug eben die 
Decknng des Kirchhofs verlassen, als das heftige Feuer und die 
grofsen Verluste dazu bestimmten, die Schützenlinie zu verstärken 
und gleichzeitig mit (dem Rest) der Compagnie gegen Flavigny 
vorzubrechen.« 

»Von dem Schützenzuge folgte nur ein Teil diesem Angriff, 
da die Aufmerksamkeit des anderen von den Höhen jenseits der 
Chaussee in Anspruch genommen wurde. (Hier tritt, durch die 
starke Wirkung des feindlichen Feuers hervorgerufen, selbst Zer- 
splitterung der einzelnen Züge ein.)« 

»Beim 2. Bataillon stürmte die 6. Compagnie links am Kirchhof 
vorüber, dann ging sie links der 3. Compagnie gegen Flavigny vor.« 

»An Offizieren büfste sie in dem Strichfeuer am Kirchhof, 
welches links von den Höhen kam (1600 m), zwei Offiziere und den 
Feldwebel ein.« 

»Die 7. Compagnie blieb in der Richtung auf das Pnppel- 
wäldchen und hatte bei diesem Vormarsch ganz aufserordent liehe 
Verluste, sie verlor zwei Offiziere, den Feldwebel unil Vizefeldwebel, 
in Summa alle Offiziere und 43 Tote, 117 Verwundete, zwei Drittel 
ihrer Stärke.« 

»In d»»m Halbbataillon, 5. und 8. Compagnie, hatte das feind- 
liche Feuer gleich nach dem Passieren der Höhe derart gewirkt, 



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285 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



dafs im Zeitraum weuiger Minuten 8 Offiziere, 2 Feldwebel und ein 
Vizefeldwebel aufser Gefecht gesetzt wurden.« 

»An Mannschaften verlor die 5. Compagnie 26 Tote, 61 Ver- 
wundete, zusammen 87 Mann, die 8. Compagnie 24 Mann tot, 
74 Verwundete, zusammen 98 Mann, also in noch nicht fünf Minuten 
beide Compagnien 8 Offiziere und 185 Mann, mehr als '/s ihrer 
Starke.« 

»Der Eindruck dieser Verluste auf die Mannschaft war ein so 
überwältigender, dafs die Kommandos zum Deployieren und Aus- 
einanderziehen nicht mehr zur Ausfuhrung kamen, das Halbbataillon 
vielmehr hinter den Kirchhof zurückgenommen werden und dort 
von den drei übrig gebliebenen Offizieren ralliiert werden mufste.« 

Hierzu sei noch bemerkt: 

Die Wirkung des Feuers beim Überschreiten der rückwärtigen 
Hänge findet keine Erwärmung, dafs das Vorgehen des Regiments 
aber auch hier nicht ohne herbe Verluste blieb, erhellt aus General- 
stabswerk I, 560: »Dasselbe (III, 35) hatte zwei Compagnien 
ins Vortreffen genommen, von denen sich die 11. links gegen Vionville 
zog, um dem flankierenden Feuer von der Baumgruppe her die 
Front zu bieten;« wahrscheinlich zog sich 11/35 hinter dem II. Ba- 
taillon gegen Vionville. Später hatte sich 11/35 mit vereinigt 

und sich an der Wegnahme von Vionville und an dem weiteren 
Vorgehen gegen die Baumgruppen beteiligt. Der Fall des Geländes 
westlich der Kirchhofshöhe zu der nach den Tronviller Büschen 
heraufziehenden Mulde beträgt 2 bis 5°. Eiuen wirksamen Schutz 
gegen die gegnerische Feuerwirkung konnte der nur 12 m höher als 
die Baumgruppe gelegeue Kirchhof nicht bieten. Die empfindlichsten 
Verluste traten ein, als die Compagnien den südlich Vionville nach 
dem Kirchhofe führenden Weg überschritten, und wird etwa die 
Horizontale 900 des Planes im Generalstabswerke den feindlichen 
Schützen als Rand erschienen sein; das Regiment hatte somit einen 
etwa 2 — 300 m tiefen unter der Visierlinie des Feindes liegenden, 
Geländestrcifen zu durchschreiten. Leider sind gegnerische Dar- 
stellungen über diesen Vorgang nicht bekannt geworden, und so 
mnfs der Vermutung eiu gröberer Raum zugemessen werdeu, als es 
im Interesse der Sache wünschenswert ist. Wir erwähnen noch, 
dafs das Feuer von 2 französischen Regimentern (23. und 93.) und 
von einem Jäger- Bataillon gegen eine 1600 m lange Front auf 
9— 1600 m Entfernung abgegeben wurde, sodafs sich auf etwa 
1200 m d. h. ungefähr an der erwähnten Horizontale ein Treffer- 
kern bildete. 



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Die Feuerwirkung im Gelinde. 



286 



Französischerseits wird als Beleg für die Wirksamkeit des »feu 
incline« die Feuerwirkung der deutschen Infanterie in der Schlacht 
von Champigny angeführt, von welcher der General Ducrot sagt, 
dafs die Entscheidung zu Ungunsten der Franzosen durch den Einflufs 
des Geländes hervorgerufen wäre. Eine beabsichtigte Ausnutzung 
der Vorzüge des Feuers gegen eine zur Visierlinie gesenkte Fläche, 
wie dieses von franzosischer Seite behauptet wird, ist jedoch nicht 
in Anwendung gekommen. Die deutsche Gefechtslinie war mit 
Rücksicht auf die französischen Befestigungen des Mont Avron und 
des Fort Nogent bis nach dem rückwärtigen Rande der Hochfläche 
zurückgenommen und wurde durch das Dorf Villiers und den Park 
von Coeuilly bezeichnet. 

Der belgische General Brialmont bemerkt hierzu: »Diejenigen, 
welche die Kämpfe um Metz und Paris als ein Beleg anführen, dafe 
die Deutscheu ihre Hauptverteidigungslinie am jenseitigen Rande 
einer Hochfläche einrichteten, verkennen den Unterschied, welcher 
besteht zwischen einer Feldstellung und der Stellung in einer Ein- 
schliefsungslinie.« 

»In diesem Falle wird man am rückwärtigen Rande gelegene 
Stützpunkte besetzen und befestigen, da sie völlig dem feindlichen 
Artillerie-Feuer entzogen sind, in ersterem Falle wird man hingegen 
Objekte zu besetzen suchen, welche so gelegen sind, dafs sie das 
Vorgehen des Feindes zu flankieren im Stande sind, und wird man 
sie daher mehr vor der Front als in der Linie zu suchen haben. 
Ein verschanztes, hinter der Höhe gelegenes Dorf, wird allerdings 
gegen Artillerie-Feuer mehr geschützt sein, als wenn es auf der Kuppe 
läge, aber auch geringeren Einflufs auf den Gang des Gefechts aus- 
zuüben vermögen, wie dieses.« Oberst Robert (Tactique des grandes 
unites II, 233) entwickelt unter Anschluß an die Besprechung 
der Befestigung von Champigny und Villiers die Grundsätze für 
Verteidigung einer Stellung und fordert eine erste Verteidigungs- 
linie am vorderen, eine zweite Linie am rückwärtigen Rande der 
Hochfläche. Ebenso ein anderer auf dem Gebiete der Feuertaktik 
ungemein thätiger Schriftsteller, der Oberst P. . . (le tir en terrain 
varie, S. 70) der von der zweiten Stellung am rückwärtigen Rande 
der Höhe, wie folgt, spricht: »C'est lä la vraie ligne de resistance, 
c'est lä que la bataille doit etre gagnee et poussee jusquaux derniers 
limites des forces.« 

Die ungeheuere Wirkung des deutschen Infanterie-Feuers in der 
angeführten Schlacht erklärt sich vor Allem daraus, dafe nach Über- 
schreitung der Marne die Hauptmasse der französischen Ausfalls- 



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2*7 



Die Feuerwirkung im Gelände. 



Armee, etwa 52 Bataillone und 23 Batterien, auf dem engen Räume 
von 3000 DD Breite und Tiefe zusammengedrängt war und dafs dieser 
Kaum sich noch wesentlich durch vorhandene Bodenbedeckungen 
uud Steilabfälle verkleinerte, dafs jedes Geschofe, welches über die 
am Rande eingeuisteten Schützen hinwegging, ein Opfer in den 
dichtgedrängten rückwärtigen Massen faud, und dafe schliefslich die 
auf der Hochfläche auftretenden Batterien gezwungen waren, auf 
etwa 4—800 m Kntfernung von den deutschen Linien in Stellung 
zu gehen. 

Der Hergang der Schlacht ist zu bekannt, als dafs es notwendig 
wäre, an dieser Stelle auf denselben näher einzugehen, es genügt 
daher wohl, einige für unseren Zweck beachtenswerte Abschnitte 
herauszugreifen. Etwa um 10 Uhr Morgens hatten die vorderen 
Linien der Ducrot'schen Armee den Westrand der Hochfläche er- 
stiegen und 3 Batterien auf 5 — 600 m Entfernung vom Park von 
Villiers auffahren lassen. Unmittelbar hinter den Batterien standen 
in Bereitschaftstellung 3 Infanterie- Brigaden. Die ungeheuren Ver- 
luste der Batterien, die Unmöglichkeit, die Truppen länger der 
Wirkung eines Feuers »plongeaut et meurtrier« (Ducrot, la defense 
de Paris II, 199) auszusetzen, da die Infanterie unter einem 
Ilagel von Geschossen anfing, Unruhe und Unzuverlässigkeit zu zeigeu 
(Ducrot, II, 206), bestimmten den General Ducrot, die Artillerie- 
vorbereitung abzubrechen und den Befehl zum Angriff auf Villiers 
zu geben. Der Augriff scheiterte. Ahnliches ereignete sich auf 
dem äufsersten linken deutschen Flügel. Die gegen Coeuilly auf- 
fahrenden Batterien waren gegen 11 Uhr zweimal zum Verlassen 
ihrer Stellung ge/.wungen gewesen (Ducrot, II, 222 u. f.). Auch 
hier bricht die hinter der Höhe stehende Iufanterie zum Angriffe 
vor, um den Verlusten, welche ihr durch das von einem ungesehenen 
Gegner auf sie abgegebene Iufanterie- und Artillerie-Feuer zugefügt 
wurden, zu entgehen. Der Angriff wurde abgewiesen, ein deutscher 
Offensivstofs erreichte Chnmpigny (Niethammer, Schlacht von Villiers 
S. 33). Doch gelingt es den Franzosen, wiederum die Höhe am 
Jägerhänschen zu erreichen. Hinter der Höhe standen in dicht- 
gedräugten Massen die französischen Reserven: »cette accumulation 
des troupes sur un espace reserre ott're une proie facile aux coups 
des cnneinies . . . . la mitraille, la mousqueterie nous enlevent des 
groupes entiers (Ducrot, II, 229).« Mit einem Verluste vou nur 
62 Offizieren und 1582 Mann hatten Sachsen und Württemberger 
ihre Stellung behauptet; die Verluste der Franzosen siud für dieseu 
Schlachttag nicht genau anzugeben, da selbst französische Quellen 



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I 



Die Feuerwirkung im Gelände. 288 

darüber schweigen oder die Verloste für den 30. November nnd 
2. Dezember zusammen angeben. Nach Ducrot Schilderungen 
kosteten die Hauptangriffe auf Villiers und Coeuilly allein über 
4000 Mann. Gleiche Erscheinungen, wie bei Chainpigny, treten 
beim Angriff auf die Parkmauer von Bonneuil — Gefecht am Mont 
Mesly — zu Tage, eine beabsichtigte Anwendung des »feu incline« 
ist deutscher Seits jedoch nicht angeordnet wie dieses z. B. der 
Kommandant Paquie: »Tir incline« S. 22 meint. Wenn nicht be- 
sondere Gründe wie z. B. bei einer Einschliefsuugsstellung dagegen 
sprechen, wird man stets den Schwerpunkt der Verteidigung auf 
den vorderen Rand der Höhe legen und nicht einigen theoretischen 
Bedenken zu Liebe taktische Vorteile opfern. Die Gelegenheit zur 
beschränkten Auwendung des »feu incline«, wie die Franzosen diese 
Feuerart nennen, dürfte sich sehr hänfig im Felde finden, die Wirkung 
kann unter Umständen eine vorzügliche sein; doch ist zu bedenken, 
dafe dieselbe in hohem Mafee vom Zufalle abhängt, dafs direktes 
Feuer stets bessere Ergebnisse liefert und dafs der Verteidiger zu- 
nächst bestrebt sein mufs, alle in wirksamster Schufsweite befindlichen 
ungedeckten Abteilungen niederzuwerfen und sich erst dann der 
Bekämpfung gedeckter Abteilungen zuwenden darf. — 

Die Betrachtung der Verhältnisse beim Feuer gegen eine zur 
Visierlinie gesenkten Geländefläche, welche somit der Sicht des Feindes 
entzogen ist, führt uns naturgemäß zu den Verhältnissen des indi- 
rekten Infanterie-Feuers. Hier sind die Böschungsverhältnisse zu- 
nächst gleichgültig und handelt es sich nur darum, das Ziel, welches 
durch eine Maske oder Deckung unserer Sicht entzogen ist, mit 
dem auf weiten Entfernungen steil einfallenden Geschofs zu erreichen. 
Die Wirkung hängt selbstverständlich von der Möglichkeit einer 
Beobachtung oder von dem Umstände ab, dafs die Ziele auf be- 
stimmte Wege angewiesen sind und dafs ein Ausweichen nicht möglich 
ist. Im Allgemeinen wird sich das indirekte Infanterie-Feuer besser 
durch die Wirkung des Shrapnels ersetzen lassen. Die Schiefs- 
vorschrift sagt S. 94 in Betreff des indirekten Infanterie- Feuers: 
> Gegen ein der Sicht vollständig entzogenes Ziel kann dennoch 
unter gewissen Verhältnissen eine Treffwirkung erreicht werden. 
Ein solches Feuer, bei welchem zum Treffen des dem Schützen un- 
sichtbaren Ziels ein bestimmter, zwischen der feuernden Abteilung 
und dem Ziel liegender Punkt (Linie) als Hülfsziel zu nehmen ist, 
heifst iudirektes Feuer. Da bei Anwendung desselben jedoch zur 
Ermittelung der Visierstelluug die Flugbahn- Verhältnisse berück- 
sichtigt werden und gewisse Mafse bekannt sein müssen, so ver- 

MbrMchw Mr dl« DmtMk* Atom «nd Marli«. M. LXVIII, 8 %Q 



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289 



Die Feuerwirkung im Gelinde 



spricht das indirekte Schiefsen im Feldkrieg keinen Erfolg; seine 
Anwendung kann dagegen im Festungskrieg unter günstigen Ver- 
hältnissen und, wenn zu diesem Zwecke besonders aufgestellte 
Posten die Geschofseiuschläge zu bemerken und die schiefsende Ab- 
teilung entsprechend zu benachrichtigen vermögen, von einiger 
Wirkung begleitet sein.« Aus dem Feldzuge 1870/71 ist nur ein 
Beispiel der beabsichtigten Anwendung des indirekten Infanterie- 
Feuers bekannt geworden. Für die Nacht zum 14. August war 
von Strafsburg das Vorschieben von Infanterie-Abteilungen ange- 
ordnet, um durch Abgabe indirekten Infanterie-Feuers die Besatzung 
in Benutzung der Wallstrafsen zu beunruhigen (Becker, Geschichte 
des badi8chen Grenadier-Regiments Nr. 110, S. 197). Legen wir 
unseren Erörterungen die Fig. 13 der Schiefsvorschrift zu Grunde, 
so läfst sich eine Wirkung gegen das Ziel e erreichen, 1) wenn wir 
uns soweit von b entfernen, dafs bei x m Visierentfernung die Flug- 
höhe für die Strecke cb gröfser als db ist, 2) wenn es uns gelingt, 
auf graphischem oder rechnerischem Wege die zu den Strecken ae 
oder ac gehörige Visierentfernung zu finden. Als unbedingt er- 
forderlich verlangt die Schiefsvorschrift ac, bc und bd als gegeben 
(Fig. 8). Die französische Schiefsvorschrift unterscheidet entsprechend 
1) »tir plongeant« und entsprechend 2) »tir indirect«. In ersterera 
Fall lautet die Frage, wie weit ruufs der Schütze zurückgehen, dafs 
für ab eine gröfsere Flughöhe als bd gewonnen wird, im zweiten 
Falle, welche Visierstellung mufs angewendet werden, um bei 
gegebenem Standpunkte eine genügend gekrümmte Flugbahn zu 
erreichen. Es handelt sich darum, den inneren Graben und den 
Hof eines Infanteriefeld werks derart unter Feuer zu nehmen, dafs 
im inneren Graben stehende Mannschaften getroffen werden können. 
Die ganze Deckungshöhe der Brustwehr beträgt 2,80, demnach der 
Unterschied 1,10, der Abstand von der Deckung 3,60 m. Wie ein 
Blick auf die Fig. 9 zeigt, ist die anscheinend schwierige Aufgabe 
auf die einfachere zurückgeführt, auf welcher Entfernung beträgt 
der bestrichene Raum für 1,10 m Höhe 3 50 m. Unsere Schiefs- 
vorschrift enthält nicht, wie die anderer Infanterien zahlreiches 
ballistisches Material, aber dennoch bietet die Flughöhentafel mehr 
wie sich auf den ersten Blick vermuten lafet und ist leicht der be- 
strichene Raum für jede Entfernung und ZielhÖho zu ermitteln. 
Beginuen wir mit 1000 m; das Gescbofe fallt auf seinen letzten 
50 m 3,5 m, es fällt somit 1 cm auf je 15 cm und 1,10 m auf 16,50 ui, 
auf 1500 m 1 cm auf 3 cm. Wir würden daher, um die geforderte 
Wirkung zu erzielen, von 1500 ni ans unser Feuer gegeu die Brust- 



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Die Feuerwirkung im GelÄnde. 



290 



wehr richten können und gegen im inneren Graben stehende Linien 
auf etwa 3—5% Treffer rechnen können. Wäre die Aufgabe ge- 
stellt, den auf 6,50 in, 1,80 ra unter der Brustwehrkrone liegenden 
Schanzenhof unter Feuer zu nehmen, so würde in dieser Fassung 
bei jetziger Bewaffnung die Aufgabe nicht lösbar sein, soll aber die 
Bewegung gebückt gehender Leute gehindert werden, so würden 
sich schon auf 6 und 700 m Ergebnisse erreichen lassen. Wesentlich 
günstiger stellt sich die Aufgabe, wenn es uns gelingt, die Brust- 
wehrlinie unter eiuem Winkel von 60 oder gar 45° zu fassen, indem 

dadurch die betriebenen Ränme nm V'i beziehnngsweise VE ver- 
gröfeert werden würden. Auf diese Weise wird es unter Umständen 
möglich sein, den Schutz, welchen Querwälle verleihen, zn be- 
seitigen. 

Die Fig. 13 der Schiefsvorschrift berücksichtigt den einfachsten 
Fall des indirekten Feuers, dafs das Ziel auf gleicher Ebene mit 
den Schützen liegt, wir haben die Figur wie in der Beilage II abge- 
ändert (Fig. 10), um auch die anderen Fälle: Lage des Ziels über 
oder unter der Wagerechten, zu betrachten. Es sei AG die wage- 
rechte Entfernung gleich 1000 m, GF gleich 25 m. Der Einfall- 
winkel a ist für die Praxis gleich dem Winkel AFH anzu- 
nehmen. (Einfallwinkel auf 1000 m.) Demnach tang a 1000 = 
or = n- jA »^oo .^.v^ooo - = 9» Demnach GK = »J»o = 27g m . 

Es mufs demnach, wie aus der Figur ersichtlich, die Visierentfernung 
1000—278 m = 722 m sein. Befände sich hingegen das Ziel in 
H, so wären 278 m zu addieren, und würden als Visierentfernung 
1250 und 1230 m sich ergeben. Man umgeht diese umständliche 
Rechnung, wenn man eine Flughöheutabeile besitzt, welche nicht allein 
die positiven, sondern auch die negativen Flughöhen enthält (Bei- 
lage IV) und sucht dann bei negativem Terrainwinkel eine Zahl 
über °, bei positivem Terrain winkel eine Zahl unter • welche an- 
nähernd dem gegebenen Höhenunterschiede entspricht und findet 
dann in der wagerechten Reihe die zugehörige Visierentfernung. 
Als Zielpunkt benutzt man den Punkt B, welcher sich mathematisch 
genau nur durch Instrumente ermitteln läfst. Das arithmetische 
Mittel aus einer Reihe von Schätzungen wird aber auch ein für den 
Feldgebrauch hinreichend verläfsliches Ergebnis liefern. Da sich 
dieser Punkt aber bei der Feuerabgabe nur schwer wird bezeichnen 
lassen, so empfiehlt sich, einen einzelnen Schützen mit festgelegtem 
Gewehr auf B zielen zu lassen und dann den Schieber soweit herunter- 
zudrücken, bis die Visierlinie den Höhenrand in D schneidet. Die 

20* 



291 



Die Feuerwirkung im Gelinde. 



dem Haltepunkte D entsprechende Visierstellung läfst sich aber auch 
auf rechnerischem Wege finden Z_XAE — Z-XAF — EAF. 

= Z_XAF — (DAC + GAF) 

tang XAE = tang Abgangswinkel 1000 in — (™ -f JJ). Es mufe 

also bekannt sein tang Abgangswinkel 1000 m CD,AC,GF und AG. 
Nach Weigand, »Tascheuballistikt betragt die Fallhöhe auf 100 m 
0,28 m, demgemäfs zu der Flughöhe 1000 ra auf 100 m addiert : 
5,28 m, demnach die Tangente des Abgangswink^ls 0,0528 m. Ist 
nun CD gleich 15 und AC gleich 700 m so erhalten wir 

tang XAE — 0,0528 - (0,021 + 0,025) m = 0,0068 m. 

Die Visierstellung finden wir, wenn wir eine Tangententabelle der 
Abgangswinkel aufstellen (Beil. V) und erhalteu für das Standvisier 
0,0058, für die kleine Klappe 0,098 m. Wir niüfeten daher mit der kleiuen 
Klappe etwas unter D halten, um die entsprechende Flugbahn zu 
gewinnen; da der höchste Punkt D aber nur in seltenen Fällen dem 
Schützen sichtbar sein wird, so wird man mit der kleinen Klappe 
gegen den scheinbaren Raud feuern uud die Visierstellung durch 
Beobachtung verbesseru. Ist GF = GH 1 positiv, so wird das 
3. Glied der Gleichung ebenfalls positiv und wird sich dann die 
Visierstellung mehr der wagerechten Entfernung nähern. 

Die Schwierigkeiten bei Ermittelung der Visierstellung und die 
Schwierigkeit der Beobachtung werden wohl nur in den aller- 
seltensten Fällen die Anwendung des indirekten Infanterie-Feuers im 
Feldkriege gestatten; im Festungskriege werden hingegen häufig 
Fälle eintreten können, in welcher die Bekanntschaft der Infanterie 
mit dieser Feuerart von Nutzen sein wird. 



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XVII. 

Ziele der Festungs -Artillerie 
während der Bedrohung und Einschliefsung 

einer Fortsfestung. 



(Schiufr.) 

Allgemeines über das Verfahren beim Beschiefsen 
der während der Bedrohung und Einschliefsung einer 

Festung auftretenden Ziele. 

L Während der Bedrohung der Festung. 

Während dieses ersten Teils der Unternehmungen des Angreifers 
einer Festung bezweckt die Schiefethätigkeit der Festuugs- Artillerie 
vornehmlich: Beunruhigung der Truppen des Beobachtungscorps an 
den von ihnen im Gelände besetzten Punkten, sowie Belästigung 
beziehungsweise Verhinderung der freien Benutzung der von diesen 
Truppen zur Sicherung des Vormarsches des Einschliefsungscorps 
bewachten Anmarschwege. 

Für die Lösung der einschlägigen Aufgaben ist einerseits mit 
den gröfeten Zielentfernungen der weittragendsten Festungsgeschütze 
zu rechnen, also Entfernungen bis zur Schufstafelgrenze der 15 cm 
Ringkanone, 8500 m; andererseits mit Zielen, welche der unmittel- 
baren Sicht von den Werken aus meist entzogen sind. Hieraus 
folgt, dafe dieselben entweder als vermutete zu gelten haben, oder 
dafs ihr Auftreten beziehungsweise Vorhandensein dem Festungs- 
Artilleristen von anderer Stelle aus mitgeteilt werden mufe. Ge- 
naueres über Lage und Beschaffenheit dieser Ziele, als früher 
dargelegt worden ißt, kann der Artillerist daher nur durch die 
Vortruppen erfahren. Ist dies aber der Sachlage nach nicht mög- 
lich, so erübrigt ihm allein die Benutzung von Plänen des Festungs- 
vorfeldes. 



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293 



Ziele der Festungs-Artillerie 



Das Einrichten der Geschütze kann in Folge dessen nicht ohne 
weiteres erfolgen, sondern vermag ebenfalls nnr anter Zuhülfenahme 
eines Planes bewerkstelligt zn werden. Hinsichtlich eines solchen 
Planes ißt zu unterscheiden, ob er eigens zu jenem Zweck angefertigt 

worden ist, oder nicht. In dem einen 
Fi g- 9- Fall heifst er Batterieplan, in dem an- 




deren Abschnittsplan des Werkes oder 
der Festungsfront. Im Batterieplane 
Fig. 9 sind die äufsersten Wirkungs- 
grenzen des Geschützes oder einer Ge- 
schützaufstellung durch schwarze Linien 
bezeichnet, deren Schnittpunkt im Auf- 
stellungspunkte des Geschützes, oder 
bei mehreren Geschützen in dem eines 
derselben liegt. Der so erhaltene Sektor- 



winkel kann bei verbreiterten Bettungen 
bis zu 60 Grad angenommen werden. Innerbalb des Sektors sind 
mehrere Richtungslinien rot eingezeichnet, welche nach deutlich 
erkennbaren Gegenständen des Vorgeländes bestimmt worden und 
so leicht wieder zu finden sind. In der Regel werden drei solcher 
Richtungslinien gewählt, entsprechend den drei Hauptrichtungen 
eines Geschützes, grade aus, rechts und linke. Ihre Entfernung 
von einander raufs so gewählt worden, dafs die Skala der indirekten 
Richtvorrichtuug in jeder der drei Hauptstellungen des Geschützes 
ausreicht. Jede Richtungslinie wird auf der Bettung durch je einen 
Blechstreifen vome und hinten und meist aufeerdem noch durch je 
ciuen Pfahl vor und hinter derselben festgelegt. Letzteres soll das 
Wiederauffiuden der Richtungslinien erleichtern, wenn durch einen 
unvorhergesehenen Fall die Blechstreifen beschädigt oder abgerissen 
werden sollten. Vom Scheitelpunkt des Sektors ist ferner ein 
Kreisbogen geschlagen und in Vi Grade eingeteilt. Ein im Scheitel- 
punkt des Sektors befestigter Faden dient zur Bestimmung der 
seitlichen Entfernung des zu beschiefseuden Ziels von der zunächst 
gelegenen Hauptrichtungslinie in Vi« Graden. Diese Einteilung 
ermöglicht mithin eine unmittelbare Übertragung des auf dem 
Batterieplane gefundenen Mafses auf die Skala des Geschützes. An 
der einen oder anderen Begreuzungslinie des Sektors ist eine 
Entferuungs-Skala von 100 zu 100 m fortschreitend angebracht. 

Beispiel; Ein Geschütz soll die Seiten richtung auf Punkt Z 
Fig. 9, welcher zwischen Hauptrichtungslinie I und II liegt er- 
halten. 



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während der Bedrohung u. Einschliefenng einer Fortefestnng. 



294 



Ausführung: Man sieht zunächst nach, welcher Hauptrichtungs- 
linie sich Z am nächsten befindet. Es sei dies Hauptrichtnngslinie I. 
Der im Scheitelpunkt des Sektors befestigte Faden wird sodann 
nach der Skala hin angestrafft, um zu messen, wie viel Vis Grade 
Z von Rieh tun gslinie I entfernt ist. Dies betrage 4, / l6 Grad. Nun 
wird das Geschütz genau in Hauptrichtungslinie I eingefahren. 
Hierzu wird zunächst eine vordere und eine hintere Richtplatte so 
an die bezüglichen Blechstreifen herangelegt, dafs die Verlängerung 
ihrer scharfen Kanten, welche zum Ablesen der Grade auf der 
Skala bestimmt sind, sich genau schneiden. Sodann wird die 
vordere wie hintere Richtskala heruntergeklappt, und das Geschütz 
so über die Richtplatten gebracht, dafs der Unterschied der vorderen 
und hintereu Skala Null beträgt. Nunmehr steht das Geschütz in 
Hauptrichtungsliuie I. Um dasselbe aber nach Z einzurichten, mufs 
der Lafettenschwanz um 4 % 6 Grad plus der, der Entfernung des 
Ziels zugehörigen Seitenverschiebnng, hierzu 8 /ie Grad angenommen, 
nach rechts geworfen werden, d. h.: der Unterschied zwischen der 
vorderen und hinteren Richtskala mufs beim Ablesen *°/i 6 -f- 3 / t6 
— 43 /i6 Grad betragen. In Folge der Einteilung der Skalen von 
0 Grad rechts nach x Grad links, zeigt die hintere Skala, auf die 
die Vorzeichen des Unterschieds . allemal bezogen werden, 43 / l6 Grad 
mehr an, als die vordere; mithin liegt Z zu I 4 %ß beziehungs- 
weise 4, /i6 Grad. Liegt Z statt links ebenso weit rechts von I, in 
Z 1 , so mufs der Lafettenschwanz in diesem Fall, nachdem die 
Seiten Verschiebung mit a /, s Grad in Abzug gebracht, von I um 
31 /ie Grad nach links geworfen werden. Die hintere Skala giebt 
dann notwendiger Weise weniger an, als die vordere, mithin erhält 
der bezügliche Unterschied das Vorzeichen minus. Nach dieser 
Erklärung erhalten alle Ziele, welche links von einer Hauptrichtungs- 
linie liegen alleraal das Vorzeichen plus und die rechts davon 
gelegenen stets das Vorzeichen minus. 

Zur Vereinfachung des Rechnen- und damit auch Richtverfahrens 
sucht man grofse Skalaunterschiede während des Schietens zu ver- 
meiden. Deshalb werden die bis jetzt nur lose an den Blechstreifen 
liegenden Richtplatten mit ihren scharfen Kanten, unter Beibehaltung 
obiger Stellung des Geschützes, unter ein und derselben Zahl, etwa 
in der Mitte beider Skalen, auf der Bettung festgenagelt. Es 
beträgt der Skalaunterschied jetzt ± und mufe daher für jeden 
Schüfe so lange beibehalten werden, bis entweder in Folge einer 
nötigen Korrektur oder einer Zielveränderung ein Anderes erforder- 
lich wird. Das vorstehend erklärte Verfahren ist nur immer auf 



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295 



Ziele der Festaogs-Artülerie 



dasjenige Geschütz einer Batterie anwendbar, welches zur Be- 
stimmung der Hauptrichtungslinien im Batterieplane benutzt worden 
ist. Dies sei beispielsweise das 2. Geschütz. Für die übrigen 
Geschütze einer Batterie zu 6 Geschützen, 1. 3. 4. 5. 6., mufs 
daher der Stellungsunterschied, das ist ihr seitlicher Abstand vom 
sogenannten Nullgeschütz, berechnet werden. Dies setzt allerdings 
voraus, dafe die Übertragung der durch Blechstreifen bezeichneten 
Hauptrichtungslinien auf die Bettungen der übrigen Geschütze 
gleichlaufend mit den des Nullgeschützes stattgefunden hat. 

Der Stelluug8unterschied wird in Vis Graden ausgedrückt und 
gefunden, indem man den Winkel berechnet, welcher sich aus der 
Entfernung des Ziels und dem Abstände des betreffenden Geschützes 
vom Nullgeschütz ergiebt. Dieser Abstand betrage für das 3. Geschütz 
8 m, und die Entfernung des Ziels 2000 m. Nach der Gedächtnis- 
regel, ! /t« 1 verlegt den Treffpunkt für jede 100 m um 0, 1 m nach 
der Seite, findet man die verlangte Gröfse, hier Vi« ^«rad. Liegt 
nun Z wieder links von der Hauptrichtungslinie, so beträgt der 
Skalaunterschied für das 3. Geschütz 4 %« — Vi« = m /i«i dazu die 
der Zielentfernung zugehörige Seiten Verschiebung mit Vi« Grad, 
macht ,Ä /i« -{~ Vi« — *Vi6 *• Für °!ie unter dem Nullgeschütz 
stehenden Geschütze, wie hier das 1., sind die anzustellenden Er- 
wägungen zum Fertigmachen desselben für den ersten Schüfe in 
Bezug auf Z und Z 1 entsprechend den vorhin ausgeführten. 

Was die nähere Bezeichnung der Lage eines vom Geschütz- 
stande aus unmittelbar nicht einzusehenden Ziels mit Hülfe des 
Fig 10. Batterieplanes betrifft, so wird dasselbe ent- 

j r ■ weder mit seinen örtlichen Namen genannt, 

oder der geometrische Ort nach grofsen und 
kleinen Planqnadraten bestimmt. Zu dem 
Ende ist der Plan in Quadrate eingeteilt, für 
deren Seitenlänge die Einheitszahl 500 m als 
Regel gilt. Durch eine Bezeichnung dieser 
Quadrate, Fig. 10, in wagerechter Richtung 
mit fortlaufenden Zahlen 1 2, u. s. w. und in senkrechter mit 
Buchstaben A, B u. s. w. läfst sich jedes einzelne Quadrat mit 
1 A, 2 B unzweifelhaft bestimmen. Zur näheren Bezeichnung eines 
Ortes im grofeen Quadrat dient ein bewegliches Quadrat Fig. 11 
auf durchsichtigem Papier, welches die Abmessungen jenes hat, 
und in 25 Quadrate eingeteilt ist. Diese sind von links nach rechts 
fortlaufend mit den Zahlen 1 bis 25 bezeichnet. Handelt es sieb 
im grofeen Quadrat — Fig. 10 — beispielsweise um die Benennung 







1* 


so 



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während der Bedrohung n. Einschliefsang einer Fortefestung. 



296 



Fi* 11. 



aauau 

UUUflhi 




des Punktes Y, so wird das bewegliche Quadrat so auf jenes gelegt, 
dafs sich beide vollständig decken. Dasjenige kleine 
Quadrat, in dem Y erscheint, wird mit der be- 
treffenden Zahl bezeichnet. Ist Y, Fig. 10, das 
Ziel, welches beschossen werden soll, so kann der 
Batterie-Commandeur auf die Mitteilaug des grofsen 
und kleinen Planquadrats durch 1 A 20 allemal 
den Punkt in seinem Batterieplane auffinden, nach- 
dem das Feuer gerichtet werden soll. Das seitliche 
Einrichten der Geschütze erfolgt in oben be- 
schriebener Art, sobald der Batterie-Commandeur 
die für den Skalaunterschied zu bestimmenden Mafse festgestellt hat. 

Steht ein derartig vorbereiteter Plan nicht zur Verfügung so 
mufs die zweite Art Anwendung finden, nämlich die Benutzung 
eines Abschnittplanes. Da dieser keine Gradeeinteilung, wie jener 
besitzt, so erfolgt das erste Einrichten der Geschütze nach einem 
nur vermittelst des Planes dem Batterie-Commandeur augegebenen 
und von dem Geschützstande aus nicht sichtbarem Ziele folgender- 
ruafsen: 

Es wird im Plane eine Linie von der eigenen Geschütz- 
aufstellung nach dem in Frage stehenden Zielpunkte gezogen und 
nachgesehen, welchen von den Geschützen aus deutlich erkennbaren 
Gegeustand im Gelände jene Linie schneidet. Nach diesem Gegen- 
stand werden die Geschütze mit dem Aufsatz unter Berücksichtigung 
der der Zielentfernung entsprechenden schufstafelmäfsigen Seiten- 
verschiebung und des Stellungsunterschiedes der 
einzelnen Geschütze zur fraglichen Hilferichtungs- 
linie eingerichtet, und sodann die Richtplatten 
mit ± Skalaunterschied aufgenagelt. Der Be- 
rechnung des Stellungsunterschiedes wird die aus 
dem Abschnittsplane zu entnehmende Entfernung 
des Hauptziels vom Geschützstande, und nicht 
die des Hilfsziels zu Grunde gelegt. 

Findet sich in der Verbindungslinie des Ziels 
mit dem Geschützstande kein von diesem aus gut 
sichtbares Hilfsziel, so tnufs ein Boich es seitwärts 
des Hauptziels ausgesucht werden. Sodann wird 
auf dein Plane ein rechtwiukliches Dreieck nach 
Fig. 12 angefertigt, dessen eine Kathete GZ 
durch die Linie Geschützstand — Ziel, und dessen andere ZH durch 
die seitliche Entfernung des Hilfsziels vom Hauptziel in Höhe dieses 



Fi* 12. 




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297 



Ziele der Festangs- Artillerie 



gebildet wird, und dessen Hypothenuse GH die Linie Geschützstand 
— Hilfsziel darstellt. Da sowohl die Entfernung des Hauptziels 
vom Geschützstande, als auch die seitliche Entfernung des Hilfsziels 
vom Hauptziel in Höhe dieses aus dem Plane entnommen werden 
kann, so läfst sich der Winkel a, um dessen Mafe das Hilfsziel 
seitlich vom Hauptziel liegt, durch 1 : 60, berechnen. Dieser Winkel 
ist mit 4- °^ er — » sobald die Richtplatten nach dem Hilfsziel auf- 
genagelt, von dem Nullgeschütz unmittelbar in Rechnung zu ziehen. 
Für die übrigen Geschütze kommt aufserdem noch der fragliche 
Stellungsunterschied hinzu, sowie in beiden Fallen die schufetafel- 
mäfsige Seitenverschiebung. Sind die Geschütze in einer der vor- 
beschriebenen Arten für den ersten Schufs bezüglich der Seiten- 
richtung eingerichtet, so fehlt uoch, denselben diejenige Erhöhung 
zu geben, welche der nach dem Plane festgestellten Zielentfernung 
entspricht. 

Anläßlich der grofsen Entfernungen, auf welche die in Rede 
stehende Ziele in der Regel liegen, kann die Erhöhung nur mit 
dem Quadranten genommen werden, weil die Einteilung des Auf- 
satzes dazu voraussichtlich nicht mehr ausreicht. 

Was nun das Schiefsverfahren selbst betrifft, so ist die Mög- 
lichkeit einer direkten Beobachtung vom Geschütz aus durch die 
wahrscheinliche Unübersichtlichkeit des Geländes bis zu der gröfsten 
Schufsentfernung von etwa einer Meile meist ausgeschlossen. In Folge 
dessen mufs versucht werden, die Beobachtung durch entsprechend 
vorgeschobene Beobachtungsposten zu bewerkstelligen, was aber aus 
taktischen Gründen nur ausnahmsweise angängig sein wird. Im 
günstigsten Fall wird vielmehr nur auf etwaige Mitteilungen Seitens 
der Vortruppen des Verteidigers zu rechnen sein, welche sich zu 
Beobachtung des gegnerischen Anmarsches in dem weiteren Vorfelde 
der Festung befinden. Solche Mitteilungen können sich aber keines- 
wegs auf jeden einzelnen Schufs, ob derselbe in Bezug auf das Ziel 
kurz oder weit ist, erstrecken, sondern nur ganz allgemeiner Natur 
sein. Damit fällt selbstredend das den Grundsätzen der Schiefs- 
Auleitung entsprechende Korrektnrverfahren , sowohl hinsichtlich 
des Gabel- als auch Gruppeschiefsens weg. Es bleibt daher zur 
thunlichst besten Lösung der Schiefsaufgabe nur das eine Mittel, 
auf das sozusagen Punktschiefsen zu verzichten und die Wahr- 
scheinlichkeit des Treffens durch Annahme einer gröfseren Zielfläche 
dem Zufall zu überlassen. 

Beispielsweise bewache eine Abteilung des feindlichen Be- 
obachtungscorps den Austritt einer Anmarschstralse aus einem Thale 



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während der Bedrohung n. Einschliefsung einer Fortsfestnng. 298 



und habe zu diesem Behuf e ein daselbst gelegenes Dorf besetzt. 
Unter Berücksichtigung der aus dem Plaue näher zu ersehenden 
örtlichen Verhältnisse des Geländes ist aber nicht nur fraglicher 
Austritt, oder das Dorf allein, sondern die Umgebung beider Punkte 
in einer solchen Länge und Breite als Zielfläche anzusehen, als das 
Gelände daselbst von feindlichen Truppen vermutlich betreteu wird. 
Die sich so zu einer allgemeinen Unterfeuern ahme eines bestimmten 
Geländeabschnitts gestaltende Schiefsaufgabe würde sicherlich zu 
einer Munitionsverschwendung führen, wenn das vorgedachte Schiefs- 
verfahren jeglichen Systems in seiner Ausführung entbehren sollte. 
Es ist daher der Schiefszweck weiter dahin zu begrenzen, dem 
Gegner zu beweisen, dafe der von ihm besetzte Punkt mit seiner 
näheren Umgebung unter der Wirkung der Geschütze der Festung 
oder ihrer Aufeenstellungen liegt, und dafs sein Verkehr daselbst 
in jedem Augenblick, je nach dem Willen der Festungs -Artillerie, 
empfindlich gestört werden kann. Der Schiefszweck gipfelt also 
darin, den Gegner zu zeitraubenden Änderungen seiner geplanten 
Maisnahmen, jedenfalls aber zur Vorsicht bei Ausführung derselben 
zu zwingen und ihm so den weiteren Vormarsch zur Einschliefsung 
der Festung zu erschweren. Damit wird ihm dann gleichzeitig 
auch der notwendige Grad der Rührigkeit und Wachtsamkeit der 
Festun gsbesatzung mit der That bewieseu. 

Aus dem Gesagten ist ersichtlich, dafs innerhalb eines be- 
stimmten Zeitraumes die Schüsse in unregelmäfsigen Pausen ab- 
gegeben und auf die ganze zu beunruhigende Geländefläche verteilt 
werden müssen, der Zweck ferner sich mit einem geringen Aufwand 
an Munition erfüllen läfst, und endlich der Schiefserfolg, in 
Ermangelung einer regelrechten Beobachtung des einzelnen Schusses 
wenigstens durch e ; ne allgemeine, Seitens der Vortruppen der 
Festungsbesatzung ausgeführte wesentlich gesteigert werden kann. 

Nach diesen Gesichtspunkten müssen zunächst die Zielverhältnisse 
mit Hilfe des Abschnittsplanes als Grundlage für den Schiefsplan 
festgestellt werden. Dies hat sich sowohl auf die Lage des Haupt- 
zielpunktes für das seitliche erste Einrichten der Geschütze als auch 
auf die Ausdehnung der zu beunruhigenden Geländefläche nach 
Länge und Breite, als Richtschnur für die Art des einzuschlagenden 
Korrekturverfahrens beziehungsweise für das Verlegen des Treff- 
punktes zur Unterfeuerhaltung des gesamteu Ziels, zu erstrecken. 
Angenommen, die zu beunruhigende Zielfläche eutspreche einem 
Rechteck von 300 m Breite und 500 m Länge, und die Schufs- 
entfernung betrage bis dahin 7500 m. Hiernach ist nur die 15 cm 



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299 



Ziele der Festung« -Artillerie 



und die lange 15 cm Ringkanone für gedachte Aufgabe verwendbar, 
weil die übrigen Kanonen der Land - Artillerie nicht über 7500 m 
tragen. Hinsichtlich der Schufeart kann nur die Granate in Betracht 
kommen, obschon beim Beschießen lebender Ziele, wie in vor- 
liegendem Falle, der Shrapnelschufe den Vorzug verdient. Derselbe 
reicht aber nur bis 4500 m. Die 15 cm Ringkanone hat nun auf 
7500 — 8000 in eine mittlere Längenstreuung von 62 bis 67 m und 
eine mittlere Breitenstreuung von 13 bis 14,5 m. Demnach beträgt 
die ganze Längenstreuung 248 bis 308 m und die ganze Breiten- 
streuung 42 bis 58 m. Bei diesen Streuungsverhältnissen wird, ohne 
Verlegung des Treffpunktes, ein Rechteck, wenu der mittlere Treff- 
punkt in der Mitte desselben liegt, von 248 bis 308 m Länge und 
42 bis 58 m Breite beunruhigt. Aus diesen Zahlen geht hervor, 
dafs durch eine einmalige Verlegung des Treffpunktes nach der 
Länge und eine sechsmalige Verlegung desselben nach der Breite, 
jedesmal um das Mafs der ganzen Streuung, eine Zielfläche von 
500 m Lange und 300 m Breite im allgemeinen unter Feuer ge- 
halten würde. Süllen die einzelnen Schüsse jedoch dichter zusammen- 
fallen, als eine Verlegung des Treffpunktes nach Länge und Breite 
um das Mafs der ganzen Streuung bewirkt, so ist dem Verfahren 
das Mafs der mittleren Streuungen zu Grunde zu legen. Ob nun 
das Eine oder Andere stattfindet, richtet sich nach den jedesmaligen 
Gefechtsverhältnissen, sowie nach der Beschaffenheit und Gestaltung 
des Geländes, in dem das Ziel sich befindet. Zur wirksamen Unter- 
feuerhaltung eines ebenen, unbedeckten Geländes genügt eine weniger 
dichte Anhäufung der Geschosse als bei durchschnittenem und be- 
decktem. 

Zur Beurteilung des Grades der Beunruhigung der Zielfläche 
in ihren eiuzelnen Teilen mufs natürlich aufserdem noch der Aus- 
dehnung der Sprengstücke Rechnung getragen werden. 

Hinsichtlich der Feuergeschwindigkeit endlich kann als all- 
gemeiner Anhalt dienen, dafs zur Beunruhigung einer Zielfläche von 
500 m Länge und 300 m Breite bei Verlegung des Treffpunktes um 
das Malis der ganzeu Streuung mindestens 14 Schüfe, hingegen bei 
einem solchen um das der mittleren Streuung mindestens 140 Schüfe 
erforderlich sind. Verteilt man beide Zahlen auf 24 Stunden, so 
stellt sich für erstere die Feuergeschwindigkeit auf 3 Schüfe in 
5 Stunden, für letztere aber auf 6 Schüfe für jede Stunde. 

Dieses Beispiel dürfte zur Genüge veranschaulichen, dafs im 
Hinblick auf die durchaus fraglichen Beobachtungsverhältnisse und 
die damit stets verbundene Gefahr des Fehlschiefeens für die 



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wahrend der Bedrohung u. Einschliefsang einer Fortsfestnng. 



300 



vorliegende Schiefsaufgabe in 5 Stunden 3 Schüfe für gewöhnlich 
als ausreichend erachtet werden müssen, und eine gröfsere Schuls- 
zahl nur dann gerechtfertigt erscheinen kann, wenn dem Schiefsen 
wenigstens im Grofsen und Ganzen eine Beobachtung der Geschofs- 
aufschläge zu Grunde liegt. Selbstverständlich gebieten bisweilen die 
Gefechtsverhältnisse Abweichungen von den hier aufgestellten Grund- 
sätzen. Beispielsweise in dem Fall, wenn Truppenansammlungen 
oder Truppenbewegungen an den allgemein zu beunruhigenden 
Pnnkten gemeldet werden. Sofern dies aber nicht vorliegt, lassen 
unregelmäßige Pausen zwischen den einzelneu abzugebenden Schüssen 
den Gegner über den Zeitpunkt seiner Gefährdung znr Genüge in 
Ungewifsheit, und diese nötigt ihn vielleicht schon zu denselben 
Vorsichtsraafsregeln , welche eine heftigere Beschiefsung nach sich 
ziehen würde. 

Bei der verhältnismäßig geringen Schufszahl, welche demnach 
innerhalb 24 Stunden zu verfeuern ist, ist es keineswegs nötig, 
dieselbe auf mehrere Geschütze zu verteilen, vielmehr genügt hierzu 
nach Umständen ein einziges. Dadurch werden Kräfte und Material 
geschont, was der Festungs- Artillerist in Anbetracht der ihm noch 
bevorstehenden Aufgaben stete vor Augen behalten mufs. Die Art 
des Schiefsverfahrens gestattet ferner, vor Beginn des Schiefsens 
für das thätige Geschütz Erhöhung und Seitenverschiebung zu be- 
stimmen, mit welcher der einzelne Schufs verfeuert werden soll, 
ebenso so die Zeitpunkte der Abgabe desselben. Aus dieser Voraus- 
bestimmung ist weiter der Nutzen zu ziehen, dem Geschütz- 
Commandeur eine selbstständige Lösung solcher Aufgaben über- 
tragen zu können. 

Zu diesem Behufe wird ihm eine sogenannte Zieltafel aus- 
gehändigt, in der verzeichnet ist: Nr. des Schusses, Zeit zur 
Abgabe desselben, das Ziel, die Hauptrichtungslinie mit zutreffendem 
Skalaunterschied, Ladung und Erhöhung, beziehungsweise bei 
Shrapnels auch die Brennlänge. 

Dieses Verfahren erleichtert dem Batterie-Commandeur be- 
ziehungsweise dem diensthabenden Offizier eines Werkes die Regelung 
und Überwachung des Feuers mehrerer Geschütze nach verschiedenen 
Zielen. — In ähnlicher Weise, wie zur Beunruhigung von Truppen- 
Abteilungen des Beobachtungscorps an bestimmten Punkten im 
Gelände, gestalten sich die Vorbereitungen zur Belästigung und 
Verhinderung der freien Benutzung von Anmarschstrafsen. 

Die Verhältnisse liegen hierfür nur insofern etwas anders, als 
das Ziel in der Regel als ein vermutetes und in der Bewegung be- 



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301 



Ziele der Festangs-Artfflerie 



griffenes zu gelten hat. In Folge dessen ist es erforderlich, danach 
zu trachten, gedachte Verkehrswege ihrer Länge nach zn fassen, 
denn in ihrer Breite bieten sie eine so geringe Zieltiefe — etwa 
12 bis 15 m — dar, dafs bei den bedeutenden Streuungen der Ge- 
schütze auf grofse Entfernungen, um welche es sich jetzt noch 
handelt, wenig Aussicht auf Erfolg zu erwarten ist. 

Was weiter die Erwägungen für den Schiefsplan betrifft, wenn 
eine Strafse ihrer Länge nach bestrichen werden soll, so lassen die 
Zielverhältnisse sich dadurch vorteilhafter gestalten, dafs mit Hilfe 
des Abschnittplanes solche Strecken der Anmarschstrafsen als Ziel 
gewählt werden, welche in ihrer Verlängerung am wirksamsten 
gefafst werden können. Um dieselben in beabsichtigter Weise unter 
Feuer zu legen, mufs, gleichwie oben ausgeführt wurde, eine ent- 
sprechende Verlegung des Treffpunktes vorgenommen werden. Dies 
kann wiederum entweder um das Mufs der ganzen oder der mittleren 
Streuung geschehen, je nach der verlangten Dichtigkeit der Geschofs- 
aufschläge. Die früheren Betrachtungen bezüglich der mittleren 
Streuung haben gezeigt, dafs ihre Verwendung gröfeere Munitions- 
mengen beansprucht, als zu vorliegender Aufgabe verfügbar sein 
wird. Aus diesem Grunde ist geboten, bei langen zu bestreichenden 
Strecken, selbst über das Mafs der ganzen Langenstreuungen hinaus 
zu gehen und die Verlegung des Treffpunktes um das doppelte 
Mafs derselben vorzunehmen. Es mufs bedacht werden, dafs der 
Schiefszweck eben der ist, eine allgemeine Beunruhigung der Ver- 
kehrsstrafse zu erzielen, was eben schon erreicht wird, wenn die 
Aufschläge der einzelnen Geschosse, auch mehrere Hundert Meter 
nach der Länge auseinanderliegen. Eine Verlegung des Treffpunktes 
nach der Breite kaun in der Regel unterbleiben, weil die ganzen 
Breitenstreuungen an der Schufstafelgrenze der 15 cm und langen 
15 cm Ringkanone mindestens das vier- bis fünffache der Breite 
gewöhnlicher Landstrafsen betragen, somit also das seitlich dieser 
gelegene Gelände ohnehin schon in genügendem Mafse unter Feuer 
gehalten wird, um dem Feinde den Versuch eines Ausweichens nach 
demselben zu erschweren. 

So lange nun das Ziel ein vermutetes ist, mufs es unbedingt 
als ausreichend erachtet werden, wenn in unregelmäfsigen Pausen 
einzelne Schüsse fallen, um die allgemeine Beunruhigung zu be- 
wirken. Wird dagegen durch Meldungen der Vortruppen oder von 
Beobachtungspunkten bekannt, dafe feindliche Truppen auf der 
Strafse thatsächlich im Vormarsch begriffen sind, so mufs die Heftig- 
keit des Feuers namentlich dann bis zum höchsten Grade gesteigert 



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während der Bedrohung n. Eingchliefanng einer Fortsfestung. 



302 



werden, wenn das vorangegangene Schiefaen durch zuverlässige Be- 
nachrichtigung ein gehöriges Eingeschossensein bereits ergeben hat. 
Unter dieser Voraussetzung mufs der Munitionsverbrauch ein unbe- 
schränkter sein. — 

In dem Vorstehenden ist versucht worden, an zwei Beispielen 
das Schiefsverfahren zur Bekämpfung der während der Beobachtungs- 
zeit auftretenden Ziele darzulegen. Wo die jedesmaligen Verhält- 
nisse den angenommenen nicht vollständig entsprechen, da werden 
sie in den meisten Fällen jenen vielfach so ähnlich sein, data vor- 
stehende Ausführungen immerhin als Anhalt genügen dürften. Ver- 
laugt beispielsweise die Schielsaufgabe das Unterfeuerhalten einer 
Anmarsch8traf8p, welche an einer bestimmten Stelle durch künstliche 
Hindernisse u. dergl. für den unbehinderten Verkehr gesperrt wurde, 
so würde das Schiefsverfahren sozusagen in einer Vereinigung des- 
jenigen zur Beunruhigung des Gegners an einem bestimmten Punkte 
im Geläude und des zur Bestreichung einer von ihm benutzten 
Strafee bestehen. 

2. Das Schiefsverfahren gegen Ziele während der 

Einschliefsung. 

Als Ziele dieses Zeitabschnittes sind unter I. 2. bezeichnet 
worden: in die Einschliefsungslinie vorrückende Truppen des Ein- 
schliefsungscorps, Truppen desselben in Gefechts- und Vorposten- 
Stellungen, die befestigte Einschliefsungsstellung und belegte Ört- 
lichkeiten rückwärts derselben, sowie endlich erkundende Offiziere 
und Trupps. — 

Zur Belästigung der Vor- und Flanken märsche des Belagerers 
hat die Schiefsaufgabe sich vornehmlich mit dem Unterfeuerhalten 
der nach der Festung hinführenden Anmarschstrafseu und derjenigen 
Punkte, welche der Gegner bei seinen Flankenmärschen unbedingt 
zu berühren hat, zu befassen. 

Das einschlägige Verfahren zur Lösung beider Aufgaben er- 
streckt sich wiederum auf das Schielsen nach dem Plane, so lange 
die Ziele vom Geschützstande aus nicht sichtbar sind. 

Die kürzeren Schufeentfernungen werden nunmehr auch den 
gegen lebende Ziele besonders geeigneten Shrapnelschnfs verwenden 
lassen, dessen Wirkung bei den Flachbahngeschützen bis 4500 m 
reicht. Ans demselben Grunde wird endlich auch die Beteiligung 
der Geschütze mit mittlerer Tragweite von 4000 bis 5000 m unter 
Benutzung des Granatschusses und je nach Umständen, wenn der 
Angreifer die Einschliefsungsstellung erreicht hat, vielleicht auch 
mittelst Shrapnelschuases angängig sein. 



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303 



Ziele der Festungs-Artillerie 



Hieran» folgt eine gröTsere Freiheit des Handelns und eine 
nachdrücklichere Gefechtsthätigkeit der Festung« -Artillerie, was 
insbesondere der nachstehenden zweiten Aufgabe, dem Eingreifen 
in die beiderseitigen Truppen kämpfe zu statten kommt. 

K% ist früher bereite hervorgehoben, dafs bei dieser Thätigkeit 
der Festungs- Artillerie das gegnerische Ziel unmittelbar sichtbar 
sein mufs, um deu Verlauf des Kampfes verfolgen und das Feuer so 
regeln zu können, dafs die eigenen Truppen dnrch dasselbe nicht 
gefährdet werden. Dies wird vermieden, wenn das Festungsgeschütz 
hauptsächlich die vom Gegner in Reserve gehaltenen Abteilungen 
aufs Korn nimmt. Da diese aber bis zu ihrem Eingreifen in den 
Kampf eine gedeckte Aufstellung einzunehmen pflegen, so mufs das 
Ziel dadurch wiederum als eiu verdecktes betrachtet werden, dessen 
Aufstellungspunkt der Natur der Sache nach nicht bekannt ist und 
sich daher nur vermuten läfet. Es mufe daher das Feuer so weit 
Über die vorderste Gefechtslinie hinausgreifen, dafs das ganze Gelände 
gefährdet wird, welches die Reserven unbedingt betreten müssen, 
sobald sie hervorgeholt werden. 

Für das Schiefeverfahren mufe unter den beregten Verhältnissen, 
namentlich in Rücksicht auf die eigenen Truppen, zunächst die 
Entfernung bis zur gegnerischen Stellung genau bestimmt werden, 
was mit Hilfe eines Plaues keine Schwierigkeiten macht, falls der 
Feind bestimmte Punkte innehat, deren räumliche Lage auf dem 
Plane unzweifelhaft aufzufinden ist, wie Höhen, Waldung, Ort- 
schaften u. dergl., oder deren Entfernungen von den Wällen dem 
Artilleristen überhaupt bekannt sind. 

Ein regelrechtes Einschiefeen wird gewöhnlich nicht stattfinden 
können, weil auch hier auf die Beobachtung des einzelnen Schusses, 
um eine Änderung darauf zu gründen nicht zu rechnen ist. Wo 
es die Umstände erlauben, ist daher anzustreben, die ersten Schüsse 
dicht an das Ziel zu bringen und im Verlauf des Weiteren soviel 
an Erhöhung znzulegen, dafs die beabsichtigte Zone erreicht und 
durch eine ihrer Breite entsprechende Verlegung des Treffpunktes 
nach der Seite uach und nach auch in ihrer ganzen Breitenausdehnung 
gefafet wird. 

Es ist selbstverständlich, dafs bei einem etwaigen Versuch der 
eigenen Truppen, die gegnerische Stellung zu stürmen, nach Mals- 
gabe ihres Vordringens die Feuerwirkung der beteiligten Festungs- 
geschütze unter Berücksichtigung der möglichen Abzugsrichtung 
des geschlagenen Feindes nach vorwärts verlegt werden mufe. Um- 
gekehrt hat ebenmäfeig ein Abbrechen an Erhöhung stattzufinden, 



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während der Bedrohung u. Einschliefcung einer Fortsfestung. 



304 



wenn der Gegner zum Sturm gegen die Stellung der Festunga- 
besatzung schreitet, um die dichteste Anhäufung der Schüsse in dem 
Bereiche der feindlichen Reserven zu erhalten, deren Entfernungen 
mit dem Vorschreiten sich verringert. Ist dem Gegner die Er- 
oberung der beabsichtigten Stellungen gelungen, dann hat die 
Festungs-Artillerie ihr Feuer ansschliefslich gegen sie zu richten, 
um jenem das Einrichten derselben zu ihrer nachdrucklichen Be- 
hauptung zu erschweren. Welche Geschützarten und Kaliber zu 
diesen Aufgaben am zweckmiifsigsten benutzt werden, richtet sich 
nach der Entfernung, auf welche die Kämpfe um den Besitz des 
weiteren Vorfeldes der Festung durchgefochten werden. Hierbei ist 
ein ausreichender Shrapnelschufs gegen die zn bekämpfenden leben- 
den Ziele wenigstens so lange erwünscht, bis dieselben Ortschaften 
in Besitz genommen, zu deren Beschiefsung der Granatsch ufs ver- 
wendet werden mufs. 

Diese unmittelbare Beteiligung der Festungsgeschütze an den 
Kämpfen der Feldtruppen läfst es in Rücksicht auf eine schnelle 
und möglichst vielseitige Wirkung nötig erscheinen, mehrere Ge- 
schütze dazu in Thätigkeit zu setzen, von deren Aufstellungspunkt 
eine freie Übersicht auch Über das weitere Vorfeld vorhanden ist. 
Dieser Forderung entsprechen die Wallgeschütze der Forts am 
besten, weil die Profilverhältnisse dieser Werke auf gute Fernsicht 
berechnet sind. Zudem werden in diesem Zeitpunkte der Feind- 
seligkeiten die Anschlufsbatterien nur vereinzelt schufsfertig sein. 
Da aber in den Forts heutzutage nur wenige schwere Kampfgeschütze 
aufgestellt werden und diese mindestens nach zwei verschiedenen 
Richtungen, entsprechend den Feuerfrouten beider Forthälften 
wirken, mithin nicht immer in der Lage sind, ein und dasselbe 
Ziel zu fassen, so bleibt aus diesem Grunde zur Verwendung einer 
grofeereu Zahl von Geschützen nach einem bestimmten Punkte im 
Vorgelände, nichts anderes übrig, als das Feuer der nach fraglicher 
Richtung schlagenden Geschütze verschiedener Werke auf dasselbe 
Ziel zu vereinigen. Damit nun au höchst befehlender Stelle auch 
jetzt schon, d. h. vor dem eigentlichen Artilleriekampf, ohne Weiteres 
übersehen werden kann, welche Geschütze nach den fraglichen 
Punkten zu wirken vermögen, so ist eine sogenannte Konzen tri er ungs- 
tabelle rechtzeitig anzufertigen. Diese mufs in Tabellenform etwa 
folgende Angaben enthalten. 

Nr. und Bezeichnung des voraussichtlichen Ziels, Lage des- 
selben im Planquadrat, Bezeichnung des Werkes und des Anf- 
stellungspunktes seiner Geschütze nach Face, Flanke, ob rechte 

JaiuMeh*r tir dl* D«ot~l>* Ax»m ul4 M«Hm. M. LXVIII., 3. 21 



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305 



Ziele der Festungs-Artillerie 



oder linke, getrennt, sowie die zugehörigen Geschützarten und 
Kaliber. 

Die Feuergeschwindigkeit richtet sich natürlich nach der Ge- 
fechtslage, mithin lassen sich auch keine bestimmten Sätze für den 
Munitionsverbrauch innerhalb gewisser Zeiten vorausbestimmen. Bei 
günstigen Beobachtungsverhältnissen mufs jedenfalls ein recht leb- 
haftes Feuer unterhalten und auch des moralischen Eindrucks wegen 
auf die feindlichen Truppen mit Munition nicht gekargt werden, 
dies ist im geeigneten Augenblick insbesondere deshalb nicht zu 
unterschätzen, weil beim Angreifer einer Festung der Grundsatz 
vorwaltet, seine Feldtruppen thunlichst aufeerbalb der Wirkung der 
Festungsgeschütze in Th&tigkeit zu bringen, um sie vor groben 
Verlusten zu schützen. Auch beweist der Verteidiger durch eine 
weit ausgreifende Verwendung seiner schweren Geschütze seine 
Rührigkeit, und diese veranlafst den Gegner bei seinen Angriffs- 
mafenahmen zur Vorsicht und verursacht ihm daher Zeitverlust, 
welcher der endgültigen Instandsetzung der Festung zu Gute kommt. 

Was weiter die Beunruhigung der Vorpostenstellung betrifft, so 
liegt es in der Natur der Sache, dafs so lange es dem Verteidiger 
gelingt, die Vorpostenstellung des Gegners auf thunlichst weite 
Entfernungen von der Festung und ihren Aufsenwerken fern zu 
halten, der Belagerer sich ihm auf wirksamste Schüfe weiten nicht 
nähern kann. Die vorliegende Aufgabe hat daher einen doppelten 
Zweck. Sie besteht einerseits darin, den Vorpostentruppen, ihren 
an und für sich aufreibenden Dienst, dadurch noch empfindlicher 
zu machen, dafe ihnen die nötige Ruhe zu ihrer Erholung versagt 
wird. Andererseits soll das allmähliche Vorschieben der gegnerischen 
Vorpostenstellungen an die Festungswerke verhindert, und der Feind 
so zu ausserordentlichen Vorsichtsmalsregeln behufs Sicherung seiner 
Truppen gezwungen werden. — Für den einen und anderen Zweck 
ist es keinesfalls nötig, die Vorpostenstellung unausgesetzt zu be- 
schiefeen. Es genügt vielmehr in unregelmäßigen Zeitpausen einige 
Schüsse nach verschiedenen, für den Schiefeerfolg besonders günstig 
gelegenen Punkten abzugeben, welche vornehmlich in den Stellungen 
des Vorposten-Gros zu finden sind. Ein besonders lebhaftes Feuer 
zu unterhalten, empfiehlt sich während der Stunden, während welcher 
die Ablösungen der Vorposten-Compagnien und Feldwachen vor 
sich gehen, wozu in der Regel der Schleier der Dunkelheit, der 
Abend oder die frühesten Morgenstunden benutzt werden. Es mufe 
daher auch das Gelände zwischen dem Vorposten-Gros und den 
Feldwachen beuuruhigt werden, weil in demselben bei solchen Ge- 



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während der Bedrohung u. Einschließung einer Fortefestung. 306 



legenheiten ein regerer Verkehr als zu anderen Zeiten stattfindet. 
Endlich erfolgt auch ein etwaiges Vorschieben der Vorposten Stellung 
in der Regel in den Abendstunden. Um dies zu vereiteln oder 
wenigstens zu erschweren und die eigenen Vorposten dabei in ihrer 
Gegenwehr zu unterstützen, mufe das Festungsgeschütz eine erhöhte 
Thätigkeit zeigen. Wenn demnach zur Beunruhigung der feind- 
lichen Vorposten bestimmte Abschnitte des Geländes unter Feuer 
gehalten werden müssen, so ist dazu wiederum das Pendelverfahren 
anzuwenden, falls es sich um die Beschiefeung bestimmter Punkte 
mit ihrer nächsten Umgebung handelt, als da sind: Dörfer, Wald- 
flächen, Wegeknoten, der Länge nach zu bestreichende Strafeen 
u. s. w. Wollte man ein Gleiches auf die gesamte Vorpostenlinie 
nach Länge und Tiefe ausdehnen, so würden dazu gröbere Munitions- 
mengen erforderlich sein, als zur Verfügung gestellt werden können. 
Da aber zur möglichst erfolgreichen Lösung der Aufgabe das frag- 
liche Gelände nicht unberücksichtigt bleiben darf, weil der Gegner 
das ungefährdete Gebiet sich jedenfalls zu Nutzen machen würde, 
so mufe dasselbe wenigstens durch einige zweckmässig verteilte 
Schüsse unsicher gemacht und dies in richtiger Abwechselung zeit- 
weise wiederholt werden. Als noch ganz aufeerord entlich wichtig 
sind die vom Festungs -Artilleristen zu beobachtenden Vorsichts- 
mafsregeln zum Schutz der eigenen Vorposten gegen das eigene 
Feuer zu bezeichnen. Da je nach der Gestaltung und Beschaffenheit 
des Geländes die beiderseitigen Vorposten oft nur wenige hundert 
Meter einander gegenüberstehen, so ist als kürzeste Schafeentfernung 
nicht die Linie der feindlichen Postenketten anzunehmen, sondern 
eine um einige hundert Meter weiter entfernte. — 

Das Schiefsverfahren gegen die befestigte Einschliefeungsstellung 
richtet sich auch nach Entfernung und Beschaffenheit des Ziels und 
nach den Beobachtungsverhaltnissen. 

Für die Entfernung der Einschliefsungsstellung von den nächsten 
Werken der Festung lädst sich ein Einheitsmafe nicht angeben, da 
sie je nach der Widerstandsfähigkeit der Truppen des Verteidigers 
im Vorfelde verschieden ausfällt. Je gröfeer dieser Widerstand, um 
so gröfeer wird sich auch jene Entfernung gestalten. Unter ge- 
wöhnlichen Verhältnissen wird die Zone für die Einschliefeungs- 
stellung zwischen 2000 bis 3000 m liegen, weil sie die Grundlage 
für die folgenden Angriffsraafeuahmen bildet. 

Über die Beschaffenheit der Ziel Verhältnisse in einer befestigten 
Einschliefsungsstellung ist das Wesentlichste vorausgeschickt worden. 
Demnach treten auch Ziele von gröfeer Ausdehnung nach Breite und 

21* 



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1 



307 Ziele der Festungs- Artillerie 

Tiefe auf, wie Höhen, Wälder, Dörfer, Gehöfte u. s. w., welche 
der Angreifer als natürliche Stützpunkte zur Verteidigung einge- 
richtet. Ferner giebt es solche von gröfserer Breitenausdehnung 
aber geringerer Tiefe. Dazu gehören die zur Verbindung jener 
Punkte im Gelände herzurichtenden Laufgräben, Schützengräben und 
schanzenartige Stützpunkte. 

Ob nun die Ziele dieser oder jener Art sind, immerhin kann 
wegen der Gröfse ihrer Entfernungen von den Werken nur von einer 
allgemeinen Beunruhigung des Gegners die Rede sein, um ihm den 
Aufenthalt au den verschiedenen Punkten in der Einschliefsnngs- 
stellung und den Verkehr sowohl innerhalb derselben, als nach 
rück- und vorwärts unbequem zu machen. Zu Letzterem gehört 
mithin wiederum das Beschiefsen von Hauptstrafsen und sonstigen 
nach der Festung hinführenden Wegen. Alles in Allem genommen 
sind es lediglich feindliche Truppen, welche das Ziel bieten, wenn 
es auch hie und da nötig werden kann, ein Dorf oder Gehöft zu 
zerstöreu oder einzuäschern, um den Gegner daraus zu vertreiben. 
Mit Ausnahme dieser oder ähnlicher Aufgaben, zu deren Lösung 
allein der Granatschufs geeignet, ist daher vom Shrapnelschufs, sofern 
die Entfernung des Ziels seine Verwendung gestattet, ausgiebigster 
Gebrauch zu machen. 

Was endlich die Beobachtung betrifft, so ist da, wo das Vorfeld 
der Festung uneben oder bewaldet oder Beides zugleich ist, auf eine 
Sichtbarkeit der Ziele nur selten zu rechnen, weil bei einer zweck- 
mässig gewählten Einschliefsungsstellung darauf Bedacht genommen 
werden soll, die Vorteile der Bodengestaltung und Bedeckung nach 
Möglichkeit auszunutzen. Aus diesen Gründen wird daher in der 
Regel das sogenannte Schielsen nach dem Plane unter Benutzung 
der "Batterietafeln Platz greifen müssen, um einesteils im Stande zu 
sein, die Geschütze in die beabsichtigte Schulsrichtung zu bringen 
und andernteils den nötigen Anhalt für das eigentliche Schiefs- 
verfahren — das Einschiefsen — zu gewinnen. 

Jene Voraussetzungen schliefsen ein regelrechtes Einschiefsen 
natürlich aus, denn da, wo die Beobachtung des einzelnen Schusses 
unausführbar ist, kann selbstredend ein Verfahren, welche« sich auf 
die Beobachtung des vorangegangenen Schusses bezieht, nicht An- 
wendung finden. Es erübrigt daher wiederum das in dem Früheren 
bereits näher besprochene Pendelverfahren, welches darauf ausgeht, 
eine gröfsere Fläche im Gelände, vielleicht von mehreren Hundert 
Meter Länge und Breite, in der das zu beschiefsende Ziel vermutet 
wird, regelrecht unter Feuer zu halten. Nach gleichem Grundsätze 



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während der Bedrohung u. Einschliefeung einer FortBfestnng. 



308 



ist beim Beunruhigen von Strafeen, welche der Angreifer für den 
Verkehr voraussichtlich benutzt, zu verfahren. 

Ist nun das vorgedachte Schiefsverfahren in Rücksicht auf Ent- 
fernung und Beobachtungs Verhältnisse schon bei Zielen von gröfserer 
Auedehnung, wie Höhen, Wälder, Dörfer u. s. w. angezeigt gewesen, 
so mufs bei solchen von geringerer Tiefe, wie Schützen- und Lauf- 
gräben u. s. w. erst recht darauf Bedacht genommen werden, wegen 
geringer Treffsicherheit durch eine zweckmäfsige Vergröfserung der 
Zielfläche die beabsichtigte Beunruhigung des Gegners in seinen 
Stellungen zu ermöglichen. Zu dem Ende mufs an den Verkehr 
desselben gedacht werden, welcher in dem Gelände hinter dem 
eigentlichen Ziele stattfindet und sich garnicht vermeiden läfst, 
wenn beispielsweise die im Dienst befindlichen Truppen nach einer 
gewissen Zeit abgelöst werden, und die mannigfaltigen Maßnahmen 
zur Vervollständigung der Befestigung der Einschliefsnngsstellung 
zur Ausführung gelangen sollen. Ist dem Verteidiger die ungefähre 
Lage derselben bekannt, so kann er auch mit einiger Sicherheit 
annehmen, dafs ein reger Verkehr auf den Zwischenräumen der in 
jener Stellung gelegenen, natürlichen Stützpunkte nach vor- wie 
rückwärts unterhalten wird. Es ist daher erforderlich, den einzelnen 
Festungsgeschützen bestimmte Abschnitte zur Beunruhigung zuzu- 
weisen. Und diese haben, ohne Rücksicht darauf, welche Um- 
gestaltung des Geländes Seitens des Angreifers daselbst vorgenommen, 
die ihnen übertragene Aufgabe nach dem Pendelverfahren zu lösen. 
Der das Schieben Leitende hat sich daher mit Hilfe des Planes zu- 
nächst klar zu machen, wie grofs die Entfernung bis zu dem bewufeten 
Abschnitt ist, und um welches Mals er den Treffpunkt nach jedem 
oder nach mehreren Schüssen nach der Länge und Breite zu ver- 
legen hat, um den Schiefszweck thunlichst vollkommen zu erreichen. 
Ist das Ziel in einzelnen Fällen von der Geschützaufstellung oder 
aus nächster Nähe derselben deutlich sichtbar, und eine Beobachtung 
der einzelnen Schüsse möglich, dann hat natürlich ein regelrechtes 
Einschielsen nach einem bestimmten Punkte desselben zunächst, und 
darauf erst ein Verlegen des Treffpunktes um das der Breiten- 
ausdehnung des Ziels entsprechende Mafs stattzufinden. Aber auch 
unter dieser Voraussetzung ist das Gelände vor oder hinter der 
Stellung des Feindes aus den bereits angegebenen Gründen nicht 
aufser Acht zu lassen und durch ein abwechselndes Zulegen und Ab- 
brechen an Erhöhung in unbestimmten Pausen unter Feuer zu 
nehmen. 



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309 



Ziele der Festung« -Artillerie u. 8. w. 



Das Schiefsverfahren gegen belegte örtlichkeiten hinter der 
befestigten Einschliefeungsstellung ist im Wesentlichsten dasselbe, 
wie dasjenige gegen Ortschaften in der befestigten Einschliefeungs- 
stellnng. Der hauptsächlichste Unterschied liegt in einer grösseren 
Schufeentfernung, welche ausschliefelich eine Verwendung der weit- 
tragendsten Festungsgeschütze — Ringkanonen — bedingt. Der 
Umstand, dafs fragliche Örtlichkeiten in der Regel zur Verteidigung 
nicht eingerichtet werden, ändert das Verfahren nicht, weil in 
Rücksicht, auf den in ihrer Umgebung stattfindenden Verkehr und 
ihre Ausdehnung nach Länge nnd Breite ebenso mit den einzelnen 
Schüssen gependelt werden mufe, als bei befestigten Örtlichkeiten 
als notwendig erachtet wurde. 

Das Beschicken von erkundenden Offizieren und Trupps durch 
Festungsgeschütze beginnt in der Regel erst dann, wenn sie sich den 
Werken auf Entfernungen unter 2000 m nähern, weil auf gröfsere 
Entfernungen gegen Ziele von so geringer Ausdehnung die Treff- 
wahrscheinlichkeit eine zu mäfsige ist, um Munition dafür zu opfern. 
Für das Schiefe verfahren finden im Übrigen die in der Anleitung 
zum Schielsen aus Geschützen gegen feststehende und sich bewegende 
Ziele des Feldkrieges gegebenen Grundsätze sinngemässe Anwendung. 



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xvm 



Beiträge zur Charakterschüderung des 
Reiter-frenerals J. E. B. Stuart 

Vom 

J. Scheibert, 

Major b. D. 



Im Lager so fröhlich, im Hause bo lind 
Im Scherzen ein Jöngling, beim Spiele ein Kind, 
Im Sattel ein König, ein Herrscher im Feld, 
Im Waffentauz Meister, das Ganze „ein Held!" 

(Virgüüan). 

Stuart war weder eine stattliche Erscheinung noch schön zu 
nennen. In seiner Jugend zeichnete er sich durch ein sehr zurück- 
stehendes Kinn aus, sodafs er, wie sein Adjutant Mc.Clellan, dessen Buche 
über Stuart ich viele der folgenden Züge entnehme, mir einst an- 
vertraute, als Lieutenant von seinen Kameraden den spöttischen Bei- 
namen »der schöne Stuart« erhielt. Durch einen wallenden blonden 
Vollbart war später dieser Mangel vollständig verdeckt worden ; ja, seine 
kühne Adlernase und hohe breite Stirn machten sein Gesicht zu 
einem wirklich ansprechenden, welches durch die lebhaftesten 
Augen noch anziehender wurde. »Ich habe sie gesehen«, sagt 
unser Gewährsmann, »als ihre Farbe so schwarz war, wie die 
Gewitterwolke, aus welcher heftige Blitze schiefsen, und wieder 
habe ich sie im schönsten Blaugrau ruhig schimmern sehen, wenn 
schelmische Fröhlichkeit sein Gesicht erhellte.« Seine ganze Er- 
scheinung war mehr eindrucksvoll als gerade hübsch zu nennen. 
Bei mittlerer Gröfee, war sein Rumpf kurz, dagegen Arme und 
ßeine länger als die Gesetze der Schönheit gestatten, so dafs er in 
den Salons, besonders da seine kurze Jacke, die er stets trug, das 
Mif8verhältni8 noch schärfer hervortreten liefe, keine glänzende 
Erscheinung darbot; desto mehr aber trug sein Wuchs und die 
Art seines Anzuges dazu bei, ihn als Reiter anmutig erscheinen zu 



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311 



Beiträge zur Charakterschilderung 



lassen. »Unter all* den auf der Fuchshetze grofe gewordenen 
Mitgliedern seiner verwegenen Kavallerie (sagt Mc. Clellan) gab es 
doch keinen besseren Reiter als Stuart, und seine Erscheinung zu 
Pferde, besonders wenn er erregt war, war geradezu bezaubernd.« — 

Der Charakter Stuarts zeigte zwei so entgegengesetzte Seiten, 
dafe man kaum denken kann, dafe beide in einer Person vereinigt 
sein konnten. Es war beinahe der Gegensatz zwischen dem leichten 
Mute und der ernsten Würde, zwischen fast kindlichem Übermute 
und wahrer Gröfee. 

Der Ronianschreiber würde besonders die eine Seite ausnutzen 
und gerne die sprudelnde Fröhlichkeit des lustigen Sportsmannes 
schildern, dessen frohes Lachen das Echo der Wälder wachrief; der 
Geschichtsschreiber, welcher mit Ernst seine grofsen Thaten verfolgt, 
möchte vielleicht bedauern, dafe Stuarts Wesen nicht gemessener 
war; allein diejenigen, welche täglich mit ihm verkehrten, achteten 
in ihm nicht nur den Genius hoch, welcher sie sicher durch 
tausend Gefabren doch stets zu dem Endziel seiner durchdachten 
Pläne führte, sondern sie liebten auch den General umsomehr, als 
er in Erholungsstunden der »bon camerade« werden konnte, der 
sich mit ihnen am Biwakfeuer ergötzte. 

Wir möchten einen Augenblick bei der Doppelseitigkeit dieses 
merkwürdigen Charakters stehen bleiben und glauben dies gerade 
gegenüber dem finsteren Ernste, welche leider so häufig für ein 
unfehlbares Zeichen der Schneidigkeit und Thatkraft gehalten wird, 
thun zu müssen, um zu zeigen, dafs auch ein fröhliches, gesundes 
Herz im Stande ist, unsterbliche Thaten zu vollbringen. 

Stuart war ein junger Mann; er war eben erst 31 Jahr alt 
geworden, als er fiel. Sein Körper war sehr kräftig; seine Aus- 
dauer unglaublich. Das einfachste Leben war ihm das gröfete 
Vergnügen; die dunkeln Seiten des Lebens hatten keinen Reiz für 
ihn und wenn sie sich ihm aufdrängten, nahm er sie stumm und 
ergeben auf; dagegen muteten ihn alle frohen Eindrücke an, und 
seine gute Laune war mit seinem Charakter so verwachsen, wie 
der fröhliche Gesang mit dem Plug der Lerche. Oft fand dies 
Gefühl Ausdruck in weit hinschallender Lustigkeit am Biwakfeuer, 
wo der General, sein Stab und selbst die Kuriere (meist junge 
Leute aus guten Familien) sich nach des Tages Mühen und Lasten in 
heiterem Kreise versammelten, und alle Rangunterschiede bei Seite 
gesetzt wurden. Dann holte Sweeny sein Banjo (eine über eine 
Trommel gezogene Gnitarre) hervor, um den wilden Chorgesang 
zu beginnen: 



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de* Reiter-Generals J. E. B. 8tnart. 



312 



»Willst du's gut haben, 
Komm' zur Kavall'rie u. h. w.« 

Sicherlich konnte ein Haufen wilder Schuljungen nicht toller 
toben und sich nicht ungeberdeter benehmen, als wir. Worte 
können kaum den köstlichen Reiz beschreiben, welchen solche 
Scenen auf Männer ausübte, welche täglich und stündlich den 
Schrecknissen des Krieges ins Angesicht schauen mufsten. Der 
ernste A. P. Hill erklärte einst lachend, er würde niemals wieder 
Stuart und Sweeny den Zutritt zu seinem Hauptquartier gestatten, 
denn sie demoralisierten seine Leute und Helsen in ihnen den 
Wunsch aufkommen, auch Kavalleristen zu werden. 

Zuweilen fand der lustige Sinn der Kameraden auch Ausdruck 
in kleinen Neckereien; besonders aber pflegte der 1. April die 
erfolgreichsten Listen zu Wege zu bringen, um den Frieden und 
die Alltäglichkeit des Lagerlebens gründlich zu zerstören. — 

Manchmal, nach stundenlanger schwerer Arbeit, sprang der 
General plötzlich aus seinem Zelte heraus, holte irgend einen 
Adjutanten vou seiner Arbeit hinweg und forderte ihn auf, mit ihm 
eine Partie mit Steinen zu spielen (Marmeln, Stippen u. s. w.), 
welche er mit einem Eifer durchführte, als wenn es sich um ein 
Vermögen handelte. Nach Beendigung desselben eilte er wieder 
zurück zu seiner ernsten Thätigkeit. 

Wiederholt (wie dies ja auch H. v. Borcke so meisterhaft be- 
schrieben hat) verlangte er nach einer Serenade und einem nächt- 
lichen Spaziergange, zu der er seine Offiziere aufforderte, und bei 
welcher Sweeny das Orchester bildete. 

Die elegische Melodie, welche er besonders liebte und welche 
er gerne Nachts mitten im Walde auf entfernten Hügeln von dem 
einzigen, aber vorzüglichen Hornbläser seines Stabes, unter Begleitung 
des Banjo blasen liefs, war folgende: 



Stuarts Zapfenstreich. 




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313 



Beitrage zur Charakterschilderung 



m 



— _ , f 




// Jtfi< Banjo oder Gvitarrt (resp. Oavierbegleitvng.) 



Ich mufs gestehen, dafs, während ich die Melodie nach dem 
Gedächtnis niederschreibe, die ganze Poesie jener nächtlichen Ruhe- 
stunden im Walde wieder auf mich niedersteigt. 

Würde irgend Jemand wagen wollen, sagt Mc. Clellan, diesen 
fröhlichen Geist niederauketten bis zu der Ehrwürdigkeit eines 
»Greisesc? Es hätte einen Durchschnittsmenschen erzeugt, aber den 
»Stuart« getötet. Gerade dieses lebensfrohe Temperament war eine 
der gar nicht hoch genug zu veranschlagenden Eigenschaften Stuart's, 
denn sie machte ihn fähig, jene wunderbare Macht auf die Gemüter 
und die Thutkraft seiner Reiter auszuüben. Gerade der Ausdruck 
des freudigen Mutes, den er immer auf dem Gesichte trug, verbunden 
mit seinem unerschütterlichen Willen, feuerte die Leute an und gab 
ihnen die Zähigkeit, das Gelände in der Ausdehnung von Meilen 
Tag für Tag und Schritt für Schritt zu verteidigen, wenn sie ge- 
zwungen wurden, vor einer Übermacht zurückzuweichen. War je 
Gefahr vorhanden, dafs ein Teil seiner Linie vernichtet wurde, so 
konnte man sicher darauf rechnen, dafs Staart im Augenblick der 
höchsten Gefahr erschien und in wenig Sekunden durch seine er- 
munternde Stimme das Vertrauen der Gefährdeten wieder belebte. 
Oft hörte man deshalb in den Reihen der Kavallerie die Worte: 
»Seht, da reitet er, Jungens! Nun hat's keine Not mehr!« Stuart 
selbst aber hatte sich jenen grofsen Ausspruch Friedrich des Grofsen 
zum Grundsatz gemacht: »Bist Du im Zweifel, was zu thun 
ist, so greif an!c und den zweiten: »Glaube an den Erfolg 
und Du hast ihn schon halb errungen!« 

Sein Temperament hauchte ihm jenen oft bewunderten Mut ein, 
welcher keine Gefahr zu kennen schien und welcher ihn auch auf 
dem Sterbebette nicht verlassen sollte. 

Hätte die leichtherzige und fröhliche Natur Stuart's die alleinige 
Herrschaft über seinen Charakter ausgeübt, so würde er wohl kaum 
Grofses geleistet haben, denn die Versuchungen, denen gerade die 
unverwüstliche Kraft ausgesetzt ist, würden ihn zu Dingen verleitet 



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des ReiteT-Generals J. E. B. Stuart. 



314 



haben, welche seine Brauchbarkeit geschädigt hätten; aber sein 
durch und durch christlicher Charakter führte ihn sicher durch die 
Irrpfade des Lebens, so dafe er in seinen persönlichen Gewohnheiten 
vollständig rein und untadelhaft war. Ich habe ihn oft sagen 
hören, dafs niemals auch nur ein Tropfen geistigen Getränkes über 
seine Lippen gekommen sei und dafs er sogar nur bei Gelegenheit 
der heiligen Feier des Abendmahls Wein getrunken habe. Pflicht- 
treue gegen Gott und gegen sein Vaterland, das war der Wegweiser 
seines Lebens uud sein Glauben an die Alles sicherführende Vor- 
sehung war schlicht und zweifellos. Sowohl in den Briefen an 
seinen Vater, im Hospital sowie auf dem Schlachtfelde bei seinen 
grofsen Siegen, verfehlte er nie den Dank für Alles, was ihm geschah, 
dem Höchsten darzubringen. Daher war es auch seine gröfete Sorge 
bei allen seinen Regimentern, soweit es irgend möglich war, Geist- 
liche anzustellen und sie zur Abhaltung religiöser Andachten zu 
ermuntern, so oft es der Dienst erlaubte; während er es nie ver- 
säumte, besonders in den ruhigeren Wintertagen, den religiösen 
Versammlungen beizuwohnen. 

Dennoch fehlte es ihm nicht an persönlichen Ehrgeiz und 
Selbstbewufstsein. Er war sehr empfanglich für das Lob seiner 
Vorgesetzten und seines Vaterlandes und leicht verletzt durch ab- 
fällige Kritiken. Einen Fehler besafe er, welcher besondere in seinen 
früheren Berichten zu Tage tritt; ein Fehler, über den der Feind 
sich lustig machen mag, der aber gern vom Freund vergeben wird. 
Er konnte es nämlich nicht über sich gewinnen zu erkennen, noch 
weniger anzuerkennen, dafe er je in einem Gefechte geschlagen 
worden sei; es war immer der Feind, der besiegt werden 
sollte und in seinen Augen auch besiegt wurde. Er gab nie eine 
Niederlage zu — selbst nicht, als er verwundet und sterbend von 
seinem letzten Schlachtfelde hinweggetragen wurde, denn noch da 
schrie er laut in seine auseinander gekommenen und zurückfallenden 
Reiter hinein: »Vorwärts, vorwärts Leute, thut Eure Pflicht, wie 
ich meine gethan habe und das Vaterland wird gerettet sein! Vor- 
wärts, vorwärts! Lieber sterben, als sich schlagen lassen!« — 

Seine Neigung für den Umgang mit Damen war einer der 
edelsten und reinsten Züge seines Wesens; gegen sie war er so naiv 
und arglos wie ein Kind und eben so lauter in Gedanke und That; 
er huldigte nicht nur der Jugend und Schönheit, sondern auch den 
echten Eigenschaften des Herzens und Gemütes und nahm mit 
ritterlichem Geiste die Zeichen der Bewunderung und Freundschaft 
hin, mit welchen das schöne Geschlecht ihn förmlich überschüttete. 



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315 



Beiträge iur Charakterschilderung 



Ein Zeichen, wie er selbst fremden Damen gegenüber höflich war, 
zeigt er in seinen letzten Verfügungen. So liefe er, dem Sterben 
schon nahe, eine kleine Schlachtenfahne, welche er auf Bitten einer 
ihm unbekannten Dame in der Schlacht im Hute untergebracht, 
sowie seine Sporen, die er in allen Schlachten getragen hatte, einer 
Freundin schicken, die ihn darum gebeten hatte. Kein Wunder, 
dafs die Herzen aller Südländerinnen dem kühnen Reiter und edlen 
Ritter entgegenschlugen. 

Geradezu rührend ist sein Verhältnis zu seiner kleinen Familie, 
welches bezeugte, dafe der eiserne Charakter auch seine weichen 
Seiten hatte. Auf den Brief seiner Frau, in welchem sie ihn bittet 
auf einen Augenblick nach Hause zu kommen, weil sein Lieblings- 
kind, die kleine Flora, im Sterben läge, antwortete er, dafs sein 
Dienst es ihm unmöglich mache, seine Truppe zu verlassen, und 
schliefet mit den Worten: 

»Lafe uns Vertrauen fassen zur Güte Gottes, der uns so 
reichlich gesegnet hat, dafe er unsern Liebling uns erhalten 
möge, aber wenn es sein Wille ist, das Kind zu nehmen, so lafe 
es uns mit christlicher Ergebung uud Stärke tragen.« 
Vier Tage später schreibt er: 

»Die Todesnachricht erreichte mich diesen Morgen. Obgleich 
ich auf sie gefafst war, ergriff mich doch der Schmerz um so 
tiefer, je mehr ich an sie denke. Wenn ich mich ihrer sanften 
Stimme erinnere, ihres anmuthigen Wesens und ihrer Liebe für 
»Papa« und dann wieder daran, dafe sie nicht mehr da ist, dann 
möchte mir das Herz brechen. Wie sehne ich mich danach, Dich 
zu sprechen. Ich weife, sie ist jetzt besser aufgehoben, doch ist 
es ein harter Schlag für uns. Ich bin seit dem Tage, wo ich die 
erste Nachricht von der Krankheit unsres Lieblings bekam (2. No- 
vember) bis heute (den 6.) ununterbrochen im Gefecht gewesen, 
indem ich ein gröberes Corps, welches Mc. Clellan kommandiren 
soll, fortwährend hara&sirte und aufgehalten habe. Gott hat mich 
bis dahin vor allen Verletzungen geschützt, aber ich bin voll- 
ständig ergeben, auf seinen Befehl dorthin zu gehen, wo ich meine 
kleine Flora wiederfinde.« 

Im März 1863 schrieb Stuart an seine Frau: 

». . . . Wenn ich falle, so theile meinem Jungen mit, wie 
ich starb, und ermahne ihn, nie die Sache zu vergessen, für welche 
sein Vater in den Kampf ging. . . . Bedenke doch, wie viel besser 
es ist, Deinen Mann im Grab zu wissen, nach einer nach jeder 
Richtung hin treuen Laufbahn, treu Dir, seinem Vaterlande und 



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des Reiter-Generals J. E. B. Stuart. 



316 



seinem Gott; als dafs Da ihn, eine lebende Schmach für Dich 
und Deine Kinder, an Deiner Seite besäßest.« — — 

Am 8. April 1863 äufsert er Nachstehendes: 

»Wieder geht's hinein in die ungewisse Zukunft; wahr- 
scheinlich werde ich monatelang den Säbel nicht wieder aus der 
Hand legen. Das Bewußtsein, dafs ich für das gute Recht kämpfe, 
stählt meine Hand, welche bis heute mein Haupt im Hagel der 
Geschosse beschirmt hat, hält mich aufrecht.« 

10. Juli 1863: 

»Wieder am Abende nach einer Schlacht schreibe ich Dir, 
um Dir mitzuteilen, dafs Gott mich gnädig durch alle Gefahren 
und über viele blutige Felder geführt habe. Meine Cavallerie hat 
ihren alten Ruf herrlich bewährt und besser und hartnäckiger 
gefochten, als je in diesem Kriege. Bitte unaufhörlich, dafs Gott 
uns den Sieg verleiht.« 

Bekanntlich antwortete Stuart dem Präsidenten, der ihn auf 
dem Sterbebette besuchte auf dessen Frage nach seinem Befinden. 
»Gut, wenn Gott und mein Vaterland denken, dafs ich raeine Be- 
stimmung erfüllt und meine Pflicht gethan habe!« 

So schlofs der fröhliche Reiter, der ritterliche Führer und der 
ernste Christ seine glänzende Laufbahn. 



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XIX. 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 

Spiridlon°GopceTic. 



(Schlaf».) 

Rosslaud hatte nach dem Untergange 8einer Pontusflotte (im 
Krimkriege) alle Sorge der Herstellung einer starken Ostsee- 
küstenschutzflotte zugewendet, welche bis 1871 unermüdlich vermehrt 
wurde. In letzterem Jahre erlangte Russland die Nichtigkeits- 
erklärung der Bestimmung, welche ihm die Schaffung einer grösseren 
Pontusflotte untersagte, und man erwartete, dafe die russische 
Regierung sofort daran gehen werde, das Versäumte nachzuholen 
und binnen wenigen Jahren eine der türkischen Seemacht überlegene 
Flotte herzustellen. Unmöglich war dies nicht. Zunächst konnte 
Russland die Hochseeschiffe seiner Ostseeflotte in das Schwarze 
Meer senden; es wären dies 16 Panzerschiffe (5 Breitseitschiffe, 
1 Brustwehrturmschiff, 7 Turmschiffe und 3 Kasemattschiffe) ge- 
wesen. Die Türkei, welche seit Aali Paschas Tod bekanntlich von 
außerordentlicher Nachgiebigkeit war und es damals besonders 
ängstlich vermied, das gefürchtete Russland zu beleidigen — 
Tgnatijev war damals Herr der Lage in Konstantinopel! — hätte 
keinesfalls gewagt, dagegen Widerspruch zu erheben. AuXserdem 
wäre Russland im Stande gewesen von 1872 — 77 ein halbes Dutzend 
tüchtiger Panzerschiffe von 5000 Tons (z. B. verkleinerter Typ 
DREADNOÜGHT) zu erbauen. Damit hätte es 1877 über eine 
Seemacht geboten, welche der türkischen bedeutend überlegen 
gewesen wäre und dieser bald den Garaus gemacht hätte. Dies 
wäre für jenen Krieg von unabsehbaren Folgen gewesen. 

Statt dessen sehen wir das Unbegreiflichste! Die wieder- 
gewonnene Freiheit für die Entwicklung der Pontusflotte wird fast 
gar nicht benutzt, obschon sich doch Russlaud sonst ganz ernstlich 
auf die Wiederaufrollung der Orientfrage vorbereitete. In den 
Jahren 1872—77 vermehrte sich die Pontusflotte nur um 4 Schiffe, 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbanten. 318 



nämlich die beiden verunglückten Popovken nnd 2 kleine Schooner ! 
Diese Unthätigkeit wäre teilweise entschuldbar oder begreiflich ge- 
wesen, wenn sich während dieser 5 Jahre wenigstens die Ostsee- 
flotte entsprechend vermehrt hätte; aber auch dies war nicht der 
Fall. Man beschränkte sich auf den Bau zweier schlechter Panzer- 
kreuzer von 4600 Tons und den Umbau des Panzerkreuzers MINLN. 
Auch von ungepanzerten Schiffen baute man nur 2 kleine Korvetten 
von 1450—1550 Tons, ein paar kleine Jachten, 1 kleines Kanonen- 
boot nnd ein paar Hafenschaluppen. 

Man sollte nun glauben, dafe wenigstens der Krieg von 1877 
bis 1878 den Russen die Augen geöffnet und sie über die Not- 
wendigkeit einer starken Flotte belehrt hätte; dies war aber auch 
nicht der Fall. Von 1878 — 1884 beschränkte sich die Vermehrung 
der Pontusflotte auf 6 Kreuzer der »Frei willigen «-Flotte und einige 
Torpedoboote, jene der Ostseeflotte auf 2 Panzerkreuzer, 1 Panzer- 
deckkreuzer, 7 Klipper von 1234 — 1426 Tons, 11 kleine Kanonen- 
boote und 105 Torpedoboote. 

Im Jahre 1884 fanden die französischen Manöver statt, welche 
bewiesen, was für ein furchtbarer Gegner den Panzerschiffen in den 
Hochseetorpedobooten entstanden sei. Durch ganz Europa ging eine 
Bewegung, welche sich gegen den Bau von Panzerschiffen richtete. 
Frankreich, Deutschland, Holland, Dänemark, Schweden, die Türkei, 
Portugal, Griechenland und Norwegen hatten entweder schon den 
Bau weiterer Pauzerschiffe aufgegeben oder sie fanden sich jetzt 
bewogen, dies zu beschliefeen. Spanien erklärte, nur ein einziges 
Panzerschiff noch bauen zu wollen, Österreich schlofs seine Panzer- 
bauten mit den beiden erwähnten Turmschiffen ab, Italien be- 
schränkte sich auf den Bau von Panzerdeckkreuzern gröfeten Kalibers 
und selbst in England versicherte man Seitens der Admiralität, dafs 
die Turmschiffe NILE und TRAFALGAR wahrscheinlich die letzten 
Panzerschiffe sein würden, welche England bauen werde. Jede 
Seemacht begreift eben, dafs die Zeit der Panzerschiffe vorbei und 
jene der Torpedofahrzeuge angebrochen ist. 

Nur eine Macht scheint dies nicht begreifen zu wollen, obschon 
gerade sie im Verlaufe von 17 Jahren nur 7 meist mittelgrofee 
Panzerschiffe gebaut hat — Russland. Gerade zur Zeit als ganz 
Europa auf die Baulegung neuer Panzerschiffe verzichtete, begann 
Russland sich mit fieberhafter Hast auf den Bau von 11 Panzer- 
schiffen meist gröfsten Kalibers zu werfen. Zu einer Zeit wo ganz 
Europa sich ausschließlich mit dem Bau von sehr schnellen Kreuzern, 
Torpedokreuzern und Torpedojägern beschäftigt, welche den Panzer- 



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319 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 



schiffen gänzlich den Oaraos machen sollen, verschwendet Rassland 
sein Geld auf zwecklose Panzerungetüme. Wie ist die vor 35 Jahren 
noch so mächtige russische Seemacht seither herabgekommen! Welch* 
klagliches altes Gerümpel weist die russische Flottenliste auf! Vou 
den 31 heute verwendbaren Panzerschiffen sind nur vier wirklich 
brauchbar (PETR VELIKIJ, MININ, VLAD. MONOMACH und 
DMITRIJ DONSKOJ); die übrigen 27 haben den Wert alten Eisens. 
Von den 45 heute verwendbaren Schiffen Uber 1000 Tons sind nur 
sieben als Kreuzer brauchbar; die andern 38 sind teils nur zu 
Statiouszwecken geeignet, teils ganz unbrauchbar. Von den 58 
kleineren Dampfern eignen sich nnr 12 zu den Zwecken, für welche 
sie erbaut wurden, und ebenso sind von 138 Torpedobooten nur 84 



zweckentsprechend. 

Die in den letzten Jahren von Russland in Bau gelegten 
Panzerschiffe sind folgende: 



Namen, 


Bewaffnung. 


Pan- 
zer- 
stiirke 
in nun. 


Tons. 


Pferde- 
Kratu 


Kno- 
ten. 


Jahr 
des 
Stapel- 
lanfs. 




( 4-8" 


r U2 










VLADIMIR MONOMACH . 


12—6" 


{ 152 


6754 


(7000) 


15.4 


1882 




URev.-Kan. 


l 305 












2-8" 


T 

305 










DMITRIJ DONSKOJ .... 


\ 14-6" 


167 


5893 


•» 


16.5 


1883 




| 10 Rev.-Kan. 


152 


(6754?) 










t 8—8" 


( 250 










ADMIRAL NACHIMOV . . 


\ 10-6" 


{ 201 


7782 


(9000) 


(17.5) 


1885 




l 14 Rev.-Kan. 


l 152 












/ 6-12" 


381 










JEKATERINA VTORAJA . 


J 7-6" 


356 


10181 


(12600) 


(16) 


1886 




\ URev.-Kan. 


305 












( 6-12" 


457 




(11500) 


(15) 


1886 




| 7-6" 


356 


10181 










1 14 Rev.-Kan. 


305 




(13000) 


(16 5) 


1887 


ALEKSANDR VTOROJ . . 
IMPERATOR NIKOLAJ . . 


( 4—12" 
| 10-6" 
l 10 Rev.-Kan. 


356 


8441 


(8500) 


(15) 
(17) 
k. Zog 


1887 
im Bau 


PAMPJATJ ASOVA .... 


f 2-8" 
{ 14-6" 


? 


6000 


11500 


(18) 


1888 




l 18 Rev.-Kan. 


? 


7572 




(15) 




ALEKSANDR NEV8KJ . . 


ebenso 
( 4-12" 


( 508 


(od. 5796 


7500 


im 


t) ■ 


{ 4-9" 


{ 406 


8000 


? 


? 


Bau 




l 8 Rev.-Kan. 


| 254 












? 


? 


9800 


5000C?) 


? 





Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 320 



Zu bemerken wäre folgendes: 

VLADIMIR MONOMACH, ADMIRAL NACHIMOV, PAMJATJ 
ASOVA und ALEKSANDR NEVSKIJ sind Panzerkreuzer (die beiden 
letzteren vielleicht nur Panzerdeckkreuzer), alle übrigen Schlacht- 
schiffe. JEKATERINA, SINOP, TSCHESMfi, A und B sind für 
das Schwarze Meer bestimmt, die andern für die Ostsee. A, B und 
C sollen erst kürzlich in Bau gelegt worden sein, — wenn dies 
überhaupt geschehen ist (besonders von C ist es sehr unsicher). 

Panzerdeckkreuzer wurden in jüngster Zeit folgende gebaut: 



Namen. 


Bewaffnung. 


Pan- 
zer- 
stärkt' 

in mm. 


Tom. 


Pfer- 
de- 
kraft. 


Kno- 
ten. 


Jahr 

des 
Stapel- 
la ufi}. 


ADMIRAL KORNILOV . . 


f 14—6" 
\ 16 Rev.-Kan. 
? 

1 10-6" 
/ 13 Rev.-Kan. 


60 
? 

51 


5029 

4300 
2956 


8260 

? 

3100 
3O0O 


(19) 

18 
15 
15 


1887 

im Ban 
1884 
1885 







Von N, der angeblich in Nantes bestellt worden sein soll, ist es 
jedoch nicht sicher, ob er nicht vielleicht mit dem zu St. Nazaire 
erbauten KORNILOV identisch ist. 

Von ungepanzerten Schiffen wurden in den letzten Jahren 
(aufeer dem von der Freiwilligen Flotte angekauften Kreuzer KOSTROMA 
von 3030 Tons und 14.5 Knoten) erbaut: 



Bewaffnung. 


Tom. 


Pfer- 
de- 
kraft. 

1 


Kno- 
ten. 

1 


Jahr 

des 
Stapel- 
laufe. 


3-6« 


1255 


1268 


12.2 


1880 


8 Rev.-Kan. 


1426 


1685 


13 


1881 


4 i Rev.-Kan. 


3920 


12383 


15.864 


1880 




8346 


6000 


16 


i. Bau 


1-11" 
4 Rev.-Kan. 


402 


472 

429 


9 


1881 


1—9" 
1-6" 
8 Rev.-Kan. 


949 
900 


1000 


10 


1885 
1884 


2-8" 






14 




1-6" 


1224 


2000 


(10.5 


188b 


6 Rev.-Kan. 






Dauer) 




rtaa. Bd. LXVI1I„ 


s. 




22 





2 Klipper: 

VJESTNIK 

OPR1TSCHN1K 

2 Jachten: 
LIVADUA (jetzt OPYT) . . 
PÖLJARNAJA SVJESDA? . 
12 Kanonenboote: 

GRAD 

SNJEG 



BOBR . . . 
SIVUTSCH 



MANDSCHUR 
KOREJETZ . . 



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321 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbanten. 




1880 
1880 



SA POROSCH ETZ 
URALETZ 
KUBANETZ 
TER ETZ 

TSCHERNOMORETZ 
DONETZ , 

2 Schooner: 
VLADIVOSTOK 
ALEUT 

2 Torpedojäger: 
LIEUTENANT ILJINJ 
CAPITÄN SACKEN .... 

36 Torpedoboote. 

Von den letzteren liefen JANTSCHICHE und SUTSCHENA 
— beide für Sibirien bestimmt — 1887 vom Stapel; die Namen 
und Nummern der übrigen mag man aus meinem Aufsatze »Die 
Torpedoflottilleu aller Seemächte« im August-Heft 1887 der »Jahr- 
bücher« ersehen. 

Bezüglich der ungepanzerten Schiffe sei noch folgendes bemerkt: 

Die LIVADIJA ist ein schwimmender Palast, nach dem Typ 
der Popovken erbaut uud mit verschwenderischer Pracht eingerichtet. 
Sie kostete angeblich 5 Millionen Rubel (10 Millionen Mark) und 
war insofern überflüssig, als der Zar das Schiff bisher noch gar 
nicht gesehen, geschweige denn betreten hat. Als es nämlich 1881 
England verlief», verbreitete sich das Gerücht, die Nihilisten hätten 
in die Kohlen Dynamit zu schmuggeln gewufst oder sonst irgend- 
welche Minen au Bord augebracht — Grund genug für den Zaren 
das Schiff gar nicht sehen zu wollen! 

Es wurde daher 1882 OPYT (»Versuch«) umgetauft, wie dies 
in Russland mit mifslungenen Schiffstypen gewöhnlich zu geschehen 
pflegt. 

Die Kanonenboote BOBR, SIVUTSCH, MANDSCHÜR und 
KORE.JETZ, sowie die beiden Schooner gehören der sibirischen, die 
sechs nach den Kosakenheeren benannten Kauonenboote der Pontus- 
flotte an. Sie führen Torpedos. 

Schweden vermehrte seine kleine Flotte in den letzten Jahren 
um folgende Schiffe: 

2 Panzerschiffe: SVEA (1880) von 2897 Tons, 3100 Pferde- 
kraft, 14.96 Knoten, 293—268 mm Panzer, ist mit 2-30 Tons Ge- 



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DeT gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 322 



schützen, 4 — 15 cm Geschützen und 8 Mitrailleusen bewaffnet; GÖTA 
von 3080 Tons, 3200 Pferdekraft, 14.5 Knoten (im Bau). 

Korvette FREJA (1885) von 2000 Tons, 1750 Pferdekraft, 

12 Knoten, vier 15 cm, acht 12cm Geschütze und 8 Revolverkanonen. 

Kanonenboot EDDA (1882) von 640 Tons, 960 Pferdekraft, 

13 Knoten, ein 30 Tons, ein 4'/» Tons Geschütz und 4 Revolver- 
kanonen. — 

12 Torpedoboote. (Siehe »Torpedoflottillen«.) 

Spanien ist dnrch die Carolinen -Angelegenheit aus seinem 
langen Schlafe aufgerüttelt worden. Damals war die . spanische 
Flotte so elend, dafs ein Seekrieg mit Deutschland mit dem Unter- 
gang der spanischen Seemacht und wahrscheinlich auch mit dem Ver- 
luste der Filipinen oder noch anderer Kolonien geendet hätte. Um sich 
solcher Lage nicht wieder auszusetzen, wetteiferte das ganze Volk 
im Ertragen der gröTsten Opfer, und die Regierung erhielt derart mit 
Leichtigkeit alle für Vergrofserung der Seemacht verlangten Summen. 
In dieser Beziehung mag man sich wirklich in Deutschland und 
Österreich ein Beispiel nehmen, wo die Bevölkerung — im Gegen- 
satze zu jener Spaniens, Italiens, Frankreichs und Englands — für 
die Wichtigkeit und Bedeutung einer starken Seemacht kein Ver- 
ständnis hat und die Regierungen sich die Bewilligung für jedes 
lumpige Kanonenboot mit Mühe und Aufgebot aller Beredsamkeit 
erkämpfen müssen. 

Spanien ist ein armes Land, aber dennoch bewilligte es — wo 
seine Nationalehre in Frage kam — mit Freude 240 Millionen 
Pesetas (192 Millionen Mark) für die Schaffung einer neuen Seemacht 

In der kurzen Zeit hat man auch schon Grofses geleistet, wie 
aus dem Verzeichnis der in den letzten Jahren in Bau gelegten 
Schiffe ersichtlich wird. 

Nach dem ursprünglichen Plane sollte überhaupt nur ein 
einziges Schlachtschiff, dagegen eine grofse Zahl Kreuzer und Torpedo- 
fahrzeuge gebaut werden. Dieses einzige Schlachtschiff ist der 1887 
von Stapel gelaufene PELAYO von 9902 Tons und 490—450 - 300 mm 
Panzer. Mit natürlichem Zug erwartet man 6800 Pferdekraft und 
15 Knoten, mit künstlichem Zug 8000 Pferdekraft und 16 Knoten. 
Er wird mit zwei 35 Kaliber langen 32 cm (48 Tons) Geschützen, 
zwei ebensolchen 28 cm (38Tons) Geschützen, zwölf 12 cm Geschützen, 
und 21 Revolverkanonen bewaffnet und eines der mächtigsten Panzer- 
schiffe der Welt sein. 

In letzter Zeit fand man es bedenklich, die Schlachtflotte auf 
ein gutes und vier schlechte Schiffe zu beschränken, daher beschloß 

2F 



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323 



Der gegenwartige Stand der Kriegsschiffbauten. 



man die Erbauung von weiteren 6 Schlachtschiffen von je 7000 Tons 
und 19—20 Knoten, welche mit 24—28 cm Geschützen bestückt 
werden sollen. Drei dieser Schiffe wurden bereits in Bau gelegt. 

Dem Bau von Panzerdeckkreuzern scheint Spanien eine grofse 
Beachtung schenken zu wollen. Es legte zunächst drei von 4800 
(bei vollem Kohlenvorrat 5600) Tons in Bau, von denen die REINA 
REGENTE 1887 in England vom Stapel lief und ein ausgezeichnetes 
Schiff zu sein scheint. Mit natürlichem Zug lief sie bei 7780 Pferde- 
kraft, 18.68 Knoten und mit künstlichem Zug bei 11,500 Pferde- 
kraft 20.13 (oder 20.63) Knoten, doch betru* die gröfete Schnellig- 
keit sogar 22 Knoten. Der Deckpanzer ist 76—121 mm stark, die 
Bewaffnung besteht aus 4—24 cm (21 Tons) Geschützen, 6-12 cm 
Geschützen und 18 Revolverkanonen. 

Die beiden Schwesterschiffe der REINA REGENTE befinden 
sich in Spanien in Bau und heifeen D. ALFONSO XIII. und 
LEPANTO. 

An ungepanzerten Schiffen wurden in den letzten Jahren folgende 
in Bau gelegt: 



Bewaffnung. 


Tons. 


Pfer- 
de- 
kraft. 


Kno- 
ten. 


8—16 cm 
8 Rev.-Kan. 


3342 


4400 


14 


6—16 cm 








16 


8091 


4800 


(16) 


Rev.-Kan. 








5—18 cm 


1152 


1600 


14 6 


7 Rev.-Kan. 


(1046) 


8—16 cm 
4 Rev.-Kan. 


1152 


1500 


14.7 


6-12 cm 
7 Rev.-Kan. 


1152 


1500 


14.6 


6-12 cm 


1046 


2738 


17 


10 Rev.-Kan. 


2200 


16 


? 


? 


? 


? 


? 


? 


? 


? 


7 Rev.-Kan. 


395 


3800 


22.65 


8—15 cm 
6 Rev.-Kan. 


? 


650 


11.76 



Namen. 



Jahr 
des 
Stapel- 
laufs. 



18 Torpedokreuzer: 

CAST1LLA 

NAVARRA 

D. ALFONSO XII 

REINA D. CR1STINA 

REINA D. MERCEDES 

INFANTA D. ISABEL 

ISABEL SEGÜNDA 

D. JUAN DE AUSTRIA 

MARQUEZ DE LA ENSENALDA 
CONDE DE VENADITO 

VELASCO 

CRISTÖBAL COLON 

D. ANTONIO DE ÜLLOA 

ISLA DE CUBA 

ISLA DE LÜZON 

ESPANA 

NAVAS DE TOLOSA 

DESTRUCTOR 

18 Kanonenboote: 

FILIP1NAS 



) 



) 



1881 

1887 
1886 
1887 
1886 
1886 
1887 
im Bau 
1887(?) 

1881 

1887 
1887 
1886 
1886 
im Bau 



1887 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsachiffbaaten. 324 



Namen. 


Bewaffnung. 


Tons. 


Pfer- 
de- 
kraft. 


Kno- 
ten. 


Jahr 
des 
otapei- 
lauft. 


LEYTE 


r 1—18 cm 
\ 1-8 „ 


79 


120 


7 (?) 


1887 


VICE ALMIRANTE MAC MAHON 


1—9 cm 


103 


77 


10.5 


1887 








} 240 


8.8 

] 


\l881 




2-12 cm 


216- 


312 




|l882 




1 Rev.-Kan. 


217 




} 10 








1 240 




U886 








J 




/ (?) 










11.5 


1885 




1 2-8 12 cm 


624 


600 


11 


11884 




12—8 Rev.-Kan. 


11 


M885 




J 






11.5 


J 1883 




} - 


120 


120 


— 


1886 




J 1—9 cm 


48 


350 


13.5 


1887 
1888 




— 


— 


— 


— 


1882 


8 Tranaportdampfer 










1880 


15 Torpedoboote: 












AR1ETE 


| 4 Rev.-Kan. 


97 


1650 
1660 


26.003 
26.11 


1887 




J 2 Rev.-Kan. 


108 


1800 


23.5 
24 




5 Rev.-Kan. 


67 


959 


21 


1886 




| 2 Rev.-Kan. 


60 
88 


JlOOO 


20 

19.68 


1887 
18*5 



Die übrigen Torpedoboote ersieht man aus meinen »Torpedo- 
flottillen«. 

Aufeerdem wurde jüngst der Bau von 25 Torpedokreuzern, Typ 
DESTRUCTOR, 30 Torpedobooten Typ ARIETE und 20 Torpedo- 
booten Typ EJERCITO beschlossen und sollen bereits 4 Torpedo- 
kreuzer von 450—500 Tons und 4 Torpedoboote Typ ARIETE in 
Bau gelegt worden sein. 

Die Türkei hat aus Geldmangel und Indolenz seit einem Jahr- 
zehnt seine Flotte stark vernachlässigt. Von den 18 Panzerschiffen, 
welche sie noch besitzt, sind nur 4 zweckentsprechend, von den 
64 ungepanzerten Dampfern könnten nur 6 als Kreuzer verwendet 
werden, sofern sie gründlich ausgebessert würden; alle an- 
deren sind höchstens als Transportschiffe verwendbar, und selbst als 
solche scheinen sie nicht brauchbar zu sein, sonst würde die 



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325 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbaaten. 



türkische Regierung nicht immer die Lloyddampfer behufs Besorgung 
der meisten Transporte mieten. Erst seit dem Tode des unfähigen 
Hobart-Pascha geschieht wieder etwas für Hebung der Marine» 
wenigstens in Bezug auf Torpedofahrzeuge. Die Erwerbungen der 
türkischen Flotte fn den letzten Jahren beschranken sich auf folgende 
Schiffe: 

1 Kaseniattschiff: HAMIDJE, welches 1884 nach zwölfjähriger 
Bauzeit vom Stapel lief. Es hat 7920 Tons, 6800 Pferdekraft, 
250— 305 mm Panzer, 10— 24 cm, 2— 17 cm Geschütze, 6 Zwanzig- 
pfüuder, 2 Revolverkanoneu und soll 13 Knoten laufen. 

2 Kanonenboote: SCHATT und FR AT mit je 4 leichten Ge- 
schützen, 200 Tons Gehalt und 60 nom. Pferdekraft (1885 vom 
Stapel). 

4 Transportdampfer von 2400 Tons, 13 Knoten. 

2 Kreuzer von je 1 — 15 cm und 4—12 cm Geschützen, der eine 
von 1960 Tons, 2000 Pferdekraft und 14 Knoten, der andere von 
1160 Tons, 1800 Pferdekraft und 15 Knoten. 

2 Kreuzer von je 2— 17cm und 6— 12cm Geschützen, 2500 Pferde- 
kraft und 15 Knoten. 

1 Torpedojäger mit 5 Revolverkanonen, 260 oder 450 Tons, 
2700 Pferdekraft, 21 Knoten. 

1 Torpedokreuzer von 900 Tons, 4500 Pferdekraft, 22 Knoten, 
8 leichten Geschützen mit 10 Revolverkanonen. 

1 Torpedoaviso von 230 Tons, 2000 Pferdekraft, 20 Knoten 
und 6 Revolverkanonen. 

1 Torpedoboot von 120 Tons, 800 Pferdekraft, 19 Kuoten mit 
5 Revolverkanonen. 

2 Unterseeische Torpedoboote von 160 Tons, 250 Pferdekraft, 
12 Knoten. 

9 Germania- Torpedoboote von 85 Tons, 1200 Pferdekraft, 
21.5 Knoten mit 2 Revolverkanonen. 

16 Normand-, 5 Schichau-, 20 Yarrow-, 5 Medschidje und 
2 Thornycroft-Torpedoboote, über welche der Leser in meinen 
»Torpedoflottillen« das Nähere findet. 

Bezüglich der Neubauten der Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika verweisen wir den Leser auf unseren Aufsatz »Die nord- 
auierikanische Seemacht in ihrem heutigen Zustande« im Dezember- 
Heft (1887) der »Jahrbücher«, da wir sonst das dort Gesagte hier 
wiederholen müfeten. Zur Ergänzung sei hier nur bemerkt, das der 
BOSTON bei der Probefahrt 3780 Pferdekraft entwickelte und 
14.5 Knoten machte und da(s der NEVVARK bereits in Bau gelegt 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbauten. 326 

wurde; ferner dafs die beiden Panzerschiffe MAINE und TEXAS, 
die beiden Panzerdeckkreuzer PHILADELPHIA und SAN FRANCISCO, 
die drei Stahldeck-Kreuzer YORKTOWN, BENNINGTON und 
CONCORD (der erstere lief bereits vom Stapel) der Dynamitkreuzer 
VESUVIUS und das Kanonenboot PET R EL getauft wurden. 

Was endlich Deutschland betrifft, so mufs man gestehen, dafs 
seit dem Rücktritt des Generals Stosch, in der Vergröfserung der 
Flotte ein Rückschritt eingetreten ist, obgleich das Flottenprogramm 
noch lauge nicht durchgeführt ist. 

Von den 14 Panzerschiffen fehlt zwar scheinbar nur eines am 
Sollbestand, aber wenn man die bereits gänzlich veralteten FRIEDRICH 
CARL, KRONPRINZ und HANSA abrechnet, bleiben nur 10 übrig, 
von denen überdies 4 den heutigen Anforderungen nicht mehr ent- 
sprechen. Betreffs des jüngsten Panzerschiffs OLDENBURG, das 
1884 vom Stapel lief, ist es nicht recht erklärlich, dafs es überhaupt 
in Bau gelegt werden konnte. Zur Zeit als das geschah (1882) 
waren Kaseraattschiffe überhaupt schon ein überwundener Stand- 
punkt und zudem entsprach die OLDENBURG weder in Bezug auf 
Schnelligkeit, Panzerstärke noch Bewaffnung den damaligen An- 
forderungen. Damals baute man bereits Schlachtschiffe von 15 — 17.5 
Knoten — der OLDENBURG gab man auf 5200 Tons nur Maschinen 
von 3900 Pferdekraft, womit man eine Schnelligkeit von 13.5 Knoten 
erwartete und eine solche von 13 thatsächlich erreichte. Damals 
war man längst schon bei 61 cm Panzerstärke angekommen — die 
OLDENBURG erhielt 20—33 cm! Die Schlachtschiffe bewaffnete 
man damals mit 80—100 Tons Geschützen — die OLDENBURG 
erhielt nur 6 18 Tons Geschütze, neben zwei 4 Tons Geschützen, 
zwei 8 cm Kanonen und 6 Revolverkanonen. Seltsamerweise be- 
gnügte man sich auch mit einem Schiffe von 5200 Tons, während 
doch der Reichstag auch die Gelder für ein doppelt so grofses 
Schlachtschiff bewilligt hätte. 

An Panzerfahrzeugen sollten nach dem ursprünglichen Plane 
7 Monitors und 2 Batterien gebaut werden. Diese 9 Schiffe wären 
zusammen ungefähr 20,000 Tons grofs gewesen. Als man sich 
entschlofs statt des Monitors und Batterien lieber Pauzerkanonen- 
boote zu bauen, erachtete man 13 derselben mit einem Deplacement 
vou zusammen 14,000 Tons für einen genügenden Ersatz. Man 
hätte aber statt 13 Panzerboote deren 18 bauen müssen, denn der 
ARMINIUS, als ganz veraltet, konnte doch nicht gerechnet werden. 
Obendrein verfiel man auf die Idee, die beiden letzten Fahrzeuge: 
BREMSE und BRUMMER, nach neuen Plänen zu bauen. Die 



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327 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbanten 



übrigen 11 (deren letzte: SALAMANDER, NATTER und HÜMMEL 
1880-1881 vom Stapel gelaufen, waren) hatten je 1109 Tons, 
700 Pferdekraft, 203 mm Panzer, liefen 9—11 Knoten und trugen 
je ein 30.5 cm Geschütz nebst 2 Revolverkanonen. Die Grundidee 
dieser Fahrzeuge: möglichst kleine schwerbestückte Schlachtschiffe, 
war ganz vortrefflich, aber die Ausführung liefe zu wünschen übrig. 
Man hätte das Deplacement verdoppeln sollen und zwar zu gunsten 
einer stärkeren Maschine, eines gröfeeren Kohlenvorrats, einer besseren 
Artillerie und eines stärkeren Panzers. Man hätte dann z. B. 
Schlachtschiffe von 2400 Tons gehabt, welche mit 2400 Pferde- 
kraft, 14 Knoten gelaufen wären; statt 400 Meilen deren 2400 bei 
9 Knoten Fahrt zurücklegeu konnten ; mit einem 30.5 cm und 
einem 15 cm Geschütz von 35 Kaliber Länge (also 40*/» grofeere 
Wirkung!) sowie 6 Revolverkanonen bewaffnet gewesen wären und 
einen Panzergürtel von 32 cm Compound gehabt hätten. Solche 
kleine Schlachtschiffe, von denen jedes 2'/s Million Mark gekostet 
hätte, wären für Deutschland von besonderem Werte gewesen: sie 
Helsen sich wegen des geringen Tiefganges überall verwenden, 
konnten wegen ihrer Schnelligkeit und Beweglichkeit als Widder- 
schiffe ausgezeichnete Dienste leisten, waren wegen ihres starken 
Panzers und der schweren Bestückung halber im Stand sich (im 
Geschwaderverband) mit den stärksten Schlachtschiffen während der 
Seeschlacht einzulassen und das Risiko war bei ihnen drei- bis vier- 
mal kleiner als bei den grofeen Panzerschiffen. 

Statt dessen verminderte man das Deplacement bei BREMSE 
und BRUMMER auf 866 Tons und die Bestückung auf ein 21 cm 
Geschütz. Allerdings erhöhte man die Maschinenkraft auf 1500 Pferde- 
kraft und die Schnelligkeit auf 15 Knoten, aber dies geschah nur 
auf Kosten des Panzers, welcher zu Gunsten eines Panzerdecks 
entfiel. Obwohl amtlich zur Panzerflotte gerechnet, gehören sie 
doch nicht dazu, da sie nicht gepanzert sind. Ihre Artillerie ist 
den heutigen Panzerschiffen gegenüber machtlos, ihre Schnelligkeit 
für die heutigeu Kreuzer zu gering, überdies der Kohlenvorrat viel 
zu unbedeutend. 

Über das im Bau befindliche Panzerfahrzeug O fehlen Angaben. 

Zum Bau von Panzerdeckkreuzern schritt Deutschland sehr spät. 
Es hat erst im verflossenen Jahre IRENE, PRINZESS WILHELM 
und WACHT sowie jetzt JAGD vom Stapel gelassen. Die ersteren zwei 
haben je 6 35 Kaliber lange 15 cm Geschütze, 8 ebensolche kurze, 
6 Revolverkanonen, 4300 Tons und 8000 Pferdekraft, womit man 
auf 18 Knoten rechnet, was natürlich angesichts der französischen, 



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Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiff bauten. 328 

englischen, italienischen, russischen und amerikanischen 19 bis 
22 Knotenschiffe ungenügend ist. WACHT und JAGD haben 
1240 Tons, 4000 Pferdekraft, drei 10,5 cm Geschütze und 10 Revolver- 
kanonen. Man erwartet von ihnen 19 Knoten. 

Es sei darauf aufmerksam gemacht, dafs man im Jahre 1885 
einen »Kreuzer« vom Stapel liefs — die CHARLOTTE — welchem 
man auf 3360 Tons nur 3000 Pferdekraft gab, der also nicht mehr 
als 14 Knoten laufen kann. Und dies zu einer Zeit, da für einen 
modernen Kreuzer bereits 18 Knoten verlangt wurden! Dafs die 
CHARLOTTE dabei stark bewaffnet ist (achtzehn 15 cm Geschütze, 
zwei 8 cm Kanonen und 6 Revolverkanonen) ist Nebensache; denn 
bei einem Kreuzer kommt die Schnelligkeit in erster Linie, der 
Kohlenvorrat in zweiter und die Artillerie erst in dritter Linie in 
Betracht! Übrigens reicht der Kohlen vorrat auch nur auf 5000 Meilen 
bei 10 Knoten, während man für moderne Kreuzer mindestens 8000 
verlangt 

Das hier Gesagte gilt auch für die Kreuzer - Korvetten 
ALEXANDRINE und ARKONA, welche gleichfalls 1885 vom 
Stapel liefen, auch nur 14 Knoten machen und auf 2370 Tons 
2400 Pferdekraft haben. Bewaffnet sind sie mit je zwölf 15 cm 
Geschützen, 3 leichten und 4 Revolverkanonen. 

Noch auffallender ist es, dafs man im Jahre 1885 auch noch 
eine Korvette von 1750 Tons und 700 Pferdekraft (NIXE) vom 
Stapel liefs, welche nur 8 (!) Knoten macht, aber mit zehn 15 cm 
Geschützen bewaffnet ist. Allerdings ist sie als »Schulschiff« 
bezeichnet, aber bei den beschränkten Mitteln, welche Deutschland 
seiner Marine zuwendet, hätten die 1,834,000 Mark, welche die 
NIXE kostete, vielleicht besser verwendet werden könuen. Für 
dieses Geld hätte man einen Kreuzer von 1400 Tons und 19 Knoten 
haben können. An Schulschiffen hat ja Deutschland wahrlich keinen 
Mangel; als solche genügen auch die älteren Korvetten. 

Lobenswert ist dagegen der Typ GREIF, welcher 1886 vom 
Stapel lief. Er hat 2000 Tons, 5400 Pferdekraft und soll 20 Knoten 
machen, ist aber zu schwach bestückt, um als Kreuzer zweck- 
entsprechend verwendet zu werden; er führt nämlich nur zwei 
10.5 cm Geschütze und 10 Revolverkanonen. 

Die Avisos BLITZ und PFEIL, welche 1882 vom Stapel liefen 
und 1382 Tons grofs sind, haben eine geringere Schnelligkeit: 
16.2 beziehungsweise 15.5 Knoten bei 2816 beziehungsweise 
2700 Pferdekraft. Die Bewaffnung besteht aus je ein 12.5 cm und 
vier 9 cm Geschütze sowie 4 Revolverkanonen. 



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329 



Der gegenwärtige Stand der Kriegsschiffbaaten. 



An Kanonenbooten sollte Deutschland nach dem Plane 18 Stück 
besitzen und heute, wo es so viele überseeische Niederlassungen 
erworben hat, wären selbst 30 Stück nicht zu viel. Statt dessen 
finden wir Deutschland im Besitz von nur 11 Kanonenbooten, von 
denen eines (ALBATROS) bereits zum Vermessungsschiff bestimmt 
wurde. Von den 10 verwendbaren Schiffen wurden EBER und 
SCHWALBE 1887, ADLER 1883 vom Stapel gelassen. Der erst- 
genannte ist nur 500 Tons grofs, hat 650 Pferdekraft, drei 12.5 cm 
Geschütze und soll 11 Knoten laufen. SCHWALBE ist eigentlich 
eine kleine Korvette von 1300 Tons, 1500 Pferdekraft, 13.5 Knoten, 
acht 10.5 cm Geschütze und 4 Revolverkanonen. Der ADLER hat 
884 Tons, 724 Pferdekraft, zwei 15 cm, zwei 12 cm Geschütze und 
4 Revolverkanonen. Er läuft 11 Knoten. Zwei weitere Kanonen- 
boote unbekannter Bauart wurden kürzlich auf Stapel gelegt. (Ebenso 
ein Panzerdeckkreuzer Typ IRENE, ein anderer Typ WACHT und 
Kreuzer Typ GREIF.) 

Was den Bau von Torpedobooten betrifft, kann sich dagegen 
Deutschland nicht über Vernachlässigung beklagen, wie aus meinen 
»Torpedoflottillen« ersichtlich ist. Seither liefen die Divisions- 
boote 5 und 6 vom Stapel; 7 und 8 wurden in Bestellung ge- 
geben. — 

Überblicken wir die Thätigkeit in allen Marinen, so gelangen 
wir zu folgenden Wahrnehmungen: 

Der Bau von Panzerschiffen hat bedeutend abgenommen; neue 
legt man nur in Russland und Spanien auf den Stapel. Der Bau 
kleinerer Torpedoboote wird nicht mehr so lebhaft fortgesetzt wie 
in den letzten Jahren, dagegen der Bau grösserer Torpedofahrzeuge 
um so eifriger betrieben. Die Hauptthätigkeit wendet sich aber 
dem Bau von Kreuzern, besonders Panzerdeckkreuzern zu, mit 
19-20 Knoten Schnelligkeit. Die Dreifach -Expansions- Maschine 
(mit künstlichem Zug) findet überall Eingang; die Versuche mit 
flüssigem Heizmaterial versprechen eine grofse Umwälzung hervor- 
zurufen. Die Artillerie wird im Allgemeinen nicht schwerer ge- 
macht, dagegen ihre Wirkung durch Verlängerung der Rohre erhöht. 
Die Entpanzerung macht reifsende Fortschritte. Die Takelung 
kommt immer mehr in Wegfall. 

Ob man sich mit Allem überhaupt auf dem richtigen Weg 
befindet, darüber sind die Meinungen geteilt; erst ein grofser See- 
krieg könnte darüber Klarheit verschaffen. 



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XX. 

Umschau in der Militär-Litteratur. 

Das 3. ponimersche Infanterie-Regiment Nr. 14 von seiner 
Gründung bis znm Jahre 1888. Auf Grund der Vor- 
arbeiten des Generals der Infanterie von Verdy du Vernois, 
des Premierlieutenants Werner und anderer Offiziere von 
Paul v. Schmidt, Oberstlieutenant und etatsmäfsiger Stabs- 
offizier des Regiments. — Mit Kartenskizzen von Lieutenant 
Frühling. — Berlin, Liebel'sche Buchhandlung. 

Als uns die vorbezeichnete Regiments-Geschichte zu Gesicht kam und 
wir neben vielem Unnötigen den Namen des Verfassers auf dem Titelblatt 
lasen, gingen wir voll freudiger Spannung und mit grofsen Erwartungen 
an das Lesen des Buches. Sein Verfasser bat sich durch viele vortreffliche 
Schriften, namentlich durch seine wertvollen und reichlichen Beitrage in 
der Unteroffizier-Zeitung sehr vorteilhaft bekannt gemacht. Leider haben 
wir das Buch aber völlig enttäuscht aus der Hand gelegt. Es ist, wie 
dies ja auch zu erwarten war, sehr gewandt und anregend geschrieben, 
aber es ist nach unserem Dafürhalten keineswegs eine Regiments-Geschichte. 
In dem Seitens des Regimen ts-Commandeurs verfafsten Vorworte ist er- 
wähnt, dafs die Schilderung der Erlebnisse des Regiments möglichst knapp 
gehalten sei und dafs sie sich insbesondere auch an die Unteroffiziere und 
Mannschaften des Regiments wende. Aber die Schilderung der an Kriegs- 
thaten nicht armen Geschichte des Regiments ist nicht nur möglichst 
knapp gehalten, wir halten sie für so wenig eingehend, so dürftig, dafs 
sie bei den Angehörigen des Regiments, namentlich bei denjenigen, welche 
die Feldzüge 1866 und 1870/71 mitgemacht haben, unmöglich Befriedigung 
hervorrufen kann; eine Geschichte, an der die jetzigen Angehörigen des 
Regiments und spätere Geschlechter sich erbauen können, in der sie Be- 
lehrung und Anregung finden, ist das vorliegende Buch bei seiner auf 
die Kriegsthaten so wenig eingehenden Darstellung sicher nicht. Hervor- 
ragende Thaten einzelner Offiziere oder Soldaten finden sich namentlich 
für die Feldzüge 1866 und 1870/71 so gut wie gar nicht verzeichnet; 
wenn, wie geschehen, schlechte Witze schon als etwas Besonderes auf- 
geführt werden, dann steht die Geschichtsschreibung nicht auf den 



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331 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



richtigen Standpunkt. Oder wenn, wie dies Buch berichtet, ein Gefreiter 
deshalb 1866 mit dem Militär- Ehrenzeichen 1. Klasse ausgezeichnet wurde, 
weil er, hinter einem Heuhaufen versteckt, einem nahe vorbeikommenden 
fliehenden Österreicher nacheilte und ihn niederschlug — so möchte man 
doch an der richtigen Darstellung der Tbatsache zweifeln. Die Un- 
genauigkeit der Angaben springt leider ganz besonders in die Augen, 
wenn man einen Blick in die beigegebenen Verlustlisten wirft. Die 
Verlustliste für das Gefecht bei Gitscbin führt z. B. 9 gefallene Unter- 
offiziere und Mannschaften an, die namentliche Liste nennt dann aber 
nur 8, die Verlustliste für Gravelotte — St. Privat bezeichnet 20 Unter- 
offiziere und Gemeine als gefallen, das namentliche Verzeichnis bringt 
nur 15. Am schlimmsten steht es aber mit der Schlacht von Champigny, 
wie sie das vorliegende Werk benennt, während sie in dem amtlichen 
Gefechtskalender als Schlacht bei Villiers bezeichnet wird. 12 Offiziere 
sollen in dieser Schlacht verwundet sein, 1 1 werden nur aufgeführt. Der 
Text erwähnt die Verwundung der Lieutenants v. Derschau, Prowe, Bis- 
kow (?), Guttzeit, Franke und v. Heyden, wahrend man in der Verlust- 
liste diese Namen vergeblich sucht. Dahingegen enthalt diese mehrere 
Namen, welche im Texte gar nicht erwähnt sind. Es liegt auf der Hand, 
dafs die Letztere vollständig unrichtig ist Unerwähnt möge dabei nicht 
bleiben, dafs das Regiment für Champigny die Verwundung eines Stabs- 
offiziers in seiner Geschichte anführt, von der das Generalstabswerk nichts 
weifs, obgleich die Verlustlisten desselben seiner Zeit doch dem Regimente 
zur Berichtigung vorgelegen haben. Kann eine solche Verlustliste An- 
spruch auf historischen Wert machen? Wir möchten auch fragen, ob es 
einen Unteroffizier und Soldaten des Regiments heute interessiert, wo die 
einzelnen Bataillone des Regiments an jedem Tage während des Feldzuges 
1866 und 1870/71 untergebracht u. s. w. waren, wie dies umfangreiche 
Anlagen berichten. Aulserst dürftig und nicht den mäfsigsten Anforde- 
rungen entsprechend sind die Nachrichten über die Offiziere, ein Paar Rang- 
listen von 1866, 1870/71 und 1. April 1888 werden wiedergegeben, das 
ist Alles. Man erfährt nicht, welche Offiziere in den 88 Jahren, seit 
welchen das Regiment besteht, demselben angehört haben. Dagegen 
bringt diese Regiments-Geschichte unter „Rangliste des Regiments" u. A.i 
ein Verzeichnis sämtlicher Unteroffiziere, welche am 1. April 1888 be 
demselben standen. Wir trauten unsere Augen kaum, als wir diese 
Angaben sahen. Gehört dergleichen in eine Geschichte des Regiments, die 
für die Kriegstbaten sich nicht kurz genug fassen kann? Und was hat 
die im vorliegenden Werke geschilderte Kriegsthätigkeit des 1. kombi- 
nierten pommerschen Landwehr-Regiments im Feldzuge 1870/71 mit der 
Geschichte des 3. pommerschen Infanterie-Regiments Nr. 14 zu thun, das 
einige Offiziere zu jenem Landwehr -Regiment abkommandiert hatte?! 
Nicht unerwähnt möge schliefelich bleiben, dafs die im Texte befindlichen 
Skizzen, genauer und deutlicher wie die Zeichnung selbst, den Namen 



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Umschau in der Militfir-Littaratür. 



332 



des jungen Zeichners mit grofser Raumbeanspruchung vor Augen 
fuhren. 

Im Interesse des Ganzen haben wir geglaubt die vielen nach unserer 
Ansicht vorhandenen Mängel der vorliegenden Regiments-Geschicbte hier 
aufführen zu müssen, damit die Verfasser noch in der Geburt befindlicher 
Regiments-Geschichten mit sich zu Rate gehen können, in wie weit sie 
die gemachten Bemerkungen für ihre Arbeit berücksichtigen sollen. 

Geschichte des Grofsherzoglich mecklenburgischen Füsilier- 
Regiments Nr. 90. 1788—1888. — Auf Befehl des Regi- 
ments zusammengestellt von P. v. Wrochem, Major und 
0. Haevernick, Premierlieutenant. — Berlin, E. S. Mitt- 
ler & Sohn. 

Das Regiment Nr. 90 vollendete am 12. Juli d. J. ein Jahrhundert 
seines Bestehens; gewifs Veranlassung, um bei dieser Gelegenheit mit 
einer Regiments-Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten. In gewandter 
Weise haben die beiden Verfasser „auf Befehl" die Geschichte des Regi- 
ments zusammengestellt, welche namentlich in ihrem ersten Teile, d. h. 
bis zum Übertritt in den preufsiscben Armee -Verband, 1788—1867, 
manches besonders Interessante enthält, so unter Anderem das Verhalten 
gegenüber dem Zug SchüTs nach Stralsund und die Schilderung der ent- 
setzlichen Leiden und des braven Ausharrens im Feldzuge 1812 gegen 
Russland. Im Feldzuge 1866 kam das Regiment als ein Glied des zweiten 
Reserve- Armee-Corps nicht zu eigentlicher kriegerischer Thätigkeit, dagegen 
bot ihm der Feldzug 1870/71, welchem es unter dem Oberbefehl des 
Grofsherzogs von Mecklenburg-Schwerin im Verbände der 17. Division 
mitmachte, reichlich Gelegenheit, seine Tüchtigkeit und Mannszucht in 
der schönsten Weise darzuthun. In den zahlreichen Kämpfen gegen die 
französische Loire -Armee fiel dem Regiment eine hervorragende Rolle 
zu; doch begleiteten auch erhebliche Verluste seinen Siegeszug von der 
Loire bis zum Meeresgestade. — Recht störend macht sich namentlich im 
zweiten Teile der Darstellung das häufige Einschieben allerlei Beirats, wie 
Ranglisten, Ordensverleibungen u. 8. w., u. s. w., in die Erzählung geltend. 
Dergleichen dürfte besser in die Anlage gehören; auch dafs bei Schilderung 
der einzelnen Gefechte u. s. w. nicht einzelne hervorragende Thaten von 
Unteroffizieren und Mannschaften eingeflochten, diese vielmehr in einer 
besonderen Zusammenstellung, mehrfach zu wenig begründet, dem Werke 
angefügt sind, will uns nicht recht sachgemäß erscheinen. Die Angaben 
über die Offiziere des Regiments hätten sehr an Interesse gewonnen, wenn 
sie vollständiger wären. Im Groben und Ganzen darf man aber die 
Geschichte des Regiments Nr. 90 als eine willkommene und wertvolle 
Gabe für das Regiment und die Heeresgeschichte bezeichnen. 



333 



Umschau in der Mililftr-Litteratur. 



Von Montebello bis Solferino. Von H. Kunz, Major a. D. — 
Berlin, Luckhardt. — 

Eine klare und gewandte Schilderung der Kämpfe des Feldzuge« 1859 
in Italien, verbunden mit kritischen Bemerkungen, die auf das Beste 
darthun, wie richtig und vorurteilsfrei der Verfasser die Verbältnisse 
Uberschaut. In Betreff der Thatsachen konnte Neues nicht gebracht 
werden, da neuere aufklärende Werke über diesen Feldzug nicht er- 
schienen sind ; aber die Klärung der Ansichten, die nach den Moltke'schen 
Feldzügen von 1866 und 1870/71 allgemein Platz gegriffen hat, lätst die 
Handlungsweise der Kriegführenden heute mehrfach in einem anderen 
Lichte erscheinen, als dies früher der Fall war. Von diesem Standpunkte 
aus hätte der Verfasser vielleicht auch die höchst schätzenswerten Aus- 
lassungen des Prinzen Hohenlohe in seinen „Strategischen Briefen" Uber 
den Feldzug 1859 sowie die in den „Neuen militärischen Blättern" vor 
nicht langer Zeit veröffentlichten „Betrachtungen über den Feldzug von 
1859 in Italien" des verstorbenen österreichischen Generals Vetter 
v. Doggenfeld seiner Arbeit mit zu Grunde legen sollen. Das Buch 
scheint sehr geeignet, um sich ein klares Bild über die in Betracht 
kommenden Schlachten und Gefechte zu bilden; allerdings wäre das 
Studium durch Beigabe, wenn auch noch so einfacher Karten sehr 
erleichtert worden; jetzt mufs man sich des Verständnisses halber die- 
selben anderweitig zusammenholen. — Die Verlags-Buchhandlung hat es 
unterlassen anzugeben, dafs das Buch einen Abdruck von Aufsätzen 
bildet, die vor kurzem in der „Deutschen Heeres-Zeitung" erschienen 
waren. 

Impressions militaires d'nn sejonr ä Constantinople en 
octobre 1887. Par un officier allemand. 

Kopfschüttelnd nahmen wir das kleine, nur 24 Seiten umfassende 
Büchlein in die Hand, in welchem ein deutscher Offizier seine über die 
türkische Armee gewonnenen Anschauungen in französischer Sprache bei 
einem deutschen Verleger veröffentlicht. Das Buch ist doch hauptsächlich 
zur Belehrung der deutschen Offiziere geschrieben — warum also nicht 
in der Muttersprache? Dafs es auch in Konstantinopel gelesen werde, 
ist wohl ein stiller Nebenwunsch des Verfassers, durfte aber doch nicht 
bestimmend auf den Hauptzweck des Buches einwirken. Inhaltlich ent- 
hält das Buch sehr viel Interessantes; es ist des Lobes voll über die 
türkischen jungen Offiziere und deren Anwuchs auf den Militärschulen 
sowie über die türkischen Soldaten, denen mit Recht militärische Eigen- 
schaften zugesprochen werden, wie sie selten bei anderen Nationen an- 
getroffen werden. Betreffs der Ausbildung der jungen Offiziere im 
Generalstabsdienst wird natürlich Goltz Pascha reiches Lob gespendet, 
dem auch die Vaterschaft des neuen organischen Militär-Gesetzes nach- 
gerühmt wird. Verfasser, der seine Anonymität übrigens nur in ein 



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Um8chau in der Militär-Litteratur. 



334 



sehr dünnes Gewand hüllt, hat nicht Gelegenheit gehabt, die Thätigkeit 
gröfserer Truppenverbände zu sehen oder einen Einblick in den Mechanis- 
mus des gesamten Heerwesens zu thun. Und das sind gerade die Punkte, 
an denen die türkische Armee bisher bedenklich krankte; werden diese 
nicht auf den Standpunkt westeuropäischer Verhältnisse gebracht, so nützt 
alle Tüchtigkeit der Truppe alles Streben der jungen Offiziere nichts. 
Leider lassen die politischen, religiösen und sozialen Zustände der Türkei 
befürchten, dafs in dieser Beziehung kaum so bald vollständiger Wandel 
geschaffen werden kann. 



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Fig. 9. 





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BeUage IV. 



Tabelle der Tangenten der Abgangswinkel. 



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